7, Siebzehn

In den nächsten Tagen fühlte Toni sich wie der König der Welt. Nicht nur, weil er endlich Sex mit Lydia gehabt hatte, sondern auch, weil die Art und Weise, wie es passierte  ihm auch einiges an Anerkennung bei seinen Freunden verschafft hatte.

Sogar von Max, der sonst sehr schwer zu beeindrucken war. Nachdem Toni ihm die Geschichte mit dem breiten Grinsen, das er seit Samstag nicht mehr aus dem Gesicht bekam, noch auf der Party erzählt und sie dann vielleicht auch ein bisschen ausgeschmückt hatte, starrte der ihn erst schweigend und mit großen Augen an, um ihm danach anerkennend auf den Rücken zu klopfen. "Alter, Respekt! Sowas hab ich dir echt nicht zugetraut! Sogar ich hab sowas noch nicht hinbekommen. Scheint so, als müsste ich das dringend nachholen, kann ja nicht angehen, dass du mich da übertrumpfst!" Dann schüttelte er lachend den Kopf und schnalzte mit der Zunge. "Man, man, man, wer hätte das von unserer kleinen Lydia gedacht?! Ich glaub, Sarah würd ich zu sowas nie bekommen."

"Na, dann streng dich mal an, du Nulpe," erwiderte Toni feixend und Max versetzte ihm einen derben Schlag gegen die Schulter. "Pass bloß auf!" erwiderte er gespielt ernst und dann lachten sie beide laut.

Toni fühlte sich großartig und wen störte da schon die Tatsache, dass er während er mit Lydia geschlafen hatte, die ganze Zeit an Oliver gedacht hatte? Das war doch nur eine völlig unbedeutende Kleinigkeit, die niemanden etwas anging und die auch nie irgendjemand herausfinden würde!

Sex war jetzt absolut kein Problem mehr, sie hatte am Sonntag gleich wieder welchen- im Schrebergartenhäuschen von einer von Lydias Freundinnen, das sie ihnen mit einem Augenzwinkern angeboten hatte, nachdem Lydia die richtigen Anspielungen gemacht hatte. Auch das Häuschen war absolut unromantisch mit seinen Eichenmöbeln, den Säcken Blumenerde in einer Ecke und irgendwelchem Krimskrams in der anderen und es war auch so kalt, dass sie sich nur das Nötigste auszogen, aber wichtig war bloß, dass Toni jetzt wusste, wie es ging und er sich kein bisschen unbeholfen mehr fühlte. Weder beim Küssen, noch beim Rummachen, noch beim Sex, es klappte alles, wie es sollte.

Dass eigentlich immer Gedanken an Oliver, Alkohol oder auch beides gleichzeitig beteiligt waren, wenn es mit Lydia körperlich wurde, war auch völlig egal. Toni fühlte sich bestens, weil er endlich ganz auf dem Weg der Normalen angekommen war und nur das zählte!

Sogar Peter mit seinen furchtbaren Anwandlungen konnte ihm die gute Laune erst einmal nicht verderben.

Aber unglücklicherweise folgt auf jedes noch so hohe Hoch ein ebensolches Tief. Das hatte Toni schon mehrfach erfahren dürfen und auch jetzt machte das Schicksal da keine Ausnahme. Irgendwann fühlte es sich nicht mehr außergewöhnlich sondern nur noch gewöhnlich an, mit Lydia zu schlafen. Es löste in Toni keine Hochstimmung mehr aus, sondern wurde Routine. Und ohne die ständige Euphorie reichten auch die Sachen, die ihn aufregten und runterzogen wieder an ihn heran. Wie eine schlechte Note in einer Klassenarbeit, bei der Toni die Bewertung der Aufgaben mehr als ungerecht vorkam, aber er wusste, dass er keine Chance hatte, mit dem Lehrer darüber zu diskutieren. Oder dass er zuhause bleiben und auf Maja aufpassen musste, weil seine Mutter und Peter unbedingt an einem Samstagabend in einem neueröffneten Restaurant essen mussten und dazu Peters mit gefühlt erhobenem Zeigefinger vorgebrachter ,Hinweis', dass Toni ja nicht auf den Gedanken kommten sollte, Kerzen anzuzünden.

Auf der einen Seite war es gut, dass es so war, denn ob bei Max, Marc, Jan oder Stefan, irgendwann waren alle Beziehungen aus dem Stadium des Besonderen herausgetreten und wurden zum Alltag, Toni lag also absolut im normalen Bereich.

Das war dann immer die Zeit, in der er sich detailliert anhören durfte, was die anderen an ihren Freundinnen so furchtbar nervte. Meistens dauerte es danach nicht lange, bis die Beziehung beendet wurde und der ganze Kreislauf von vorne losging. Es gab natürlich auch Dinge, die Toni an Lydia störten, besonders furchtbar fand er, dass sie immer leise den Text mitsprach, wenn sie den Film oder die Folge einer Serie schon kannte. Und sie hatte Toni auch schon öfters darauf hingewiesen, wie wenig begeistert sie davon war, dass er, wenn er sich aufregte, stundenlang nur über den Grund dafür reden konnte. Aber das waren alles Sachen, die sie schon am Anderen gestört hatten, als sie nur befreundet gewesen waren und ansonsten waren keine neuen Dinge hinzugekommen.

Sie hatten auch schon fleißig Pläne für die anstehenden Herbstferien gemacht und Toni hatte tagelang an
der Rede gefeilt, die er am Tisch beim Abendessen halten und in der er klipp und klar machen würde, dass er und Lydia für mindestens eine Woche irgendwohin in den Urlaub fahren würden. Sie wussten zwar noch nicht wohin, aber das war ja auch egal. Wichtig war nur, erst einmal zu zeigen, dass ihn nichts und niemand und vor allen Dingen nicht Peter davon abbringen würde!

Er wartete, bis sich jeder den Teller aufgefüllt hatte, dann öffnete er den Mund, aber seine Mutter war den Bruchteil einer Sekunde schneller. "Schatz, wir haben entschieden, dass wir in den Ferien in der ersten Woche zu Nadja und Thorsten fahren wollen. Wir werden uns ein Hotelzimmer nehmen, die sind ja endlich fertig mit den Renovierungen, und du könntest wieder bei Nadja in dem Gästezimmer schlafen. Sie würden sich alle sehr freuen, dich mal wiederzusehen." Als Toni die Stirn runzelte, weil das absolut nicht in seinen Plan passte, fügte sie noch schnell hinzu: "Natürlich brauchst du nicht mitzukommen, wenn du nicht willst!"

"Moment mal!" mischte sich Peter ein und legte die Gabel so heftig auf den Teller, dass es klirrte. "So war das aber nicht besprochen, Sonja!" rief er vorwurfsvoll. "Selbstverständlich kommt Toni mit! Heute haben wir noch Angst, dass er irgendwann die Wohnung in Brand setzt und morgen soll er dann eine ganze Woche alleine bleiben?! Kommt gar nicht in Frage!"

Toni wollte auffahren, aber seine Mutter legte ihm mit Nachdruck die Hand auf den Arm und zwang ihn zurück auf seinen Stuhl.

"Die Diskussion hatten wir doch jetzt schon mehrfach und wir waren uns doch einig, das Thema endlich fallen zu lassen, da ja nichts passiert ist!" sagte sie mit ruhiger Stimme und drückte liebevoll Tonis Arm.
Peter nahm seine fallengelassene Gabel wieder auf und fuchtelte damit in der Gegend herum, als er erwiderte: "Das hast du entschieden! Ich kann das nämlich definitiv nicht so locker sehen wie du!Außerdem tut es Toni mehr als gut, endlich man in die Natur zu kommen und nicht dauernd nur vor dem Fernseher zu sitzen! Und sicher haben sie, jetzt, wo sie mit dem Umbau endlich fertig sind, ein paar Angebote für die Besucher entwickelt, sowas wie Naturlehrpfade vielleicht. Dann hängt er wenigstens mal eine Woche nicht sinnlos herum sondern verbringt seine Zeit mit etwas Lehrreichem!"

Jetzt hielt es Toni nicht mehr aus. "´Warum steckt ihr mich nicht gleich in ein Kinderferiencamp, wo ich Fingerfarbenbilder malen kann und kleine Männchen aus Kastanien bastel!" brüllte er zornentbrannt und sprang so hastig auf, dass sein Stuhl nach hinten kippte und mit einem lauten Knall auf den Fliesen aufschlug. Maja, die die ganze Zeit zufrieden an ihrem Lieblingslöffel geluscht hatte, ließ ihn fallen, verzog weinerlich das Gesicht und schrie dann lauthals los, während Toni in sein Zimmer stürmte und die Tür zuknallte.

Er war so wütend, dass er sich das Erstbeste griff, das ihm unter die Augen kam, und es gegen die nächste Wand pfefferte. Es war sein offenes Schuletui gewesen, das seinen Inhalt jetzt über den ganzen Boden verteilte und Toni konnte sich jetzt einfach nicht weiter seiner Wut hingeben, wenn überall Stifte herumlagen. Also kroch er auf dem Boden herum und sammelte sie ein und er hatte schon fast die Hälfte geschafft, als es leise an seiner Tür klopfte. Das war natürlich seine Mutter, die mal wieder vermitteln wollte. Etwas, worauf Toni jetzt absolut keine Lust hatte. Ohne aufzuzstehen oder sich der Tür zuzuwenden, sagte er über die Schulter "Komm rein", und sammelte weiter.

Seine Mutter tat ins Zimmer und schloß leise die Tür hinter sich. "Ich weiß, es ist nicht so einfach!" fing sie an und Toni lachte einmal sarkastisch auf. "Oh, wirklich?!" erwiderte er, während er nach einem Stift griff.
"Natürlich ist es nicht einfach, wenn er sich einbildet, er könnte einfach über mein Leben entscheiden, als sei er mein Vater!"

Es blieb eine Sekunde still, dann sagte seine Mutter. "Aber Schatz, er ist doch dein Vater!"

Jetzt drehte Toni sich zu ihr um und hob die Augenbrauen. "Ach ja?"

"Ach ja!" Seine Mutter verschränkte die Arme vor der Brust. "Denn wer sollte sonst dein Vater sein? Etwa der Hurensohn, der uns damals sitzen gelassen hat?! Und der dann keinen Unterhalt zahlen wollte und dem es damit egal war, ob wir nichts zu Essen haben oder auf der Straße sitzen?! Wäre dir so ein Vater lieber?!"

Toni stand auf. "Auf der Straße zu sitzen und nichts zu Essen zu haben ist ja wohl ziemlich übertrieben! Und ja, grade wäre mir so ein Vater viel viel lieber! Der mischt sich wenigstens nicht in mein Leben ein und behandelt mich, als wäre ich genau so alt wie Maja! Oder denkt, ich fackle das Haus ab, nur, weil ich mal ne Kerze anzünde!"

"Ich sage ja gar nicht, dass er der Vater des Jahres werden wird," erwiderte seine Mutter. "Und dass er noch Einiges zu lernen hat, das streite ich ja auch gar nicht ab. Aber du kennst ihn seit deinem sechsten Lebensjahr, er hat dich mit großgezogen und wenn er so reagiert wie grade, dann nur, weil er sich eben Sorgen um dich macht. Er will, dass du gesund bleibst, dass du einen guten Abschluss bekommst und dann einen guten Beruf ergreifst und ein schönes Leben führen kannst. Aber er ist halt auch ein Mensch mit Fehlern und einer ist eben, dass er das nicht anders zeigen kann, als dich wie ein Kind zu behandeln, auf das man ständig aufpassen muss, damit ihm nichts passiert. Und dass du immer so ausrastet trägt auch nicht unbedingt dazu bei, seine Sichtweise zu ändern." Sie schmunzelte einmal aber Toni war absolut nicht zum Schmunzeln zumute und er wandte sich ab.

Seine Mutter machte einen großen Schritt auf ihn zu schloß ihre Hände um seine Oberarme. "Pass auf, versuch doch einfach beim nächsten Mal ganz ruhig zu bleiben, auch, wenn er ausrastet. Du wirst sehen, das wird dann alles ganz anders laufen. Und wenn du auch weiterhin ruhig bleibst, dann wird auch er irgendwann ruhiger werden und erkennen, dass du kein Kind mehr bist!"

"Hm," machte Toni nur. Das überzeugte ihn absolut nicht.

Sie drückte seine Arme. "Du musst wissen was du tust, ich kann dir nur einen Rat geben. Und es wäre mir wirklich lieb, wenn du mit zu Nadja kommen würdest. Es ist ja nur die eine Woche, du hast dann ja noch die zweite ganz für dich."

"Lydia und ich wollten eigentlich in Urlaub fahren," erwiderte Toni.

"Das könnt ihr ja auch in der zweiten Woche. Und ich werde dann ein gutes Wort bei Peter für dich einlegen!" versprach seine Mutter. "Aber komm doch die eine Woche mit. Wir haben schon lange nichts mehr als Familie gemacht und damals in den Sommerferien hat es dir doch richtig gut gefallen."

Toni sah in ihr bittendes Gesicht und konnte nicht anders, als weich zu werden. Er wusste ja, dass seine Mutter es absolut nicht einfach hatte zwischen den Fronten, die sich nur noch mehr verhärten würden, wenn Toni weiter darauf bestand, hierzubleiben. "Also gut," sagte er. "Aber keine ganze Woche, nur fünf Tage und wir fahren entweder Freitagabend oder Samstagmorgen gleich wieder zurück! Und ich werde keine Gruppenwanderungen oder irgendwelche Ausflüge mitmachen!"

"Natürlich nicht!" versicherte seine Mutter. "Und fünf Tage sind ein Kompromiss, da kann Peter absolut nichts gegen sagen! Ach, schön das du mitkommst!" Sie umarmte Toni einmal kurz und drückte ihn fest an sich.

Nachdem sie aus dem Zimmer war, griff Toni nach seinem Handy und rief Lydia an, um ihr von dem veränderten Plan zu erzählen. Natürlich hatte sie Verständnis dafür. "Manche Dinge muss man eben machen, ob man will oder nicht," meinte sie. "Und dass deine Mutter dich danach eine Woche wegfahren lässt ist super! Ich hab gedacht, wir könnten vielleicht zelten gehen."

"Ist das nicht viel zu kalt?" fragte Toni, obwohl er eigentlich nichts gegen Zelten einzuwenden hatte. Lydia beeilte sich zu erklären, dass es mit der richtigen Ausrüstung nicht kalt werden würde und sie redeten noch eine Weile darüber, wo sie die ganzen Sache, die zum Zelten nötig waren, herbekommen sollten. Einige Sachen hatte Lydia selber, wie ein Zelt und Schlafsäcke, da sie früher mit ihrer Familie immer zelten gegangen war. Alles andere könnte man sich irgendwie zusammenschnorren, was dann auch nicht ganz so teuer werden würde.

Wo sie zelten fahren wollten, konnten sie nicht mehr besprechen, denn Lydia musste zum Abendessen und Toni hatte noch ein paar fiese Mathehausaufgaben, die auf ihn warteten. Also verschoben sie die Frage erst mal noch.

Gregor fiel Toni erst wieder ein, als er im Bett lag und eigentlich schlafen wollte. Aber er hatte keine Chance, denn mit einem Schlag war er da und drängte sich unbarmherzig in seine Gedanken. Einschlafen war also erst einmal nicht mehr.

Es überraschte Toni, dass Gregor erst jetzt auftauchte und nicht schon, als seine Mutter Nadja und die Sommerferien erwähnt hatte und ihm fiel auf, dass er schon länger nicht mehr an ihn gedacht hatte. Und warum sollte er das auch tun? Die peinlichen Sachen, die er damals gemacht hatte, waren schon längst ausgemerzt worden. Er war jetzt mit Lydia zusammen und so normal wie alle anderen. Aber er hatte absolut keine Lust, Gregor in der einen Woche zu begegnen, denn der konnte sich sicher auch noch an alles erinnern und wer weiß, wie er jetzt drauf war.

Toni würde ihm aus dem Weg gehen und sollten sie doch einmal aufeinandertreffen, dann würde er einfach über allem drüber stehen und sich damit selbst noch einmal zu zeigen, dass bei ihm jetzt alles richtig lief.

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