6. September 1926

Ich erhielt meinen Lohn schon am 2. September und das ärztliche Attest, welches mein Freund Doktor Stevens mir gab, wurde angenommen. Ich hatte nun einen Monat der intensiven Studie des „Paige-Ordners“ vor mir. Doch bevor ich mich nun schlussendlich vor der Außenwelt verschleierte, wollte ich das Ritual der einwöchigen Briefkontrolle erstmalig vollführen.

Ein paar Sekunden vor der Tür waren genug und schon saß ich wieder auf meinem Stuhl und konnte in Ruhe meine Briefe durchgehen. Es waren gerade einmal vier. Zwei Studenten, die mir eine gute Besserung wünschten, ein Brief meiner Schwester, welche sich dazu bereit erklärte mir ein wenig auszuhelfen indem sie mir Genesungssuppen und dergleichen zubereiten würde – ich hatte mir noch keine Ausrede für den Umstand, dass ich nicht wirklich Arbeitsunfähig war, einfallen lassen.

Jedoch hatte ich größere Sorgen, denn der letzte Brief war etwas über Paige. Es war eine in Kenntnissetzung über sein Ableben. Er wurde am 1. September tot im Hause seines Großvaters, bei dem er nach seiner Freilassung aus der Nervenheilanstalt lebte, aufgefunden. Er hatte sich wohl selbst die Arme, mit einem Messer aufgeschnitten und war schon seit einigen Tagen leblos in seinem Zimmer gelegen. Seine Großeltern waren wohl vereist und konnten erst bei ihrer Rückkehr die Polizei kontaktieren.

Außerdem – mir war, als sehe ich nicht richtig – vererbte er mir einige Briefe und Notizen, welche, sofern ich das Erbe annahm, wohl per Post zu mir geschickt werden würden.

Aus meiner endlosen Verwirrung entstand jedoch der Wille zur Nachforschung. Ich wollte endlich anfangen nach Antworten zu suchen, statt Fragen zu stellen. Denn ich wusste, dass ich nur richtig arbeiten konnte wenn meine Gehirnaktivität nicht durch sinnlose Sorge oder Zweifel beschränkt werden würde. Also nahm ich das Erbe einfach per Telefonanruf an und verdrängte die Gedanken darüber, welche sich in den Vordergrund stellen wollten.

Mir war das Vermächtnis, welches schon in meinem Besitz war wichtiger als jenes, welches erst ein paar Tage oder Wochen später zu mir kommen sollte.

Diesen und die nächsten Tage verbrachte ich mit dem Sortieren von Dokumenten und versuchte mich bereits daran, sie, wie bei einem Puzzle, richtig zusammenzusetzen. Die Kenntnis über eine eventuelle Ausgabe des Al-Azif und darüber, dass ich mit seinen Unterlagen bereits irgendeine Teilantwort auf meine Fragen finden könnte, öffnete mir eine neue Perspektive mit der ich Zusammenhänge erkennen konnte, die mir vorher nicht erkenntlich waren.

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