7. Kapitel

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»Vielleicht haben Sie die Güte, mir zu verraten, welchem Vergehen ich mich schuldig gemacht habe?« forderte Joseph Cameron den Fremden auf sein Vorhaben zu begründen, dabei versuchte er seiner Stimme einen festen, angstfreien Ton zu verleihen. »Es sei denn«, begann er erneut, ohne dem Eindringling eine Chance auf eine Antwort zu geben, »Sie sind ausschließlich auf Geld aus! In dem Fall muss ich Sie enttäuschen, meine derzeitige Barschaft beläuft sich auf magere fünfunddreißig Pfund und die finden Sie in der Küche im oberen Schubfach des …«, er brachte den Satz nicht zu Ende.                                                   Schroff unterbrach ihn der Maskenmann und rief: »Halten Sie den Mund, mich interessieren ihre paar Shillinge nicht. Ich sagte, Sie werden Sterben und habe nichts von Freikaufen oder einem Modus viendi erwähnt, Basta.«                               Mias Vater war einen Moment lang echt beunruhigt, es wollte ihm nicht in den Kopf, dass er einfach so sterben sollte. Wie sagte der Fremde, hier und jetzt aber warum und während er krampfhaft überlegte, wurde ihm heiß. Ein Anflug von Panik überkam ihn. Sein Mund war trocken, das Blut in den Pulsadern seiner gefesselten Hände, das an den Halsschlagadern und das an den Schläfen pulsierte so stark, dass es fast unerträglich schmerzte. Warum das alles? Gab es noch einen Ausweg? Konnte er dem Mann sein Vorhaben noch ausreden? Krampfhaft versuchte er Nachzudenken. Er wollte etwas sagen, doch er bekam keinen einzigen Ton heraus, nur ein heiseres Krächzen entsprang seiner rauen Kehle.                                             »Sie wollten doch wissen, warum ich das ganze Theater hier inszeniere, Cameron«, sagte der schwarz gekleidete, jetzt mit zuckersüßer Stimme und spielte mit dem Strick, den er noch immer, wie unbeabsichtigt in seiner Hand hielt, ihn aber im nächsten Augenblick von eine Hand in die Andere wechselte, wobei er das Seil unter Spannung stellte. Josephs Hals wurde länger und länger. abermals musste er hörbar röcheln.  

»Oh, verzeihen Sie, ich vergaß«, sagte der Mann im Sessel ironisch. Zwischenzeitlich schob er den rechten Ärmel seines Overalls hoch und hielt Joseph ein Tattoo hin, eine Handbreit über dem Handgelenk. Ein Skarabäus.

Joseph Cameron schluckte. Im ersten Moment war er sprachlos, doch dann drehte er fast durch. Er zog und zerrte an dem Seil, dass er beinahe Ohnmächtig wurde, denn die Schlinge zog sich bei jeder seiner Bewegungen fester um seinen Hals. Die Kabelbinder an seinen Handgelenken schnitten dabei tief ins Fleisch, die Wunden brannten wie Feuer, doch er versuchte den Schmerz zu ignorieren. Seine Hände waren jetzt Blutverschmiert. Er bekam kein Wort über seine Lippen, erst als er wieder ein bisschen mehr Luft bekam.

»Was soll das? Sie sind und sie waren keiner von uns. Woher haben Sie…«, Joseph verschluckte sich, er musste husten.

»Immer mit der Ruhe, nicht so hastig, sie ersticken mir noch, mein Freund. Das wäre doch jammerschade. Ich hab es gar nicht gerne, wenn man mich um mein Vergnügen bringt«, warf der Fremde ein und lachte einmal kurz auf. »Aber, Sie haben recht! Ich bin nur indirekt einer von euch, nämlich einer der zu einem anderen gehörte«, sagte der Mann in Schwarz und fing nun lauthals an zu Lachen. Während er so dastand und lachte, begann sich das Seil ganz langsam zu straffen.

Joseph musste aufstehen, das Blut rauschte wieder in seinen Ohren und er dachte, wenn ich jetzt auf den Stuhl steige bin ich verloren. Er kämpfte, zog die Schultern hoch, nahm das Kinn herunter und versuchte das Seil über sein Kinn zu manövrieren, doch es war sinnlos. Jetzt brach Joseph der Angstschweiß aus, Hände und Achseln wurden feucht. Die Körperflüssigkeit rann ihm vom Nacken über den Rücken, er fühlte sich wie gebadet. Auch auf der Stirn bildeten sich dicke Schweißperlen, die ihm langsam übers Gesicht liefen, in den Augen brannten und ihm die Sicht nahmen. Er schüttelte den Kopf, soweit es ihm möglich war. Ein leicht verschwommenes Bild entstand um ihn herum. Das Rauschen in seinen Ohren verstärkte sich mehr und mehr. Kaum das er noch Luft bekam musste er nun doch auf den Stuhl steigen. Einen Augenblick lang bekam er ein wenig mehr Sauerstoff, neue Hoffnung keimte in ihm auf. Verzweifelt versuchte Joseph mit dem Kopf das Seil über die Laufrolle zu schieben, zu heben, zu stoßen, es klappte nicht.

Jeder Befreiungsversuch war sinnlos.

Der Unbekannte zog das Seil noch etwas mehr an. Joseph röchelte, würgte, schnappte nach Luft. Das Rauschen in seinen Ohren mutierte zu einem Brausen, jetzt hämmerte es auch in seinen Schläfen wie wild. Es schmerzte, Joseph versuchte den Schmerz zu ignorieren, doch er wusste nicht mehr weiter, sah einfach keinen Ausweg mehr, diese Situation in den Griff zu bekommen. Seine Gedanken wirbelten durcheinander –  Was kann ich denn jetzt noch tun um hier nicht elendig zu krepieren? Panik steigt in ihm auf. Gibt es für mich überhaupt noch eine Möglichkeit mich aus dieser Lage zu befreien oder vielleicht mit einem blauen Auge davon zu kommen? Wäre der Fremde denn bereit diesem grauenvollen Spiel ein vorzeitiges Ende zu setzten? Vielleicht ist das nur eine Prüfung, redete er sich ein.

Unbewusst zerrte Mias Vater an den Kabelbindern, um die Hände frei zu bekommen und spürte nicht die Qualen die ihm die Plastikbänder bereiteten als sie ihm das Fleisch von den Knochen rissen. Sein Gesicht färbte sich rot. Erste Kreise tanzten vor seinen Augen, dann schwarze Punkte, immer wieder rang er nach Luft, er schluckte, sein röcheln wurde zum gurgeln, dann kamen die ersten rote Nebel die seine Augen noch mehr trübten. In seiner schieren Verzweiflung versuchte er einfach zu fliehen, wollte wegrennen, dabei stieß den Stuhl um. Ganz instinktiv warf er sich hin und her, fing an mit den Beinen zu strampeln, spürte schon keinen Schmerz mehr.

Das Letzte was Joseph Cameron, wie durch einen Schleier wahrnahm, war eine schwarze Gestalt die sich die Maske vom Kopf riss und ein ihm bekanntes Gesicht enthüllte. Das – das kann nicht … unmöglich … das geht nicht zu jung … zu…  krächzte er. Ein röcheln unterbrach diesen Satz. Joseph, war nicht mehr in der Lage diesen letzten Gedanken zu Ende denken. Es war vorbei! Joseph Cameron war Tot.

Sein Gesicht war dunkelrot, verfärbte sich langsam ins bläuliche, die Zunge quoll hervor, auch die Augen waren hervorgetreten. Der starre, blinde Blick war jetzt auf den Fußboden gerichtet. Auf seiner Hose zeichneten sich feuchte Flecken zwischen den Beinen ab – seine Muskulatur war erschlafft.

Emotionslos hatte der Unbekannte Joseph Cameron beim Sterben zugesehen, nur sein Mienenspiel verriet die Verachtung, die er dem Toten entgegen brachte. Jetzt, nachdem sein Werk vollbracht war, entspannten sich seine Gesichtszüge und der unbändige Hass in seinen Augen erlösch. Er steckte seine Waffe zurück in den Rucksack, verließ das Haus auf dem gleichen Weg wie er es betreten hatte und rückte sogar das Kellergitter wieder zurecht. Er entnahm seinem Rucksack eine fein säuberlich zusammengelegte braune Wildleder Jacke und einen ebenfalls gefalteten braunen Hut, schlüpfte hinein, setzte sich noch eine schwarze Hornbrille auf und verließ genau um zwanzig Uhr fünfunddreißig das Grundstück.

 


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