8 - Wenn er nur wollte

Tom konnte nicht einschlafen. Mit offenen Augen lag er in seinem spartanisch eingerichteten Zimmer und starrte an die Decke. Hin und wieder drang der Lärm eines vorbeifahrenden Autos durch die geöffneten Fenster, doch ansonsten war die Nacht still. Seine Mutter schlief sicher schon seit Stunden, in ihrem Schlafzimmer, auf der anderen Seite des Flurs. Doch ihm blieb die erholsame Leere verwehrt, die er herbei sehnte.

Er kam seit Monaten nicht richtig zur Ruhe. Das Geld wurde immer knapper und er hatte nicht mehr viel, das er an den Mann bringen konnte. Seine geliebte Kamera samt Zubehör war schon lange weg. Und dann war doch auch noch immer wieder dieses Mädchen. Feuerrote Haare und Augen so blau und unergründlich wie der Ozean, an einem sonnenverwöhnten Tag. Sie verfolgte ihn bis in seine Träume. Immerhin hatte er es geschafft, sie aus den meisten seiner Gedanken während des Tages zu verbannen.

Doch immer wenn er auf der Straße, im Sportstudio oder in der Menge während eines Kampfes eine rothaarige Frau sah, fürchtete er und wünsche zugleich, dass sie es sei, sie sich zu ihm umdrehte, ihn erkannte, ihn ansah.

Tom seufzte erschlagen. Er hasste Ari dafür. Er wollte sie nicht in seinem Kopf und schon gar nicht in seinem Herzen. Doch mit grausamer Regelmäßigkeit schlich sie sich immer wieder zurück, wenn er gerade glaubte, über sie hinweg kommen zu können.

Seine Mutter hatte daran keinen unerheblichen Beitrag. Immer, wenn er zu schwer verletzt und angeschlagen nach Hause kam und rief sie das Mädchen herbei. Tom hatte nie gefragt, warum Cornelia nicht mehr zu ihnen kam, vermutlich konnte sie nicht, wunderte sich jedoch immer wieder über Aris Erscheinen. Nach allem was er gesagt und vor allem nicht gesagt hatte.

Er fühlte sich wie paralysiert in ihrer Gegenwart und fürchtete sich regelrecht davor, das Mädchen anzusehen, aus Angst vor dem, was er bei ihrem Anblick womöglich tun würde und vor den Worten, die aus ihm herausbrechen konnten. Jede ihre sanften Berührungen, wenn sie sich um seine Verletzungen gekümmert hatte, hinterließen heiße, qualvolle Spuren des Verlangens.

Je länger er an Ari dachte, um so deutlich spürte er, dass längst nicht mehr nur sein Kopf und sein Herz sich nach dem Mädchen sehnten. Sobald er die Augen schloss, sah er sie vor sich stehen, in einem viel zu großen schwarzen T-Shirt, dass ihr gerade so bis über den Hintern reichte. Sie grinste ihn frech an, während sie scheinbar unschuldig ihre Schenkel zusammen presste.

Tom konnte nicht länger an sich halten. Die dünne Bettdecke bildete bereits ein kleines Zelt über seinen Lenden. Seine Hand wanderte wie von selbst unter seine Boxershorts. Er war hart, seit ihr Bild zum ersten Mal in dieser Nacht vor seinen Augen aufgeflackert ist. Inzwischen war der Druck fast schmerzhaft. Mit den Gedanken bei Aris feucht glänzenden Lippen und weißen Brüsten verschaffte Tom sich Erlösung. Er stellte sich vor, wie nicht seine, sondern ihre weichen Hände ihn sanft berührten. Sie streichelte ihn und küsste die empfindliche Stelle hinter seinem Ohr. Er meinte fast ihren warmen Atem und das Kitzeln ihrer Wimpern auf der Haut zu spüren. Er brauchte nur wenige Augenblicke, um sich zum Orgasmus zu bringen. Für den Moment befriedigt, doch noch unzufriedener als zuvor, atmete er gedehnt aus. Nichts als ein in einzelner Tropfen auf einen heißen Stein.

Es war schon viel zu lange her. Seit dieser Nacht mit ihr, im September des letzten Jahres, hatte er keine andere gehabt. Und selbst jetzt konnte er sich kaum vorstellen, mit anderen Frauen zu schlafen. Wenn das nicht krank war. Stattdessen lag er lieber allein und erbärmlich in seinem alten Zimmer, dachte immer nur an die Eine und besorgte es sich dabei selbst.

Es kotzte ihn an. Er sollte sich mit irgendeiner x-beliebigen Tusse treffen, ordentlich flachlegen und wieder vergessen. Doch obwohl er selbst die Augen über sich und seine bescheuerte Moral verdrehte, wusste er, dass er genau das nicht tun würde. Er konnte nicht. Er wollte nur sie und wusste doch, dass es eine blöde Idee war. Selbst der Gedanke, dass Ari mit einem anderen Kerl rum machte, ließ ihn rasend werden. Es war frustrierend. Vor allem weil er insgeheim daran glaubte, er könne sie haben, wenn er es nur selbst zuließ. Obwohl er mehr als abweisend und teilweise gemein zu ihr gewesen war, meinte er, sie würde es ihm verzeihen und ihn immer noch wollen. Warum sonst sollte sie immer wieder kommen und ihn zusammenflicken? Wütend schlug Tom auf seine Matratze und erhob sich, um sich zu säubern.

Wenigsten seine Schulter war ausgeheilt und die täglichen Übungen hat seine volle Mobilität wieder hergestellt. Morgen würde er endlich wieder zum Training gehen können und nicht nur Fitness und Technik machen, sondern an Jannik, seinem Sparringpartner, ausprobieren, wie weit er seine Schulter wieder belasten konnte. Er würde all seine Frustration an ihm auslassen. Hoffentlich war er weit genug geheilt, denn der nächste Termin war schon auf diesen Freitag angesetzt und Tom konnte es sich nicht mehr leisten, weitere zu versäumen.

  

 

~   ~   ~

 

 

Ari starrte auf den klobigen Hörer des Telefons in ihrer Hand. Leises Tuten drang aus der Ohrmuschel und zeugte von einer ohrenbetäubenden Stille. Ihre Gesprächspartnerin hatte bereits aufgelegt. Sie wünschte ihre Mutter würde weniger Nachtschichten übernehmen, doch die Zulagen, die Cornelia für diese Arbeitszeiten erhielt, sprachen für sich. Warum musste dieser Mann sich immer genau diese Wochenenden aussuchen, um sich verdreschen zu lassen?

Katrin hatte wieder ziemlich besorgt geklungen, ähnlich wie beim letzten Mal. Sie hatte von einer großen Platzwunde gesprochen und war sich nicht sicher, ob Strips reichen würden. Wenigstens hatte Ari inzwischen keine allzu große Angst mehr vorm Nähen. Sie hatte es in letzter Zeit häufig in der Praxis geübt. An rasierten Fellnasen, aber immer hin. Zumindest schien die Schulter okay zu sein, denn Katrin hatte sie mit keiner Silbe erwähnt.

Auf dem Weg zu Tom, fühlte sich Ari mit jedem Meter, den sie sich ihm näherte elender. Allein beim Gedanken an ihn zog sich ihr Innerstes vor Schmerz zusammen. Aus Sehnsucht, aber auch aufgrund der Kränkungen, die er ihr zugefügt hatte. Sie wollte diese Gefühle nach seiner letzten Demütigung verdrängen, doch sie brachen immer wieder durch. Sie wusste nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte. Am liebsten wollte sie ihn vergessen und nie wieder sehen, doch sie konnte einfach nicht Nein sagen, wenn seine Mutter sie rief. Und wenn sie ehrlich war, wartete sie inzwischen jeden Freitag auf einen Anruf. Sie nutzte sie als Ausreden, die sie sich selbst gab, um ihn sehen und berühren zu können. Erbärmlich...

Bei Thomas angekommen, öffnete wie immer seine Mutter die Tür. Die Frau sah noch abgekämpfter und schwächer aus als beim letzten Mal. Sie war bald nur noch Haut und Knochen und ihre Haare hingen ihr in dünnen Strähnen vom Kopf. Dunkle Ringe grüben sich in die bleiche Haut unter ihren Augen und die Wangen waren eingefallen. Ari hatte mit ihrer Mutter über die arme Frau gesprochen. Sie war krank, offensichtlich schwer, aber auch stur. Sie wollte nicht ins Krankenhaus und Cornelia konnte sie nicht zwingen, solange die Frau klar für sich selbst entscheiden konnte. Vielleicht meinte sie für ihren Sohn zu Hause sein zu müssen. Dieser Idiot. Sah er nicht dass sein Mutter leidet?

Ari ließ sich kommentarlos in die Küche führen. Tom saß an dem kleinen Küchentisch und presste ein dunkles Tuch an seinen Kopf. Er trug ein schwarzes Shirt und eine Trainingshose. An seinem Hals und Händen machte Ari verschmiertes und getrocknetes Blut aus. Ohne ein Wort trat Ari vor ihn, griff nach seiner Hand und hob sie von seinem Kopf. Er zuckte unter ihrer Berührung zusammen, als hätte sie ihm einen Schlag versetzt. Jedoch blieb er stumm, scheinbar entschlossen sie weiterhin zu übersehen. Die dichten schwarzen Haare waren verklebt und glänzten feucht im Licht der alten Leuchtstoffröhre. Die ganze Kopfhaut schimmerte rot. Sie drückte Toms Hand, die immer noch das Tuch hielt, zurück auf die noch immer leicht blutende Wunde und bückte sich nach der Sani-Tasche. Sie verteilte Desinfektionsmittel, Jodlösung, Mull und eine verpackte gebogene Nadel-Faden-Kombination auf dem Tisch. Als alles bereit stand, zog sie sich ein Paar Handschuhe an.

„Katrin, wo finde ich eine kleine Schüssel oder Schale?“

Tom wollte schon aufstehen, doch Ari legte sofort ihre Hand auf sein Knie und drückte fest zu.

„Sitzen bleiben!“

Er schenkte ihr einen bösen Blick, den Ari gelassen erwiderte, verharrte aber während des Blickduells auf seinem Stuhl. Zum ersten Mal hatte er kein komplett zugeschwollenes Auge davon getragen. Dafür war wie üblich seine Lippe aufgeplatzt und sein Wangenknochen rot und dick. Zum ersten Mal ähnelte er wieder dem Tom, den sie in Erinnerung hatte. Sie spürte die Hitze in ihre Wangen und zwischen ihre Schenkel kriechen und wandte sich hastig ab. Gerade als Ari sich zu seiner Mutter umdrehen wollte, um die Frage zu wiederholen, reichte die kleine Frau ihr bereits eine Müslischüssel. Ari nickte zum Dank und ärgerte sich über Tom. Auch er hatte seine Mutter scheinbar nicht bemühen wollen, damit jedoch das Gegenteil erreicht.

Sie füllte die Schüssel mit warmen Wasser und Jod, desinfizierte sich die Hände und entfernte wieder Toms Hand von seinem Kopf. Mit spitzen Fingern strich Ari die Haare an der Wunde zur Seite, um sie besser erkennen und einschätzen zu können. Sie tupfte die Stelle mit der verdünnten Jodlösung und Mull sauber und erkannte einen gut drei Zentimeter langen Riss. Überlegend, ob tatsächlich genäht werden musste, biss sie sich auf die Lippe. Dann kniff sie die Augen zusammen und entschied, dass es nicht schadete, eine gute Übung war und außerdem würde es ihm höllisch wehtun. Drei Fliegen, eine Klappe.

In aller Seelenruhe packte sie die dünne Nadel aus und beobachtete Tom mitleidlosen. Deutlich erblasst, starrte er sie mit großen Augen an. Wahrscheinlich wartete er auf eine Lokalanästhesie. Ari hob auffordernd ihre linke Augenbraue und wartete darauf, dass er den Mund auf machte. Ohne eine Bitte, bekommst du gar nichts, du Mistkerl. Sie gab ihm noch zwei Sekunden, doch wie erwartet verblieb er schweigend und Ari setzte die Nadel an.

Bei jedem Stich versteifte sich der Mann, sog die Luft zischend durch die zusammen gebissenen Zähne und gelegentlich meinte sie ein leises Keuchen zu vernehmen, wenn sie am Faden zog und ihn verknotete. Inzwischen tat er ihr leid, doch sie blieb so standhaft wie Tom stur. Es brauchte fünf Stiche, um die Wunde zu schließen. Als sie die Nadel nach dem letzten Knoten beiseitelegte, atmete der junge Mann hörbar auf. Sie tupfte die Naht sauber und sprühte sie mit etwas Desinfektionsmittel ein.

Ein lautes Rumpeln drang durch den Flur. Gleichzeitig flogen Aris und Toms Köpfe alarmiert herum und zur Tür. Sie entdeckte eine schmale Hand auf dem Boden. Der Rest des Körpers wurde von der Wand verdeckt. Sofort legte sie alles auf dem Tisch ab und streifte sich die dreckigen Handschuhe ab, während Tom schon vom Stuhl sprang und in den Flur schlitterte. Ari folgte ihm auf den Fuß und ließ sich neben Katrin fallen, die war zusammen gebrochen war und regungslos auf den kalten Fließen lag.

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