6. Dezember

Nachdenklich blickte Hermine auf die beiden Bücher in ihrer Hand. Beide beschäftigten sich mit Personalwesen in magischen Verwaltungen, auch die Inhaltsverzeichnisse machte einen ähnlichen Eindruck, so dass sie sich nicht entscheiden konnte, welches sie kaufen sollte. Sie hatte von keinem der beiden Autoren je gehört, was jedoch kein Wunder war, da sie sich vorher nie mit diesem Thema beschäftigt hatte. Sie verfluchte sich dafür, dass sie am Freitag zu stolz gewesen war, Malfoy einfach nach einer Buchempfehlung zu fragen.

"Du solltest das von Merrythought nehmen, das ist aktueller. Und geht mehr in die Tiefe."

Überrascht drehte Hermine sich um - hatte Malfoy ihr gerade tatsächlich einen Ratschlag erteilt? Oder war das Gegenteil der Fall und er pries ihr das schlechtere von beiden Büchern an?

"Merlin, Granger!", sagte Draco verärgert: "Du siehst aus, als ob du denkst, dass ich dir mit Absicht einen falschen Tipp gebe. Ich bin zufällig tatsächlich Lehrer und als solcher interessiert daran, dass meine Schüler gute Leistungen bringen. Alle meine Schüler."

Kurz noch blickte Hermine ihn misstrauisch an, dann lächelte sie schief: "Tut mir leid, eine alte Gewohnheit. Ich habe Jahre damit zugebracht, dir keinen Milimeter zu trauen und du kannst nicht abstreiten, dass das nötig war."

Draco zuckte nur mit den Schultern, dann drehte er sich um und ging mit einem Buch in der Hand zur Kasse. Unschlüssig, was sie davon halten sollte, folgte Hermine ihm. Es war ein unwillkommener Zufall, dass sie ihn ausgerechnet an einem Samstag in der Stadt beim Einkaufen treffen musste - als ob sie unter der Woche nicht schon genug von ihm zu sehen bekäme. Sie wartete, bis er sein Buch bezahlt und eingepackt hatte, dann trat sie vor, um es ihm gleich zu tun. Verwirrt bemerkte sie, dass er offensichtlich auf sie wartete.

"Du warst diejenige, die von Waffenstillstand geredet hat", fing er an, ehe sie überhaupt die Gelegenheit hatte, ihrer Verwirrung Ausdruck zu verleihen: "Also, schau nicht immer so, wenn ich mal freundlich bin. Ich gehe jetzt rüber in den Tropfenden Kessel und dachte mir, es wäre höflich nachzufragen, ob du auf einen Kaffee mitkommen willst."

Mit aufgerissenen Augen starrte Hermine ihn an: "Bitte was?"

oOoOoOo

Überfordert von sich selbst saß Draco im Tropfenden Kessel und schaute abwechselnd in seinen Espresso und auf die brünette Frau vor ihm. Als er Hermine im Buchladen entdeckt hatte, hatte ihn ein ganz merkwürdiges Gefühl ergriffen. Er hatte sich plötzlich gefragt, ob er sie jemals tatsächlich persönlich wahrgenommen hatte - und nicht nur als nervige Freundin von Potter oder als aufsässige Schülerin in seinem Kurs. Er hatte sich an den Beinahe-Kuss vom Vortag erinnert und gefragt, woher dieses Bedürfnis gekommen war. Und ehe er sich versah, hatte er sie schon eingeladen, einen Kaffee mit ihm zu trinken. Gewiss, sie hatte wieder diesen Blick aufgesetzt, eine Mischung aus Misstrauen und Ablehnung, aber trotzdem hatte sie zugestimmt. Warum? Wenn er schon seine eigenen Motive nicht verstand, welche sollte sie dann haben, um ihm tatsächlich zu folgen?

"Dafür, dass du derjenige warst, der dieses kleine Date hier vorgeschlagen hat, bist du nicht nur überaus stumm, sondern wirkst richtig gehend abweisend", riss Hermine ihn aus seinen Gedanken. Hatte sie gerade Date gesagt? Wie bei Merlins Barte kam sie denn auf diese Idee?

"Das ist kein Date!", sagte er betont, doch als er ihr breites Grinsen sah, begriff er , dass sie ihn nur hatte aufziehen wollen: "Ja, ja, sehr witzig."

Schwungvoll schluckte er den Inhalt des kleinen Tässchens in einem Zug hinunter. Was sollte er jetzt tun? Er hatte sie eingeladen, aber er hatte wirklich gar keine Ahnung, worüber er sich mit ihr unterhalten sollte. Sie war ihm ja, wenn er genauer darüber nachdachte, nicht einmal sympathisch.

"Da du offenbar beschlossen hast, den stummen Fisch zu spielen, werde ich einfach meinen Kaffee austrinken und wieder gehen", meinte Hermine nach einigen weiteren Minuten des Schweigens. Er konnte deutlich hören, dass sie genervt und verwirrt von seinem Verhalten war, und er konnte es ihr nicht einmal übel nehmen. Es war noch nie etwas Gutes dabei heraus gekommen, wenn er seinem Bauchgefühl gefolgt war.

"Warum machst du eigentlich dieses Vorbereitungsjahr?", fragte er das erste, was ihm einfiel. Er wollte nicht, dass sie sofort wieder ging, das wäre einfach zu peinlich.

Ihre Augenbrauen schossen überrascht in die Höhe, doch sie ging zu seiner Erleichterung nicht darauf ein, wie merkwürdig er sich benahm, sondern beantwortete seine Frage: "Ich will im Ministerium arbeiten."

"Das ist mir auch klar, Granger", gab Draco zurück. Jetzt fühlte er sich schon wohler - unfreundliche Konversationen mit Hermine waren bekanntes Terrain: "Ich meine, wieso hast du es nicht so wie Potter und Weasley gemacht. Die beiden sind direkt nach dem Krieg als Auroren übernommen worden, das wäre doch bei dir sicher auch drin gewesen."

"Ich wollte nie Auror werden", erklärte sie, als ob das alle Fragen beanworten würde. Unwillig schüttelte Draco den Kopf: "Auch das ist klar. Ich meine, warum hast du nicht einfach direkt angefangen? Haben die dir doch sicher angeboten, oder?"

"Schon", nickte Hermine: "aber ich wollte nicht. Ich wollte die Schule beenden, ich wollte einen richtigen Abschluss in der Tasche haben und mich nicht darauf ausruhen, als Kriegsheld zu gelten. Für Harry und Ron ist das was anderes, die beiden haben sich für den Beruf als Auror mehr als genug qualifiziert. Und nach der Schule brauchte ich einfach ein bisschen Abstand von allem, darum war ich ein Jahr in Europa. Da wurde mir dann klar, dass ich mich politisch engagieren will. Also habe ich mich im Ministerium beworben, ich würde gerne im Büro des Zaubereiministers arbeiten. Die haben mir natürlich sofort angeboten, eine Stelle extra für mich zu schaffen, aber das wollte ich nicht. Ich will nicht so einen ... so einen formalen PR-Job machen. Ich will wirklich arbeiten. Deswegen habe ich beschlossen, ganz unten anzufangen, mich wie alle anderen hochzuarbeiten und mit Fähigkeiten an das zu kommen, was ich will, nicht mit meinem Namen oder Ruf."

"Erstaunlich", murmelte Draco leise. Er hätte nicht gedacht, dass außer ihm noch irgendjemand Interesse an Normalität und Bodenständigkeit hatte. Und dann ausgerechnet Hermine Granger, die stets das Gegenteil von normal gewesen war.

"Manchen von uns ist der Rummel um die eigene Person eben unangenehm", fuhr sie lächelnd fort, ehe sie einen tiefen Schluck aus ihrem Pott mit Milchkaffee nahm. Der Blick, den Draco ihr zugeworfen hatte, hatte ihr gezeigt, dass er sie verstehen konnte und es vielleicht selbst so sah. Verständnis ausgerechnet bei ihm zu finden, nachdem Harry und Ron nichts davon gezeigt hatten, verwirrte sie, machte sie aber auch glücklich. Immerhin irgendjemand, der sie verstand. Zufrieden lächelnd trank sie ihren Kaffee aus, während beide schweigend über die neu gewonnene Gemeinsamkeit sinnierten.

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