9. Siebzehn

Die Zeit, die Gregor seine Geschichte erzählte brauchte Toni, um wieder zu sich zu kommen. Und die Flasche Bier, die Kara ihm irgendwann reichte und die er erst einmal zur Hälfte auf Ex leerte trug auch ihren Teil dazu bei, dass er sich schließlich nicht mehr fühlte, als habe ihn ein Auto überfahren.

Als sein Gehirn vollständig aus seiner Schockstarre erwacht war, kam ihm als erstes in den Sinn, dass sich anscheinend doch mehr geändert hatte, als er gedacht hatte. Nicht nur, dass Kamilla ihm eine Brandrede gehalten hatte, die er von ihr nie erwartet hätte, nein, auch Gregor ging jetzt auf Partys und schien tatsächlich ein paar Freunde zu haben.


Was für Tonis Plan natürlich absolut suboptimal war und eigentlich hätte er ja sofort kehrtmachen müssen, als er Gregor gesehen hatte. Aber dann überlegte er sich, dass es doch irgendwie ziemlich billig war, ihm einfach nur aus dem Weg zu gehen. Hätte er ihn nicht hier getroffen, tendierte die Wahrscheinlichkeit, ihm sonst irgendwie zu sehen um ihm dann ausweichen zu können gegen Null, vorallem, weil in diesem Bundesland ja noch nicht einmal Ferien waren. Nein, auf diese Art konnte Toni weder sich selbst noch seiner Mutter irgendetwas beweisen.

Die eigentliche Herausforderung war doch eigentlich der ganz normale Umgang mit Gregor, weil absolut nichts zwischen ihnen stand. Und außerdem war hierzusein eindeutig besser, als jetzt bei Peter und seiner Mutter zu sitzen oder im Gästezimmer auf dem Bett zu liegen und zu lesen. Also blieb er wo er war.

Nachdem Gregor seine Geschichte beendet hatte, verteilten sich die Leute langsam wieder im Raum, aber Toni blieb auf der Couch sitzen, zusammen mit Kara und dem dunkelhaarigen Mädchen Henrike, die ihn mit Fragen durchlöcherten und ganz entzückt waren, als er erzählte, wo er herkam.


"Wie cool," quietschte Kara begeistert. "Es ist so toll, endlich mal jemand Neues hierzuhaben und nicht immer die, die sowieso immer da sind. Und dann auch noch jemand aus einer Großstadt, das ist ja so super!"

"Absolut!" rief Henrike. "Ich würde auch lieber in der Stadt leben, wo immer was los ist. Hier kommt man ja echt um vor Langeweile. Und wenn man mal weggehen will, dann muss man erst mal zwei Stunden mit dem Bus fahren und kann dann nie lange bleiben weil der letzte Bus zurück schon um neun Uhr fährt und dann der nächste erst wieder um sieben Uhr morgens."

"Das ist echt der größte Scheiss überhaupt," bekräftige Kara energisch und sie nickten im Verein.

Danach wollten sie dann jedes Detail aus Tonis Leben wissen und er erzählte sie ihnen auch bereitwillig. Nicht, dass er sein Leben als sonderlich spannend empfand, es war wohl eher genau so langweilig wie das kaum erträgliche Landleben, aber die Art und Weise, wie Kara und Henrike an seinen Lippen hingen schmeichelte ihm ziemlich und er konnte nicht verhindern, dass er ein wenig dick auftrug und zu den Partys, auf die er gegangen war und Konzerte, die er besucht hatte, noch ein paar dazuzudichten.

In den Redepausen, die entstanden, wenn Kara und Henrike eifrig über etwas, was er erzählt hatte, diskutierten oder sich noch einmal gegenseitig darin bestätigten, wie furchtbar ihr Leben in diesem Kuhkaff war, konnte Toni nicht verhindern, sich ab und zu einmal nach Gregor, der schräg gegenüber von der Couch stand, umzusehen. Leider nicht so unauffällig wie er es geplant hatte denn ihre Blicke hatten sich schon ein paar mal getroffen und weil das schnelle Wegsehen, zu dem sein Körper ihn eigentlich zwingen wollte, bedeutet hätte, dass da doch irgendetwas zwischen ihnen stand, zwang Toni sich, Gregors Blick standzuhalten und ein freundliches Gesicht zu machen und sich erst danach wieder Kara und Henrike zuzuwenden.

Gregor sah ihn ebenfalls freundlich an und Toni hoffte, dass er es nicht als Aufforderung sah, zu ihm rüber zu kommen. Es war ja richtig, die Konfrontation mit ihm zu suchen, anstatt ihm aus dem Weg zu gehen, aber bitte noch nicht jetzt. Einige Zeit sich darauf mental vorzubereiten brauchte Toni schon. Dass das auch ein Zeichen dafür war, dass etwas zwischen ihnen stand, ignorierte er dabei problemlos.

Er blieb dann aber die ganze Party von Gregor verschont, was wohl einmal daran lag, dass Kara und Henrike ihn die ganze Zeit in Beschlag nahmen, aber sicher auch weil die Party um halb zwölf schon zuende war, als nämlich Karas Eltern nach Hause kamen, erklärten, dass jetzt Ende war und alle zur Haustür strömten, sich ihre Schuhe und Jacken anzogen, sich verabschiedeten und sich dann draußen in verschiedene Richtungen zerstreuten. Und natürlich ging niemand anderes hoch zu Burg außer Toni und Gregor. Toni hatte zwar einen kleinen Vorsprung, aber da Gregor nach wie vor sehr schnell laufen konnte, hatte er bald zu ihm aufgeschlossen. "Hey," sagte er, als sie auf einer Höhe waren. "Das ist ja wohl echt ein irrer Zufall, dass wir uns ausgerechnet auf Karas Party treffen, was?"

Natürlich hätte Toni jetzt auch irgendetwas in der Art sagen müssen, irgendetwas Unverfängliches aber er bekam zu seinem Ärger kein Wort heraus. "Mhm," war der einzige Laut, den er produzieren konnte.

"Wie gehts dir denn? Du...." fing Gregor an und jetzt hatte Toni seine Sprache wiedergefunden. "Ich habe eine Freundin," platzte es aus ihm heraus dann verdrehte er innerlich genervt die Augen. Das hier lief alles absolut nicht so, wie er es sich ausgemalt hatte. Das waren bloß alles nur Startschwierigkeiten versuchte er dann gleich sich selbst zu beruhigen. Aber es war schon mal gut, dass Gregor wusste, dass er eine Freundin hatte.

"Oh, cool," erwiderte Gregor herzlich. "Wie heisst sie denn?"

"Lydia," antwortete Toni.

"Die Lydia von damals? Mit der du befreundet gewesen bist?" erkundigte Gregor sich und die Tatsache, dass er das nach der ganzen Zeit noch wusste, machte Toni aus irgendeinem Grund richtig wütend. Er selbst konnte sich, außer an Gregors Geschichten, sonst an gar nichts von dem erinnern, was er ihm damals erzählt hatte.


"Ja, die Lydia!" spuckte er die Worte förmlich aus und rammte die geballten Fäuste in die Hosentaschen. Am liebsten hätte er Gregor jetzt einfach stehengelassen, aber er ging schon so schnell er konnte und Gregor hatte keinerlei Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Deswegen beschloss irgendetwas in Toni, die ganze Situation noch schlimmer zu machen indem er: "Und wenn es dich interessiert, der Sex ist einfach großartig und wir haben es praktisch schon überall gemacht," sagte.

Unmittelbar danach spürte er, wie sein Gesicht heiß wurde und er wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Bis auf das erste Mal auf der Party und das auch nur aus therapeutischen Gründen, hatte er bis jetzt noch mit niemandem über sein Sexleben geredet, noch nicht einmal mit Max, der ihn ständig deswegen löcherte. Und jetzt war es ihm einfach so herausgeplatzt und dann auch noch vor Gregor.

Aber wieder schaffte es Toni sich zu beruhigen, weil das hier ja auch eine ganz normale Unterhaltung zwischen zwei Kerlen sein konnte, Max protzte schließlich auch immer gerne herum, wo und in welchen Stellungen er es schon gemacht hatte ohne, dass er dabei rot wurde.

Gregor empfand es allem Anschein nach auch als normal denn er erwiderte bloß: "Klingt ja super. Und aus Freundschaften entstehen ja meistens die besten Beziehungen."

Der letzte Satz ließ, aus welchem Grund auch immer, den Ärger in Toni erneut aufwallen und er hatte jetzt keine Lust mehr dieses Gespräch fortzusetzen. Glücklicherweise gingen sie da bereits schon an der Burgmauer entlang und es war nicht mehr weit bis zu Nadjas Haus.

Toni war unglaublich erleichtert, als er die erleuchteten Fenster im oberen Stockwerk sah und holte noch einmal alles aus sich heraus um bloß schnell aus dieser Situation wegzukommen. Er hörte, dass Gregor ihm ein ,Gute Nacht' hinterherrief, aber er würde den Teufel tun und darauf reagieren.

Er schnaufte einmal erleichtert, als er die Haustür hinter sich zuwerfen konnte. Die Räume vor ihm lagen im Dunkeln, lediglich das Licht über der Eingangstür brannte. Deswegen konnte Toni sich gegen die Tür lehnen, sich einmal mit der Hand durchs Gesicht fahren und einmal tief durchatmen. Er hatte sich zwar grade wie ein Idiot benommen, jedenfalls empfand er es so, aber es war trotzdem gut, dass er all die Dinge jetzt schon gesagt hatte. Da wusste Gregor wenigstens gleich über alles Bescheid. Denn es konnte ja sein, dass von seiner Seite nach irgendetwas da war, was Toni sofort im Keim ersticken lassen wollte. Er selbst hatte ja schon mit allem abgeschlossen, ja, das hatte er! Und diese Situation von grade gab wirklich nicht genug Stoff her, um jetzt noch wer weiß wie lange darüber nachzudenken also tat er es ab jetzt auch nicht mehr!

Er stieg die Treppe hoch und als er oben angekommen war, sah er den Lichtstreifen unter Kamillas Tür. Für einen Moment packte ihn die Neugierde zu wissen, wo sie gewesen war und welche Probleme sie mit Kara und den anderen hatte, die doch eigentlich alle richtig nett waren, aber dann verzichtete er darauf, zu ihr zu gehen. Vielleicht lag sie ja schon im Bett, da wollte er nicht einfach hereinplatzen. Und selbst, wenn sie es nicht tat, würde er bestimmt wieder nicht besonders viel aus ihr herausbekommen.

Stattdessen trat er ins Gästezimmer, zog sich seine Schlafklamotten an, nahm sich ein Buch und legte sich aufs Bett. Er schickte Lydia einen kurzen Text, dass er gut angekommen und den Abend auf einer Party gewesen war und wünschte ihr dann eine Gute Nacht. Dann las er so lange, bis er die Augen nicht mehr offenhalten konnte. Nachdem er das Licht ausgeknipst und sich in seine bevorzugte Schlafposition auf die Seite gerollt hatte, bereitete er sich schon einmal mental darauf vor, den morgigen Tag mit Peter verbringen zu müssen. Dann schlief er ein, ohne sonst noch über irgendetwas anderes nachzudenken.

Vielleicht hatte Toni sich mental darauf vorbereitet, mehr Stunden mit Peter zu verbringen, als ihm lieb war, aber nicht darauf, um acht Uhr von heftigem Klopfen an seiner Tür wach zu werden. "Toni, deine Eltern sind hier," informierte ihn die Stimme auf der anderen Seite und es dauerte einen Moment, bis Toni sie als die von Thorsten identifiziert hatte. Gleich danach stieg der Wunsch in ihm hoch, ihm zu erklären, dass Peter nicht sein Vater und es deswegen nicht seine Eltern waren und, dass es absolut gar nicht ging, in den Ferien so früh geweckt zu werden und einfach nicht aufzustehen, aber dann ließ er es sein. Es wäre nur eine sinnlose und kräftezehrende Rebellion geworden und er brauchte seine Kräfte heute definitiv für etwas anderes. Also stand er nur seufzend auf, griff sich seine Klamotten und ging aufs Badezimmer.

Das Frühstück mit Rührei, zwei verschiedenen Sorten Brötchen und haufenweise Aufstrich, versöhnte ihn ein bisschen mit der frühen Uhrzeit. Er langte kräftig zu, während seine Mutter ihm den heutigen Plan eröffnete, der aus dem Besuch irgendeiner Stadt mit mittelalterlichem Stadtkern bestand. Die Einzelheiten interessierten Toni nicht besonders, weswegen die Worte seiner Mutter teilweise ungehört an ihm vorbeirauschten. Erst, als sie ihm den Arm tätschelte und "Ich freu mich so, dass du mitkommst," sagte, blickte er auf. Sie lächelte ihn an, er lächelte zurück und dann fiel ihm ein, dass jetzt eine gute Gelegenheit war, Phase eins seines Vorhabens zu beginnen. "Ich hab Gregor gestern auf der Party getroffen," sagte er beiläufig.

Sofort erschien dieses wissende Lächeln im Gesicht seiner Mutter, genau, wie Toni es erwartet hatte, "Und? Hat er dich wiedererkannt?"

"Ja hat er," erwiderte Toni gleichmütig, während er sich noch ein Brötchen schmiert. "Ich ihn aber auch. Liegt wohl daran, dass wir uns beide nicht sonderlich verändert haben."

"Ah ja," erwiderte seine Mutter nur, aber Toni merkte, wie weitere Fragen in ihr brodelten, die sie dann aber nicht aussprach.

Zeit, Phase zwei einzuläuten und das Bild, das sie von ihm hatte, endlich richtig zu stellen. Denn jetzt, wo er sie für das Thema sensibilisiert hatte, würde sie auf ein Zusammentreffen von Gregor und ihm lauern und ihn dann ganz besonders im Auge behalten. Und dann war seine Stunde endlich gekommen.

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