März - I

Müde und genervt brütete Ari über ihren Büchern. Der Abend war bereits fortgeschritten und obwohl sie die Wohnung für sich allein hatte und schon vor zwei Wochen die letzte ihrer Prüfungen für dieses Semester hinter sich gebracht hatte, war ihr nicht nach Feiern zumute. Ihre Mutter hatte ihr sogar angeboten ein paar Freunde einzuladen, wenn sie schon keine Lust hatte, endlich mal wieder das Haus zu verlassen, und nicht bei Dr. Tomalik arbeitete. Doch Ari zog es vor sich in Arbeit zu verkriechen. Die Zwischenprüfungen hatten ihr die letzten Monate eine plausible Ausrede verschafft. Inzwischen viel aber sogar ihrer schwer überarbeiteten Mutter auf, dass mit ihrer Tochter etwas nicht zu stimmen schien.

Ari sah aus dem Fenster. Sie löschte die Schreibtischlampe und ließ ihren Augen einen Moment Zeit, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Nacht war düster. Mondlos und glitzernd voller Sterne. Sie hatte ständig an Thomas gedacht und überall fielen ihr Dinge auf, die sie an ihn erinnerten. Doch es hatte mit der Zeit nachgelassen. Sie stützte ihren Kopf auf die Hände und schloss seufzend die Augen.

Eine Woche, nachdem Thomas sie gesehen hatte, wie sie scheinbar einen anderen Kerl um den Hals gefallen war, der auch noch sein Gesicht in ihrem Haar vergraben und den Arm ziemlich vertraut um ihre Taille gelegt hatte, hatte sie ihren Mut zusammen genommen. Gestützt von einer leichten Wut darüber, dass dieses Missverständnis absolut lächerlich war, ist das rothaarige Mädchen noch einmal vor seiner Tür erschienen. Das T-Shirt in einen Beutel geknüllt, hatte sie energisch angeklopft. Mehrfach. Doch niemand hatte geöffnet. Sie war schon im Begriff gewesen wieder zugehen und hatte den Beutel an den Knauf gehängt, als der blonde Zimmernachbar aus seiner Tür spähte, dem sie schon einmal begegnet war. Von ihm hatte sie erfahren, dass Thomas die Uni geschmissen hatte und ausgezogen ist. Ungläubig hatte sie ihn gelöchert, was passiert war und wo Tom war und was er verdammt noch mal tat. Doch der junge Mann hatte keine Ahnung und war genauso überrascht und überrumpelt gewesen. Tom hatte sich nicht bei ihm verabschiedet, nicht mal eine Nachricht hinterlassen. Verwirrt und traurig hatte Ari daraufhin das Wohnheim verlassen. Seither hatte sie versucht ihn sich aus dem Kopf zu schlagen, überzeugt, ihn niemals wieder zusehen.

In a white room, with black curtains, near the station...", trällerte unerwartet Aris iPhone und setzte sie über einen eingehenden Anruf ihrer Mutter Kenntnis – White Room, war einer von Cornelias Lieblingssongs.

„Hey Mama, was geht?" – „Bist du nüchtern, Kind?" – „Äh... Jaaah. Wieso?" – „Du musst einen Hausbesuch für mich übernehmen."- „WAS? Mutter, ich dokter an Tieren rum, nicht an Menschen." – „Keine Sorge, meine Süße, du brauchst nichts Aufregendes zu machen. Er hat wohl nur ein paar Schrammen und vielleicht musst du nähen, das ist nicht groß anders, als bei Fellnasen. Der Junge ist der Sohn einer alten Freundin und sie sind gerade knapp bei Kasse. Er gerät wohl hin und wieder in eine Schlägerei und ich behandle ihn unter der Hand." – „Mama...." – „Du schaffst das, Schatz. Nimm meine Tasche. Sie steht im Kleiderschrank. Ich schreib dir die Adresse." Und mit diesen Worten legte Cornelia auf und ließ ihrer Tochter keine Möglichkeit zu protestieren.

Seufzend zog Ari sich ihren Mantel an. Für Anfang März war es noch ziemlich kalt. Das Telefon fiepte und sie öffnete die Nachricht mit der Adresse. Gar nicht weit weg. Das Mädchen schnappte sich ihre Mütze und die Tasche und machte sich auf den Weg.

Die Wohnung befand sich nur vier Straßen entfernt. Ari überflog die Klingeln, bis sie den angegebenen Namen fand, drückte den Plastikknopf und nach einer Weile erklang eine dünne Frauenstimme aus der Gegensprechanlage.

„Hallo?" – „Hi, hier ist Ariel... die Tochter von Cornelia. Meine Mutter hat mich hergeschickt."

„Hallo Ariel, kommen Sie rein."

Es summte und Ari drückte die Tür auf. Im dritten Stock stand eine kleine, blasse Frau in der Tür und lächelte entschuldigend. „Danke, dass Sie so kurzfristig kommen." Sie reichte ihr die Hand. „Ich bin Katrin." – „Bitte, Ari reicht völlig", sagte sie und ergriff die Hand der Frau. Sie ließ sich in einen kleinen Wohnraum führen. Auf dem Sofa lag regungslos ein junger Mann, nur mit einer dünnen Trainigshose bekleidet und einem Kühlpäckchen auf dem Kopf. Er sah übel zusammen geschlagen aus und Ari hoffte nervös, dass ihre Fähigkeiten ausreichten, um zu helfen. Die Mutter des Jungen brachte ihr einen Hocker, während sie neben dem Sofa die Tasche öffnete, Desinfektionsmittel, Mulltupfer und Handschuhe heraus suchte. Die prächtige Platzwunde über der Stirn war noch feucht vom Blut, das sein ganzes Haar auf der rechten Seine verklebte. Das Auge war so zugeschwollen, dass er es nicht mehr öffnen konnte. Die Lippe war aufgeplatzt und auf seinem Oberkörper und den Armen hatte er zahllose Blessuren und blutige Kratzer. Was ist zur Hölle ist dem denn zugestoßen.

Sie streifte die Einweghandschuhe über und warf einen genaueren Blick auf ihren Patienten. Vorsichtig hob sie den Kühlakku an und blinzelte erschrocken.

Tom?!



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