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                                                  NATHAN

Vier Wochen ist es nun her. Vier Wochen in denen ich sie fast schon zwangsernähren musste. Der Kampf um Alex hat sie zu Boden geworfen. Sie spricht nicht. Sie isst nicht freiwillig. Das Einzige, was ich tue, um sie dazu zu bringen, ist sie mit meiner Macht zu manipulieren. Auch, wenn ich sie niemals bei Anna anwenden wollte, so tue ich es, um sie am Leben zu halten.
Ich fühle, wie ihre Energie schwindet. Fühle, dass sie keine Kraft mehr hat. Sie ist nur eine leere Hülle, deren Inhalt ich wieder zurück bringen muss. Das bin ich ihr schuldig. Nach all dem, was ich ihr angetan habe. Was der Nathan, der von dieser verdammten Hexenschlampe manipuliert worden ist, ihr angetan hat. Ich kann es mir nicht verzeihen. Verdammt. Niemals hätte ich es zulassen dürfen, unter den Zauber einer Hexe zu fallen, auch, wenn es fast unmöglich ist.

Es war dieser Moment. Dieser eine Momente in der Gruft, in dem ich ihre Lippen auf meinen gespürt habe. Es fühlte sich so an, als würde ich wieder zusammengesetzt werden. Als wären ihre Lippen, die einzig Wahren. Ich konnte mich plötzlich wieder an alles erinnern. Auch daran, dass Lexa mich in einen Menschen verwandelt hat und es nicht so war, wie sie es erzählt hat. Denn für meine Verwandlung waren sehr viele Leben notwendig. Es waren die Leben in der Bar. Sie hat sie ausgelöscht um mein Gedächtnis zu löschen, obwohl ich sie nur um Hilfe bitten wollte. Sie hat mich ausgenutzt, so wie Salivana.
Auch der Schmerz, den ich spürte, als sich mein Körper in meinen Vampirkörper zurückverwandelt hat, war derselbe, wie der, als ich mich in einen Menschen verwandelt habe. Es brannte, als würde Feuer durch meine Adern fließen. Doch die Erinnerung, an diese Nacht, in der Anna mir ihren Körper geschenkt hat, hat die Schmerzen erträglicher gemacht. Verdammt. Dieser Nathan hat sich in sie verliebt. Doch er ist mir so fremd. Es war nicht ich, der sie geküsst hat. Der Einzige, der echte Nathan, hat sie das erste Mal in dieser verfickten Gruft geküsst. Hat dort das erste Mal diese sanften Lippen berührt.
Aber ich habe auch Erinnerungen zurückerhalten, die mein Herz gebrochen haben. Bilder, Szenen, in denen ich ihr Unerträgliches angetan habe. Genau deshalb darf ich nicht zulassen, dass sich dieser Nathan in sie verliebt. Ich kann es nicht. Nicht, nach alldem was passiert ist. Sie hat eine Zukunft mit Alex mehr als nur verdient. Auch, wenn ich dieses Arschloch irgendwie nicht ausstehen kann. Aber Anna, sie liebt ihn abgöttisch und ich werde dafür sorgen, dass er wieder zu ihr findet.

Ich respektiere und schätze ihre Kraft. Sie war so stark und sie weiß es nicht einmal. Ich werde diese Stärke wieder zurückbringen. Alles was wir dafür tun müssen, ist Alex zu finden und Salivana das Leben aus ihrer Brust schneiden. Anna braucht eine Aufgabe. Ein Ziel. Es wird sie von dieser Trauer und den Albträumen, aus denen sie jede Nach hochschreckt ablenken. Diese verdammten Albträume, bei denen ich jedesmal ihr Wimmern wahrnehme und so schnell ich kann in ihr Zimmer laufe, um sie zu beruhigen.

Die Jungs, Melina und Luna suchen nach Alex. Was hingegen unerwartet war, ist, dass Marius jetzt auf unserer Seite ist. Jetzt, wo er wieder Er selbst ist, will er ebenso Rache wie wir. Dieses Ding in der Gruft war Alex`s Plan B, wie ich erfahren habe. Peter hat Marius sein Herz zurückgegeben. Ein Mensch würde es nicht einmal annährend verstehen können, aber in dieser Welt, in unserer Welt ist fast alles möglich. Vor allem, wenn du eine Hexe mit dunkler Macht bist. Dann kannst du, so wie es Salivana gemacht hat, das Herz eines Wesen aus seiner Brust stehlen. Es sorgt dafür, dass dieses Wesen deine Worten folgt. Eine äußerst seltene und sehr alte Praktik, die nur sehr wenige dunkle Hexen beherrschen. Der Zauber verlangt nach einem unschuldigem Leben.
So auch bei Marius. Das Grab, wo sie sein Herz gefunden haben, war das Grab seiner Frau. Salivana hat sie umgebacht und es wie einen Unfall aussehen lassen. Somit konnte sie auch Marius`s Herz, das ohnehin schon gebrochen war, aus seiner Brust reißen. Diese Schlampe hat einfach Alles und Jeden kontrolliert. Auch ihre Wachhunde hat sie mit dem zweiten Teil des Amulett´s und einem Zauber manipuliert. Auch Alex fiel unter diesen Zauber.

Nun nehmen wir jede Spur auf, die wir bekommen. Doch es wirkt fast so, als wären sie vom Erdboden verschluckt. Aber wir werden nicht aufgeben. Erst gestern hat David angerufen und uns informiert, dass sie auf dem Weg nach New York sind, um eine machtvolle Seherin aufzusuchen, die uns vielleicht weiterhelfen kann.

Doch jetzt werde ich versuchen, etwas Essen in diesen, mittlerweile abgemagerten, geschwächten Körper zu bekommen. Leise klopfe ich an die Tür, die ich daraufhin mit meinem Fuß öffne. Wir sind noch immer in Alex`s Haus. Es ist irgendwie zu einer Wohngemeinschaft mutiert und wir alle leben jetzt unter einem Dach. Und da ich eher ein Nachtmensch bin, und kein Sonnenlicht vertrage, bin ich für den Nachtdienst verantwortlich. Obwohl ich auch während meiner Ruhephasen im Nebenzimmer, immer noch ein Auge auf sie habe.

Ich lasse meinen Blick durch das Zimmer schweifen und erblicke ihre zarte Gestalt stehend vor dem Fenster. Ihre Arme sind verschränkt und ich bin überrascht, sie einmal außerhalb des Bettes zu sehen.
Also stelle ich das Tablett mit ihrem Essen vorerst auf der Kommode ab. Mit langsamen Schritten bewege ich mich auf sie zu. Dabei entgeht mir nicht die Schönheit, wie das Mondlicht in ihren langen braunen Haaren, die in Wellen über ihre Schultern fallen, glänzt.
Sie scheint mich bereits bemerkt zu haben, sieht mich jedoch nicht an. Als ich näher trete, erkenne ich eine kleine Träne in ihrem Augenwinkel. Sie hat schon wieder geweint. So wie jeden Tag. Ich fühle mich hilflos deswegen. Ich kann nichts gegen ihren Kummer tun. Doch dann, ohne eine Vorwarnung höre ich seit langem wieder einmal ihre zarte Stimme.

„Sieht der Mond heute nicht schön aus?“

Ich blicke zuerst in ihr Gesicht, das zufriedener wirkt als sonst, bevor ich ihr antworte.

„Ich denke, ich habe ihn schon viel zu oft gesehen um seine Schönheit noch schätzen zu können.“

Ihre grünen Augen richten sich plötzlich auf mich, als wäre ich ihre letzte Hoffnung.

„Danke Nathan. Danke, das du da warst.“

„Ich bin noch immer hier, Anna. Ich habe nicht vor zu gehen.“

Dankbar nickt sie mir zu, bevor sich ihr Blick erneut zum Mond richtet.

„Wir müssen ihn finden.“

Hoffnung macht sich in mir breit, denn ich spüre, wie Hoffnung von ihr ausgeht. Ich spüre Energie in ihr. Energie, die ich geglaubt hatte, dass sie verloren gegangen wäre. Doch die Hoffnung in ihrem Blick, lässt mich Erleichterung spüren. Denn, aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Hoffnung dich verändern kann.

Jetzt bin ich es, der sie anstarrt und ich kann mir dabein ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Leider auch nicht den Gedanken an ihre Lippen, die sich im Mondlicht auf ihrem Gesicht deutlich abheben. Sie ist wunderschön. Einzigartig.

„Wir werden ihn finden Anna, und wenn es das Letzte ist was ich tue.“

Plötzlich sieht sie mich an und kommt auf mich zu. Sie tut etwas Unerwartetes. Ich spüre ihren kleinen gebrechlichen Körper vor mir und die Wärme, die von ihm ausgeht. Sie lehnt ihren Kopf an meine Brust und schlingt ihre Arme um meine Hüfte. Für einen Sekundenbruchteil weiß ich nicht, was ich tun soll. Doch dann lege ich meine Hände schützend um sie und drücke sie an mich. Wir beide beobachten nun den Mond der sich über dem kleinen Dorf erhebt. Ich genieße ihre Nähe, obwohl ich weiß, dass sie eigentlich nicht mir gehört. Sie gehört zu Alex.

HOFFNUNG VERÄNDERT DICH.
Vertraue ihr.
Kämpfe dafür.
CHANGE

Fight


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