6. Dezember

Ich brauche den Ort, der alles versteckt.

Ich brauche den Ort, der alles versteckt.

Ich brauche den Ort, der alles versteckt.

Nachdem er das dritte Mal an der Wand vorbeigegangen war, blieb Draco stehen und beobachtete fasziniert, wie eine Tür zum Vorschein kam. Er war in einer Welt voller Magie aufgewachsen, doch dieses Stück Zauberei erfüllt ihn immer wieder neu mit Staunen. Hogwarts war ein Schloss, so getränkt mit Zauberei, dass die erstaunlichsten Dinge hier geschehen und versteckt sein konnten. Niemals hätte er gedacht, dass er Potter einmal dankbar sein würde, doch ohne dessen unwissentliche Hilfe hätte er niemals von der Existenz des Raumes, der alles versteckt, erfahren.

Gerade wollte er nach der Türklinke greifen, da hielt ihn eine Stimme auf: „Malfoy?“

Langsam schloss er die Augen und öffnete sie wieder. Das durfte nicht wahr sein. Das durfte einfach nicht wahr sein. Es kam nie jemand hierher, nie. Schon gar nicht an einem Samstag so früh morgens.

„Granger“, sagte er schließlich gepresst und wandte sich ihr zu. Sie war am anderen Ende des Ganges und erst, als sie näher kam, bemerkte er, dass ihre Augen gerötet waren. Hatte sie geweint?

„Was tust du hier?“

Verächtlich schnaubte Draco: „Das könnte ich dich genauso fragen. Wieso bist du so früh überhaupt schon wach?“

Er sah, wie ihre Schultern herunter sanken und sie ihren Blick senkte. Ihr Tonfall klang müde, als sie erklärte: „Wir hatten heute ganz früh nach Hogsmeade gehen wollen, ehe der ganze Trubel ausbricht. Aber… naja, Ron hat jetzt Lavender und da… sind Harry und ich eben nicht mehr gut genug. Und dann hat Lavender gesagt, dass Ginny heute mit Dean nach Hogsmeade will. Das hat Harry die Laune verdorben. Ich hab ihr natürlich gesagt, dass das echt taktlos war, aber da hat Ron sich eingemischt und meinte, ich hätte kein Recht, seine Freundin so anzumeckern. Und naja… jetzt bin ich hier.“

Kopfschüttelnd verschränkte Draco seine Arme: „Entschuldige, wenn ich dir kein Mitgefühl ausspreche, aber… Weasley sollte der letzte sein, um den du eine Träne vergießt.“

Für einen Moment befürchtete er, dass Hermine direkt vor seinen Augen in Tränen ausbrechen würde, doch dann holte sie tief Luft und richtete ihren Blick forschend auf ihn: „Und du? Was machst du hier? Ich wusste nicht, dass du den Raum hier kennst.“

Unbehaglich zuckte Draco mit den Schultern: „Naja, so unauffällig wart ihr ja nicht letztes Jahr mit euren geheimen Treffen hier. Hat mich zwar eine Weile gekostet, aber ich hab rausgekriegt, wie man die Tür ruft.“

„Das ist keine Antwort.“

Genervt fuhr sich Draco durch sein Haar. Was wollte sie denn noch hören? Es gab keinen Grund, warum er sich vor ihr rechtfertigen musste, oder warum er ihr gar anvertrauen sollte, was er hier tat. Langsam erwiderte er: „Manchmal muss man halt Dinge verstecken.“

Nun trat ein verwirrter Ausdruck auf ihre Gesicht: „Was?“

Auch Draco war nun verunsichert – sprachen sie von derselben Sache? Vorsichtig meinte er: „Na, du meinst doch den Raum hier, oder? Der Raum, der alles versteckt?“

Für einen Moment noch schaute sie ihn irritiert an, dann brach sie in schallendes Gelächter aus: „Ich verstehe. Herrje, Malfoy. Was genau hast du dir gewünscht, als du nach diesem Raum gesucht hast?“

Noch verwirrter als zuvor sagte er: „Naja, ich habe den Raum gesucht, der euch versteckt hat. Ich bin immer wieder hier lang und habe darüber nachgedacht, wie man sich hier verstecken kann. Und irgendwann tauchte die Tür auf mit dem Raum dahinter. Voller… Zeug. Riesig. Da findet man niemals etwas, wenn man nicht genau weiß, wo man es hin getan hat.“

„Ja“, nickte Hermine, die immer noch schelmisch grinste: „Ich kenne den Ort, der alles versteckt. Aber das ist nicht, was dieser Raum ist. Soll ich es dir zeigen?“

Unweigerlich war er genervt von ihrer Art, wie sie ihn auslachte und sich so viel klüger gab. Zähneknirschend knurrte er: „Bitte, nur zu, wenn du es so viel besser weißt.“

Für einen Augenblick betrachtete sie ihn eingehend, dann schritt sie entschlossen dreimal den Flur auf und ab, bis sich die Tür änderte. Plötzlich war da eine riesige, alte doppelflügelige Tür aus dunklem Holz, die aussah, als gehörte sie in ein anderes Jahrhundert.

„Komm“, flüsterte Hermine und öffnete eine Seite. Mit einem aufgeregten Glitzern in den Augen, das ihn unwillkürlich ansteckte, folgte er ihr auf den Fuß. Gemeinsam traten sie durch die Tür und während sie hinter ihnen ins Schloss fiel, klappte sein Mund weit auf. Das hier war definitiv nicht der Raum, den er erwartet hatte.

Soweit das Auge reichte standen deckenhohe Regale, voll mit alten Büchern, alles verkleidet mit dunklem Holz und nur direkt vor ihnen stand ein kleiner, runder Tisch flankiert von zwei riesigen dunkelroten Ohrensesseln. Mit leuchtenden Wangen trat Hermine zu dem Tisch rüber und wieder sagte sie nur: „Komm!“

Langsam, immer noch überwältigt von dem Anblick dieser riesigen Bibliothek, ging er ihr hinterher, ließ sich neben ihr in einen der Sessel fallen und richtete den Blick zur Decke.

„Was ist das hier?“, fragte er schließlich, nachdem sie minutenlang schweigend die Atmosphäre des Raumes auf sich hatten wirken lassen.

„Das“, erklärte Hermine und jetzt klang ihre Stimme nicht mehr belustigt oder überlegen, sondern vollkommen erfasst von derselben Ehrfurcht, die auch Draco verspürte: „Das ist der Raum der Wünsche. Dieser Raum kann alles sein, was du dir wünschst. Alles. Und ich habe mir… den gemütlichsten Raum gewünscht, den ich mir vorstellen konnte. Wenn ich mich jemals irgendwohin zurückziehen müsste, um alleine zu weinen oder nachzudenken, so sähe der Raum aus. Das hier, Draco Malfoy“, sagte sie, während ihre Stimme einen belegten Klang annahm: „Das hier ist mein Innerstes.“

Es gab nichts, was er darauf sagen konnte. Überwältigt von der Magie des Raumes, aber mindestens ebenso erstaunt über ihre Offenheit, schloss er die Augen. Ja, so riesig dieser Raum auch war, er fühlte sich gemütlich an. Geborgenheit. Er sprach es nicht aus, aber wenn er jemals einen Raum zum Alleine Sein brauchen würde, er sähe vermutlich sehr ähnlich aus.

Er bemerkte nicht, wie sie aufstand. Erst, als ihre Stimme aus einiger Entfernung her ertönte, wurde ihm bewusst, dass sie zur Tür gegangen war. Er öffnete die Augen und schaute sie fragend an.

„Jeder hat seine Geheimnisse, Malfoy“, sagte sie sanft: „Ich bin mir sicher, du hast den Raum, der alles versteckt, für irgendetwas gebraucht. Also lasse ich dich jetzt alleine, damit du tun kannst, wozu du hergekommen bist. Ich verlange nicht von dir, dass du mir Rechenschaft ablegst. Aber… wenn du für dich behalten könntest, was ich dir heute gezeigt habe… diesen Raum, und vor allem, wie er für mich aussieht… das wäre sehr nett. Oh, und… frohen Nikolaus!“

Überwältigt blickte Draco ihr nach, wie sie langsam die Tür hinter sich zuzog. Er fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. Dass sie nicht darauf bestanden hatte, dass er ihr sagte, was er hier eigentlich wollte, rechnete er ihr hoch an. Und gleichzeitig hinterließ es einen unangenehmen Nachgeschmack.

Was sie wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass in dem Raum, der alles versteckt, ein Verschwindekabinett stand, dessen andere Hälfte bei Borgin und Burkes war? Würde sie ihn dann immer noch in Ruhe lassen? Sicher würde sie wissen wollen, was er damit vorhatte.

Ein verzweifeltes Lachen stieg in ihm auf, während mit einer Hand sein Gesicht verbarg. Das hier war definitiv nichts, auf das er stolz sein konnte.

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