8. Donnergrollen und Pfeilgewitter

Nichts als Ärger hat man mit den Fürsten vom Oststrom. Sie schwenken ihre Fahne allein nach dem Wind, Treue ist ihnen ein Fremdwort und Eide sind allein dazu da, gebrochen zu werden.

Ausruf von König Jerimot I, dem Generationenkönig, nach der Nachricht über den Aufstand der Grafen von Ales, Mioskoj und Uasliw im Jahre 2297

 

 

 

Sie überquerten die Furt bei Asmawet am siebten Tag ohne Probleme. Obwohl der Husai den ersten geschmolzenen Schnee aus dem Tiloch-Gebirge mit sich tragen musste, war er erstaunlich seicht. Dennoch mussten Alsra und ihre Zofe die Kutsche verlassen, doch hatte Alsra ihre Kleidung gewechselt, so dass ihre hohe Herkunft nicht mehr allzu sichtbar war. Wer ihr dennoch ihr Alter ansah, hielt sie wohl für eine sehr junge Mätresse von Herzog Havinon. Der Einzige, dem Heled zutrauen würde, dass er die Wahrheit erkannte, war Assur und der würde mit niemandem darüber sprechen.

An einer Stelle fuhr sich die Kutsche am Flussgrund fest und einige Männer des Schwadrons stiegen murrend von ihren Pferden, um sie aus dem Schlamm zu schieben. Schließlich waren sie sicher am anderen Ufer und führten ihren Weg gen Westen fort. Als sie nach wenigen Stunden weit genug von den schimmernden Lichtern Asmawets mit seinem Hafen entfernt waren, schlugen sie ihr Lager auf. Die Männer sattelten die Pferde ab und versorgten sie, um danach in ihre Umhänge gewickelt weiterhin in voller Bewaffnung zu schlafen. Diese Nacht verbot Heled Feuer, um etwaige Verfolger, die ihre Überquerung des Flusses mitbekommen hatten, nicht auf ihre Spur zu locken. Die Wälder von Alak waren dicht und der Handel erfolgte fast nur über den Fluss und den See. Eigentlich war es ein Wunder, das noch niemand darauf gekommen war, die dichten Wälder abzuholzen, doch Herzog Beera, in dessen Gebiet sie sich nun befanden, hatte eine Maximalbegrenzung an gerodeten Flächen festgelegt.

Unter dem Sternenhimmel gesellte sich Heled zu Havinon, um mit ihm die weitere Reiseroute zu besprechen. Sie waren sicher über die Furt bei Asmawet gelangt und nun musste der Rittmeister mehr Informationen haben.

„An die Grenze zu den Zwillingsreichen.“, entgegnete der Herzog auf Heleds Frage nach dem weiteren Reiseverlauf.

„Ich muss doch, um genauere Informationen bitten. Auf unserer Höhe? Oder im Norden bei Oleon? Beim Ulsar-Gebirge? Die Zwillingsreiche sind groß, mein Herr.“.

Havinon lachte kurz auf.

„Das ist mir bewusst. Also gut, unsere weitere Reiseroute soll uns südlich am Wintergebirge entlangführen.“.

„Gut, Sir.“.

Havinon entrollte eine Karte, aber Heled winkte ab. Er hatte Karten noch nie verstanden, wie konnten diese mit winzigen Punkten und Bezeichnungen eine ganze Welt abbilden? Außerdem war keine Karte genau genug, um ihm die Informationen geben, die er benötigte. Sie konnte ihm vielleicht sagen, dass es eine Schlucht gab, aber vermochte sie es auch, ihm zu verraten, wie steil diese anstieg, ob es Felsspalten gab oder ein ausgetrocknetes Bachbett? Nein, verlassen wollte der Rittmeister nur auf seine eigenen Augen und Erinnerungen. Das Wintergebirge und die Pfade, die durch seinen Schatten führten, waren ihm wohl bekannt und er stellte fest, dass ihm die Reiseroute nicht behagte. Vorgezogen hätte er es die nördlichere Route zwischen dem Goldenen Fluss und dem Wintergebirge zu nehmen. Zwar erhoben sich am Goldenen Fluss deutlich mehr Dörfer und Städte, doch das machte es auch ungefährlicher, im Vergleich zu dem nur dünn besiedelten Land im Schatten des Wintergebirges.

Widerwillig beugte er sich im Schatten einiger Kerzen, die Havinons Kutscher eilig herbeischaffte, über die Karte, um mit Alsras Vater über seine bevorzugte Stelle der Überquerung des Oststoms zu sprechen, welcher die Grenze zwischen den Zwillingsreichen und Artherg bildete.

Nur mühsam vermochte Heled es, sich in die Karte zu lesen, doch dann deutete er auf den Punkt, von dem er meinte, dass es der Richtige war.

„Ein Bekannter von mir meinte, dass dies eine gute, relativ abseits gelegene Stelle zum Überqueren des Flusses ist.“, erklärte er und fügte dann eilig hinzu. „Er ist Händler.“.

Bei Havinon musste es nun eher den Eindruck gemacht haben, als ob er einen Schmuggler zum Freund hatte, denn Händler zogen in der Sicherheit der Nähe zu Städten und in Gruppen umher. Doch er konnte schließlich schlecht zugeben, dass er selbst diesen Übergang häufiger genutzt hatte. Drei Jahre hatte er in den Zwillingsreichen gelebt, wenn auch unter einem anderen Namen und in einer anderen Gestalt. Den „Weißen Jäger“ hatte man ihn genannt und er hatte sich den Ruf erworben, jegliches Wesen und seltene Pflanzen zu beschaffen, das man haben wollte. Ob Feuerlilien, Milios oder Drachenschuppen – der weiße Jäger hatte sie alle gefunden. Doch hatte der Aufenthalt in den Zwillingsreichen nicht zu dem geführt, was er sich erhofft hatte und so hatte der weiße Jäger sich in Heled gewandelt, um im arthergischen Heer zu dienen.

„Ich werde eurem Urteil vertrauen.“, entschloss sich Havinon.

„In zwei Monaten werden wir Zwillingsstadt erreichen.“, versprach Heled ihm.

Der Herzog musterte ihn einen Moment, dann fing er schallend an zu lachen, so dass sich einige Soldaten wieder aufsetzten.

„Ich frage mich ernsthaft, ob Ihr nicht ein zu guter Bewacher seid.“. In seinem Gesicht stand ein Lächeln, doch war seine Stimme ernst.

„Ich würde mein Wissen niemals zu meinem Vorteil einsetzten.“, erklärte der Rittmeister.

„Doch.“, widersprach Havinon ihm, „Wenn es euren Plänen dient, doch glaube ich nicht, dass Ihr mir momentan gefährlich werden wollt.“.

Er rollte die Karte ein und verbarg sie unter seinem Umhang, während er aufstand.

Seine Hand legte sich auf Heleds Schulter und dieser spürte die Wärme trotz dem Kettenhemd, wie Feuer und Eis zugleich jagte sie durch seinen Körper.

„Ihr spielt ein gefährliches Spiel, Heled.“.

Heled blickte in die strahlenden Augen des Herzogs und fragte sich, was sie wussten.

„Ich weiß nicht, wovon ihr redet.“, erwiderte er mit steinerner Miene, „Ich diene alleine meinem König und meinem Land.“.

Havinon lachte erneut und erweckte den Zorn, der so lange gut verborgen gewesen war. Doch hielt Heled ihn zurück – noch.

„Die Frage ist nur, welcher König es ist.“.

Heled wollte ihm eine Antwort hinterher rufen, doch der Herzog von Scheeru verschwand mit schnellen Schritten in Richtung Kutsche und ließ allein die Erinnerung an die Demütigung, die er dem Rittmeister zugefügt hatte, zurück.

Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit dagesessen hatte, stand er auf, um sich ebenfalls schlafen zu legen. Doch kreisten seine Gedanken nach lange und sein Blick verlor sich in den Sternen.

 

 

Am nächsten Morgen regnete es und dicke Tropfen perlten von den Blättern der großen Eichen und Buchen ab, die sich über ihnen erhoben und die sie auch acht weitere Tage begleiteten, bevor sie den Oststrom erreichten, dessen Wasser sich brüllend gegen die Ketten warf, die der Lauf der Zeit ihm auferlegt hatte. Das Schwadron verblieb im Wald, während die Kundschafter die Gegend nach Feinden absuchten. Zwar berichteten sie von Kemladen flussaufwärts und flussabwärts, doch dienten diese alleine der Verteidigung der Grenze und Heled bezweifelte, dass die Ritter, die dort lebten und aus Ermangelung von Burgrechten auf Kemladen zurückgegriffen hatten, sie angreifen würden. Außerdem hatten sie kein Recht darauf, sich an einem Herzog zu vergreifen und wussten genau, dass sie für mögliche Kampfhandlungen vor dem Thron Rechenschaft ablegen würden müssen. Weiterhin hatten sie einige verlassene Stellungen gefunden, die auf Räuber hindeuteten, doch würden diese niemals ein ganzes Schwadron angreifen. Zumindest nicht in Artherg, die Räuberbanden hier waren klein, da Herzog Beera streng gegen diese vorging und durch die Wälder keine allzu wichtigen Handelsrouten verliefen. In den Zwillingsreichen würde das anders sein.

Heled wandte sich zu Assur um, dessen Rüstung vor Nässe triefte und dessen Gesicht hart und stolz war. Er nickte und Assur befahl dem Großteil des Schwadrons sich um die Kutsche aufzustellen, während kleinere Reitergruppen ausschwärmten und die Flanken sicherten.

Die Pferde schritten kräftig aus, während ihre Reiter die Bogen bereit hielten und die leichten Säbel bereithielten.

Die Erde war durchweicht vom Regen der letzten Tage und ein schwacher Nebel war aufgekommen, durch nun jetzt der Ruf eines Signalhorns klang. Heled löste sich aus der Aufstellung und ließ sein Pferd einige Länge vor die anderen traben. Ein Kavallerist, der die Zeichen eines Kundschafters trug, lenkte sein Tier neben Heleds und meinte. „Eine Gruppe Infanterie, etwa dreißig Mann, vor uns am Fluss, vermutlich aus den Kemladen.“.

Heled nahm den Bericht schweigend zur Kenntnis und das Schwadron setzte seinen Weg fort. Ein weiterer Reiter gesellte sich zu Heled, doch dieser sah noch nicht mal auf.

„Ihr solltet in die Kutsche zurückkehren, mein Herr.“.

„Werden wir kämpfen müssen?“, ignorierte der Herzog den Rat des Rittmeisters.

„Es ist nichts, womit Ihr Euch beschäftigen müsstet.“, entgegnete Heled stur, während seine Augen aufmerksam die Umgebung absuchten. Als Havinon nicht reagierte, wandte er ihm doch einen kurzen Blick zu und meinte erneut: „Es wäre wirklich besser, wenn Ihr in den Schutz des Schwadrons zurückkehren würdet.“.

Havinon nickte und begab sich tatsächlich in die Reihen der Männer zurück, die bereit waren, für seine Sicherheit zu sterben.

Nun glänzte vor ihnen dunkel das Wasser des Oststroms und die Sicherheit des Waldes blieb hinter ihnen zurück und mit dem Fluss kamen auch die Soldaten. Es waren nicht genug, um ihnen wirklich gefährlich zu werden, doch hatte Heled auch nie erwartet, dass es die einzigen Soldaten bleiben würden. Die Masse der Männer verhielt sich still, doch aus ihrer Mitte löste sich ein Reiter. Er lenkte seinen Rotschimmel sicher auf das erste Schwadron des Eraliy-Regiments zu, dessen Rittmeister nun den Befehl zum Anhalten gab.

Der Reiter war noch jung, nicht älter als fünfundzwanzig und sein Gesicht strahlte nur so vor Selbstsicherheit und Verachtung. Er parierte sein Pferd und musterte Heled unverhohlen.

„Wer seid ihr?“, fragte er.

„Wer fragt das?“, entgegnete Heled.

„Herr Ereas Tyaroll.“.

„Und warum, Herr Ereas, versperrt Ihr mir den Weg?“.

„Da in letzter Zeit Überfälle an den Grenzen verstärkt stattgefunden haben, muss ich sichergehen, dass Ihr keine bösen Absichten hegt.“.

„Die hegen wir nicht, unser Ziel sind die Zwillingsreiche, nicht eure Kremladen, bei denen Ihr euch meines Erachtens außerdem nicht an das Verbot vom Bau von Befestigungsanlagen gehalten habt. Wenn Ihr jetzt bitte unseren Weg frei machen wollt, wir würden es vorziehen, unser Ziel schnell zu erreichen.“.

„Ich habe eine Erlaubnis direkt von Herzog Beera erhalten, da weitere Befestigungen für den Schutz der Grenzen von Nöten waren.“, erklärte der junge Ritter brüskiert, „Außerdem tragt ihr keine Wappen.“.

Heled winkte Assur zu sich, der ihm die Fahne seines Schwadrons reichte. Der Bär Anthars flatterte für einen Moment in der Luft und erhob drohend seine Tatzen. Neben ihm konnte man ebenfalls das aufgerichtete Pferd Scheerus erkennen, da das Schwadron ein von Herzog Havinon aufgestellter Verband war. Doch über alldem leuchtete der Name Eraliy-Regiment und die Zahl 1.

Heled rollte die Flagge wieder ein und reichte sie Assur.

„Das erste Schwadron des Eraliy-Regiments aus dem Gebiet von Scheeru.“. Er machte eine einladende Geste in Richtung Fluss. „Ihr dürft passieren.“.

Der Rittmeister neigte den Kopf vor dem Ritter, dessen Titel er nie erreichen würde.

Das Schwadron setzte sich erneut in Marsch und Ereas Tyaroll ritt zu seinen Recken zurück.

Über den Fluss war eine notdürftige Brücke gezimmert worden, da - im Gegensatz zum Husai - der Winter und die Schneeschmelze seine Spuren hinterlassen hatte. Die im größten Teil des Jahres so ruhige Stelle, hatte sich in eine tosende Brandung verwandelt. Heled ließ den zuverlässigen und absolut loyalen Hul die Vorhut anführen, die sogleich damit begann, den Fluss zu überqueren. Es folgten die Kutsche und der größte Teil des Schwadrons. Nur wenige Pferde scheuten vor den Wassermassen und beruhigten sich dank ihrer Artgenossen jedoch schnell. Die ersten Männer erreichten grade das gegenüberliegende Ufer und somit auch das Königreich der Zwillingsreiche, als Pfeile in das Wasser schlugen.

„Verfluchte Bastarde.“, murrte Togorma und warf einen flehenden Blick zu seinem Befehlshaber mit der unausgesprochenen Bitte einen Sturmangriff mit den am diesseitigen Ufer verbliebenen Kavalleristen zu beginnen. Doch Heled entgegnete seinen Blick nicht, sondern ließ seine Männer auf der Brücke weiter vorrücken. Auf einen Sturmangriff mit den Verbliebenen waren ihre Feinde vorbereitet und der erfahrene Krieger konnte es überhaupt nicht leiden, berechenbar zu sein.

Er fasste die Zügel nun mit der einen Hand, doch anstatt eine Waffe zu ziehen, hielt er in der rechten nun ein Rufhorn, das er zum Mund hob, um drei kurze Rufe die Luft erfüllen zu lassen. Trotz der Rufe und der Schmerzenschreie wurden die Laute sicher durch die Luft getragen und erreichten den gewünschten Empfänger.

Aus dem Wald brach eine mächtige Welle Kavallerie hervor, nur etwa zwanzig Mann, die Heled im Laufe des letzten Tages als Spähtrupps von der Hauptmacht abgespalten hatte, doch dass sah die Infanterie des Ereas sicherlich nicht so. Die Welle brach so schnell über sie herein, dass sie sich nicht formieren konnten.

Jetzt wandte Heled sich Togorma zu und beantwortete die stumme Bitte. Togormas Reiter stürmten los und sangen ebenfalls das Lied des Blutes. Ihre Säbel erzählten die Geschichte eines versuchten Hinterhaltes, für den sich grausam gerächt wurde. Schmerzenschreie klangen durch die Luft und Männer wälzten sich in ihrem eigenen und fremden Blut. Ein Pferd schrie auf, als es von einem Pfeil getroffen wurde. Mit panisch aufgerissenen Augen stand es auf der Hinterhand und warf seinen Reiter ab, bevor es auf den Boden krachte und mit den Hufen panisch um sich schlug.

Ein Lied der Rache, dessen Sieger stolz und immer noch zornig zu ihrem Befehlshaber zurück ritten.

„Verfluchte Bastarde.“, murmelte Togorma noch immer, doch Heled wusste genau, dass es viel mehr als ein einfacher Ritter gewesen war, der versucht hatte sie zu überwältigen. Und es war sicher auch kein Ritter gewesen, es war ein Auftragsmörder gewesen, der sich zu ihrem Glück ein wenig zu dumm angestellt hatte.

„Bitte um Erlaubnis die Kremladen zu plündern, Rittmeister.“. Togorma sah ihn an, doch Heled winkte ab.

„Nicht die Bewohner der Kremladen trugen die Schuld an dem Überfall.“, erklärte er und befahl dann: „Vorwärts.“.

Das Schwadron setzte sich in Bewegung und ließ den Fluss zurück, dessen Gewässer rot gefärbt war und an dessen Ufern Leichen lagen. Heled trieb die Männer zur Eile an und gab den Verwundeten nur notdürftig Zeit sich zu versorgen.

Im Norden erhob sich die schneebedeckte Gebirgskette des Wintergebirges gen Himmel und sie kehrten in die Wälder zurück, auch wenn sie nun zu den Zwillingsreichen gezählt worden.

Als die Dämmerung hereinbrach, hielten sie an, auch wenn sie Heled immer noch zu nahe am Fluss waren, brauchten die Männer eine Pause. Zu seiner Freude hatten sich die Rekruten gut geschlagen und hatten sich schon bald der Disziplin, die innerhalb des Schwadrons herrschte, unterworfen. Nun standen sie in einzelnen Gruppen zusammen und verglichen die erlittenen Wunden, bis sie von Hur wieder aufgescheucht wurden, um bei der Versorgung der Pferde zu helfen. Diese schnaubten zufrieden, als sie von der Last ihrer Sättel befreit wurden und in Ruhe fressen konnten. Havinons Scheckhengst zehrte dagegen an seinen Stricken und trampelte nervös auf seinen Hufen.

„Es scheint, als ob der Geruch des Todes ihn aufgeschreckt hat.“. Heled wandte sich zu Havinon um und nickte als Antwort nur.

Der Herzog trat zu dem Tier, strich ihm beruhigend über den schweißnassen Hals und redete mit sanften Worten auf ihn ein.

„Er ist jung, sein Vater hat mich viele Jahre lang treu getragen. Er ist ein schneller und ausdauernder Renner, feurig und voller Temperament, doch noch unerfahren.“.

„Trägt er einen Namen?“, fragte Heled leise. Er verstand genau, was der Herzog meinte. Gute Pferde begleiteten einen ein Leben lang, sie konnten Freunde sein und treue Gefährten in der Schlacht. Heleds Fuchsstute begleitete ihn nun schon ungewöhnlich lange, sechzehn Jahre, und das verband.

Havinon lächelte, während er weiterhin den Hengst tätschelte.

„Noch nicht.“, meinte er und wandte sich dann von dem Tier zurück und dem Menschen zu.

„Du meint, dass es nicht nur ein einfacher Ritter war, der sich in seinen Rechten betrogen fühlte?“, fragte der Herzog ernst.

„Nein.“, erwiderte sein Gegenüber, „Ihre Pfeile waren aus Eschenholz. Habt Ihr eine einzige Esche gesehen? Sie wachsen hier nicht, dagegen habe ich viele Sträucher des Schneeballs gesehen. Warum nehmen sie Eschenholz für ihre Pfeile, wenn es Schneeball gibt? Und habt Ihr euch sein Wappen angesehen? Der rote Löwe ist als Wappentier verboten worden, seitdem Herzog Endesiya Artherg an den Rand eines Burgerkrieges brachte und eine der größten Hungersnöte der Geschichte ausgelöst hat. Ein echter Ritter hätte sich niemals solch ein Wappen ausgesucht.“. Er stoppte einen Moment, „Mein Herr. Eure Reise scheint nicht unbemerkt geblieben zu sein und es scheint jemand daran interessiert zu sein, dass die Vermählung Eurer Tochter nicht stattfindet.“.

„Natürlich.“. Havinon schnaubte. „Ich hatte nichts Anderes erwartet und habe mich schon gewundert, warum sie nicht schon früher losgeschlagen haben.“.

„Sie wollen die Schuld jemand Anderen zuschreiben.“, versuchte der Krieger sich an einem Aufklärungsversuch. „In diesem Fall wollten sie mit Euch noch Herzog Beera loswerden.“.

Havinon schnaubte erneut. „Als ob sie den alten Griesgramm jemals loswerden könnten. Das haben schon so viele versucht und sie alle sind daran gescheitert. Der überlebt uns noch alle. Man mag von Beere halten was man will, aber leicht umbringen lässt er sich nicht.“.

„Wenn Ihr meint, mein Herr.“.

„Recht haben könntet Ihr allerdings.“, stimmte er dem ihm Untergebenden zu. Es war nicht nur eine Überlegung Havinons, sie beide wussten, dass dem so war. Und ihnen beiden war auch bewusst, dass es nicht der letzte Angriff sein würde.

 

 

Nach drei Tagen ließen sie den Wald hinter sich, folgten dem Lauf des Wintergebirges jedoch weiterhin und kamen in eine felsige, von Bächen durchzogen und von Schneeresten gesprenkelte Hochebene. Felsspalten warteten auf den unvorsichtigen Wanderer, bereit ihn zu verschlingen. Vereinzelte Kiefern standen wie verlorene und längst vergessene Wachposten da, die ihren Blick über die tiefer liegenden Wälder und die darauf folgenden Steppen schweifen ließen. Sie fanden auch Ruinen, die Steine überwuchert von Moos, Fledermäuse in halb verfallenen Räumen und Ratten. Über ihnen grollte der Donner, tief und dröhnend, als wollte der Himmel ein Warnhorn blasen. Regentropfen, schwer und dick, klatschten zu Boden und in sekundenschnelle waren die Männer durchnässt. Als Heled an diesem Abend auch noch Feuer verbot, da dieses über die Hochebene weithin zu sehen war, sank die Laune der Männer noch mehr. Missmutig hockten sie sich unter Felsvorsprünge, andere suchten Schutz in einem verfallenden Wachturm und nahmen dafür sogar den Kampf mit den Fledermäusen in Kauf.

Assur setzte sich neben Heled und lehnte seinen Kopf gegen das Felsgestein.

„Wir werden verfolgt.“, berichtete er leise, damit die Anderen sie nicht hörten.

„Ich weiß.“. Heleds Finger malten Muster in die Reste des Schnees. „Schon seit zwei Tagen.“.

„Willst du etwas gegen sie unternehmen? Oder sie in ihre eigene Falle locken?“.

„Du kennst die Antwort, Oleoner. Du hieltest selbst einst einen Befehl inne.“.

Assur nickte grimmig und fingerte eine Laus aus seinem Bart.

„Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus, doch ich weiß, dass du es tust und sie in ihrer eigenen, für uns gebauten Falle, umzingeln wirst.“.

„Genau.“.

„Dann werden wir ihnen ihren Spaß schenken, aber lass mich daran teilhaben.“.

„Das werde ich ganz sicher, Assur.“.

Assur wollte schon aufstehen, dann bemerkte er die Zeichen im Schnee.

„Was bedeutet das?“. Es war eine ungewöhnliche Frage für den Oleoner, der gegen seinen Willen in diesem Heer diente.

„Nichts.“, erwiderte Heled und wischte die Zeichen eilig weg, während er seine Unaufmerksamkeit verfluchte. Wurde er langsam sentimental?

Assur musterte ihn einen Moment, dann zuckte er mit den Schultern und meinte nur noch: „Das wird ein Fest.“.

„Oh ja, das wird es.“, murmelte der Rittmeister, mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber. Und hoffentlich würde er mehr über den Auftraggeber dieser Männer herausfinden, um ein ernstes Wort mit ihm reden zu können. Er hielt nicht sonderlich viel von Menschen, die aus dem Hinterhalt überfielen. Überhaupt nicht.

 

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beta
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