6. Kapitel

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Gegen Ende der Kriegswirren, versuchte jeder die Zeit zu vergessen in der alle menschliche Wärme durch Bomben und Granaten ausgelöscht wurde, man war gezwungen sich wieder neu zu orientieren. Ein großer Teil der Kriegsheimkehrer stellte erst jetzt fest, dass Haus und Hof, Familie und Kinder teilweise oder ganz verloren waren. Viele standen buchstäblich vor dem Nichts. Sie mussten allein, Mittellos und ohne jegliche Hoffnung ihren künftigen Alltag bestreiten.

Auch Joseph Cameron erging es nicht anders. Suchend streifte er durch die ihm sonst so vertrauten Straßen von London und als er dachte er wäre endlich angekommen, war nichts mehr so wie er es kannte.

Das Haus seiner Eltern stand nur noch zum Teil, davor und daneben türmte sich meterhoch der Schutt der sinnlosen Zerstörung. Die rückwärtig sich erhebenden, meist fensterlosen Fassaden, starrten schwarzäugig und geisterhaft, fast schon drohend in den wolkenverhangenen Himmel. Von der Straße aus konnte er in die vereinzelt freigebombten Wohnungen schauen oder was davon übrig geblieben war.

Es war gefährlich – wegen der Einsturzgefahr – trotz allem machte sich Joseph die Mühe und kletterte, über Berge von Schotter und herum liegendem Geröll vor bis ans elterliche  Haus. Zum Glück war der größte Teil des Treppenaufgangs, welcher nach oben in die ehemals heimische Wohnung führte bis auf wenige abgesprengte Gesteinsbrocken und einige Fußangeln des zerborstenen Geländers noch erhalten. Er stieg hinauf in den dritten Stock. Aber nicht nur im Erdgeschoß oder in der ersten Etage hatte man ganze Arbeit geleistet. Nein, auch hier oben ist was durch Bomben nicht zerstört worden war und noch Wert hatte, Plünderern in die Hände gefallen.

Herausgerissene Schubladen, über den Boden verstreute Wäsche, ein Volksempfänger steckte in einer zersplitterten Glasvitrine, darin achtlos zerbrochenes Porzellan. Ein schwarzes Telefon aus Bakelit, dessen Gehäuse stark beschädig war, hing nur noch an seinem Kabel seitlich von einer Anrichte herunter, der abgerissene Hörer lag in der Ecke. Der Fußboden war übersät mit Papieren – in Fetzen gerissen oder teilweise halbverkohlt – alles deutete auf sinnlose Zerstörung und systematische Durchsuchungen hin.

Joseph legte die aufgebrochene Schmuckschatulle seiner Mutter aus den Händen, die irgendjemand auf dem Küchenbüfett abgelegt hatte, bevor er sich nach einer mutwillig herausgerissenen Küchenschublade bückte. In dem ganzen Durcheinander hatte er darin und auch ringsumher einige Fotos entdeckt, die er sorgfältig freilegte, aufhob und auf den halbwegs unversehrten Küchentisch verteilte. Mutter hatte die Angewohnheit die Familien Fotos in der linken Schublade des Küchen Büfetts auf zu bewahren.

Er stockte als er die Bilder betrachtete. Tränen trübten seinen Blick. Die Bilder auf dem Tisch verschwammen. Er wischte sich über die Augen und nahm anschließend einige Fotos auf der seine Mutter zu sehen war in die Hand. Darauf zeigte sie sich in ihrer fröhlich, lockeren Art im Garten der leider auch schon verstorbenen Großeltern. Joseph versank in den Aufnahmen, konnte die Liebe die sie selbst auf diesen Bildern noch ausstrahlte spüren und eine Gänsehaut überzog seinen Körper. Sie war dabei die Rosen zu beschneiden und erweckte mit ihrem unnachahmlich natürlichen Liebreiz das Foto zum Leben. Liebevoll strichen seine Fingerspitzen über die, jetzt glanzlosen Erinnerung, wobei er einen Kloß im Hals verspürte. Er liebte seine Eltern aber zu seiner Mutter hatte er ein besonders inniges Verhältnis gehabt. Stocksteif stand er da, konnte den Blick nicht von der Aufnahme wenden, während ihm ungehemmt die Tränen übers Gesicht liefen. Verdammter Krieg, Verfluchte Deutsche, dachte er. Jeder der ihn in diesem Moment sah, hätte seine Gedanken auch so erraten können. Nach einer ganzen Weile wischte er sich das Gesicht trocken, steckte die zu Papier gewordenen Erinnerungen ein und verließ das Gebäude.

Wochen später erfuhr er durch eine frühere Nachbarin, der er per Zufall begegnete, wo seine Eltern begraben waren. Joseph besorgte sich ein paar Blumen aus dem nahegelegenen Park, worauf er streng darauf bedacht war sich nicht erwischen zu lassen, denn das bedeutete Gefängnis für ihn.

Der Himmel hatte sich an diesem Tag bezogen, dunkle Wolken schafften eine düstere Atmosphäre, alles schien grau in grau. Genau das richtige Wetter für einen Besuch auf dem Friedhof, dachte Joseph.

Nachdem er die Begräbnisstätte gefunden hatte, musste er zu seinem Entsetzten feststellen, dass es ein Massengrab war. Eine Fliegerbombe hatte eines der Nachbarhäuser, in dem ein provisorischer Luftschutzkeller eingerichtet worden war, derart unglücklich getroffen, dass man die später daraus geborgenen Leichen nicht mehr gänzlich auseinanderhalten konnte. Laut Liste, in die sich jeder der den Schutzraum benutzten wollte eintragen musste, waren auch Josephs Eltern dabei.

An der Stirnseite der Ruhestätte hatte man zum Gedenken eine hölzerne Tafel in Form eines Kreuzes angebracht mit den Namen aller 37 Toten die in diesem Grab beerdigt worden waren. In der sechsten Reihe fand Joseph ihre Namen, die man dort verewigt hatte … Linda Cameron und Georg Cameron.

Er ging in die Hocke um die Blumen, die er immer noch krampfhaft in der Hand hielt, aufs Grab zu legen, als ihn ein Schwindelgefühl erfasste. Die Erde unter ihm begann sich zu drehen, kam  näher und näher, das Gefühl aufs Grab zu stürzen verdichtete sich. Zwei, drei Atemzüge lang wankte er vor und zurück, fing sich wieder, atmet tief durch und erhob sich.

Hier lagen sie nun … seine Eltern. Direkt vor seinen Füßen, zwei Meter tief in der feuchten, kalten Erde, und er hatte keine Möglichkeit ihnen noch etwas zu sagen, geschweige denn sie zu berühren. Der Drang sie zu umarmen, zu küssen und ihnen zu sagen wie sehr er sie immer noch liebt zerriss ihm fast das Herz. Ein seelischer Schmerz überrollte seinen Körper in Wellen, hinauf und wieder hinab.

Aus! Vorbei! Von einer deutschen Bombe brutal aus dem Leben gerissen, bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt und mit fremden Leichenteilen vermischt begraben, allein dieser Gedanke ließ ihn frösteln und er fühlte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Mit versteinertem Gesicht stand er vor dem Grab, in sich gekehrt und in Gedanken versunken. Er konnte nicht anders, wehrte sich auch nicht dagegen, als ihn abermals die Emotionen übermannten. Er stand nur da und ließ es geschehen – er weinte.

Die folgenden Wochen war Joseph Cameron bemühte eine halbwegs vernünftige Bleibe zu bekommen, doch das war leichter gesagt als getan. Die Wohnsituation im Londoner Großraum war stark begrenzt, Wohnungssuchende hingegen gab es in Hülle und Fülle.

Und obwohl Einsturzgefahr drohte lebte Joseph, wie viele andere Menschen auch in den Kellern und Wohnungen der teilweise ausgebombten Häuser. Tagsüber saß er im Hyde Park und studierte im Lichte der goldenen Oktobersonne die Wohnangebote der einzelnen Tageszeitungen.

Die Schule hatte er durch sein damaliges Verhalten leichtsinniger Weise verrissen und eine Lehre blieb ihm durch die Ausweitung des Krieges verwehrt. Den Job im Lager der Speditionsfirmen, die Nachschubmaterialien für die von den British Expeditionary Force besetzten Stellungen lieferte, war auch nur ein Aushilfsjob bei dem er sich kein spezielles Grundwissen aneignen konnte. Die einzige Möglichkeit die ihm blieb, war weiter irgendwelche Handlangerdienste und Hilfsarbeiter Jobs an zu nehmen, um einigermaßen über die Runden zu kommen, dabei Augen und Ohren offen zu halten, ob sich nicht doch was Besseres für ihn bot. Eine Zeit lang, als der Krankenstand in den öffentlichen Ämtern hoch war, beschäftigte man ihn in der städtischen Garten und Landschaftspflege, um in öffentlichen Parkanlagen und auf Friedhöfen die Wege zu harken und das Laub zu kehren oder  in Gewächshäuser Jungpflanzen fürs kommende Jahr zu pikieren bis ihm das Grün vor den Augen verschwamm. Letztendlich setzte man ihn ein um den Maschinenpark und die Werkzeuge winterfest zumachen, zu reinigen und zu ölen. Nachdem sich jedoch der Personalbestand wieder gefestigt hatte, kündigte man ihm den befristeten Arbeitsvertrag wieder auf. Ein paar Tage später, es war an einem Montagmorgen, stockte Joseph Cameron beim Lesen des Daily Mirror – eine Annonce sprang ihm regelrecht ins Auge.      

“Arbeiter für den Aus-, und Umbau neuer Streckenabschnitte der Londoner Underground und der Metropolitan Railway gesucht“.

Ohne lange darüber Nachzudenken riss er den Artikel heraus, schnappte sich seine Jacke und jagt los. Nach knapp zwei Stunden hatte er einen neuen Job.

Einige U-Bahn Stationen dienten im Zweiten Weltkrieg und gerade während der Luftschlacht um England, wegen ihrer tiefen Lage als Luftschutzbunker. Andere Stationen erfüllten weitere Aufgaben: In der Brompton Road hatte man ein Flugabwehr-, und Kontrollzentrum untergebracht und Premierminister Winston Churchill nutzte zusammen mit seinem Kabinett die Station Down Street. Die hatte man für einen gewissen Zeitraum als provisorischen Sitzungsraum hergerichtet.  

Sieben Monate verdiente Joseph gutes Geld, doch dieses Geld musste er sich buchstäblich im Schweiße seines Angesichts erarbeiten, denn der Tunnelausbau war ein echter Knochenjob und das den ganzen Winter hindurch, von Oktober bis April. Leider war sein Körper nach dem Aufenthalt im Gefangenenlager immer noch nicht in Höchstform und so blieb eines nicht aus – er wurde krank. Gerade jetzt, nachdem die Wintermonate passé waren und draußen sich die ersten Krokusse den wärmenden Sonnenstrahlen präsentierten. Bedingt durch das feuchte Klima des Tunnelsystems, hatten sich tief unter der Erde verschiedene Pilzkolonien gebildet. In Verbindung mit dem immerwährenden Luftzug in den Gängen und die stetig schweißnassen Körpern der Arbeiter, wurde bei einigen Arbeitern das empfindliche Lungengewebe von Pilzsporen befallen und so hat sich bei einigen Arbeitern eine akute Pneumonie ausgebreitete. Auffällig wurden die Betroffenen Arbeiter durch ihre häufige Atemnot, eine später gemessene gesteigerte Atemfrequenz, ihren trockenen Husten und Schwindelanfälle die auf immer wiederkehrende Fieberschübe zurückzuführen waren. Die anfängliche Auskultation mit dem Stethoskop in der Klinik blieb bei Joseph unauffällig, erst später, während der stationären Behandlung, zeigten die Röntgenbilder seiner Lunge Veränderungen im Verlauf, sowie die typische Erhöhung des LHD im Blut. Das Krankenhaus in das man ihn in seinem fiebrigen Zustand eingeliefert hatte, war voll belegt und so teilte er sich mit neun weiteren Patienten ein Zimmer.

Der Krieg war zwar vorbei und Deutschland hatte kapituliert, doch immer noch waren es vorwiegend Kriegsverletzungen die man hier behandelte, meist Amputationen, Wundversorgungen und entzündliche Nachbehandlungen. Die weitaus schwierigeren Krankheitsfälle befanden sich jedoch auf der Neurologischen und Psychiatrischen Abteilung der Klinik, nämlich die Fälle die dem geistigen Druck des Krieges nicht standhalten konnten und in ein psychisches, seelisches oder mentales Kriegstrauma verfallen sind. Eine Posttraumatische Belastungsstörung, einem so genannten 'shell shock' – Granatenschock – von dem sowohl Soldaten, nach dem Krieg die “Veteranen“, als auch Zivilisten betroffen waren. Sie bildeten eine Armee von suizidgefährdeten zerstörten Seelen. Viele kehrten als Helden heim aber den anderen haben sich die brutalen Bilder des Krieges unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt. Hervorgerufen durch Luftangriffe, einem Feuersturm, dem Tod eines oder mehrerer Angehörigen, spezielle Folter oder einer Vergewaltigung.

Natürlich, war auch dieser gut bezahlte Job dahin, denn auf Grund seines Gesundheitszustandes, auch wenn er wieder genesen war, würde man ihm diesen Posten unter gar keinen Umständen wieder zuteilwerden lassen. Sobald Joseph dazu in der Lage war, studierte er erneut die aktuellen Stellenangebote in den Tageszeitungen. Gerade als er sich in einen interessanten Artikel vertieft hatte, wurde die Tür geöffnet und Schwester Martha Burns betrat den Raum. Er schaute kurz auf, um sich anschließend wieder seiner Annonce zu widmen, doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Es war einfach nicht zu beschreiben, dieses Gefühl das ihn beim Anblick dieser jungen Frau durchströmte. Aber was in Gottes Namen war es, das ihn an diesem Mädchen so sehr faszinierte – er hatte den Vergleich mit einem Engel im Kopf – verwarf den Gedanken sofort und schallt sich einen Narren. Irgendetwas musste es aber sein, dass seinen Pulsschlag beschleunigte, seine Hände feucht und seinen Mund trocken werden ließen.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte Joseph Cameron noch nicht, dass er verliebt war und dieses Wesen das ihn mit seiner fröhlichen, unbeschwerten und liebenswerten Art in den Bann zog, wenige Monate später seine Ehefrau werden würde. Momentan schien er jedoch eher fasziniert von ihrem feuerroten Haar, dass eine irische Abstammung vermuten ließ, augenscheinlich aber eine Schwesternhaube zierte, ihrem frischen hellen Teint, den smaragdgrünen Augen und nicht zuletzt von ihren unzähligen Sommersprossen das ihr Gesicht so lebendig erscheinen ließ. Jedes Mal von neuem, wenn sie das Krankenzimmer betrat, fühlte er sich gleich einem hypnotisierten Kaninchen, konnte seinen Blick nicht von ihr wenden, verfolgte ihr tun und lächelte sobald sich ihre Blicke begegneten. Am schlimmsten traf es Joseph, wenn sie an seinem Krankenbett stand um Fieber zu messen, Blut abzunehmen oder einfach nur, um die ihm vom Oberarzt zu geteilten Medikamente abzulegen. Das waren Situationen in denen ihm ein Sterbegefühl zuteilwurde, dass sich mit Atemnot, Schwindelgefühl und Herzrasen bemerkbar machte.

Ihr erstes Date fand eine Woche vor seiner Entlassung auf dem halbdunklen Treppenpodest eines wenig benutzten Seitenausganges statt. Ab diesem Tag verbrachten die Beiden jede freie Minute zusammen. Sie gingen, nachdem er das Hospital verlassen durfte, im Hyde Park oder im Regent‘ s Park spazieren. An manchen Tagen standen sie an der Ecke Cumberland Gate und Marble Arch, hörten sich die teilweise spleenigen Reden on Speakers Corner an oder sie bummelten über einen der zahlreichen Flohmärkte. Manchmal aber saßen sie auch im Londoner West End Viertel auf den Stufen vor dem Shaftesbury Memorial Brunnen am Picadilly Circus, mit der geflügelte Eros Bronzestatue im Rücken, sahen sie dem geschäftigen Treiben dieses belebten Einkaufsviertels zu. Rechts und links trafen sich die Londoner Blumenmädchen und Shoe Shine Boys, die sich als kundenorientierte Dienstleister sahen. Es gab aber auch Tage, da zog es die Beiden an die Themse, dann turtelten sie nahe dem Fluss auf einer Bank mit Blick auf das House of Parliament, obwohl, man durfte eher bezweifeln das sie diese jedem bekannte Londoner Sehenswürdigkeit, in ihrem Zustand bemerkten. Freitags nachmittags, wenn es ihr beider Dienstplan zuließ, traf man Martha und Joseph regelmäßig zwischen der Tower Bridge und dem Hochsicherheitstrakt des Tower of London an einer Imbissbude an. Teilweise standen die Menschen dort in zweier Reihen an, denn die Fish and Chips an diesem Stand waren unübertroffen gut.

Vier Monate später gesteht Martha ihrem Joseph ihre Schwangerschaft. Joseph der zwischenzeitlich eine Stelle bei einem renommierten Wachdienst angenommen hatte, war außer sich vor Glück und gemeinsam schmiedeten sie Pläne für ihre Hochzeit. Untergekommen waren die Beiden in der Villa von Mrs. Henriette Glover. Hinsichtlich ihres Alters von vierundachtzig, machte die alte Dame einen überaus rüstigen Eindruck. Ihr silbergraues Haar trug sie rückwärtig in einem Dutt endend, das verhältnismäßig faltenfreie Gesicht verdankte sie ihrer runden Gesichtsform und einer, nicht übermäßigen aber doch leichten Körperfülle. Ihre wasserblauen Augen strahlten ein gewisses Maß an Güte aus und waren mit einer kleinen runden Nickelbrille bedeckt. Zusammen mit ihrem Mann Randolf, der schon vor Jahren verstorben war, standen sie in freundschaftlicher Beziehung zu Marthas Eltern und dass schon bevor das Mädchen geboren wurde. Und weil dieser verdammte Krieg dem Kind die Eltern genommen und Martha zur Waise gemacht hatte, stellte sie dem Mädchen zwei Zimmer in ihrem Haus zur Verfügung. Nachdem sich das junge Glück gefunden hatte, räumte sie den Beiden die gesamte erste Etage ein. Ein Gespräch an einem Samstagabend enthüllte die freudigen Umstände der jungen Frau, was zur Folge hatte, dass die alte Dame eine Woche später mit dem Stricken von Babywäsche begann.

Josephs und Marthas Hochzeit fand im kleinen Kreis und nur auf dem Standesamt statt. Mrs. Glover und ein Arbeitskollege von Joseph, Simon Lester, mit dem zusammen er seinen nächtlichen Dienst absolvierte,  waren die Trauzeugen und auch die einzigen Gäste bei der anschließenden Feier. Mit viel Liebe und Engagement hatte die alte Dame einen Kuchen gebacken und Kaffee gekocht. Sie sah mehr als nur Untermieter in dem liebenswerten Pärchen. Die Beiden waren ihr so zusagen ans Herz gewachsen und da ihr selbst Kinder versagt geblieben waren, behandelte sie die jungen Leute als wären sie ihr eigen Fleisch und Blut. An eine Hochzeitsreise war aus finanziellen Gründen nicht zu denken aber sobald ein wenig Geld zur Verfügung stünde, so ihre Aussage, wollten die Zwei ein paar Tage im sonnigen Südfrankreich verbringen.

Der Sommer neigte sich dem Ende, Martha war im fünften Monat schwanger und galt nach ärztlicher Aussage als Gesund, nur dieser immer wiederkehrende Kopfschmerz machte ihr zu schaffen – das hängt mit der Schwangerschaft zusammen, sagte sie sich.

Es war an einem Montag. Joseph kam etwas später als sonst vom Dienst, brachte jedoch eine sensationelle Nachricht mit nach Hause und zwar, dass man Ihn zu befördern gedachte. Die Sache hatte jedoch einen Haken. Er sollte nach Fenthworth End einer Nachbargemeinde der Grafschaft Essex Hall versetzt werden. Das würde heißen, sie müssten Umziehen und Martha einen sicheren Arbeitsplatz aufgeben. War es das wert? Im ersten Moment erschien ihnen dieses Angebot unannehmbar, trotz allem versuchten sie die positiven Seiten heraus zu kehren.

Als ein dickes Plus erwies sich Josephs Firma. Der Vorstand erklärte sich bereit, für die Kosten des Umzugs aufzukommen. Der zweite positive Pluspunkt, sollte die neue Chefposition sein, die Joseph in Fenthworth End einnehmen sollte, natürlich mit einem entsprechenden Gehalt. Dagegen stand Lindas Arbeitsplatz, eine neue Wohnung, die Einrichtung derselben und natürlich Henriette Glover. Sie konnten die alte Dame, die so viel für sie getan hatte, nicht einfach mir nichts dir nichts allein in ihrem großen Haus lassen – dass hatte sie nun wirklich nicht verdient.

Nach einer geraumen Weile, unterbrach Martha die schier endlos währende Diskussion, deutete ihrem Liebsten sich einen Moment zu gedulden und ging hinaus auf den Korridor zum Telefon. Sie wählte eine Nummer, wartete einen Augenblick und ließ sich anschließend weiterverbinden, um aber den richtigen Teilnehmer an die Strippe zu bekommen musste sie diese Prozedur noch dreimal wiederholen. Ihr eigentliches Gespräch dauerte nicht ein mal fünf Minuten, dann kam sie zurück ins Wohnzimmer. In der Zwischenzeit suchte Joseph vergeblich nach einer vernünftigen Lösung. Mit einem überlegenen Lächeln setzte Martha sich ihm gegenüber und erklärte Joseph, dass das Middlesex Hospital zu einem Konsortium von mehreren Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen gehört und dass eines davon sich in  der Grafschaft Essex Hall befindet. Sie muss nur einen Antrag stellen und es bestand die Möglichkeit einer Versetzung. Mit dem Auto, so die Aussage des Chefs der Verwaltung Phillip Rice, benötigt man gut zehn Minuten und mit dem Bus ungefähr fünfunddreißig Minuten von Fenthworth End nach Essex Hall. Joseph Cameron hatte alle nur erdenklichen Möglichkeiten in Betracht gezogen aber an eine Versetzung hatte er nicht gedacht. Das löste fast all ihre Probleme, blieb nur eins und das hieß Henriette Glover.

Henriette, die im Moment des Gespräches zufällig vor derer beider Tür stand, weil sie an Martha eine Frage hatte, klopfte beherzt an. Das darauf folgende Gespräch dauerte nicht einmal fünfzehn Minuten und klärte den schwebenden Sachverhalt des Pärchens grundlegend.

Mrs. Glover machte den beiden in kurzen aber klaren Worten bewusst, dass ihrer aller Situation ohnehin nur eine vorübergehende Lösung war. Es wäre außerdem unklug, eine solche Chance in den Wind zu schreiben und um sie bräuchte sich bestimmt keiner den Kopf zu zerbrechen, denn hier ginge es einzig und allein darum, seinem, nämlich Josephs, beruflichem Werdegang zu folgen. Im Übrigen gibt es die Bahn, erklärte sie sachlich, mit deren Hilfe ich euch vermutlich viel zu häufig auf den Nerv gehen werde. Und während Martha und Joseph dabei waren das gesagte zu verarbeiten, entging ihnen das hintergründige schmunzeln der alten Dame. Es stand nun wirklich nichts mehr im Weg und so arbeiteten die beiden in den nächsten Tagen daran ihren gemeinsamen Wohnortswechsel vorzubereiten.

Die neue Landflucht, jeder wollte, schon des Arbeitsplatzes wegen in der Stadt wohnen, bescherte ihnen in kurzer Zeit eine geeignete Wohnung in der Nähe von Josephs künftigem Wirkungskreis. Das neue Zuhause bestand aus zwei Zimmern, einer geräumigen Kammer fürs Kind, Küche, Bad und einer kleinen Terrasse mit Blick in den Garten. Ein idealer Spielplatz fürs Kind, darüber waren sich Beide einig. Obwohl Mrs. Glover Martha und Joseph die wichtigsten Einrichtungsgegenstände, unter lautem Protest der beiden mitgab, riss die Renovierung und dem wichtigsten noch zu ergänzende Hausstand, ein riesiges Loch in deren Budget. Joseph bekam auf Grund seiner neuen Führungsposition einen kleinen Kredit und versuchte durch Überstunden die Mehrbelastung schnellstmöglich wieder vom Tisch zu bekommen.

Die Kopfschmerzen machten Martha weiterhin zu schaffen. Sie war jetzt im siebten Monat und hatte sich eine Anstellung in der Klinik in Essex Hall gesichert. Ihre Freude über den Job war groß, denn es handelte sich hier um eine Kinderklinik und in Erwartung ihres Babys, war sie dabei weitreichende Pläne zu machen – sowohl beruflich als auch privat. Sie hatten auch schon einen Namen fürs Kind – wird es ein Junge, sollte er William heißen; der Mädchenname, so Marthas Wunsch wäre Mia.

Die letzten Wochen vor Marthas Niederkunft trat ihr Kopfschmerz nicht mehr sporadisch auf, sondern mutierte zu einem kontinuierlichen Schmerz, den sie mal mehr und mal weniger verspürte. Die Ärzte vertrösteten Sie und schoben alles auf ihre zusätzliche körperliche Belastung. Im gleichen Atemzug versprachen ihr die Mediziner eine Rückentwicklung aller Unannehmlichkeiten, sobald der Geburtsvorgang vollzogen wäre.

Joseph sorgte sich rührend um seine Frau und versuchte ihr Erleiterung zu verschaffen, indem er ihr nach Dienstschluss Nacken und Schultern massierte, im guten Glauben, dass der Schmerz von körperlichen Verspannungen herrührte. Der Termin für die offizielle Entbindung war erst in fünfzehn Tagen, als Martha ein Missgeschick passierte. Auf dem Weg zur Toilette stolperte sie über die Türschwelle und fiel so unglücklich, dass dabei ihre Fruchtblase platzte. Unter Schmerzen schleppte sie sich zum Telefon, informierte das Krankenhaus und anschließend ihren Joseph.

Der musste vierzig Minuten auf eine Ablösung warten, bis er endlich ins Krankenhaus fahren konnte. Im Wartebereich zerrte die Zeit an seinen Nerven, die eh schon aufs Äußerste gespannt waren. Ruhelos tigerte er hin und her, zählte seine Schritte die er beim auf und ab gehen im Gang hinterließ. Josephs Ungeduld wuchs, er hatte das Gefühl die Zeit würde im Schneckentempo dahin schleichen.

Endlich erschien der Oberarzt, doch seine Mine ließ nichts Gutes hoffen. Der Mediziner eröffnete ihm eine gute und eine schlechte Nachricht, doch schon auf dem Herweg beschlich Joseph, nach Marthas Anruf die ihm von ihrem Sturz erzählte, der heimliche Verdacht, dass dem Kind etwas zugestoßen sein könnte. Zögerlich beglückwünschte ihn der Arzt zu einer gesunden Tochter und sprach ihm im gleichen Augenblick sein Beileid aus. Seine Frau hatte ihm eine Tochter geboren und ist zehn Minuten nach der Entbindung gestorben.

Erst dachte er, er habe sich verhört. Ungläubig, ja verständnislos sah er den Doc an, dann verspürte Joseph einen schmerzhaften Stich ins Herz, er rang nach Atem, ihm  wurde Schwindelig, alles um ihn herum schien sich mit einem Mal zu drehen. Nebelschleier tanzten vor seinen Augen, bevor Joseph Cameron in ein schwarzes Loch stürzte.

In einem Krankenbett wachte er, nachdem man ihm eine Beruhigungsspritze gegeben hatte, wieder auf. Zwei Stunden später verließ Joseph als gebrochener Mann das Hospital. Er fuhr nach Hause, meldete sich für zwei Tage krank und versuchte das Geschehene zu begreifen. Seine Tochter musste noch eine Woche zur Überwachung auf Station bleiben, erst danach könne er sie zu sich holen. Zu Hause klingelte das Telefon, einmal, zweimal, dreimal, erst beim achten oder neunten klingeln nahm Joseph teilnahmslos den Hörer ab. Mrs. Glover war am Apparat, doch er brachte es nicht fertig ihr von dem Unglück zu erzählen, er brach weinend zusammen. Ab sofort kümmerte sich die alte Dame um Joseph, holte mit ihm zusammen das Kind ab, unterstützte ihn im Haushalt, besorgte eine Haushaltshilfe, sowie ein Kindermädchen.

Der ärztliche Abschlussbericht brachte Marthas Todesursache ans Licht … Hirnaneurysma.

 


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beta
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