8. Dezember

"Dafür, dass du dich so abfällig über Professor Malfoy geäußert hast, verstehst du dich aber auffällig gut mit ihm."

Überrascht hielt Hermine in ihrer Bewegung inne. Sie hatte gerade ihre Tasche auf ihrem Schreibtisch abgelegt, da war Lydia mit den anderen vier Schülerinnen der Klasse auf sie zugetreten. Ungläubig entgegnete sie: "Bitte?"

"Denkst du, wir sind blöd?", hakte eine schwarzhaarige Frau nach, der Hermine mit Mühe den Namen Bingley zuordnen konnte: "Wir sind nicht von gestern, weißt du? Glaub bloß nicht, dass du mit dieser Masche durchkommst."

Völlig verwirrt blickte Hermine die Frauen vor ihr an. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, worauf sie anspielten und was sie ihr vorwerfen wollten: "Ich verstehe immer noch nicht, was ihr wollt."

"Du spielst hier die Uninteressierte, aber in Wirklichkeit willst du Professor Malfoy einfach nur für dich alleine haben. Aber das läuft nicht!", erklärte Lydia heftig. Entsetzt riss Hermine die Augen auf - wie um alles in der Welt waren diese Hühner auf die Idee gekommen, dass sie etwas anderes als Abneigung oder höchstens mildes Desinteresse für Malfoy empfinden konnte?

"Das ist so dermaßen lächerlich, dass mir nichts einfällt, was ich dazu sagen könnte", murmelte sie mehr zu sich selbst, doch natürlich hatten die anderen sie gehört. Lydia, die stets neben ihr saß, ließ sich auf dem Stuhl an Hermines Tisch nieder, stützte ihre verschränkten Arme auf und starrte sie skeptisch an: "Lächerlich bist nur du, meine Liebe", sagte sie süßlich: "Aber bitte, wenn du es so haben willst ..."

Ehe eine der anderen noch etwas sagen konnte, ertönte der Gong und pünktlich wie immer trat Malfoy ein. Hermine war beinahe schon erleichtert darüber, denn eine Fortführung dieser Diskussion war wirklich nicht in ihrem Interesse. Es war erst Montag und die Woche hatte noch genug weitere Tage, an denen sie sich diesen kindischen Weibern würde stellen müssen.

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Interessiert betrachtete Draco die Szene, die er beim Eintreten in den Klassenraum bemerkt hatte. Die fünf anderen Schülerinnen hatten Hermine umstellt und wirkten dabei kein Stück freundlich. Die hektischen Blicke, die er von Miss Bennet und ihren Freundinnen bekam, sowie der beinahe glückliche Ausdruck auf Hermines Gesicht sagten ihm alles, was er wissen musste: Offensichtlich hatte die alte Besserwisserin es geschafft, die Eifersucht der anderen Frauen auf sich zu ziehen - und er hatte es geschafft, dass gleich fünf junge Frauen sich für ihn interessierten. Er musste an sich halten, nicht breit zu grinsen oder seine Selbstzufriedenheit anderweitig zu zeigen.

Trotz dieser merkwürdigen Eröffnung verlief die Unterrichtsstunde so, wie alle in der Woche zuvor: Die Mädchen hingen an seinen Lippen, aber wirkliche Mitarbeit kam nur von Granger. Die männlichen Schüler wirkten völlig desinteressiert, teilweise bekam er inzwischen sogar böse Blicke, weil auch diese Männer bemerkt hatten, dass die Schülerinnen sich nur für ihn interessierten. Wenn es nicht so schmeichelhaft für ihn persönlich gewesen wäre, hätte er sich vermutlich stark über die mangelnde Mitarbeit aufgeregt. Da er jedoch der Empfänger jeglichen romantischen Interesses war, hatte er nicht vor, sich zu beklagen. Stattdessen legte er sich im Kopf einen Plan zurecht, wie er es schaffen könnte, nach dem Unterricht mit Miss Bennet unter vier Augen zu sprechen, ohne dass Granger ihm wieder dazwischen funkte. Wenn er der blonden Schönheit wieder mit seinen Blicken zu verstehen gab, dass er interessiert an ihr war, würde das gewiss nicht unbemerkt bleiben.

Ohne, dass es ihm recht bewusst war, wanderte sein Blick immer häufiger zu Hermine. Mal abschätzend, mal völlig in Gedanken versunken musterte er sie. Warum hatte sie sich überhaupt eingemischt, welches Interesse hatte sie daran, eine seiner Affären zu stören? Dass es vor der Klasse nicht verborgen blieb, dass er Hermine immer wieder anstarrte, entging ihm dabei völlig.

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Hermine musste an sich halten, nicht während des Unterrichts laut zu werden. Die Art, wie Malfoy sie musterte, gefiel ihr gar nicht. Sie hatte das Gefühl, ein Reh zu sein, das von einem Löwen eingeschätzt wurde, der überlegte, ob es sich lohnt, das Reh anzugreifen und eventuell verfolgen zu müssen. Und vor allem gefiel ihr nicht, dass Lydia neben ihr immer unruhiger wurde und die Blicke offensichtlich ganz anders interpretierte. Verdammter Malfoy, was auch immer er plante, es würde nicht gut für sie ausgehen. Sie beschloss, ihn diesmal nicht bei einem eventuellen Techtelmechtel zu unterbrechen, sondern den gezielten Rückzug anzutreten.

Entsprechend rasch packte sie beim Ertönen des Gongs ihre Tasche, um in Richtung Kantine davon zu eilen. Ein letzter Blick zurück zeigte ihr, dass Lydia ohne jegliche Scham direkt auf Malfoy zusteuerte, während ihre Freundinnen kichernd davon zogen. Ehe sie wusste, was sie da tat, war Hermine aus dem Raum getreten und hatte sich neben die Tür gestellt, um unbemerkt zu erlauschen, was drinnen gesprochen wurde.

"Sagen Sie, Professor", säuselte Lydia: "Dürfen sich Professoren hier eigentlich mit ihren Schülern einlassen?"

Überrascht hob Hermine eine Augenbraue - dass ihre Mitschülerin so schnell zur Sache kommen würde, hätte sie nicht erwartet. Gespannt spitzte sie die Ohren, um Malfoys Antwort zu hören: "Wenn die Leitung so etwas mitbekommen würde, sähe es schlecht für den betreffenden Professor aus. Man könnte ihm voreingenommene Benotung vorwerfen!"

"Mmmh", machte Lydia nachdenklich: "Und trotzdem verbergen Sie Ihre Affäre mit der Granger nicht?"

"Bitte?", kam es von Malfoy genauso entsetzt, wie Hermine sich fühlte.

"Oh, vor mir müssen Sie sich nicht rechtfertigen, ich habe absolutes Verständnis dafür, dass ein Mann bestimmte Bedürfnisse hat und nach der billigsten Art sucht, sie zu befriedigen", fuhr Lydia unbeeindruckt fort: "Aber denken Sie nicht, es wäre besser, das nicht so öffentlich zu machen? Sie sagen ja selbst, dass das Probleme machen könnte."

"Wie ...", setzte Malfoy an, doch genau wie Hermine war er sprachlos über die Unterstellung. Obwohl sie ihn nicht sehen konnte, war sie sich sicher, dass er tief Luft holte, schluckte und kurz die Augen schloss, ehe er schließlich betont ruhig erwiderte: "Ich verstehe nicht, wie Sie zu diesem Schluss gelangt sind, aber seien Sie versichert ... Hermine Granger wäre die letzte Frau, die ich ... zur Befriedigung meiner Bedürfnisse nutzen würde."

Sie hatte genug gehört. Schwungvoll stieß sie sich von der Wand ab und ging mit festen Schritten Richtung Kantine davon. Es war nicht weiter verwunderlich, dass Lydia sie beleidigen würde, um bei Malfoy zu landen. Und es war erst recht nicht verwunderlich, dass Malfoy nur zu gerne in diese Beleidigungen einstimmte. Trotzdem hatte sie kein Interesse daran, dem weiter zu lauschen. Wider besseren Wissens fühlte sie sich mit einem Mal klein, hässlich und abstoßend.

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