9. Auferstehung

Wochen vergingen. Die Hexen hielten sich fern von mir. Was genau ihr Plan war, konnte ich nicht sagen, nur dass ich fast am Ziel war.
Ich hatte sie mürbegemacht, immer und immer wieder, hatte ich sie mit ihren schlimmsten Ängsten konfrontiert. Sie Mieden mich so gut es ging. Auch Rachel hatte sich nicht erneut in meine Nähe gewagt.
An diesem Morgen würde es so weit sein. Ich hatte stark Muskeln aufgebaut, hatte die Ketten fast aus der Wand befreit. Es fehlte nur noch ein Ruck und ich war frei. Den Ausweg kannte ich genau. Wenn ich einmal draußen war, würden die Hexen wie aufgebrachte Hühner umherschwirren. Todesangst würde sie in ihre Löscher drängen, wo ich sie nur noch herausholen musste.
Ich wartete auf den Zeitpunkt, wo die meisten Hexen ihre Zimmer verließen und hinaus gingen oder sonst irgendetwas trieben. Ich stand der Wand gegenüber. Die längere Stille zeigte mir, dass Unterrichtsbeginn sei.
Mit immer wieder der gleichen Kraft riss ich an den Ketten. Ich sorgte dafür, dass sie nicht groß raschelten. Es durfte so wenig auffällig wie möglich sein.
Nach dem fünfzigsten Hieb gab ich fast auf, scheißgebadet und mit schmerzenden Muskeln, doch dann wie aus Zauberhand, sprangen sie heraus. Die riesige Schraube bröckelte Geraus. Ich fing sie gerade so auf.
Mein Herz donnerte. Jetzt nur keinen Fehler machen. Ich löste das Halsband mit einem Ruck. Zum Teufel mit den Biestern! Dann machte ich mich auf. Die Schraube packte ich mir auf den Rücken und los ging es.
Leise schlich ich hinauf und öffnete einen Spalt breit die Tür. Niemand sonst war im Flur, auch keine sonstigen Geräusche, also schlich ich hinaus.
An der Wand entlang ging es zum ersten Fenster an der Ostseite. Dahinter befand sich direkt der Wald, wie ein leichter Abhang. Ich sprang aus dem Fenster und landete sanft im Gras.
Ich horchte, doch die Welt war still, als würde sie mit mir den Atem anhalten. Ich arbeitete mich langsam durch den Wald, den Berg hinab, immer in der Deckung der Wildnis. Bis ich aus ihrer Grenze trat und das Anwesen hinter ihrer Barriere verschwand. Unsichtbar vor allen Augen, wusste nur noch ich, wo sie sich wirklich versteckten. Es lag gleich am Sichelberg. Ich schnaubte.
„Elendes Pack.“ Nun rannte ich. Ich rannte um mein Leben und das baldige Ende dieser Biester.

In einer meiner Hütten angekommen entfernte ich schnell die Ketten. Glücklicherweise war nichts entwendet worden, sodass ich alles hatte, was ich brauchte. Meine Gelenke waren wund, dennoch vollkommen in der Lage es gleich mit allen aufzunehmen.
Ich schnappte mir ein paar Klamotten und verschwand auch schon wieder. Bleiben konnte ich nicht. Rachel hatte alles gesehen.
Meine Verstecke.
Mein Vorgehen.
Mein Leben.
Meine Frau.
Ich musste alle Gewohnheiten hinter mir lassen, um das Miststück zu kriegen.
So schnell, wie ich konnte, machte ich mich zur Bar auf. Es war Morgen, weshalb nicht viel los sein würde.
Etwas besorgt rief ich mir durch den dichten Bart, den ich all die Wochen wachsen lassen hatte. Nicht das sie mir nicht anboten, mich zu rasieren. Die Biester hatten mir allen Komfort geboten, trotz meiner gefangen schafft.
Ich ging mit schweren Schritten hinein. Jack sah nicht einmal auf. Auch nicht als ich mich an meinen Stammplatz niederließ. Ich musste schlimmer aussehen, als ich erwartet hatte. In den Spiegel geschaut hatte ich noch nicht. Der Kerl würde einen Hetzinfarkt erleiden, sobald er aufsah, oder mich nicht erkennen. Eines von beidem ...
„Ist gar nicht so schwer.“ Nun sah er auf. Seine Augen aufgerissen, seine Haut in Sekunden erbleicht. Er sah einen Geist. „Von den Toten aufzustehen.“
„Hunter?“
„Ich hab ein Problem.“
„Das hast du“, verkündete eine Stimme hinter mir. Ich wendete mich um. Ausgerechnet Owen zielte mit meiner Pistole auf mich.
„Die gehört mir.“
„Träum weiter. Was bist du?“
„Dein Engel.“ Ich zwinkerte ihm zu. Jasper, der ebenfalls mit gezogener Waffe hinter ihm stand, musste grinsen. Ich lehnte mich lässig zurück. „Nein ernsthaft. Schneid mich, segne mich. Ich sage dir, ich bin es.“ Kaum hatte ich es vorgeschlagen, schleuderte mir Jasper Weihwasser in die Fresse. Ich spuckte es aus.
„Das hätten wir.“ Ich hielt die Hand hin, die Owen mit dem Messer gleich schnitt. Als es blutete, ich jedoch nicht begann zu brennen, nickte ich zufrieden. Immerhin hatte die Gefahr durchaus bestanden, als ein anderes Wesen zurückzukehren.
„Hexenbesessenheit“, warf Jasper ein.
„Durchaus möglich“, gestand ich. „Aber nicht mehr. Damit bin ich durch.“
„Wie sollen wir das testen?“, fragte der Kleine meinen Freund.
„Geht nicht“, sagten wir beide gleichzeitig. Zumindest nicht so schnell und nicht ohne ebenfalls einen Trank einer Hexe einzunehmen oder sich lesen zu lassen.
„Ihr müsste es wohl drauf ankommen lassen, und zusehen wie ich diesen Huren die Seele aus dem Leib reiße“, knurrte ich mit brodelnder Wut im Bauch. Mein Hass sprach nicht nur aus meinen Worten, sondern auch aus meinen Augen und meiner Körpersprache. Ich würde sie alle vernichten, ein Vorhaben das schon begonnen hatte ... „Also können wir das jetzt ...“ Ich wurde unterbrochen. Owen riss mich in seine Arme.
„Gott sei Dank!“
„Scheiße der ist echt nicht Tod zu kriegen. Was mach ich jetzt mit der Reepers List“, fragte sich John kopfkratzend.
Als Owen von mir abließ, gab mir Jasper grinsend die Hand.
„Na auf die Eins schreiben, was sonst!“, freute er sich.
„Wie zur Hölle bist du aus der Nummer rausgekommen?“, fragte Owen sprachlos.
„Ich bin nicht stolz drauf, aber die Hexen wollten mich als ihr Bückstück behalten. Sie machten den Fehler und retteten mich vorm Reeper.“
„Das glaubt mir keiner.“
„Sollte es auch nicht. Denn keiner soll wissen, dass ich zurück bin.“ In den Gesichtern bildeten sich Fragezeichen.
„Ich dürfte nicht einmal hier sein.“
„Was weißt du?“
„Was ich weiß ist relativ, was sie wissen, ist wichtig. Das Miststück hat mich ausgenommen wie eine Gans. Sie weiß alles, von meinen Gewohnheiten bis zu dem, wie ich mir den Arsch abwische. Ich muss unterhalb des Radars bleiben. Die Bindung vollkommen brechen.“
„Wie lange?“
„Bis ich sie alle habe.“ Wut flammte auf. „Bis sie die Letzte ist und für alles büßt.“ Meine Brust zog sich zusammen bei der Erinnerung.
„Es war nicht deine Schuld.“
„Es war meine Waffe ...“ Ich deutete Owen, sie mir zu überreichen. Er zögerte kurz, bis ich den Finger hob.
„... Mein Finger am Abzug.“ Dann gab er sie mir mit einem Grinsen im Gesicht.
„Es ist ein gutes Stück.“
„Was man nur begrenzt genießen sollte.“ Ich sah die Spuren an der Waffe. Er hatte sie wohl ständig benutzt. Übelnahm konnte ich es ihm nicht. Immerhin war es bis vor kurzem die einzige Erinnerung an einem guten Freund.
„Lass und helfen.“ Jasper klang höchst motiviert.
„Alles zu seiner Zeit junger Freund.“ Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Wie es scheint, hat der Tod dem Mann gute Laune gebracht“, stellte John fest.
„Keine gute Laune John. Einen Auftrag, einen gewaltigen Auftrag.“

Ich befand mich in einem Hotel, das edler nicht sein konnte. Mit einem Anzug bekleidet stand ich vor dem Bett, auf dem meine ganzen Spielzeuge aufgereiht lagen. Zufrieden begutachtete ich meine Ausrüstung, während ich durch meinen gestutzten Bart fuhr.
Ich hatte mich vor einigen Tagen mit einem Hexenspezialisten getroffen. Dieser, hatte mir einige interessante Schutzmöglichkeiten eröffnet, die nicht ganz so konventionell bekannt waren. Der Großteil seiner Erfahrungen waren mir bekannt, der andere Teil war recht interessant und gleich umgesetzt. So schmückte meinen Rücken nun ein neues Tattoo. In der Mitte der Schulterblätter trumpfte das Runde Zeichen mit alten Symbolen, dass mich vor ihrer Kontrolle und besonders vor ihrem Einblick in meine Seele bewahren würde.
Passend zu der Styleänderung.
Die Jeans, Shirt und Lederjacke, waren im Schrank gelandet. Etwas trauerte ich ihnen nach.
Der Anzug passte zwar perfekt, dennoch war es gewöhnungsbedürftig gleich die ganze Persönlichkeit über Bord zu werfen, um für eine gewisse Zeit ein anderer Mensch zu werden. Wenn es sein musste, um die Biester verkohlen zu können, hätte ich wohl alles getan.
Wirklich alles.
Ein Klopfen erhielt meine Aufmerksamkeit.
„Komm rein.“ Jasper trat ein. Er trug ebenfalls einen Anzug und ein Meterlanges grinsen im Gesicht. Ihm gefiel der Wandel, fast zu sehr. Für einen Jungen in seinem Alter und vor allem für unseren Bereich, etwas sehr aufregendes.
Ich selbst hätte nicht gedacht, mich mal als Gentleman zu sehen. Der Unkonventionelle Maßnahmen ergriff, um sein Ziel zu erreichen.
„Die Nachricht wurde überbracht. Glaubst du ...?“ Er stoppte, wusste wohl nicht so recht, wie er es beenden sollte.
„Dass sie kommt? Sie muss. Sie haben einen Jäger gefangen genommen, haben ihn unter Druck gesetzt und ihn verloren. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass die Hölle bei ihnen dampft. Diese Hexen bekommen mächtig Feuer unterm Arsch gemacht, wenn sie das nicht schnell Handel. Also müssen sie kommen und meinen Forderungen zustimmen.“
„Forderungen?“, fragte er uns platzierte sich neben mich. Er bewunderte mein kleines Arsenal, dass jede Hexe in den Erdboden stampfen würde.
„Das Junge, wird ein Spaß. Doch erst Junge, muss ich mir sicher sein.“
„Worüber?“
„Ob es so ist, wie ich glaube.“ Damit nahm ich mir meinen Colt, steckte ihn in meinen Halfter und ging hinaus. Eine junge wunderschöne Frau hätte sonst in einem erstklassischen Restaurant auf mich warten müssen.

Ich kam recht früh. Setzte mich an den reservierten Tisch und Beobachtete die Umgebung. Die feinste Gesellschaft war angetreten. Jäger aus allen Schichten, aus allen Regionen waren angereist, um den Hexen den Zahn zu ziehen. Noch nie hatten wir ein solches Etablissement eingenommen, eine Premiere, wenn man so will.
Wir hatten das ganze Geschäft geräumt, den Besitzer und seine Leute vor die Tür gesetzt. Begeistert war er nicht gewesen, was uns alle wenig interessierte. Doch hatte er unsere Arbeit nicht erschwert und den Laden dicht gemacht mit der Drohung morgen die Vorgesetzten zu kontaktieren. Konnte er natürlich machen. Nur das morgen beim Gesundheitsamt niemand eine Ahnung haben würde, wer wir waren.
Bis vor drei Stunden waren mir in das Restaurant gelangt und hatten das ein oder andere Mitbringsel für unsere Zwecke untergejubelt.
Kurze Zeit später hatte Old Hawk in der Kluft eines Beamten, mit einem Wisch des Gesundheitsamts die Tore verschlossen und alle hinausbefördert, samt Inhaber und Personal. Verdacht auf Asbest. Bei einem alten Haus wie diesem nicht ungewöhnlich.
So saßen wir jetzt hier. Niemand war zufällig ausgewählt, nicht einmal der Platz. Ich nickte zufrieden, mein Blick glitt zur Tür. Es würde noch eine Weile dauern, weshalb ich in Gedanken versank.

Kurz nach meiner Wiederauferstehung hatten wir uns versammelt um uns einen Plan ausgeheckt. Mein erster Gedanke und Plan hatte gewaltige Lücken aufgewiesen, weswegen wir die Köpfe ordentlich heiß laufen ließen, im Unterschlupf der Hawks. Jasper hatte dann den ausschlaggebenden Kommentar geliefert.
Untertauchen konnte jeder, eine Zielscheibe sein nicht.
Der Hunter von damals wäre untergetaucht, doch der Neue durfte das nicht. So hatten wir uns für die wohl auffälligste und wahnsinnigste Methode entschieden.
Wir ließen die Sau raus.
Die Hexen würde es noch mehr verunsichern, als sie sowieso schon waren. Es war kein übliches Verhalten, womit wir bis jetzt ins Schwarze getroffen hatten.
So hatten wir unseren etwas sehr luxuriösen Plan ausgehegt, um die Hexen baldmöglichst und auf dem sichersten Wege zu dezimieren. Jeder Jäger im Umkreis von vielen Meilen machte mit. Viele waren von weit her angereist, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. Da auf der alten Hawk Farm nicht so viel Platz war, machten wir dort breit so uns niemand erwarten würde. Vor aller Augen sichtbar.
Mit Hilfe guter Kontakte und einem großen Gefallen thronten wir nun, mitten in der Stadt, im großen style und reichlich Feuer.
Die letzten Tage waren mehr Hexen verbrannt als in den letzten Jahren, da nun jede Hexe zum Abschuss freigegeben wurde.
Ohne Rücksicht.
Selbst die Frischlinge.
Das Auffallende daran, dass die weißen Hexen sich ganz zurückgezogen hatten, wir nicht eine einzige Unbestimmte in die Finger bekommen hatten und es dadurch nur schwarze Hexen gewesen waren, doch dafür durchaus genug. Auf unser Konto vielen im Durchschnitt zehn pro Tag. Tendenz fallend, da die Biester zurücktreiben und ich wusste genau wohin ...
Ich sah auf meine Uhr. Schon bald hätte ich eine erfreuliche Gesellschaft was mir die Vorfreude die Brust verengte, vielleicht war es auch die Wut, die noch immer in mir brodelte.
Ich dachte zurück an mein Arsenal, das ich zurück in dem achtstöckigem Luxushotel gelassen hatte. Ich bezweifelte, dass ich mehr brauchen würde, denn meine Umgebung war bestens ausgestattet.
Das Hotel. Es wäre wohl kein Luxus Etablissement mehr, wenn old Hawk vor Jahren dem Besitzer nicht den Arsch vor ein paar Ghuls gerettet hätte, die plötzlich Appetit auf lebende Bewohner des Hotels bekamen. So hatte er einen Gefallen eingefordert, der mehrere Etagen des Hotels, besonders die Obersten, einschloss. Und da wir nun mal unverschämtes Glück zu haben schienen, fanden wir gerade mal eine Straße weiter dieses wunderbar glitzernde Restaurant. Ich fragte mich nicht erst, ob es ihr gefallen würde, ich wusste es. Den auf den Putz zu hauen war genau so ihr Ding wie meines.
Eine Gestalt tauchte im Eingang auf. Sofort ließ sie mich in das hier und jetzt fallen. Ihre karamellbraunes Haar fiel in Locken über ihre Schultern, befestigt in einer leichten Steckfrisur. Ihren Hals bedeckte eine silberne Kette, die das weiße Kleid betonte, das ihren Körper schmückte.
Ich stand langsam auf. Zu dem knielangen Kleid trug sie weiße Heels. Ihr Anblick war wunderschön, dennoch konzentrierte ich mich auf den geplanten Ablauf. Dieses Ereignis hatte alle Eventualitäten abgedeckt. Von einem Angriff bis zu einer Opferung, wir waren auf alles vorbereitet. Nicht desto trotz, hatte ich auch mein eigenes Vorhaben. Eines das niemand sonst kannte.
Sie kam vorsichtig näher, die Unsicherheit den Augen glänzend. Ich ging auf sie zu, bot Ihr meinen Arm und führte sie zu unserem Platz. Nur durch die kurze Berührung, merkte ich ihre extreme Anspannung, die sie äußerlich gut zu verstecken wusste. Schwäche zeigen war wie im Tierreich, der Tod.
Sie geleitete sie zu ihrem Platz und wartete, bis sie sich platzierte, erst dann ließ ich mich ihr gegenüber nieder.
„Wein?“
„Bitte.“ Sie verschränkt die Arme auf dem Tisch und beobachtete mich, wie ich erst ihr, dann mein Glas füllte.
„Hat du dir so unser erstes Date vorgestellt?“, fragte sie emotionslos. Ich musste als Antwort grinsen. Spöttisch und herablassend.
„Auch wenn ich dies gerne als Date bezeichnen würde, es ist keins. Wir treffen uns als angehende Geschäftspartner.“
„Dann hättest du dich mit Caroline treffen sollen.“
„Sie ist ein Kind.“
„Unterschätze sie nicht.“
„Natürlich nicht, nur hege ich an ihr keinerlei Interesse.“ Sie sah fort. Ihr Blick schweifte durch den Raum. Ihre heute dunkelgrünen Augen nahmen alles ins Visier. Sie wusste es, wusste von der Lage in der sie sich befand. Die Schatten unter ihren Augen verrieten es mir. Trotzdem strahlte sie eine Gelassenheit aus. Gespielt? Bewusst?
„Gibt es eine einzige Seele, die kein Jäger ist?“
„Der Koch ... War mal einer.“ Sie sah mich mit spitzen Augen an. Mein Grinsen war mir nicht aus dem Gesicht zu wischen. Es schien sie anzustecken, denn sie versuchte es, hinter ihrer Hand zu verbergen.
Ich verstand diese Frau nicht. Sie suchte meine Nähe, hinterging mich und nun tat sie, als wäre nie etwas gewesen. Ich wusste nicht, ob ich sie übers Knie legen oder sie gleich auf den Scheiterhaufen packen sollte. Ersteres würde ich in jeden Fall tun.
„Wie geht es deiner Schwester?“ Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch in ihren Augen war ein Blitzen. Angst. Sie hatte Angst um ihresgleichen.
„Was willst du Hunter?“
„Also gleich zum Geschäft. Gefällt mir. Ich will etwas, was dir und deiner kleinen Hexenfreundin Caroline am meisten bedeutet.“ Ihre Atmung wurde unregelmäßig, fast stockend.
„Ihr habt einen Jäger gefoltert und gefangen gehalten. Einen Jäger mit Kontakten.“ Ich deutete um mich herum.
„Wie melodramatisch, gefoltert.“
„Wie würdest du es sonst nennen, mich dazu zu bringen meine einenden Leute niederzumetzeln. Meine Seele zu benutzen. Mich zu brechen.“ Sie schluckte schwer. „Wir werden nicht aufgeben. Außer ihr gebt mir, wonach ich verlange.“
„Was ist es?“, flüsterte sie.
„Deine Schwester.“ Ich hatte nie etwas in einer Frau zerbrechen sehen.
Bis heute.
In ihren Augen konnte ich den Schmerz und das Leid erkennen, das den Verlust eines geliebten Menschen prophezeite. Sie wusste, dass sie keine Wahl hatte.
Sie starrte auf meine Brust, sah ins Leere, wahrend ihre Hand an dem Weinglas lag. Eine Träne kämpfte sich hervor und rollte sich ihre Wange hinab. Ich stand auf, zog ein Taschentuch aus der Tasche und reichte es ihr. Sie nahm es ohne mich anzuschauen. Als wäre sie in einer anderen Dimension. Ich setze mich erneut.
„Was noch?“, fragte sie mit gebrochener Stimme. Jetzt wusste ich, dass wir nicht alleine waren. Rachel konnte nicht so kalt sein, dass der baldige Verlust ihrer Schwester sie nur eine Träne kosten würde.
„Die liebliche Caroline. Was könnte sie im Herzen wohl am meisten lieben, falls sie ein Herz hat.“ Sie widersprach mir nicht. Blieb nur wie ein Stein sitzen. Musste bleiben. Ich war mir sicher, sie währe abgeraucht, wenn sie gekonnt hätte.
„Wenn wir es nicht tun?“
„Was glaubst du Engel? Ich habe es so oft prophezeit. Von vorne nach hinten werde ich mich durcharbeiten. Das schwöre ich bei meinem Jägerblut.“
„Du bekommst, was du verlangst. Für einen Waffenstillstand.“ Ich lachte auf. Der ganze Saal lachte mit mir.
„Ich glaube Engel, du hast mich falsch verstanden. Es gibt keinen Stillstand. Es bedeutet nur, dass ich nicht alle an einen Scheiterhaufen binde und eurer ganzen Rasse den gar ausmache. Glaub mir, wenn ich dir sage, das Hexen momentan die Nummer ein auf unserer Tafel zieren. Was glaubst du, machen die anderen Jäger, während wir hier sitzen?“ Sie bekam große Augen.
Genau in diesem Moment waren eine kleine Gruppe Jäger dabei, einen Haufen kleiner Hexen zu Eleminieren. Um unsere Forderungen auch wirklich deutlich zu gestalten, mit einem klaren Zeichen. Ein Scheiterhaufen in der Nähe des Silberberges. Aufgereiht, als deutliches Zeichen.
„Was bringt und der Deal dann, außer den Tod?“ Ihre Stimme brach. Es viel ihr schwer, weiter Worte zu finden. Bald schon würde sie die Kraft verlassen.
„Wir haben Kalkulationen aufgestellt. Wie viele ihr seid. Woher ihr kommt. Wie alt ihr im Schnitt seid. Was ihr gemacht habt. Wie viele ihr ermordet habt ...“, zählte ich professionell auf. „Und wie kamen zu dem Entschluss, dass wir nur siebzig Prozent haben wollen. Danach ist die Blutfehde beendet.“
„Fünfzig“, hauchte sie. Tränen liefen ihr mittlerweile die Wangen hinab. Sie war nicht mehr stark genug sie aufzuhalten.
„Sechzig. Letztes Angebot, da ich meinem Engel nichts abschlagen kann. Als beginn hätte ich gerne deine Schwester und die nette große Schwester von Caroline.“ Nun verstummte sie ganz.
Ihr Gesicht war bleich. Auch auf der anderen Seite war die Information deutlich angekommen und schien für schwiegen zu sorgen. Sie blinzelte, wusste keiner auf der anderen Seite zu reagieren.
Sie stand langsam auf. Einige Frauen hinter ihr taten es ihr nach. Sie würden sie töten, wenn sie den Pakt nicht einginge.
„Überlegt gut. Geht ihr jetzt. Verliert ihr alles, bin in ein paar Tagen. Die weißen Hexen werden dominieren und das diese einen Pakt nicht ablehnen würden, um euch Tod zu sehen, ist bekannt.“ Ich stand auf und winkte einer netten jungen Dame in der letzten Reihe zu. Sie stand ebenfalls auf. Eine noch junge aber schon sehr erfahrene weiße Hexe, der die Machenschaften der dunklen Hexen schon lange auf die Eier gingen. Eier die die Frau definitiv besaß, wie sich schon gezeigt hatte.
„Sag hallo zu Amanda.“
„Ich kenne sie“, gestand Rachel. Jeder kannte sie, wie es schien. Ob man ihr bereits begegnet war, war eine andere Geschichte. Schwarze Hexen oder auch Schatten hexen konnten nur hoffen, es nicht getan zu haben.
„Sie ist übrigens mein zweites Date, sollte dieses nicht zum gewünschten Erfolg führen.“ Ich nickte ihre Begleitung zu. Witzigerweise hieß ihr Wolfswandler Owen.
Beide hatten wir früh in unseren Plan eingebracht, natürlich nicht ohne sie doppelt und dreifach kontrolliert zu haben. Bis jetzt, waren sie sauber, wenn auch sie Wesen waren, die wir eigentlich jagten. Der Pakt war Amanda mehr als schwer gefallen. Sie schien einige unerfreuliche Begegnungen mit einem Jäger hinter sich zu haben, weshalb sie erst auf den Deal eingegangen war, nachdem sie mich gelesen hatte. Mit einer Einschränkung, der sie zugestimmt hatte, Rachel war nur oberflächlich in mir betrachtet worden. Ein nötiges Opfer für unser vorgehen. Ein Opfer, das gewürdigt wurde und weshalb sie nun hier saßen.
„Du lässt uns keine Wahl.“
„Hatte ich eine, als du mich dazu brachtest, dich in mich zu lassen, Engel? Gabst du mir eine Wahl die unschuldigen Männer nicht zu töten?“ Meine Stimme war nun mehr ein Flüstern. Schmerzlich spürte ich noch den Rückstoß des Colts. Etwas was ich wohl nie vergessen würde. Wie der Colt vier Leben guter Jäger kurz hintereinander nahm. Durch meine Hand.
„Sie waren nicht unschuldig!“, es sollte wohl ein Fauchen darstellen, doch Rachel hatte keine Kraft mehr, keinen Willen sich zu wehren. Es war nur noch Caroline, die ihre Fäden zog.
„Ihr tötet unsere Familien.“
„Und es gibt immer Gründe.“ Ich stand auf.
„Die Zeit meine Liebe, ist abgelaufen. Es führt zu nichts. Ich bedanke mich für das Treffen, doch bedaure, dass dies keine Einigung gebracht hat.“ Ich nicke kurz und ging in Richtung Amanda, die Leiterin der mächtigsten weißen Hexen, der verlorenen Schwesternschaft.
„Ja!“, schrie Rachel auf dem halben Weg. „Wir tun es“, keuchte sie mit strömenden Tränen im Gesicht. Sie hatte gerade alles verloren.

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beta
Fairy Dust

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