9. Besucher

Nach einigen Wochen äußerte er einen Wunsch, den ich irgendwann erwartet hatte. Wie bei menschlichen Paaren waren unter Unsterblichen, manche Dinge und Praktiken, eben üblich. Magnus wollte mit mir gemeinsam töten. Bis jetzt hatte jeder von uns getrennt gejagt, aber ich stimmte zu, obwohl mir Irland noch in lebhafter Erinnerung war. Ich wollte ihn nicht enttäuschen und er könnte sonst denken, ich liebe ihn nicht genug. Gemeinsam zu töten, war etwas sehr Intimes und erst recht, dem anderen dabei zuzusehen. Das war unter Gefährten eigentlich eine Selbstverständlichkeit, es ab und zu gemeinsam zu tun. Damit bewies man auch sein Vertrauen in den anderen, wenn man diese persönliche Seite präsentierte. Magnus Vorstellung von unserem Mahl war, ein Paar in unserem Speisezimmer zu verführen und auszusaugen. In der vereinbarten Nacht war er total aufgekratzt. Schon die Vorstellung mit mir gemeinsam zu trinken, erregte ihn. Er ließ mich im Bad beim Zurechtmachen, kaum in Ruhe, küsste und streichelte mich immer wieder. „Magnus, bitte! Ich denke, du hast es eilig. Dann lass mich fertig machen.“ Er drängte sich an mich: „Ja, Liebling! Ich kann mich bei deinem Anblick einfach nicht beherrschen.« Ich lächelte sein Spiegelbild an: „Heb es für nachher auf.“ Sein nackter Anblick reizte mich ebenfalls, aber ich unterdrückte mein Verlangen. Das musste bis Später warten. Wieder umarmte er mich von hinten und bedeckte meine Schulter mit zarten Küssen: „Ich liebe dich, Jessica! So sehr, dass es manchmal weh tut. Ich möchte dir jeden Wunsch erfüllen. Möchtest du nachher unser Paar aussuchen?“ Ich drehte mich zu ihm um, strich ihm eine feuchte Strähne aus dem Gesicht: „Gern. Ach, ich mag deine Liebesschwüre. Vor allem in Italienisch. Du weißt, dass ich dann schwach werde.“ Er grinste hinterhältig. Normalerweise sprachen wir englisch miteinander, aber unsere Bettsprache war „Italiano“. Inzwischen konnte ich es ganz gut. Um neue Sprachen zu lernen, war unsere Fähigkeit die Gedanken zu sehen, ganz praktisch. Auch, als ich noch kein Wort verstanden hatte, konnte ich die Bedeutungen der Sätze im Kopf der jeweiligen Person sehen. Ja, und irgendwie speicherte ich alles sofort, ohne es wieder zu vergessen. Es genügte, es einmal zu hören. Mein neues Gedächtnis beeindruckte mich immer wieder aufs Neue und mein Blick für Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel das viele kleine Getier, das sich zwischen den Grashalmen tummelte, wenn ich darauf lag. Wir zogen uns in dem Schlafzimmer an, in dem wir uns nachher mit den Sterblichen vergnügen würden. Die Bettwäsche war heute schwarz mit roten japanischen Schriftzeichen darauf. Magnus liebte diese Farbkombination. Er kleidete sich meistens auch danach. Zumindest zur Jagd. Doch heute war sein weinroter Seidenanzug mal wieder an der Reihe. Der stand ihm wirklich am Besten und seine Haare hatte er streng nach hinten gekämmt und zusammengebunden. Ansonsten trug er gern Bikerklamotten und brauste mit seiner schweren Harley, die er aus den Staaten mitgebracht hatte, über die toskanischen Hügel. Ich passte mich seiner heutigen noblen Garderobe an und wählte ein schwarzes, langes Seidenkleid. Nur bei den Schuhen konnte ich mich nicht entscheiden. Die Highheels, normale Pumps, oder doch meine neuen schwarzen Sandalen mit den Strasssteinen. Ach ja, auch unsterbliche Frauen liebten Schuhe und vor allem konnte ich jetzt welche tragen, in denen ich mir als Sterbliche, die Knöchel verrenkt hätte. Heute begaben wir uns in ein Casino, um unsere Beute auszuwählen. Mein Gefährte ging wahrscheinlich davon aus, dass dort mein Beutespektrum verkehrte. Verbrecher! Schließlich bestiegen wir unseren schwarzen Mercedes, und Magnus fuhr los. Ich mochte das ruhige Dahingleiten der S-Klasse und natürlich das luxuriöse Innere von duftendem, weichen Leder und glänzendem Wurzelholz.

Als wir in das Casino eintraten, herrschte schon dichtes Gedränge um die Roulettetische. Es war Samstagabend und da strömten auch die Gelegenheitsspieler herbei. Ich gesellte mich zu den Leuten, die an den Tischen standen, aber setzte nicht. Heute beobachtete ich nur die Menschen. Mein Prinz sah sich ein wenig allein um und überließ mir die Wahl. Ab und zu empfing ich die Gedanken von gierigen Männern, die mich gerne vernaschen würden. Vornehm ausgedrückt. Manchmal war es lästig, das hören zu müssen. Was manchen da durchs Hirn ging. Magnus trat gerade hinter mich und legte die Arme um meine Taille: „Und? Hast du schon jemand gesehen?“

„Nein, kein Paar. Nur einzelne Männer.“ Da empfing ich die Gedanken einer Frau, die von uns ganz angetan war. Sie verzehrte sich nach Magnus und fand mich ebenfalls sehr reizvoll. Mein Gefährte hatte es auch gehört und schielte zu der Quelle. Eine Italienerin mit langem, schwarzem Haar und dunklen Augen, stand mit einem Glas Prosecco in der Hand, an der Bar und sah herüber. Mein Gefährte lächelte ihr zu und sie erwiderte. „Ist sie allein?“, wollte ich wissen. Er raunte: „Wir werden sehen.“ Sie gefiel ihm. „Darf ich zu ihr?“, flüsterte er. Ich nickte. Die beiden tranken noch je ein Glas Prosecco und Magnus zog alle Register, sie herumzukriegen. Anscheinend hatte sie keinen Begleiter, oder er spielte wirklich so lange. ‚Jessica, komm her‘, hörte ich. Also, gesellte ich mich zu ihnen. Anna hieß die hübsche Frau und ihr Typ war beim Poker. Das konnte also noch dauern. Ich erfuhr aus ihren Blicken, die sie zu dem Tisch hinüberwarf, welcher es war. Er sah rassig aus, halblange, dunkle Haare und auch dunkle Augen. ‚Okay, das passt. Schleppen wir sie ab‘, übermittelte ich Magnus. Ich bemerkte daraufhin das gierige Funkeln in seinen Augen, mit denen er Anna betrachtete. Ihr Freund blickte ab und zu herüber, denn ihm war Magnus Anmache nicht entgangen und das machte ihn nervös. Er beendete sein Spiel, um zu erfahren, wer seine Anna betatschte. Als er an die zwei herantrat, streckte ich ihm meine Hand hin und stellte mich vor. Verwirrt blickte er in meine grünen Augen und sein Groll schmolz dahin. ‚Du findest mich unwiderstehlich‘, dachte ich, aber Manipulation war gar nicht nötig. Meine roten, langen Haare verfehlten selten ihre Wirkung. Er ließ sich in ein Gespräch verwickeln und nach einiger Zeit fragte ich: „Du bist ganz ansehnlich und Anna auch. Hättet ihr Lust auf Partnertausch?“ Ricardo zögernd: „Ich weiß nicht.“ Dabei sah er Anna an, deren Aufmerksamkeit ganz auf Magnus gerichtet war. „Du begehrst mich doch und sie meinen Freund. Zuhause haben wir eine schöne Spielwiese. Kommt doch mit!“ Er flüsterte in Annas Ohr und ihr süßliches Lächeln sprach Bände. Dann nickte er mir zu. Wir hatten unsere Beute.

Daheim wartete eine weitere Flasche Prosecco im Sektkühler. Angetrunkene Menschen waren leichter zu täuschen und enthemmter. Mein Prinz war ganz scharf auf die Frau. Er bestieg sie schon auf dem Sofa im Wohnzimmer und ich beschäftigte mich solange mit Ricardo. Ich mochte Sex mit menschlichen Männern ja nicht, so hielt ich ihn hin, bis wir uns ins Schlafzimmer verzogen. Das Einzige, was mich erregte, war sein Puls und sein Atem, während er sich auf mir verausgabte. Ich lag da, wie das sprichwörtliche Brett und wartete nur auf den richtigen Augenblick. Magnus war mit Anna inzwischen ebenfalls im Bett gelandet. Ich sah Blut an ihrem Körper. Es floss aus einer Wunde an ihrer Brust, das mein Gefährte nun langsam und genüsslich ableckte. Sie war dabei total weggetreten. Sein Spiel schien zu beginnen und es interessierte mich mehr, als der Mensch auf mir. Als er kam, brachte ich es schnell hinter mich, riss ihm den Hals auf und schlang alles hastig in mich hinein. Meinem Prinz gefiel meine unbeherrschte Art. Er hatte zugesehen und währenddessen Annas Glieder massiert und zärtlich ihre Wunden geleckt. Ich stieß Ricardos Leiche vom Bett und betrachtete die beiden. ‚Komm, Jessica. Koste von ihr!‘, forderte mich Magnus auf. Normalerweise nahm ich keine Frauen, als Opfer, aber mein Gefährte würde sie ja schließlich töten. Also, biss ich in ihr Handgelenk und nahm einige Züge. Sie war schon jenseits ihres Verstandes, total berauscht von den Drogen unseres Speichels. Ab und zu seufzte sie Magnus Namen und war schon so gut, wie gelähmt. Unsere Halluzinogene dienten nur dazu, unsere Opfer ruhig zu stellen und willenlos zu machen, damit sie die schmerzhafte Prozedur des Aussaugens, ohne Gegenwehr über sich ergehen ließen. Sie verursachten die schönen Phantasiewelten, in denen sich die Sterblichen dann befanden. Martins Forscherin hatte sich damals eine kleine Menge seines Speichels ins Blut gespritzt und erlebte den Trip ihres Lebens. Am Ende lag sie bewegungsunfähig auf ihrem Bett und bekam langsam Panik, bis die Wirkung wieder nachließ. Es hatte nur direkt in der Blutbahn gewirkt. Unsere Spucke wäre sicher der Renner auf dem Drogenmarkt. Mein Liebster hing inzwischen an ihrem Hals, trank und schien es zu genießen. Er löste sich dann von ihrer Kehle, knutschte innig mit ihr und ein dünnes Rinnsal Blut ergoss sich über ihr Kinn, auf die Brust. Der Zungenbiss! Das tat er auch mit mir gern. Letztendlich zerfetzte er ihre Ader. Sie war da schon längst tot. Nun war unsere Zeit gekommen. Wir lechzten nach der Erfüllung unserer Lust. Ich zog ihn stürmisch auf mich und fühlte, wie sich sein stattlicher Schwanz zwischen meine feuchten Wände stieß. Während unseres Liebesaktes drang mir ein scharfer, stechender Geruch in die Nase. Ich dachte mir jedoch nichts dabei. Später betrachtete ich den Körper von Anna und sah das Malheur auf dem Laken. Ihre Haut glänzte vor Schweiß und Unrat. „Was hast du getan?“, schrie ich entsetzt. Die Kussszene schoss in meinen Kopf. Natürlich, er hatte sie trinken lassen. „Magnus, was soll das?“ Er sah mich ungerührt an und lächelte: „Sie ist mein Geschenk an dich. Sie gefällt dir doch.“ Ich blickte ihn ärgerlich an: „Vor allem gefällt sie dir. Du warst doch ganz heiß auf sie.“ Mein Gefährte entgegnete: „Ich dachte, du könntest Gesellschaft gebrauchen. Du vermisst doch die Clubs und das alles.“ Mein Ärger schwelte immer noch in mir: „Dazu kann ich auch nach Rom. Das ist durch die Luft ja nicht weit. Gib doch zu, dass du sie wolltest. Und, überhaupt! Wo soll sie schlafen?“

„Na, im Keller. In meinem Vorzimmer.“ Inzwischen war ich sehr wütend: „Werfe sie am Morgen in den Garten. Dann verwandelt sie sich nicht mehr. Ich will sie nicht!“ Er wusste, dass er zu weit gegangen war. Seufzend nickte er, hob ihren Körper auf seine Arme und trug sie in den Garten. Ich beobachtete ihn argwöhnisch, wie er Anna ins Gras legte. Irgendwie befürchtete ich, er würde sie doch noch verstecken. Deswegen bewachte ich den Körper, bis ich dem anbrechenden Tag nicht mehr standhalten konnte. Zufrieden sah ich noch, wie das schwache Licht Annas Haut ansengte. Magnus holte nun die Leiche, um sie auch in den Brennofen, den er für diese Zwecke hatte einbauen lassen, zu werfen. Ich war noch beleidigt mit ihm und verletzt. Ich dachte, er liebe mich so sehr und verstand nicht, warum er dann eine weitere Gefährtin wollte. Als er mich in unserem Sarkophag anfasste, fauchte ich ihn warnend an. Daraufhin säuselte er mir Koseworte auf Italienisch ins Ohr, aber diesmal wirkte es nicht. Ich ließ mich nicht erweichen.

 

In den nächsten Nächten versuchte er, mich mit Geschenken zu besänftigen. Das verstärkte meine Ansicht von seinem schlechten Gewissen noch. Mal ein Blumenstrauß, ein neues Kleid und Schuhe und er startete immer wieder Annäherungsversuche. Ich wich ihm dann aus, redete kaum mit ihm, nur das Nötigste und schob ihn sanft, aber bestimmt von mir.

Nach einer Woche Schmollen meinerseits, setzte sich mein Gefährte mir gegenüber, in den Sessel, als ich auf dem Sofa vor dem Fernseher lag. „Jessica, was verlangst du von mir? Ich tue alles, nur damit du mir verzeihst. Bitte, ich ertrage das nicht mehr.“ Er sah mich ganz verzweifelt an. „Ich möchte nur, dass du die Wahrheit sagst“, antwortete ich. Magnus nickte: „Also, gut. Sie hat mir gefallen, ja. Sehr sogar! Ich wollte sie als mein Spielzeug und auch deines. Wir hätten viel Spaß mit ihr haben können.“ Ich setzte mich auf: „Und dazu machst du sie einfach unsterblich? Gehst du so leichtfertig mit deiner Gabe um?“ Seine Miene wurde ärgerlich: „Es war ein Fehler. Das gebe ich zu und jetzt ist Schluss mit den Diskussionen. Sonst werde ich böse.« Er war gereizt. Ich stand auf, nahm seine Hand und meinte: „Gut, ich verzeihe dir. Ich war nur so verletzt, dachte, du willst eine zweite Gefährtin.“ Mein Prinz erhob sich ebenfalls, legte mir seine Hände auf die Schultern und sah mich mit seinen eisblauen Augen an: „Nein, niemals. Du bist die Einzige für mich.“ Er zog mich enger an sich, beugte sich herunter und seine Lippen trafen auf meine. Dann besiegelten wir unsere Versöhnung auf dem Granit des Wohnzimmers.

 

Mit der Zeit enthüllte er mir immer mehr von seinem abartigen Wesen. Ich stöberte eines Abends, als Magnus mit der Harley unterwegs war, in seiner Videosammlung herum. Das Meiste waren Horror- und Vampirfilme. Da fiel mir eine unbeschriftete Kassette, in einer schwarzen Hülle, in die Hand. Neugierig öffnete ich sie und auf der Kassette stand nur die Länge des Films und dass sie aus England stammte. Ich ahnte schon, dass sich auf dem Film etwas Illegales verbarg und schob sie sofort in den Recorder.

Ein mit Fackeln erleuchtetes Gewölbe, war zu sehen und eine junge, attraktive Frau, die an den Armen an die Wand gekettet war. Ach, je. Wohl ein Sado-Maso-Porno. Fast hätte ich schon wieder ausgeschaltet, als zwei sehr attraktive Männer mit entblößten Oberkörpern hereinkamen. Ich betrachtete die beiden genauer und als sie begannen, der Frau, die Kleider vom Leib zu reißen und sie zu befingern, erkannte ich den Unterschied von ihnen zu ihrem Opfer. Waren das echte Unsterbliche oder nur gut geschminkt? Im Film war das schwer zu beurteilen. Nun musste ich natürlich weitergucken. Das interessierte mich jetzt schon noch. Pervers genug, dass es Vampir-Pornos für Sterbliche gab. Die Frau war inzwischen nackt und wurde von beiden gestreichelt und geküsst, bis sie scheinbar ganz weggetreten war, vor Erregung. Als einer von ihnen, ihre Schenkel ableckte, geschah der erste Biss in die Innenseite. So, wie das Blut floss, er daran saugte und die Wunde aussah, war es echt. Kein Sterblicher konnte das wissen, geschweige denn nachstellen. Der Hammer! Es gab tatsächlich Pornos für Unsterbliche. Ich konnte nicht leugnen, dass mich das Gesehene sehr in Stimmung brachte, als sie es mit der Sterblichen trieben und an verschiedenen Stellen von ihr tranken. Einer hatte die Ketten aus der Wand gerissen und nun wälzten sie sich mit ihr auf dem Boden. Zwischendurch wurde sie immer wieder ohnmächtig. Da beschäftigten sich die zwei Herren dann selbst miteinander. Am Ende hängten sie die halbtote Frau, mit den Füssen an der Decke auf und einer zerriss ihre Hauptader. Das restliche Blut, klatschte auf die nackten Männer nieder, die sich leidenschaftlich darin wälzten. Bald war ihre Haut komplett bedeckt, mit Blut und sandiger Erde, des Bodens. Letztendlich waren sie befriedigt und der Film war zu Ende. So etwas zog sich, also mein Prinz rein. Woher er den Streifen wohl hatte? Ich ließ das Video absichtlich auf dem Fernseher liegen, damit er es sofort bemerkte, wenn er heimkam.

Magnus trat grinsend, zu mir auf die Terrasse heraus: „Und, hat’s dir gefallen?“ Ich erwiderte vom Liegestuhl aus: „Zuerst ja. Aber der Schluss nicht. Wer dreht so was?“ Er setzte sich zu mir auf die Liegefläche: „Einer aus England vermarktet die Videos. Ich habe es, aber in den USA. bekommen. Das ist eine härtere Version. Es gibt auch weniger Gewalttätige. Wir könnten doch auch mal einen drehen.“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, das will ich nicht. Nachher kennt mich noch jemand.“

Aber der Film hatte mich auf eine andere Idee gebracht. Ich würde ein Foto von mir machen, um endlich zu erfahren, wie ich für Menschen aussah. Die Kamera würde mich sozusagen mit menschlichen Augen sehen. Diese Sichtweise interessierte mich ja schon länger.

„Magnus, soll ich mal ein Bild von dir machen?“

„Wozu?“, fragte er verdutzt. „Interessiert dich nicht, wie du für die Welt aussiehst?“ Magnus zuckte die Schultern: „Mir genügt es, wenn ich mich im Spiegel betrachten kann. Wie die Sterblichen mich sehen, ist mir ziemlich egal.“ Ich lächelte: „Aber ich möchte es wissen. Bei mir und bei dir. Warte, ich hole meine Kamera.“ Sie war noch irgendwo in meiner Gepäckbox verstaut, die oben in einem der Schlafzimmer stand. Ich kramte darin herum, bis ich die Fototasche zu fassen bekam. Mein Prinz stand plötzlich hinter mir und beobachtete skeptisch, wie ich die Kamera herausnahm und einstellte.

„So, nun leg dich mal aufs Bett“, meinte ich zu ihm.

„Ich will dich schließlich in deiner ganzen Schönheit drauf haben.« Magnus erwiderte: „Das ist doch albern.“

„Wieso albern? Martin hat das mal als Job gemacht. Du bist doch sonst auch so eitel.“ Mit einem genuschelten „Na gut“ legte er sich seitlich quer über das Bett. „Okay, und jetzt mach nicht ein Gesicht, wie sieben Tage Regenwetter. Ein bisschen Lächeln.“ Mein Model fügte sich und ich hatte das erste Foto.

„Und, war das jetzt so schlimm?«, fragte ich. Er schüttelte den Kopf: „Nein, aber ich hab das noch nie gemacht.“ Ich streckte ihm die Kamera entgegen: „Jetzt musst du mich knipsen.“ Er nahm das Teil mit spitzen Fingern: „Und wie?“

„Da ist der Auslöser und da musst du durchgucken. Probier‘s mal! Knips einfach das Zimmer.“ Magnus stellte sich gar nicht so blöd an und verschoss gleich ein paar Bilder, bis er mich endlich ablichtete. Ich merkte schon, dass es ihm hinter der Kamera besser gefiel, als davor. Zumindest noch. Ich schaffte es, ihn zu Oben-Ohne-Fotos zu überreden. Seinen makellosen Oberkörper brauchte ich unbedingt. Wir verschossen den ganzen Film bei unserer Session und die Neugierde trieb mich gleich am nächsten Abend in einen Foto-Laden in der Stadt.

Nach einer weiteren Nacht konnte ich meinem Liebsten endlich die Ergebnisse präsentieren. Natürlich musste ich die Bilder schon kurz, nachdem ich das Geschäft verlassen hatte, ansehen. Das war also ich in realem Zustand! Sehr blass, stark glänzendes, feuriges Haar und durchdringende Augen. Meine Gesichtshaut wirkte, wie mit einer Puderschicht bedeckt. Nun betrachtete ich Magnus Fotos. Seine blauen Augen stachen mir regelrecht entgegen und seine Haut wirkte überall gepudert, jedoch nicht so blass wie meine. Sein Haar hatte einen silbrigen Schimmer und er war einfach wunderschön. Kein Wunder, dass ihm alle Sterblichen zu Füßen lagen. Ich küsste sein Bild und steckte alle wieder in den Umschlag zurück, um nun heim zufliegen. Ich war gespannt auf seine Reaktion.

Mein Gefährte war begeistert von dem Ergebnis und er wollte, dass ich noch mehr Fotos machte. So kam es, dass sich eines unser Schlafzimmer immer mehr in ein Fotostudio verwandelte. Ich stellte Lampen auf, Stative, verhängte den Schrank mit Tüchern, als Hintergrund und in den Laken räkelte sich Magnus, am liebsten nackt und mit sichtlichem Vergnügen. Bald zierten einige der besten Abzüge von uns, die Wände des Zimmers.

Doch bald wurde uns das zu langweilig und Magnus sprach eine Idee aus, die mich nicht so sonderlich begeisterte. Er wollte unseren Sex filmen. „Ach, Liebling. Das mag ich nicht, wenn nebenher so ne surrende Kamera läuft“, wandte ich ein. Ich lag gerade in seinen Armen auf dem Bett und er küsste mich: „Du brauchst doch nicht darauf zu achten.“ Ich kostete abermals seine zarten Lippen: „Wozu soll das überhaupt gut sein? Reicht dir der Spiegel nicht?“ Er umschlang mich und wir wälzten uns herum: „Ich wollte es nur ausprobieren.“ Unsere Küsse wurden leidenschaftlicher. Seine Zunge drängte sich zwischen meine Lippen und seine Hüfte sich zwischen meine Schenkel. Magnus Körper strahlte noch die Wärme seines letzten Opfers aus, wo hingegen meine Haut sehr kühl war. Somit genoss ich seine Wärme und umschlang mit den Beinen seine Lenden. Seine Zunge vollführte dieselben Bewegungen, wie sein Becken und ich gab mich ihnen hin. Als seine Halsseite in die Nähe meines Mundes kam, vergrub ich meine Zähne darin. Später, als wir uns erholt hatten, fragte ich: „Wie war das für dich, als du erwacht warst? Nach sieben Jahrhunderten. Dieses Zeitalter.“ Magnus lächelte: „Ich wusste ja durch andere, wie viele Jahre vergangen waren. Also, überraschte mich diese Welt nicht zu sehr. Mir war klar, dass alles anders sein würde. Ich fühlte mich wieder, als kleiner Junge, der auf Entdeckungstour geht und alles ausprobieren muss. Diese erste Zeit machte mir keine Angst. Ich fand das alles sehr spannend und interessant. Mein übernatürlicher Verstand half mir die neuen Dinge schneller zu begreifen. Zum Beispiel, wie etwas funktioniert. Und natürlich beobachtete ich viel. Dann traf ich schon bald auf eine Motorrad-Gang aus Unsterblichen, denen ich mich anschloss und die brachten mir auch noch vieles bei. Z.B. wie man Motorrad fährt und die heutigen Sterblichen zum Narren hält. Bald darauf erschien plötzlich Catherine in meinem bescheidenen Haus, mitten in der Wüste. Ich hatte sie davor öfters in meinen Träumen gesehen, wie sie auf dem Turm meiner einstigen Burg stand. Ich war mir nicht sicher, ob es Erinnerungen waren, oder ob meine ehemalige Geliebte wirklich noch existierte. Dann stand sie eines Abends auf einmal mitten in der Stube. Wir sahen uns fassungslos an. Sie konnte es kaum glauben, dass ich wahrhaftig Magnus war und kein Doppelgänger. Sofort erwachte unsere einstige Liebe wieder, wie wenn es nie anders gewesen wäre. Catherine war so glücklich, mich gefunden zu haben, denn sie hatte mich nach einer Vision, gezielt gesucht. Darin hatte sie mich in meiner Lederkluft auf dem Motorrad vor meinem Haus gesehen.“ Während seiner Schilderung bemerkte ich die Veränderung in ihm. Er empfand immer noch viel für Catherine und Eifersucht stieg in mir hoch. Er hing noch an ihr und sicherlich war sie diejenige gewesen die, die Beziehung beendet hatte. Vermutlich waren die beiden ein Paar für die Ewigkeit. Sie konnten sich noch so oft trennen, doch sie fanden immer wieder zusammen. In unseren Kreisen nannte man das den Partner für die Ewigkeit. Sie waren füreinander bestimmt. Diese Tatsache machte mir Angst. Würde er mich verlassen, wenn sie herkommen würde? Spätestens beim Neujahrsfest traf Magnus sie wieder. Hoffentlich hielt er zu mir. Ich würde ihn nicht verlieren wollen, meinen schönen Prinzen. Seine Küsse holten mich aus meinen Gedanken zurück. „Was ist, Jessica? Du sahst gerade so grüblerisch aus.“ Ich schüttelte den Kopf: „Ach, nichts. Ist schon gut.“ Dann fragte ich: „Liebst du mich?“ Magnus sah mich zuerst verdutzt an, dann strahlte er: „Natürlich. Das weißt du doch. Ich würde alles für dich tun. Wie kannst du nur daran zweifeln?“ Ich umarmte ihn und schmiegte mich an seinen Leib: „Ich weiß es ja, aber ich höre es immer wieder gern. Ich möchte dich nicht so schnell verlieren.“

Einige Nächte später spazierte ich allein durch unser Revier. Ich schlenderte über die Ponte Vecchio und dann zu den Uffizien hinüber. Da spürte ich auf einmal ein schwaches Vibrieren in meinem Körper. Sofort verschloss ich meine Gedanken und lauschte. Irgendwo in der Nähe waren zwei fremde Unsterbliche. Je näher ich den Säulengängen der Uffizien kam, desto stärker wurden die Schwingungen und ich wusste plötzlich, dass die beiden ziemlich schwach waren. Ich hatte also wenig zu befürchten. Dann hörte ich Gedankenfetzen. Sie spürten mich ebenfalls und hielten sich aus Furcht verborgen. Sie hatten nicht die Absicht mich anzugreifen und so schritt ich unbekümmert weiter. Als ich fast am Piazza Della Signoria angekommen war, erblickte ich die beiden für einen kurzen Moment. Sie huschten zwischen den Säulen hindurch und als sie bemerkten, dass ich sie entdeckt hatte, verschwanden sie über die Dächer. Es war ein junges Pärchen gewesen, vielleicht Anfang zwanzig. Die Frau hatte dunkelblondes, gewelltes, langes Haar gehabt und der Mann glattes, schwarzes, das ihm bis zu den Schultern reichte. Was wollten sie in Florenz? Na ja, wahrscheinlich nur eine Besichtigungstour. Hoffte ich zumindest, denn sonst würden sie Ärger mit Magnus bekommen. Vor allem der junge Mann.

Nach zwei weiteren Nächten erspähte ich ihn allein auf dem Domplatz. Ich saß auf der Treppe vor dem Dom und während ich die Passanten beobachtete, stach mir das blasse Gesicht und die schwarzen Haare ins Auge. Natürlich wurde das Ganze abermals von den Schwingungen begleitet. Er bemerkte mich ebenfalls, aber wich meinen Blicken aus. Allerdings mehr aus Unsicherheit. Zu meinem Erstaunen verlangsamte er seine Schritte und blieb schließlich stehen. Er tat so, als würde er den Dom betrachten, und setzte dann gemächlich seinen Weg fort. Ich hatte verstanden. Er wollte mich kennen lernen und ich sollte ihm folgen. Nun gut, ich tat es, denn ich spürte keine Gefahr, und seine Gefährtin war weit und breit nicht zu fühlen. Ich vermutete mal, dass sie auf Jagd war. Der Schwarzhaarige trug einen dunklen Mantel und darunter ein weißes Hemd. Für sein junges Alter ziemlich edel. Auch die schwarzen Herrenschuhe waren sicher nicht billig gewesen. Das alles fiel mir auf, als er mich immer näher an sich herankommen ließ. Plötzlich schnellte er nach oben auf eines der Dächer und dort setzte er sich nieder, um mich zu erwarten. Als ich neben ihn kam, erhob er sich und flüsterte: „Hallo ... Ich bin Chris!«, dabei reichte er mir die Hand. Ich lächelte und erfasste kurz seine Finger: „Jessica! Was willst du von mir?“ Chris blickte schüchtern zu Boden: „Meine Freundin und ich sind neu hier. Wir sind auf der Suche nach Artgenossen, deshalb wollte ich gern mit dir sprechen.“ Ich setzte mich auf die Dachziegel: „Gut. Was möchtest du erfahren? Eines kann ich dir gleich beantworten. Die ganze Stadt gehört meinem Gefährten Magnus. Und er duldet keine Männer in seinem Revier. Es wäre besser, ihr würdet euch in der Umgebung einen Unterschlupf suchen.“ Er blickte mich enttäuscht an: „Dann sind wir hier nicht willkommen?“ Ich schüttelte den Kopf: „Zumindest nicht auf Dauer. Ihr könnt jedoch noch einige Nächte hierbleiben, bevor ihr weiterzieht.“ Chris nickte seufzend und hockte sich nun neben mich: „Wir sind schon lange auf der Suche. Überall können wir nicht bleiben, weil schon andere da sind. Josephine, meine Freundin, möchte endlich ein Zuhause finden.“ Er war sehr süß, wie er so betrübt dreinblickte. So ein unschuldiger, junger Unsterblicher. Nicht so verderbt, wie Magnus. Der würde Chris in der Luft zerfetzen und das durfte ich auf keinen Fall zulassen. Ich legte meine Hand auf sein Knie und meinte: „Ihr findet im Hinterland sicher das Passende. Dort gibt es viele verlassene Gehöfte.“ Chris lächelte: „Schön zu hören. Josie und mir gefallen alte Gemäuer.“ Meine Berührung verunsicherte ihn und so nahm ich meine Hand wieder von seinem Knie. Seine Zurückhaltung und Unschuld weckten den Jagdtrieb in mir. Ich würde ihn zu gern küssen, aber damit würde ich ihn eher in die Flucht schlagen, als zu erlegen. Aus seinem Innersten wusste ich, dass sein Herz nur Josephine gehörte und dass er noch sehr mit seinen menschlichen Moralvorstellungen behaftet war. „Du bist noch nicht lange unsterblich“, sagte ich. Chris lächelte wieder so bezaubernd: „Nein, noch nicht lange. Ein Jahr erst. Josie gab mir das Blut.“

„Aber sie hat es auch noch nicht lange“, erwiderte ich. „Nein. Vielleicht zwei Jahre. Wir kannten uns schon als Sterbliche und irgendwann wollte ich ihr folgen.“ Da musste ich lachen: „Ja, das kenne ich. Ich folgte ebenfalls meinem Liebsten in dieses Dasein. Aber wir haben uns getrennt. Ich verliebte mich in einen anderen.“ Chris schüttelte den Kopf: „Ich könnte sie nie verlassen, geschweige denn, mich in eine andere verlieben. Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.“ Ich zuckte die Schultern: „Es kommt oft anders, als man denkt. Aber es ist doch schön, wenn ihr glücklich seid.“ Er betrachtete die Lichter der Stadt: „Ja, das sind wir.“ Kurze Zeit herrschte Schweigen, bevor Chris fortfuhr: „Dein Gefährte, dem dieses Gebiet gehört. Meinst du, er ließe mit sich reden, ob wir hierbleiben könnten?“ Magnus und reden. Ich erinnerte mich an seine Reaktion auf Jack und Cornelius. Am liebsten hätte er die beiden verjagt, nur um in seiner Macht bestätigt zu werden, wenn sie geflohen wären. Aber vielleicht hatte er dieses Pärchen ebenfalls schon entdeckt. Mein Prinz war schließlich um vieles älter, als ich und wenn ich die beiden gefunden hatte, dann hatte er es sicherlich auch. „Hast du zufällig einen großen, hellblonden Unsterblichen gesehen? Das ist nämlich Magnus“, entgegnete ich. Chris verneinte. Er hätte, außer mir noch keine anderen Vampire in der Stadt entdeckt. „Dann sei auf der Hut, falls du ihn triffst. Signalisiere ihm, dass du nicht bleiben willst und ihn fürchtest.“ Er nickte eifrig: „Danke. Ich werde deinen Rat befolgen. Und was ist mit Josie? Wenn er ihr etwas antut?“ Seine besorgten Gesichtszüge ließen mich schmunzeln: „Nein, keine Sorge. Frauen tut er nichts Böses. Er verführt sie höchstens.“ Damit erhob ich mich und sagte: „Also, ich breche jetzt auf. Wir laufen uns sicherlich wieder über den Weg. Ciao, Chris!“ Im Davonschweben hörte ich noch sein „Ciao, Jessica“ hinter mir.

Ich steuerte die Hügel vor der Stadt an, wo unser Palazzo lag. Schon von weitem erkannte ich die beleuchteten Fenster. War mein Liebster also Zuhause. Als ich ins Wohnzimmer trat, lag er auf einem der weißen Ledersofas und blickte auf die Mattscheibe des Fernsehers. Kurz streiften mich seine blauen Augen und ein leichtes Lächeln zog sich über seine Mundwinkel. Ich schlüpfte aus meinen Sandalen und drängte mich zu ihm auf die Sitzpolster. Dabei meinte ich: „Mach dich nicht so breit.“ Er lachte und rückte weiter an die Lehne. Dann hatte ich schließlich eine bequeme Position gefunden und betrachtete mehr Magnus, als den Fernseher. Ich spielte mit seinem seidigen Haar, während er weiterschaute. Er hatte seinen Kopf auf eine Hand gestützt und so hatte ich seine Halsseite genau vor Augen. Ansonsten wäre es mir sicher nicht aufgefallen, aber ich entdeckte dunklere Flecken auf seiner sonst hellen Haut. Bei genauerem Betrachten erkannte ich darin eine Bisswunde. Von wem stammte sie? Ich strich mit dem Finger darüber, aber Magnus reagierte nicht. „Was hast du da?“, fragte ich. „Hat dich jemand gebissen?“ Er sah mich überrascht, eher ertappt an. Er hatte wohl zu sehr auf seine rasche Regenerierung gesetzt. Er schwieg immer noch. „War das Eine von deinen geduldeten Gespielinnen in deinem Revier?“ Er lächelte: »Ach, Jessica. Das spielt doch keine Rolle.“ Ich setzte mich auf: „Für mich schon. Los, sag schon! Sei nicht so feige.“ Magnus erwiderte: „Du kennst sie nicht. Sie ist neu in der Stadt.“ Konnte er es also doch nicht lassen. Ich hatte ja gehofft, er würde mir länger treu bleiben. Was sollte ich auch bei jemanden, wie Magnus erwarten. „Ist sie zufällig klein, dunkelblond und heißt Josephine?“, platzte ich genervt heraus. Da sah er mir konzentriert in die Augen und ich spürte seine Kraft in mein Hirn dringen. Ich versuchte, ihn abzuwehren, aber das gelang mir nur halbwegs. Mein Prinz schmunzelte daraufhin: „So, so. Sie hat einen Gefährten.“

„Bitte lass ihn in Ruhe. Sie verlassen in ein paar Nächten wieder die Stadt.“ Magnus setzte sich hin: „Wegen mir kann die Frau bleiben, aber er muss gehen.“ Ich sprang auf und lief zur Terrasse: „Bumst sie so gut, dass du nicht mehr auf sie verzichten willst?“ Als ich draußen am Marmorgeländer lehnte, stand er plötzlich hinter mir und legte seine Hände auf meine Schultern: „Du bist doch meine Liebste. Die anderen bedeuten mir nichts.“ Seine zarten Lippen streiften meinen Hals und er presste sich enger an mich. Sofort verflog mein Ärger und ich fühlte das beginnende Pochen zwischen meinen Beinen. Seine Hände legten sich um meine Taille, fuhren unter mein Shirt und kneten meine Brüste. Mein Atem setzte ein und nun streichelte eine seiner Hände meinen Schenkel, schob sich unter den Rock und zog ihn mit hoch. Ich beugte mich erwartungsvoll über die Brüstung und er drang sofort in mich ein. Während er immer wieder kräftig in mich stieß und meine Haare packte, um seine Zähne in meinen Hals zu schlagen, dachte ich daran, was Josephine wohl Chris über die Herkunft ihrer Wunden erzählte. Ich war mir sicher, dass es nicht die Wahrheit sein würde.

 

Drei Nächte später sah ich Chris aus der Ferne. Er blickte kurz zu mir herüber und verschwand daraufhin. Das verwunderte mich doch sehr und ich verfolgte ihn. Dank meines stärkeren Blutes hatte ich ihn bald aufgespürt. Er war nicht so schnell, wie ich. Ich schickte ihm meine Gedanken: ‚Warte doch! Was hast du denn?‘ Sogleich kam eine Antwort: ‚Geh weg! Ich will keinen Ärger mit euch.‘ Diese Bemerkung verwirrte mich doch sehr: ‚Bist du Magnus begegnet?‘ Endlich zeigte er sich. Er stand auf einem Turm: ‚Nein, aber Josie. Von wegen er tue Frauen nichts. Sie hatte einige Bisswunden und Kratzer.‘ Langsam dämmerte mir, was sie ihm aufgetischt hatte. Dieses feige Biest! Nun wechselte ich zu meiner akustischen Stimme, als ich ebenfalls auf dem Turm aufsetzte: „Magnus hatte auch einen Biss am Hals und glaube mir. Ein Tausendjähriger ließe sich niemals von einer Neugeborenen erwischen. Dazu ist er viel zu schnell für sie. Er hat sie flachgelegt und sie will es vor dir nicht zugeben. Magnus hat es mir gesagt, als ich seine fast verheilte Wunde entdeckte.“ Chris warf mir einen scharfen Blick zu: „Nein, das glaub ich nicht. Sie würde mir so etwas niemals antun.“

„Nun, Magnus ist sehr faszinierend und er hat sich Josephine im passenden Moment genähert. Kurz nach ihrer Jagd. Du weißt ja, was das bedeutet. Ich habe noch niemanden erlebt, der ihm widerstehen konnte.“ Chris schrie mich an: „Sei still!“ Und in seinen Augen sammelten sich die Tränen. Er tat mir leid und am liebsten hätte ich ihn getröstet, aber das war jetzt der falsche Moment dazu: „Verzeih, Chris!“ Damit schwebte ich wieder von dannen. Im Nachhinein ärgerte ich mich über mein mangelndes Taktgefühl, aber mich hatte diese Unterstellung, Magnus hätte sie böswillig angegriffen, sehr verärgert und nun hatte ich Chris verletzt. Ich mochte den Kerl irgendwie und wollte eigentlich nicht mit ihm verfeindet sein. Mir war noch aufgefallen, dass er wohl kurz vorher frisch getrunken hatte. Seine Wangen waren gerötet gewesen. Tötete dieser sensible Junge überhaupt? Wahrscheinlich schon, aber vermutlich zurückhaltend beziehungsweise behutsam. In zwei Nächten musste er wieder auf Nahrungssuche. Vielleicht sollte ich ihn dabei beobachten. Bei Magnus war es heute soweit gewesen und als ich heimkam, standen noch benutzte Weingläser auf dem Tisch. Diesmal hatte er nur eine abgeschleppt, weil zwei Gläser dort standen. Unsere beiden Putzfrauen räumten das dann weg und machten unsere Wäsche. Sie kamen jeden zweiten Tag ins Haus und wir legten ihnen Zettel hin, was sie zu tun hatten.

Ich stieg ins erste Stockwerk hinauf und hörte Geraschel aus dem besagten Schlafzimmer. War er noch nicht fertig? Zumindest war sie bereits tot. Ich vernahm keinen Puls mehr. Langsam öffnete ich die Tür. Magnus war gerade dabei, das Leintuch über den Körper zu schlagen. Natürlich war es voller Blutflecken und ich war froh, dass die Leiche abgedeckt war. Mir genügte bereits sein Anblick. Blut im Gesicht, an den Händen, über den Oberkörper verteilt, bis zu den Oberschenkeln. „Hallo Jessica. Schon zurück? Ich werfe sie nur kurz in den Ofen, dann geh ich ins Bad. Kommst du mit?“, sagte er zur Begrüßung. „Ich weiß nicht“, antwortete ich und starrte auf das nun abgezogene Bett. Ich konnte mir schon denken, warum er wollte, dass ich ihn in die Dusche begleite. Seine Libido war jetzt in Höchstform. Chris spukte abermals durch meinen Kopf. Sein süßes Lächeln. Zu gern würde ich ein Abenteuer mit ihm verbringen. Irgendetwas an ihm reizte mich sehr. Vermutlich seine Zurückhaltung.

 

Die zwei Nächte verstrichen und ich machte mich auf die Suche nach meinem Jüngling. Ich überlegte, wo er wohl mit seiner Jagd beginnen würde. Vermutlich im Zentrum von Florenz. Also, kreuzte ich über den Häusern hin und her, fuhr meine Antennen aus, um jede leichte Schwingung wahrzunehmen. Inzwischen kannte ich sein spezifisches Vibrieren, so dass ich nicht versehentlich seine Freundin aufspüren würde. Schließlich fühlte ich seine Schwingungen und sah seine Gedanken. Er hatte bereits jemanden ausgewählt. Chris ging zu Fuß, wie der Mann den er durch die Straßen verfolgte. Durch die Bilder, die er unbewusst aussandte, wusste ich, wo er sich aufhielt, und flog zügig zu dieser Straße. Allerdings wahrte ich eine entsprechende Entfernung, damit er mich nicht spüren konnte. Ich wollte noch unbemerkt bleiben und ich wollte ihn nicht verunsichern. Von oben sah ich die beiden. Ich stellte fest, dass Chris ebenfalls auf böse Menschen aus war, so wie ich. Er hatte sich einen Drogendealer ausgesucht. Das Opfer wurde langsam nervöser, weil es bemerkt hatte, verfolgt zu werden. Der Kerl spürte es irgendwie und prüfte das Messer in der Innentasche seines Jacketts. Chris wusste es ebenfalls und er schien sich für den Angriff bereit zu machen, indem er auf die Dächer wechselte. Der Dealer drehte sich ab und zu um und ging dann weiter. Sein Verfolger schien verschwunden zu sein. Doch dann sprang Chris hinter ihm auf den Asphalt, umklammerte mit einem Arm den Oberkörper des Sterblichen, griff in dessen Haare, um den Kopf zur Seite zu ziehen und biss dann fast zärtlich in die Schlagader. Nicht ungestüm, wie manch andere junge Unsterbliche. Er schien sehr geduldig zu sein. Auch die lange Verfolgungsjagd war untypisch für einen der Jungen. Das erinnerte mich wieder an Cornelius. Allerdings war er nur bei Frauen vorsichtig. Bei Verbrechern war er auch nicht zimperlich. Chris zog sich mit seinem Opfer in eine dunkle Ecke zurück, um sich in Ruhe seiner Mahlzeit widmen zu können. Nun beanspruchte das Blut seine ganze Aufmerksamkeit und ich konnte mich endlich näher heranschleichen. Meine Augen durchdrangen problemlos das Dunkel der Nische und Chris hing immer noch am Hals des Dealers. Inzwischen war dieser tot und mein süßer Jüngling verschlang die Reste. Er trank sehr manierlich und als er fertig war, befand sich nur am Mund und am Kinn ein wenig Blut. Chris lehnte sich keuchend an die Hauswand und schloss die Augen. Ich war mir nicht sicher, ob ich näher kommen sollte, oder lieber gehen. War er noch böse auf mich? Die ganze Szene hatte mich erregt. Ich starrte auf das Blut um seine Lippen und ich konnte einfach nicht widerstehen. Bevor ich’s mir versah, stand ich schon vor ihm und küsste seine leicht geöffneten Lippen, fuhr mit der Zungenspitze über seine Mundwinkel. Er war noch so in seinem Rausch gefangen, dass er gar nichts erwiderte. Erst als ich seinen Hals mit Küssen bedeckte, flüsterte er: „Jessica. Bitte hör auf.“

„Warum?“, entgegnete ich und grub meine Zähne in sein heißes Fleisch. Mit Wohlwollen registrierte ich seinen wieder stärkerwerdenden Atem. Seine Hände strichen über meinen Rücken und er stöhnte auf, solange ich von ihm trank. Bilder von Josephine tauchten auf. Er lag mit ihr in einer großen Badewanne, überall waren Kerzen aufgestellt und sie saugte an seinem Hals. Die Nacht seiner Erschaffung. Dann unterbrach sie ihren Trunk, schnitt sich mit einer Rasierklinge tief in eine Brust und zog seinen Kopf zu der Stelle hin: „Trink, mein Schatz!“ Zuerst reagierte er nicht und Josephine schüttelte ihn besorgt: „Chris, trink. Bitte! Du willst es doch.“ Er kam langsam zu sich und leckte ihr Blut ab, mit dem seine Lippen benetzt waren. Sofort entfaltete es seine Wirkung, er presste seinen Mund fest auf die Wunde und begann zu saugen. Was für eine schöne Szene, wie hingebungsvoll er in ihren Armen lag und von ihrer Brust trank. Den letzten Zug behielt ich im Mund und fütterte Chris mit seinem eigenen Blut. Er nahm den Blutkuss bereitwillig an, unsere Zungen umschlangen sich und ich wollte mich gerade an seiner Hose zu schaffen machen, als er sagte: „Machst du es genauso, wie dein Gefährte? Mich nach der Jagd überrumpeln.“

„Hat er es so bei Josephine getan?“ Chris schob mich ein Stück von sich: „Ja, sie hat es mir gestanden. Sie hätte gar nicht anders gekonnt und es wäre alles so schnell gegangen. Entschuldige, dass ich dir zuerst nicht geglaubt habe.“ Ich streichelte seine Wange: „Macht doch nichts! Hauptsache es ist jetzt geklärt.“ Als ich ihn abermals küssen wollte, entzog er sich: „Ich will mich nicht rächen. Lassen wir es gut sein.“

„Schade!“, erwiderte ich und drehte mich gekränkt um. Dann sah ich auf die Leiche nieder und sagte zu ihm: „Viel Spaß beim Entsorgen.“ Er packte den Körper am Arm und hob ihn hoch: „Bleib doch noch! Ich hatte nicht die Absicht, dich zu vertreiben.“ Kopfschüttelnd winkte ich ab: „Ich sollte gehen. Bis bald!“

 

Bald darauf verließen die beiden jungen Vampire, Florenz wieder. Ich sah Chris nur noch einmal. Er hatte mich gesucht und schließlich im Boboli-Garten gefunden, um sich zu verabschieden. Ich saß auf der Wiese in der Nähe des Neptunbrunnens, wo Magnus und ich uns zum ersten Mal geliebt hatten. Chris schritt langsam über den Rasen und als er hinter mir stehen blieb, wandte ich mich um. Er entschuldigte sich für die Störung und verkündete, dass er die Stadt verlassen würde. „Wohin werdet ihr gehen?“, wollte ich wissen. „Mal sehen. Vielleicht finden wir ein verlassenes Castello. Das wäre sehr schön“, meinte er lächelnd. „Das wünsche ich dir. Wirklich! Und dass du weiterhin mit Josephine glücklich bist.“ Er beugte sich zu mir herunter und küsste mich: „Danke, für deine Gastfreundschaft in eurem Revier. Ich wünsche dir auch alles Gute. Leb wohl!“ Seine blau-grün schimmernden Augen ruhten noch kurz auf mir, bevor er sich umdrehte und wegging. Sein rotes Hemd und die schwarze Hose erinnerten mich an Magnus. Das waren ja seine Lieblingsfarben. Schade, dass Chris mir widerstanden hatte. Er hatte wirklich eine gute Beherrschung für einen so jungen Unsterblichen. Tja, er musste seine Josephine wohl sehr lieben. Ich hoffte, ich würde ihn am Neujahrsfest wiedersehen und vielleicht wären dann die Umstände anders.

 

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