7. Magnus

Am nächsten Abend, als ich erwachte, stand die Tür offen und Magnus saß schon angezogen auf dem Bett. Heute war schwarzes Leder angesagt und darin war er unglaublich sexy. Seine langen Haare hatte er zusammengebunden. Ach, stimmt! Die Jagd! Und ich hatte keine anderen Klamotten hier. Zum Glück war mein gestriges Kleid schwarz. Ich schlüpfte schnell hinein, band ebenfalls meine Haare zurück und wir brachen auf.

Während unseres Fluges über die frostige Landschaft fragte er mich über meine Vorlieben bei der Jagd aus. Ich antwortete, dass ich gern gewalttätige Männer nahm. Magnus lächelte und meinte: „Ich bevorzuge sehr junge Frauen. Schon immer! Aber ich bin nicht jedes Mal wählerisch.“

Wir waren noch nicht lange unterwegs, da erkannten wir ein Auto auf der Landstraße. Ich roch ein Pärchen und meine Adern antworteten sofort. Magnus würde die Frau bekommen. Diesmal hatte ich den Vortritt. Er wartete geduldig, wen ich aussuchen würde. Wir gingen runter, bis wir einige Meter über dem Wagen waren. Mein Prinz sprach in Gedanken: ‚Ich springe auf die Haube. Dann halten sie sicher an.‘ Ich fixierte das Fahrzeug. Der Geruch des Mannes stieg mir in die Nase und ich hörte sein Herz schlagen. Dieses Geräusch war alles, was ich noch hörte. Ich filterte es heraus und die Gier erwachte.

Im nächsten Augenblick schoss ich auf die Fahrertür zu, während Magnus auf die Motorhaube sprang und der Sterbliche das Lenkrad herumriss. Das nützte ihm nichts. Ich zerrte kurz am Türgriff, schleuderte damit die Tür aus den Angeln, zerfetzte den Gurt und zog ihn grob heraus. Sofort vergrub ich meine Zähne in seiner Kehle, stieg höher in die Lüfte, umklammerte seinen zappelnden Körper und trank hastig. Nach mehreren Zügen wurde seine Gegenwehr schwächer, doch er versuchte, mich immer noch wegzudrücken. Er stöhnte vor Schmerz und flüsterte: „Geh weg, du Teufel!“ Ich trank nun langsamer und lockerte meine Umklammerung. Mir wurde klar, wie hungrig ich gewesen war, weil ich mich so unbeherrscht verhalten hatte. Der junge Mann in meinen Armen erschlaffte allmählich. Seine Träume umfingen ihn und sein Puls geriet ins Stolpern. Schließlich erstarb der Rhythmus und ich musste wieder kräftiger saugen.

Ich kehrte mit der Leiche zum Boden zurück, wo Magnus neben der Frau im Gras lag und noch seinen Trip genoss. Ihr Anblick erschreckte mich. Der halbe Hals war weggerissen, ihr Pulli hing in Fetzen und ich sah die verbissenen Brüste und die zerkratzten, gequetschten Arme und Schultern. Mein Prinz war voller Blut. Sein Gesicht und seine Hände waren vollkommen damit bedeckt. Mir war klar, dass sie einen schlimmen Tod gehabt hatte.

 

Der VW lag ein Stück entfernt in der Wiese auf der Seite. Ich näherte mich dem Wagen, zog mit einem kräftigen Ruck einmal am Seitenschweller und er kippte langsam auf die Räder zurück. Da erkannte ich das ausländische Kennzeichen, sah das Gepäck im Kofferraum, angebrochene Dosen im Getränkehalter und aufgerissene Tüten mit Süßigkeiten. Wir hatten harmlose Urlauber niedergemetzelt. Ein junges Paar war unserer Blutgier zum Opfer gefallen. Ich konnte den Anblick der geschundenen Körper kaum noch ertragen, aber wir mussten sie beseitigen.

Bei einigen Büschen fing ich zu graben an. Magnus kam neben mich und half mir. Seine Tote lag daneben und ich wandte schnell die Augen ab. Ich konnte weder sie noch ihn ansehen. Mit seinem, von geronnenem Blut fast schwarzem Gesicht, aus dem die blauen Augen leuchteten und im Kontrast die hellen, blutverschmierten Haare, sah er aus, wie aus einem Horrorfilm entstiegen. Der intensive Blutgeruch, der von ihm ausströmte, widerte mich jetzt an.

Als das Loch tief genug war, schleifte ich den Mann dorthin. Magnus bettete solange die Frau hinein. So schlecht hatte ich mich noch nie gefühlt. Das war mir alles zu viel, aber ich wahrte Fassung vor meinem Liebhaber, den das überhaupt nicht zu kümmern schien. Als sie begraben waren, zog er mich an sich und sagte: „Das könnten wir öfters zusammen machen. Du bist eine gute Jägerin. Es hat mir gefallen!“

Dann küsste er mich leidenschaftlich, aber ich genoss es nicht. Meine Gedanken kreisten um die Sterblichen. Ich hatte unschuldige Menschen gemordet, harmlose Studenten und ich war so brutal gewesen. Und Magnus erst! Bis dahin hatte ich jede zweite Nacht getrunken und war noch nie so gierig gewesen. Mein Prinz löste sich von mir und fragte: „Was ist?“

„Ach, nichts!“ Ich ging ein Stück und er stand plötzlich hinter mir und legte seine Hände auf meine Schultern:

„Kehren wir zur Burg zurück!“

Erleichtert schwang ich mich in die Luft und schwor mir, mich nie wieder zu so etwas hinreißen zu lassen. Ich würde bei meinen Schwerverbrechern bleiben. Bei denen war ich gern grausam. Magnus war noch immer sehr verschmiert im Gesicht, obwohl er es mit einem Tuch abgewischt hatte. „Du bist so schweigsam“, bemerkte er. „Ich weiß. Mir ist jetzt nicht nach Gesellschaft.“ In freudiger Erwartung sagte er: „Wir können in mein Zimmer.“ Ich schüttelte leicht den Kopf: „Ich möchte ganz allein sein. Verzeih!“ Er senkte gekränkt die Augen: „Gut, wie du willst. Ich muss meine überschüssige Energie loswerden.“ Seine Bemerkung verletzte mich und ich wurde wütend: ‚Dann geh doch. Hau ab!‘ Es hieß, dass er sich einfach eine andere nahm, wenn ich nicht mitkam. Ich bekam Sehnsucht nach Cornelius.

 

Als ich wieder auf einem der Türme stand, wollte ich mich schon auf die Suche nach ihm machen. Da fiel mir meine Gedankenkraft ein und ich konzentrierte mich auf meinen Schöpfer: ‚Cornelius, wo bist du? Bitte komm zu mir.‘ Ich wartete auf Antwort. Dann wiederholte ich meine Bitte, als nichts kam: ‚Cornelius, hörst du mich?

Wo bist du?‘, empfing ich. ‚Auf dem West-Turm. Komm schnell!‘ 

Nach kurzer Zeit stand er an der Tür und ich rannte in seine Arme. Er umfing mich und ich drückte mich erleichtert an seine Brust: „Was ist passiert, Jessica?“ Da begann ich zu schluchzen und er streichelte tröstend mein Haar: „Was hast du, mein Liebling?“

„Ich bin ein Monster. Ein Ungeheuer!“ Mein Gefährte entgegnete: „Nein, du bist meine Liebste. Sieh mich an!“ Er nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste meine Tränen weg: „Ich bin doch bei dir. Dir geschieht kein Leid.“ Ich schniefte und nickte. Dann legte ich meinen Kopf an seine Schulter. Mein Cornelius! Er würde mich immer beschützen, vor anderen und vor mir selbst: „Warum ist mir nur so elend zumute? Ich war mit Magnus auf Beutezug und wir überfielen ein Paar im Auto. Es waren junge Urlauber und ich war so rücksichtslos. Riss den Mann hinterm Lenkrad hervor und verbiss mich in ihm. Magnus zerfleischte die Frau. Sie sah danach schrecklich aus. Alles war schrecklich! Warum konnte ich mich nicht beherrschen, wie sonst?“ Er lächelte: „Weil du jung bist. Ich bin fast froh, dass es dir so elend ist. Das zeigt mir, dass du noch nicht gefühllos bist, wie ich zuerst dachte. Du gingst so schnell selbst auf Nahrungssuche und schienst keine Gewissensbisse zu haben. Das kannte ich von meinen früheren Gefährtinnen nicht.“ Ich schüttelte den Kopf: „Es ist nicht das Töten. Der ganze Umstand! Sie waren verliebt, jung und auf Besuch in diesem Land. Ich darf nicht mehr daran denken. Wir rissen sie vom totalen Glück ins Verderben. Das ist, glaube ich, das Schreckliche. Er nannte mich einen Teufel, solange ich trank. Ja, das bin ich!“ Cornelius verstand mich. Er zog mich enger an sich und so standen wir eine ganze Weile im eiskalten Wind. Mir kam noch ein Grund für meine Depression in den Sinn. Dieses Erlebnis zeigte mir, dass ich für Blut genauso skrupellos wurde, wie alle anderen auch. Dass in mir die Bestie wohnte und mein Verstand sie nicht völlig unterdrücken konnte.

 

In den folgenden drei Nächten auf der Burg blieb Cornelius immer bei mir. Wir genossen die Feierlichkeiten und waren so glücklich, wie nie. Es war sehr romantisch hier und ich vergaß meinen Kummer schnell.

Er kam jedoch mit dem Hunger wieder zurück und ich fürchtete mich zum ersten Mal vor der Jagd. Cornelius musste heute, am Abend der Abreise, ebenfalls trinken und so begleitete er mich. Wir zogen mit unserem Gepäck, schnell über das Land hinweg, bis wir uns über einer größeren Stadt befanden. Mein Gefährte wollte dort nach Beute suchen. Ich war einverstanden. Hier gab es sicherlich ein paar Mörder.

Wir spürten eine Gang, in einem heruntergekommenen Haus auf. Cornelius ging langsam voraus. Ich hörte vier Herzen in einem der Zimmer schlagen, roch Guinness und hörte ein Gespräch. Die Männer beratschlagten ihren nächsten Coup. Meine Muskeln spannten sich schon an, während wir uns näherten. Durch ihre Gedanken, wussten wir, wie es in dem Zimmer aussah. Cornelius fixierte die Tür, hinter der sie saßen. Dann sprang er dagegen, riss sie dabei aus dem Rahmen und landete in ihrer Mitte. Mit einer Hand packte er einen von ihnen und mit der anderen den Nächsten. Er schlug, ohne zu zögern, seine Zähne in den Ersten und umklammerte mit der anderen Hand den Hals des Zweiten. Auf einen der beiden Übrigen, sprang ich, riss ihn zu Boden und biss zu. Diesmal hielt ich mich nicht im Zaum und es kümmerte mich auch nicht. Plötzlich zerrissen Schüsse die eingekehrte Ruhe. Ich sah, wie Cornelius mit seinem Opfer umgerissen wurde und Blutspritzer durch die Luft flogen, als die Geschosse in seinen Rücken einschlugen. Mist, der Vierte! Er hatte seine Waffe gezogen und starrte jetzt auf Cornelius, bei dem die Schüsse keine Wirkung zeigten und seinen halbtoten Komplizen am Boden. Der, den mein Schöpfer festgehalten hatte, flüchtete aus der Schusslinie. Die Waffe des verwirrten Schützen entglitt auf einmal seiner Hand und rutschte blitzschnell in Richtung Cornelius über den Holzboden, der sie packte und abfeuerte. Der Typ sackte getroffen zu Boden und mein Gefährte setzte seine Mahlzeit fort, solange sein Sterblicher noch am Leben war.

Der Übriggebliebene blickte gelähmt vor Angst auf uns und seinen toten Kumpan. Ich beobachtete ihn über die Schulter meines Opfers, während ich trank. Der Anblick von zwei blutsaugenden Monstern, war zu viel für seinen Verstand.

Nachdem Cornelius seinen ausgesaugt hatte, wies er mit dem Kopf auf den Verängstigten: „Willst du noch mehr?“

Nein. Töte ihn!‘ Dabei richtete mein Liebster die Waffe, die er noch in einer Hand hielt, auf den Überlebenden und schoss ihm in den Kopf. Dann sagte er: „Komm, verstecken wir die anderen zwei.“ Ich trug meinen Toten hinter Cornelius her und wir suchten ein Versteck in diesem Haus. Unter einigen losen Dielen fanden wir eines und stopften die Körper hinein. Die Erschossenen ließen wir liegen. Wir beseitigten immer nur die Leichen mit Bisswunden, weil sie Verdacht erregen konnten. Mein Schöpfer zog nun seinen Mantel und seinen Pulli aus, damit ich die Wunden begutachten konnte. Ich erkannte vier Einschüsse im oberen Rücken, von denen man nur noch rote Punkte sah: „Was ist mit den Kugeln?“ Er grinste: „Die kommen in den nächsten Nächten wieder heraus. Unser Körper stößt Fremdkörper ab.“ Ich entgegnete: „Aha, interessant.

Das müssen wir öfters tun.“

„Wenn du willst. Ich habe nichts dagegen, aber ich brauche auch die Alleingänge.“

„Ja klar.“ Da spielt er sicher wieder den Verführer von unglücklichen Frauen, die sich an seiner Schulter ausweinten. Eigentlich war er höchst hinterhältig, wenn er ihre Lage so schamlos ausnutzte, aber er ließ sie wenigstens in Ekstase sterben. Ich grübelte, ob diese Art der Jagd mein Gewissen nicht belasten würde, wenn ich es bei unbescholtenen Männern tat. Damals mit Antonio fand ich es erregend, wie unser Opfer sich an mich gedrängt hatte, wollte, dass ich nicht mit dem Trinken aufhörte.

Wir setzten unsere Reise fort. In London erwartete uns Jacks Maschine und er war auch dort, um sich von uns zu verabschieden. Er umarmte zuerst mich und küsste meine Lippen. Dann wiederholte er dasselbe bei Cornelius, aber ihn knutschte er ab. Das machte mich jetzt eifersüchtig auf meinen Schöpfer. Hatten die beiden jedes Mal so eine intensive Abschiedsszene? Ich merkte, dass beide erregt waren und sich kaum voneinander trennen konnten. Jack küsste Cornelius immer wieder. Schließlich räusperte ich mich und meinte: „Soll ich euch ein paar Minuten allein lassen?“ Jack trat kopfschüttelnd zurück: „Nein, ist schon okay. Gute Reise!“

Unseren Briten hatte ich auf der Festwoche nur wenig gesehen. Ich war die halbe Zeit mit Magnus beschäftigt gewesen, bis mich dieses Erlebnis wachrüttelte und mir zeigte, zu wem ich wirklich gehörte. Aber Magnus war und blieb ein sehr faszinierender Unsterblicher. Ich musste noch sein Alter ergründen. Die vorherige Jagd mit meinem Gefährten, hatte mich wieder mit meinem Hunger versöhnt. Magnus Geheimnis galt es noch zu lüften.

 

Ich schlich mich, nach einigen Nächten zuhause, in das Institutsgebäude. Es war weit nach Mitternacht und das Haus war überall dunkel. Nach dem mentalen Abschalten der Alarmanlage ging ich abermals in das Aktenarchiv. Elektrische Dinge waren am einfachsten zu beeinflussen. So konnte ich das, als junge Vampirin auch schon. Na ja, ich entriegelte ja schon Fenster und Türen, was für mein Alter ungewöhnlich war. Sicher lag es an meinen telepathischen Fähigkeiten, die ich als Sterbliche hatte.

Unter seinem Namen fand ich keine Akte. Merkwürdig! Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er nicht registriert war. Die Sache wurde immer interessanter, als ich spaßeshalber bei den Vernichteten nachsah. Da stand ein dicker Einband mit seinem Namen im Regal. War das ein Versehen? Nun, ich würde es gleich erfahren, in dem ich die letzte Seite aufschlug. Es war in Latein geschrieben.

Im Jahre des Herrn 1285 weilte ein anderer der Ewigen auf Magnus Burg. Nach den Gesetzen der Ewigen ging der Besitz des Besiegten auf den Sieger eines Duells über. Doch der neue Burgherr verließ sehr bald wieder das Land. Magnus wurde seither nie mehr gesehen. Unser Orden vermutet seinen endgültigen Tod im Kampf. Seine Reste fand jedoch niemand.

 

Ich blätterte weiter nach vorn. Am besten gleich die erste Seite. Die Jahreszahl erschreckte mich. Der Bericht begann mit seiner Erschaffung und war auf ca. 890 datiert. Magnus war, sagen wir, zwischen Mitte und Ende zwanzig gewesen. Also, 860-865 und dann war er heute tausendeinhundert Jahre alt. Ein Gott! So mächtig erschien er mir nicht, aber vernichtet wurde er mit Sicherheit nicht. Sie hatten ja nur den Besitzwechsel der Burg, als Indiz. Neugierig fing ich an, darin zu schmökern. Ich stieß auf Magdalena. Seine erste Gefährtin im Jahr 1091. Er hatte sie nach christlichem Ritus auf seiner Burg geheiratet und später, war sie auch ein Dämon. Ja, das war die Szene auf dem Turm gewesen. Der Schleier und wie sie ihn angestrahlt hatte. War er mit ihr auch so brutal gewesen, wie mit der Urlauberin? Wenn er ein Gott war, dann sah es vielleicht nur brutal aus. Er musste eine enorme Körperkraft besitzen, die solche Verletzungen leicht herbeiführte. So war es sicherlich gewesen und ich hatte ihm Unrecht getan. ‚Ach, mein schöner Magnus! Wo treibst du dich herum?‘ Schon der Gedanke an unsere Liebesnacht, ließ mich feucht werden und meine Scham pulsieren. Ich musste ihn unbedingt wiederfinden. Antonio wusste bestimmt etwas über ihn. Ich stieß noch auf einen anderen Namen in seinem Lebenslauf. Die blonde Catherine! Antonios Schöpferin! Magnus und sie verband ab 1282 eine sehr leidenschaftliche Affäre, die bis zu seinem Verschwinden andauerte. Also, drei Jahre. Catherine hatte aber Jonathan, als Gefährten, der auch ihr Erschaffer war.

Nun begrub ich meine Pläne, ihn für mich zu gewinnen, sofort. Was würde er schon von mir jungem Ding wollen? Seine alte Liebe war fast achthundert Jahre alt. Aber zumindest kannte ihn Antonio sicher näher und auch Martin. So, wie Magnus mit ihm geflirtet hatte. Plötzlich drang jemand in meinen Kopf ein: ‚Ich habe die neue Akte von Magnus.

Ich vernahm jetzt erst den Puls eines Menschen, der näher kam. Es war mein ehemaliger Boss. Er lehnte sich an den Türrahmen und hielt die dünne Akte in einer Hand hoch: „Er war wohl im Komaschlaf und ist vor drei Jahren zurückgekehrt. Er ist so stark, wie er einst war, als er sich niederlegte.“ Er beobachtete mich ganz genau, weil er Angst vor mir hatte. Ich war nun nicht mehr seine Kollegin, sondern nur noch eine Unsterbliche. Ich entgegnete: „Bist du sein Beobachter?“ Er lächelte: „Ja, seit er auferstanden ist. Er war einige Zeit wieder mit Catherine zusammen und nun lebt er in Florenz. Zuerst tauchte er in Arizona auf, trieb sich mit einer unsterblichen Rockerbande herum und reiste dann mit Catherine zu Antonio. Da kam es dann aus Eifersucht zu einem Duell zwischen Martin und Antonio, weil Magnus eine Liebelei mit Martin angefangen hatte. Antonio verschonte allerdings seinen Liebhaber und sie versöhnten sich wieder. Du hattest Kontakt mit Antonio. Imponiert er dir?“ Ich nickte: „Ja, natürlich. Er ist nicht umsonst, der heimliche Herrscher der Stadt. Aber er ist kein Monster, wie viele ihn sehen. Er genießt jedoch diesen Ruf, weil es ihm viel Ärger mit anderen erspart.“ Er betrachtete mich einige Zeit. Wie er mich wohl sah? Ich wusste nicht, wie ich jetzt auf Sterbliche wirkte, weil wir Unsereins mit anderen Augen wahrnahmen. „Du genießt dein neues Leben noch?“, fragte er. Ich lächelte breit, dass er meine Zähne sah: „Ja, natürlich. Ich würde die Erfahrung nie missen wollen. Es ist etwas völlig anderes, aber auch das wird zur Gewohnheit. Viel zu schnell! Schon komisch, was nun normal ist. Du erfährst doch sicher die Dinge über mich?“

„Schon, aber es bezieht sich nur auf das, was du tust. Du weißt es ja selbst.“

Bis jetzt hatte ich mich nie darum gekümmert, ob ich beobachtet wurde. Das war mir inzwischen gleichgültig. Ich hatte mein Leben mit Cornelius, ging in den Club, vergnügte mich mit Martin und besuchte tolle Partys. Manchmal plagten mich Zukunftsängste. Was war, wenn ich und mein Schöpfer nicht mehr zusammen waren? Dann musste ich mir ein eigenes Revier suchen, oder eins zur Untermiete bei einem mächtigen Mann. Das war in unseren Kreisen auch nicht anders, als bei den Sterblichen. Eine junge Unsterbliche suchte sich einen mächtigen Partner mit gutem Jagdrevier, um sicher durch das riskante erste Jahrhundert zu kommen. Denn wir Jungen wurden gern von den Älteren getötet, weil sie Konkurrenz befürchteten. Doch ich hatte den Frauenbonus. Die meisten unsterblichen Männer wollten eine Neue in ihrem Revier lieber ins Bett kriegen, als sie zu vernichten. Vielleicht würde Antonio mich noch aufnehmen. Mich drängte es nun nach draußen. Vorerst war ich mit den Informationen zufrieden und ich kannte Magnus Aufenthaltsort. Florenz!

Ach, Cornelius. Was mache ich mit dir? Hatte Antonio Recht, wenn er sagte, ich dürste nach den Mächtigen? Aber ich konnte Magnus eben nicht vergessen. Hatte er in Florenz eine Gefährtin, oder lebte er allein? Das hatte ich jetzt gar nicht gefragt.

Zuhause ging ich noch unter die Dusche, bevor ich mich schlafenlegte. Dabei dachte ich über diese menschliche Angewohnheit nach. Meine Haut brauchte nur alle drei Nächte ein Bad. Da hatte sich dann ein schweißiger Film auf ihr gebildet, der allerdings nicht roch. Martin hatte mir erklärt, dass dies die Überreste unserer Mahlzeiten waren. Die Abfallstoffe wurden über die Haut ausgeschieden. Cornelius badete ab und zu, obwohl das zu seiner Zeit nicht üblich war. Da machten die Menschen ein bisschen Katzenwäsche. Martin hatte, was die Hygiene anging, ganz menschliche Vorstellungen. Er benutzte Haarspray, Shampoo, Duschgel und sogar After Shave. Ich denke, es waren einfach die früheren Gewohnheiten. Eine weitere Feststellung meinerseits, war mein höheres Gewicht, seit der Umwandlung, obwohl ich schlanker war. Es schwankte natürlich, je nach der Blutmenge in meinem Körper. Martin bestätigte meine Vermutung, es käme von mehr Muskeln und schwereren Knochen. Er meinte, dass wir das für unsere gesteigerten Kräfte bräuchten. Die Schnelligkeit, unsere Sprünge und Stärke würde einen menschlichen Körper in Kürze zu einem Wrack machen. Er gestand mir, dass er in seiner Gefangenschaft in dem Militärlabor, mit einer Forscherin angebandelt hatte. Zuerst wollte er durch sie freikommen, aber als Antonio das ganze Labor zerstörte, wollte er ihr Leben retten. Danach besuchte er sie noch einige Male in ihrer Wohnung, um ihre Erkenntnisse zu erfahren.

Cornelius lag schon in unserem Bett, als ich aus dem Bad kam und hielt ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Er sah kurz auf und lächelte mir zu. Da befiel mich mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Andererseits heckte ich einen Plan aus. Ich musste unbedingt Magnus wiedersehen: „Liebling, ich würde gern verreisen.“ Cornelius ließ das Buch abermals sinken: „Und wohin?“ Ich lächelte und schlüpfte unter die Decke: „In deine alte Heimat. Die Toskana! Da war ich noch nie. Du beschreibst es immer so schön.“ Mein Schöpfer strahlte mich an: „Mit Vergnügen. Ich war schon lange nicht mehr dort und spiele gern den Fremdenführer für dich.“ Dann küsste er mich stürmisch und ich dachte: ‚Jessica, was bist du für ein heimtückisches Biest.‘ Aber ich konnte ihn nicht verlassen, solange ich nicht wusste, was ich wollte. Also, blieb nur die gemeinsame Reise zu Magnus und ich hoffte, es würde sich dort dann klären.

 

In nächster Zeit organisierte Cornelius unseren Aufenthalt in Italien. Erste Station war natürlich Florenz, wo er für uns eine Luxussuite im „Excelsior“ buchte. Danach begann dann der Abenteuerurlaub auf Vampir-Art, wie er scherzhaft sagte. Ich ahnte, was das bedeutete. Den Tag in irgendwelchen schäbigen Schlupfwinkeln verbringen zu müssen. Sein Kommentar war: „Jessica, du bist ein ganz schön verwöhntes Luder.“ Jack schickte uns seinen Privatjet für den Flug über den Atlantik. Wir hatten das Frühjahr, als Reisezeit gewählt, wenn alles blühen würde. „Kommt er auch mit? Das wäre doch witzig“, meinte ich. Cornelius erwiderte lächelnd: „Er begleitet uns nur in Florenz. Da möchte er auch mal wieder hin.“ Ich schmunzelte: „Alte Erinnerungen auffrischen!“ Darauf sagte er nichts. Jacks Anwesenheit, würde Cornelius auf jeden Fall ein wenig von mir und meinem Treiben ablenken. Ich konnte die Abreise kaum erwarten.

Bald jeden Abend vor dem Erwachen träumte ich von Magnus. Er erwarte mich sehnsüchtig und ich sah ihn an einem steinernen Geländer stehen und auf die Stadt blicken. Sein langes, blondes Haar wehte im Wind und seine blauen Augen strahlten, wie Saphire in der Dunkelheit und er lächelte mir zu. Ich komme, mein Prinz!

Für die Tage im Hotel hatte mein Gefährte große Alu-Gepäcktruhen bestellt, in denen wir schlafen konnten. Sie wurden kurz vor der Reise geliefert. Wir verstauten unsere Klamotten für den Aufenthalt darin. Dort müssten wir sie sowieso in den Schrank räumen. Die großen Alu-Kisten wurden schon nachmittags von unserem Chauffeur zum Flughafen gebracht und als Fracht eingecheckt.

 

Als ich erwachte, hatte Cornelius noch das Nötigste in kleine Taschen gepackt. Ich suchte ebenfalls noch etwas zusammen. Mein Gefährte stand im Flur und wartete auf unsere Limousine. Schließlich wurden wir zu Jacks Maschine gebracht. Drinnen machten wir es uns in den Ledersesseln bequem, bis zum Start. Bevor das Flugzeug abhob, mussten wir auf unbequemere Sitze ausweichen, um uns anzuschnallen. Das Dröhnen der Triebwerke ließ meinen ganzen Leib erzittern und wir fuhren erst langsam zur Startbahn. Ich betrachtete das geschäftige Treiben auf dem Rollfeld, bis wir stoppten. Nun begannen ein Erdbeben und ein Tornado zugleich, als die Düsen auf volle Kraft hochfuhren und die Maschine losstürmte. Der Lärm war ohrenbetäubend und wurde erst schwächer, als wir abhoben. Uns blieben noch einige Stunden, bevor wir in den Morgen fliegen würden. Unser Einschlafen war ganz anders, wie als Mensch. Zuerst spürte ich eine Enge in der Brust, dann wurden meine Beine schwerer, danach die Arme und ich konnte mich schließlich kaum noch bewegen. Ich fühlte mich immer schwächer und zuletzt wurden meine Lider schwer und fielen zu. Cornelius und ich legten uns in Jacks Schlafkabine. Vor dem Einschlafen fühlte ich schon leicht meinen morgigen Hunger. Ein leichtes Zerren kroch durch meinen Körper. Ich würde bei der Zwischenlandung in London trinken müssen.

 

Wir kreisten gerade über Heathrow, als ich aufwachte. Cornelius saß schon auf seinem Sitz und lächelte mir zu, als ich ebenfalls Platz nahm. Mein Hunger machte mir zu schaffen. Durch das Dröhnen der Maschine hindurch hörte ich den Herzschlag der Piloten. Zum Glück roch ich sie nicht. Cornelius beobachtete mich besorgt. Er wusste, was in mir vorging. Ich lauschte unbewusst dem Puls der beiden, spielte nervös mit den Fingern und die Gier ballte sich im Bauch zusammen. Der Drang, zum Cockpit zu gehen, wurde immer stärker.

Mein Schöpfer saß plötzlich neben mir und zog meinen Kopf an seinen Hals. Ich biss sogleich zu und schämte mich dabei sehr, dass ich so schwach war.

„Du bist noch sehr jung. Es wird besser mit der Zeit. Trink so viel, bis du es aushältst.“ Ich ließ kurz darauf von ihm ab und fühlte mich tatsächlich besser. Die Gier war verschwunden und das Zerren der Adern schwächer. Nun konnte ich mir Jacks Beherrschung lebhaft vorstellen, als er mich hungrig durch die Luft getragen hatte. Wirklich bewundernswert! Aber dafür mussten die hungernden Vampire in den Verliesen der früheren Organisation, schrecklich leiden. Man hatte sie eingesperrt, um zu sehen, was mit ihnen ohne Blut geschah. Der Geruch von Menschen in der Nähe und der Puls, der durch die dicken Mauern drang, war die reinste Folter für sie gewesen und sie verloren schließlich den Verstand, nachdem sie ihre Peiniger noch nach Blut angebettelt hatten. Da schwand ihr Vampir-Stolz dahin. Danach tobten sie, wie wilde Bestien in ihrem Gefängnis und fielen übereinander her, um sich das letzte Blut auszusaugen. Ihre Leiber wurden immer ausgezehrter und ihre Kraft sank. Später erlöste sie das Koma von ihren Qualen. Um ihrer Rache zu entgehen, hatten die Mitglieder die Körper der Sonne ausgesetzt. Das war im späten Mittelalter gewesen. Diese Dinge wurden heute unter den dunklen Kapiteln des Instituts gesehen.

Ich entspannte mich, legte eine Hand auf Cornelius Schoß und sah auf die Lichter von London hinunter. Dann erkannte ich die Lampen der Landebahn, die immer näher kamen, bis ich heftig durchgerüttelt wurde. Unser Flieger war schließlich geparkt und die Tür wurde geöffnet. Da erschien schon Jacks Bentley. Ob Lorraine ihn begleiten würde? Wahrscheinlich nicht, nachdem ich die ganze Geschichte kannte. Jetzt war mir auch klar, wieso sie nie mit nach San Francisco kam. Sie hatte vermutlich Angst, ihre Gedanken Cornelius gegenüber, könnten sie bei Jack verraten. Nun musste ich allerdings auch meine verschließen, damit er es nicht durch mich erfuhr.

Jack kam freudestrahlend auf uns zu und riss Cornelius stürmisch in seine Arme. Diesmal klopfte er ihm nur die Schultern und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf jede Wange. Ja, ja, die menschlichen Zuschauer. Sein Chauffeur sollte wohl nicht auf die Idee kommen, sein Boss wäre vom anderen Ufer. Die Engländer waren in der Hinsicht noch sehr konservativ und bis in die 70er war Sex zwischen Männern strafbar. Durch meine Arbeit im Institut wusste ich, um die grausamen Strafen für Homos, in früheren Zeiten. Die Hinrichtung war den Leuten für solche Abartigkeiten oft nicht genug. In Spanien wurden die Männer zum Beispiel, einen ganzen Tag vor der Hinrichtung am Schwanz an den Pranger genagelt.

Mich küsste Jack auf den Mund zur Begrüßung und flüsterte: „Du bist ja hungrig!“ Ich nickte: „Ich muss mir auf dem Gelände noch jemanden suchen.“ Cornelius kam neben uns und meinte zu ihm: „Ich geh mit ihr rüber zum Gebäude. Wir sind bald zurück.“ Jack erwiderte: „Gut. Sie müssen sowieso noch auftanken, bevor wir starten.“

In der Ankunftshalle war, das grelle Licht und die vielen Menschen gewöhnungsbedürftig. Ohne das Blut meines Gefährten könnte ich das nicht lange durchstehen. „Nimm jemanden, der ankommt. Das fällt nicht so schnell auf, wenn er nicht mehr auftaucht“, sagte er leise zu mir. Er zog mich in Richtung der Toiletten und wies auf das Herrenschild. Dann steckte er mir ein kleines Messer zu und sagte: „Keine Zähne! Also, los.“ Es ging gerade ein Mann hinein. Ich zögerte. Jetzt sollte ich einen harmlosen Touristen abstechen. Mein Hunger war nicht so groß, als dass es mir völlig egal gewesen wäre. Allerdings wollte ich Cornelius beweisen, dass ich eine starke Unsterbliche war und folgte dem Menschen. Mein Schöpfer passte vor der Tür auf, ob jemand kam. Der Sterbliche stand an dem Pissoir, als ich mich anschlich.

Ich wartete, bis er sein Teil wieder eingepackt hatte, zog ihn in eine Klokabine und umklammerte ihn von hinten. Das Messer in meiner linken Hand, stach ich ihm in die Schlagader und presste sofort meinen Mund darauf, damit nicht zu viel aus der Wunde spritzte, als ich es wieder herauszog. Er stöhnte und wehrte sich heftig, bis er so viel Blut verloren hatte, dass er nur noch in meinen Armen hing. Da schnitt ich seinen Hals weiter auf, um den Rest einzusaugen. Nachdem ich mir alles einverleibt hatte, lehnte ich mein blutiges Gesicht an die Trennwand und wartete kurz, bis mein Verstand sich einigermaßen klärte. Dann stieg ich über den Toten, wusch mein Gesicht und das Messer am Waschbecken, steckte es ein und ging. Cornelius wartete schon ungeduldig und wir verließen schweigend die Halle. Draußen gab ich ihm sein Messer zurück und wir erhoben uns in die Luft, um kurze Zeit später neben Jacks Maschine aufzusetzen. Der Flug nach Florenz würde drei Stunden dauern.

„Na, da seid ihr ja endlich“, begrüßte uns Jack mit einem schelmischen Lächeln. ‚Hat’s geschmeckt?‘, fragte er mich stumm. Ich setzte mich auf meinen Startstuhl: ‚Aber es war kein Genuss. Nur zum Sattwerden.‘ Er nickte wissend: ‚So ist es manchmal, wenn es nicht anders geht.

 

Das Hotel „Excelsior« war sehr elegant mit Antiquitäten aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet und von unserer Suite hatten wir einen traumhaften Blick auf den Arno. Es hingen auch viele Ölgemälde an den Wänden und Statuen aus Marmor standen überall herum. So stellte sich eine Amerikanerin, wie ich, Europa vor. Jack und Cornelius saßen auf den Biedermeiersesseln und unterhielten sich, solange ich auf dem Balkon stand und die Aussicht genoss. ‚Endlich bin ich da, Magnus! Hörst du mich? Bitte, zeige dich bald‘, schickte ich hinaus. Doch ich erhielt keine Antwort. Seufzend gesellte ich mich zu den beiden. Aber ich spürte die Unruhe, die Energie von meinem frischen Trunk. Ich musste noch hinaus. „Ich geh noch. Hier drin werde ich sonst verrückt“, sagte ich. Cornelius lachte: „Ist schon gut. Du bist eben aufgekratzt. Pass aber auf, wegen anderen. Ich habe in der Nähe zwar keinen gespürt, aber trotzdem.“

„Ja, klar. So unerfahren, bin ich nun auch nicht mehr.“

Dann schwebte ich vom Balkon aus in die Luft. Mir war klar, dass sie sich bestimmt gleich zusammen aufs Bett warfen. Jack hatte sich schon den ganzen Hinflug beherrscht, Cornelius nicht anzugrabschen. Komisch, dass sie sich so selten trafen, wenn sie jedes Mal so scharf aufeinander waren. Oder bestand darin gerade der Reiz? Ich betrachtete zuerst die Bauwerke aus der Luft. Der Dom hob sich imposant aus dem Häusermeer heraus. Schließlich landete ich an der Rückseite, setzte mich dann auf die Treppe vor den Eingang, wie viele andere Touristen, um die Leute zu beobachten. Ich erkannte einige Landsleute und musste lächeln, wie sie tratschten und nebenher ihre Cola-Dosen leerten. Plötzlich hörte ich ‚Jessica‘ im Kopf.

Sofort blickte ich um mich, aber es war keiner von uns in der Nähe. Ich spürte keine Aura und entdeckte auch niemanden. Hatte ich es mir nur eingebildet? Ich beschloss, noch einmal nach Magnus zu rufen: ‚Mein Prinz, wo bist du? Ich möchte dich gerne wiedersehen.‘ Es kam abermals kein Erwidern. Also, Täuschung! Ach, Gott! Was hatte ich mir nur eingebildet? Ich war für ihn doch nur ein One-Night-Stand gewesen. War die ganze Reise umsonst? Meine Enttäuschung trieb mich weiter durch die Stadt. Ich schlenderte an den Uffizien vorbei zum Fluss. Dort starrte ich eine Weile auf das Wasser, als sich ein merkwürdiges Gefühl in meine Glieder schlich. Etwas war da. Ein Artgenosse, der seine Schwingungen verbarg? In der nächsten Sekunde war das Gefühl wieder verschwunden. Wurde ich langsam verrückt vor Sehnsucht?

Mein Weg führte über die Ponte Vecchio, weiter zum Palazzo Pitti. Alles war nachts schön angestrahlt. Ich überlegte, ob ich in den Garten des Palastes sollte. Dort konnte ich mir meinen Kummer von der Seele heulen. Gedacht, getan! Ich flog über das Gebäude in den riesigen Garten dahinter. Er war natürlich menschenleer. Eine Weile spazierte ich über die Kieswege und lauschte den Geräuschen der Nacht. Dem Wind in den Bäumen und dem Rascheln in den Büschen. Bei den großen Brunnen mit den Marmorfiguren darin, legte ich mich auf die Wiese und die Tränen kullerten schon. Ich drehte mich halb auf den Bauch und vergrub mein Gesicht zwischen den Armen. Mein Schluchzen durchbrach die Stille der Nacht. Nur das Wasser des Brunnens plätscherte noch. Da hörte ich es wieder ‚Jessica!‘ rufen. Nein, das konnte keine Einbildung sein. Ich sah auf, durchforschte die Umgebung mit meinen scharfen Augen, da huschte ein Schatten unter den Bäumen hindurch. Verdammt, das war einer von uns. Keine Herzschläge und kein Geruch. Ich bekam Schiss. Wer war das? Ich sprang auf die Füße, blickte immer noch zu der Stelle bei den Bäumen, als hinter mir jemand sagte: „Endlich, bist du gekommen, Jessica!“ Der Schreck fuhr mir in Mark und Bein und ich wirbelte herum.

Da stand er. Groß, mit hellblondem, wallendem Haar, leuchtend blauen Augen und einem herzerweichenden Lächeln: „Ich habe dich erwartet, meine Jägerin.“ Ich war sprachlos. Träumte ich schon wieder? Stammelnd erwiderte ich: „Erwartet?“ Er nahm mich in seine Arme und hauchte: „Ja, du hast so intensiv an mich gedacht. Das musste ich hören.“

Dann legte er seine Lippen auf meine und in mir begann ein Feuerwerk. Ich zerrte ihn zu Boden, riss sein Hemd auf und er ließ sich alles grinsend gefallen. Die Begierde tobte, dank des Trunks, wie verrückt in mir und sein Eindringen war die reinste Erlösung. Er ritt mich hart, wie in unserer ersten Nacht und ich spürte seine Zähne in meinen Hals dringen. Ich liebte es, so vollkommen von einem Liebhaber in Besitz genommen zu werden. Das hatte etwas, von verschlungen werden, von absoluter Hingabe und das erregte mich sehr. Er steckte mir kurz vor unserem gemeinsamen Höhepunkt, seine blutige Zunge in den Mund. Ich begann zu saugen und sah das Bild von ihm, wie in meinem Traum. Er stand am Marmorgeländer, die Haare wehten und er lächelte. Dann durchfuhren mich die Hitzewellen und ich schlug ihm meine Nägel ins Fleisch. Ohne uns eine Pause zu gönnen, machten wir weiter. Wie ausgehungerte Raubkatzen! Wir leckten uns zwischendurch gegenseitig die Wunden, von den Bissen und Fingernägeln, bevor er mich ein weiteres Mal bestieg. Seine Stöße waren die heftigsten, die ich kannte und seine Wildheit unübertroffen. Ein richtiges Raubtier! Hatte das Catherine auch so gefallen, dass sie nicht von ihm lassen konnte? „Sie brauchte einen starken Mann, genau wie du. Keinen Schwächling!“

Magnus schmiegte sich an meinen Rücken, nach dem letzten Akt und schob schon wieder seine Hand zwischen meine Beine und küsste meinen Nacken. Ich ließ es mir gefallen, wartete ab, was er vorhatte. Seine Finger stimulierten mich, als wir seitlich im Gras lagen, aber ich ersehnte ihn abermals und drehte mich auf den Bauch. Er streichelte und küsste meinen Rücken, knetete meine Schenkel und ich vernahm das Grollen aus seinem Rachen. Ich spürte sein Gewicht auf mir und da packte er mein Genick mit den Zähnen und spießte meinen Hintern auf. Das war neu für mich, brachte mir aber nicht die Befriedigung, die ich suchte. Er schien meine geringere Begeisterung zu bemerken, denn er hörte auf, zog mich auf die Knie und nahm den Vordereingang. Schon besser! Seine Leidenschaft schien grenzenlos zu sein. Er bekam gar nicht genug. Da sagte er: „Du bist eben eine unwiderstehliche Frau und ich weiß, dass du meine Fantasien teilst.“

„Was sollen das für Fantasien sein?« Magnus antwortete: „Komm mit mir nach Hause! Ich habe eine schöne Villa auf den Hügeln, die ganze Stadt als Jagdrevier und keine Partnerin. Bleib bei mir!“ Ich sah ihn ungläubig an: „Du machst Witze, oder?!“ Er schüttelte ernst den Kopf: „Ich scherze nicht. Verlass Cornelius!“ Ich glaubte, im falschen Film zu sein. Mein Traummann vögelte mich nicht nur nach Strich und Faden durch, sondern machte mir auch noch einen Antrag. Ach, herrje! Was hatte ich mir wieder eingebrockt? „Das geht nicht so einfach“, begann ich. Mein Prinz streckte sich im Gras aus: „Und warum nicht? Was hält dich?“ Ich richtete mich auf und zupfte an den Grashalmen: „Na ja, er ist mein Schöpfer und er liebt mich.“ Er murrte verächtlich: „Du glaubst, du bist ihm deswegen verpflichtet? Jessica, wir sind niemandem etwas schuldig. Leg deine menschliche Denkweise ab. Hör auf deine Gefühle!“ Ja, die schrien „Hurra“ und gingen sofort mit ihm: „Bitte, lass mich darüber nachdenken. Ich kann das nicht einfach so entscheiden.“ Magnus verdrehte die Augen und erwiderte: „Gut. Überlege es dir, solange du noch in Florenz bist. Ich weiß, wie es da drin aussieht.“ Dabei legte er einen Finger auf meine Brust. „Mach dich nicht unglücklich!“ Er griff nach seiner Lederhose und stieg hinein. Ich merkte, dass er gekränkt war, aber ich konnte doch nicht alles plötzlich hinter mir lassen. Ich wollte Cornelius nicht weh tun, aber auf der anderen Seite war ich total ihn Magnus verliebt. Das hatte ich heute gemerkt. Ich war ihm verfallen. Wie er mich jetzt trotzig ansah, mit entblößtem Oberkörper dastand und sein Haar wirr herunterhing, war er absolut verführerisch. Dieser Mann akzeptierte kein „Nein“. Er würde mir die Entscheidung sehr schwer machen. „Du machst es dir schwer. Ich verlange einfach nur, dass du auf dein Herz hörst. Mehr nicht!“ Dann wandte er sich ab und ging über die Wiese davon.

Da hockte ich nun nackt und allein im Gras mit einer Entscheidung, die mein ganzes Dasein verändern könnte. Cornelius würde sicher auch nicht so ohne Weiteres aufgeben. Ich erinnerte mich an seinen Kummer wegen Antonio. Hoffentlich forderte er Magnus nicht zum Duell. Ich könnte mir nie verzeihen, wenn er wegen mir sterben müsste.

Niedergeschlagen kehrte ich ins Hotel zurück. Die beiden lagen ausgezogen auf dem Bett, hielten sich im Arm und redeten. Hatte er wenigstens auch seinen Spaß gehabt. „Hi, Jessica! Wie war’s?“, fragte Jack. Ich zwang mich zu einem Lächeln: „Schön. Die Stadt gefällt mir.“ Cornelius winkte mich zu sich: „Komm, setz dich her.“ Ich gehorchte, aber ich konnte ihm nicht in die Augen sehen. Er strich mir die Strähnen aus dem Gesicht, küsste meine Wange und dann meine Lippen. Ich schob ihn sanft von mir weg: „Nicht jetzt!“ Und trat auf den Balkon hinaus. Die Tränen stiegen mir in die Augen, weil ich alles einstürzen sah. Mein Leben mit Cornelius, die Freundschaft mit Jack. Dieser stand plötzlich hinter mir und legte seine Hand auf meine Schulter: „Was bedrückt dich?“ „Ach, nichts!«, erwiderte ich. „Nach Nichts sieht es aber nicht aus.“, sagte er und wischte über einige Tränen auf meiner Backe. „Möchtest du darüber reden?“ Ich schüttelte nur den Kopf und er fuhr fort: „Wir machen uns beide Sorgen um dich. Warum willst du uns nicht sagen, was dich so beschäftigt?“ Ich schluchzte: „Ich kann nicht, Jack. Noch nicht!“ Er löste sich von mir und ging wieder hinein. Cornelius erschien an der Balkontür und seine versteinerte Miene sagte alles. Er ahnte sicher, was auf ihn zukam. „Verzeih mir! Ich kann nichts dagegen tun“, sagte ich zu ihm. „Erspare mir die Entschuldigungen. Es ist deine Entscheidung!“, erwiderte er ruhig, aber ich spürte seine Wut auf mich. „Du kannst bei Jack schlafen, bis du dich entschieden hast“, fügte er im Weggehen noch hinzu. Irgendwie fühlte ich mich jetzt leichter. Es war heraus und ich hatte die Wahl. Mein Gefährte hatte wohl schon resigniert, weil er wusste, dass er dem Rivalen nichts entgegenzusetzen hatte. Er hatte sicher meine Gedanken gelesen oder meine Rufe nach Magnus gehört. Mein Prinz war viel mächtiger, hatte ein riesiges Revier, war absolut attraktiv, ein unschlagbarer Liebhaber mit einem Schwanz, wie ein Hengst und das Wichtigste: Ich liebte ihn mit Haut und Haaren. Antonio hatte recht behalten, als er sagte, ich würde Cornelius sofort für einen Mächtigeren verlassen. Er schien wirklich in meine Seele sehen zu können. Das Morgengrauen beendete meine Grübeleien. Ich legte mich in eine der Kisten, schloss den Deckel und schlief gleich ein. Im Dämmerschlaf hörte ich die zwei noch reden. Sicher über mich!

 

Jack hielt mich im Arm, als ich aufwachte. Er hatte bei mir geschlafen und wollte wohl noch nicht aufstehen. Er sagte: „Cornelius ist auf Jagd.“ „Ach so.“ Jack strich über die verheilenden Wunden auf meiner Schulter: „Sag, von wem sind die Male?“ Ich stieß den Deckel auf: „Lassen wir das Thema, bitte.“ Er folgte mir ins Bad: „Cornelius ist sehr enttäuscht und verletzt. Er ahnt, dass du nicht wegen ihm hierher wolltest. Es macht ihn wütend, dass du ihn so ausgenutzt und hintergangen hast.“ Ich betrachtete ihn, in seiner Blöße im Spiegel, wie er hinter mir an der Tür stand. „Ich kann ihn verstehen, aber ich musste den anderen einfach wiedersehen. Das beschäftigte mich seit dem Fest.“ Jack kam näher: „Dann kennst du ihn von da? Warum verrätst du seinen Namen nicht?“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein. Erst, wenn ich mich entschieden habe. Ich will keinen Kampf zwischen den beiden. Das mit dir und Cornelius hat mir damals gereicht.“ Jack seufzte: „Du hast ein Talent, Männern weh zu tun.“ Ich wusste, dass das eine Anspielung auf sich selbst war. Er hatte wohl sehr darunter gelitten. „Mehr, als du denkst. Aber Cornelius ist mein Freund und ich missgönnte ihm das nicht. Er sollte glücklich mit dir werden.“ Dann verließ er den Raum und zog sich an.

Toll! Jetzt war ich die Böse, die die Typen nur ausnutzte und dann wegwarf. Aber ich war hin und her gerissen zwischen Magnus und meinem Schöpfer. „Ach, Jack. Was soll ich nur tun?“, sagte ich und trat ins Zimmer. Da stand mein Prinz vor der Balkontür, lächelte mich an und Jack fixierte ihn misstrauisch, sagte aber nichts. Ich sah, dass er großen Respekt vor Magnus hatte. Gebieterisch sagte er zu Jack: „Lass uns allein!“ ,schritt auf mich zu, zog mich in seine Arme und küsste mich. Die Erregung erfasste mich sofort. Magnus wandte sich noch einmal zu Jack um, der immer noch wie erstarrt dastand: „Willst du uns zusehen, oder auch mitmachen?“ Dabei lächelte er verschlagen. In Jack tobte der Zorn, aber er beherrschte sich und verschwand schließlich in die Luft. „Magnus, das war aber nicht nett von dir. Er ist eben Cornelius Freund und du der Rivale.“ Er trug mich zum Bett: „Er soll nur wissen, wer hier der Herr über diese Stadt ist. Ich dulde deine Begleiter, weil ich weiß, dass sie wieder verschwinden.“ Mein Prinz legte mich nieder und streifte sich, während er mich küsste, seine Hose ab und wollte mich nehmen. Ich war schon wieder so scharf auf ihn, dass ich fast nicht mehr klar denken konnte. Keuchend sagte ich: „Meinst du, wir kommen überhaupt zum Jagen, wenn ich bei dir wohne?!“ Magnus grinste: „Ich kann dir was bringen, wenn du willst. Ich sehe gern zu.“

„Nein. Das mach ich lieber allein.“ Er nickte: „Gut. Ich hingegen, habe nichts gegen deine Anwesenheit. Das turnt mich eher an.“ Seine Essgewohnheiten waren wohl das Einzige, was mich abschreckte. Na ja, ich wusste ja nicht, ob er immer so brutal war. „Macht es dir was aus, wenn wir irgendwo anders hingehen? Ich möchte Cornelius nicht noch mehr weh tun.“ Er sprang vom Bett: „Okay. Du bist zu rücksichtsvoll. Gehen wir zu mir. Dann kannst du gleich dein neues Heim besichtigen.“

„Wenn es denn mein neues Heim wird!“, gab ich zu bedenken. Er nickte schmunzelnd: „Ja, ich vergaß!“

Nachdem ich eine Jeans und T-Shirt übergezogen hatte, konnten wir los. Magnus blickte zur Decke, lächelte und sagte: „Sie sind in der Nähe und warten ab. Zu feige, um näher zu kommen und so wütend. Sie würden mich am liebsten zerfleischen.“ Ich zog an seinem Arm: „Bitte lass sie. Komm, gehen wir einfach.“ Als ich mit ihm auf dem Balkon stand, empfing ich Cornelius Stimme: ‚Wenn du jetzt mit ihm gehst, brauchst du nicht mehr zurückzukommen. Ich werde mit Jack abreisen und deine Sachen hier lassen. Du kannst sie dann abholen, wenn wir weg sind.‘ Das war wohl jetzt das Ende. ‚Was soll ich sagen zum Abschied? Ich habe dich nicht böswillig betrogen. Ich wusste nicht, was ich wollte und jetzt ist mir klar, dass ich Magnus liebe. Leb wohl!‘ Damit stieg ich empor, fasste Magnus Hand und ließ mich von ihm mitziehen. Ich erhielt keine Botschaft mehr von meinem Schöpfer.


 

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