9. Vierzehn

Gregor bekam für den nächsten Tag keinen Hausarrest, denn als Toni noch im Garten lag und sich überlegte, wie zum Teufel er ihn heute finden sollte, da sie keinen Treffpunkt ausgemacht hatten, öffnete Nadja die Gartentür. "Hier ist er," sagte sie über die Schulter und dann kam Gregor auf die Terrasse und nickte Toni zu. "Hi," sagte er kurz angebunden. "Bock, das Spiel von gestern weiterzuzocken? Ich dachte, nachdem du gestern so scheiße gewesen bist, bekommst du heute noch ne Chance von mir."

"Okay," sagte Toni sofort, denn diese Stichelei konnte er natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und dazu kam dann noch, dass es gestern Spaß gemacht hatte und er auch nicht gewusst hätte, was sie sonst hätten machen können. Denn er kannte Gregor ja gar nicht und hatte keine Ahnung, woran er Spaß hatte. Vielleicht ja auch gar nicht an den selben Dingen wie Toni. Und da er Vulkan Gregor nicht wieder zum Ausbrechen bringen wollte, hielt er sich mit Vorschlägen lieber zurück und ließ Gregor entscheiden.

Was dazu führte, dass sie dann eben wieder in seinem Zimmer an der Playstation saßen. Alles war fast wie gestern und Toni auch noch genau so schlecht, mit dem Unterschied, dass sie sich dabei unterhielten. Das hieß, Toni erzählte ein wenig von sich und Gregor hörte zu. Aber eher nicht, weil er ein guter Zuhörer war, sondern weil er nach wie vor davon überzeugt war, dass Toni hier irgendeine linke Nummer abzog. Er strahlte genau die gleiche Anspannung aus wie gestern, aber Toni hatte jetzt keine Lust mehr, dazu irgendetwas zu sagen. Irgendwann würde Gregor sich schon wieder abregen.

Was dann aber noch drei weitere Tage dauerte. Denn dann bestand Toni Gregors Test als sie nebeneinander über den Hof zum Wohnhaus gingen und ihnen Johann entgegenkam. Er begrüßte Toni freundlich und blieb sogar stehen und wollte dann noch etwas sagen. Natürlich hatte Gregor, der so schon immer verdammt schnell ging, woran Toni sich erst noch gewöhnen musste, seine Geschwindigkeit fast noch verdoppelt. Schon alleine deswegen konnte Toni nicht stehen bleiben. Aber wenn er sich jetzt mit Johann unterhalten hätte, dann wäre er bei Gregor komplett unten durch gewesen. Und das wollte er auf keinen Fall.

Denn Gregors Reserviertheit, die immer noch eisern Bestand hatte, hatte ihn neugierig gemacht und jetzt wollte er unbedingt wissen, was unter der abweisenden Schale steckte und ob der meistens meckernde und schimpfende Gregor noch eine andere Seite hatte. Er nickte Johann also nur stumm zu und beeilte sich Gregor einzuholen, was ihm erst an der Haustür gelang. Gregor sah ihn einmal groß an. "Kein Schwätzchen mit meinem ach so tollen Bruder?" fragte er bissig.

Toni zuckte mit den Schultern. "Warum denn? Ist doch eh alles nur uninteressantes Zeug, was der so redet." Was natürlich absolut nicht stimmte, aber das war genau das, was Gregor hören wollte. "Ja absolut," rief er und rammte den Schlüssel ins Schloß. "Er macht den Mund auf und es kommt nur Mist raus!"

Und dann, von jetzt auf gleich, war jegliche Reserviertheit von ihm abgefallen und hatte er vorher so gut wie gar nichts von sich preisgegeben, überschüttete er Toni jetzt förmlich damit, ganz so, als sei er froh, endlich jemanden zu haben, mit dem er das alles teilen konnte. Er erwähnte nie etwas von irgendwelchen Freunden und da er jeden Tag nach der Schule getreulich bei Toni auftauchte, ging der irgendwann davon aus, dass es gar keine Freunde gab.

Außer vielleicht Kamilla, aber weder verlor Gregor auch nur ein Wort über sie, noch schlug er vor, sie in ihre Unternehmungen mit einzubinden. Dass sie was miteinander machten war vermutlich nur so eine Zweckgemeinschaft gewesen. Allerdings erfüllte sie dabei wohl eher ihren Zweck für Gregor, denn Kamilla schien völlig damit zufrieden zu sein, entweder ihren Eltern in der Gärtnerei zu helfen oder einfach für sich zu sein.

Es dauerte nicht sehr lange und Toni stellte fest, dass Gregor und er mehr gemeinsam hatten, als er gedachte hatte. Gregor war ebenfalls ein begeisterter Leser und es gab ziemlich viele Bücher, die sie beide gelesen hatten. Er zeigte Toni nicht nur sein eigenes vollgepacktes Regal, sondern auch die über zwei Etagen gehende Bibliothek der Burg. Nur leider waren die meisten Regale leer und die Bücher, die es gab waren eher neuen Datums. "Meine Mutter hat die ganzen alten Bücher zum Restautor gegeben, damit sie nachher alle für die Touristen hübsch aussehen," erklärte Gregor und verzog das Gesicht. "Sie hat sogar unsere Familienchronik weggegeben. Obwohl die erst vor ein paar Jahren restauriert worden ist. Aber für die Besucher ist natürlich das Beste grad genug." Er verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn.

Toni überlegte einen Moment, ob er jetzt das sagen sollte, was ihm im Kopf rumging, oder ob Gregor dann ausrasten würde. Aber dann entschied er sich, es einfach drauf ankommen zu lassen. "Ihr habt eine Familienchronik?"

Von jetzt auf gleich strahlte Gregor über beide Ohren. "Na klar. Und sie ist wirklich toll. Jetzt wird zwar meistens einfach nur aufgeschrieben was alles so passiert, aber ganz früher haben sie immer noch so tolle Bilder dazu gemalt." Er warf die Hände in die Luft. "Das würd ich dir ja jetzt echt gern zeigen aber geht ja nicht weil sie ja un-bedingt auch restauriert werden musste."

"Schade," sagte Toni und meinte es auch genau so.

Gregor nickte einmal heftig. "Ja, richtig ätzend. Aber komm, ich kann dir was Ähnliches zeigen."

In dem Raum, in dem das Klavier und ein Haufen nicht zueinander passender Möbel standen war quer über eine ganze Wand der riesige Stammbaum von Gregors Familie gemalt zusammen mit dem Familienwappen, das Toni auch schon so überall aufgefallen war.

"Das Einzige, was an diesem ganzen Umbauscheiss gut gewesen ist, ist, dass mein Vater wollte, dass das hier aufgemalt wird," sagte Gregor und zeigte Toni stolz seinen Namen auf einem der untersten Äste. "Ziemlich cool, nicht wahr?" Er strahlte und selbst, wenn Toni das Alles nicht selbst ganz toll gefunden hätte, wäre es ziemlich schwer gewesen, sich von Gregors Enthusiasmus nicht mitreißen zu lassen.

Gregor mochte vielleicht kein Interesse an der Burg haben, aber dafür umso mehr an seiner jahrhunderalten Familie. Die Geschichte über seinen Vorfahren, der sich vom Balkon gestürzt hatte, war nur der Anfang gewesen. Gregor hatte hunderte weiterer solcher Geschichten zu erzählen und er hielt sich damit nicht zurück, als er merkte, was für ein begeisterter Zuhörer Toni war. Denn so, wie Johann das Talent hatte, das Leben auf der Burg durch seine Berichte lebendig werden zu lassen, besaß auch Gregor die Gabe, Geschichten zu erzählen.

Zwar spielten sie noch Playstation und gingen auch oft an den See zum Schwimmen, weil das Wetter nach wie vor sommerlich warm war und Gregor dann schließlich auch Ferien bekam. Doch meistens saßen sie irgendwo zusammen, in dem kleinen Garten, in Gregors Zimmer oder in irgendeiner anderen versteckten Ecke der Burg, die Toni jetzt nach und nach kennenlernte und Gregor wählte aus einem schier unerschöpflichen Repertoire die Geschichte des Tages aus.

Wie jede ordentliche Burg besaß auch dieses eine Ansammlung von Gespenstern und Gregor erzählte Toni eine Geschichte voll mit Intrigen und Eifersucht, die schließlich damit endete, dass eine der Mätressen des Burgherrn von einer eifersüchtigen Nebenbuhlerin die Treppe runtergestoßen wurde, sich dabei das Genick brach und seitdem als rachsüchtiger Geist in weißem Nachthemd nachts durch die Gänge strich, in der Hoffnung, ihre Mörderin wiederzufinden.

"Machmal, wenn man in ein Zimmer kommt, sind die Möbel verrückt und Kissen liegen auf dem Boden und die Decke ist völlig zerknüllt," flüsterte Gregor mit tiefer Stimme und machte große Augen. "Und dann weiß man, dass sie da gewesen ist und nach Kungundt gesucht hat. Aber da sie sie niemals finden wird, wird sie bis zum Ende aller Tage durch die Flure schweben." Er stieß zischend seinen Atem aus und Toni lief ein Schauer über den Rücken. Er war nämlich ein ziemlicher Schisser, dem man sehr leicht Angst machen konnte, vorallem mit solchen Geschichten. Was er sich natürlich jetzt nicht anmerken ließ. Und auch, als Gregor dann von der Bank aufstand, auf der sie bis jetzt gesessen hatten um Toni die Treppe zu zeigen, auf der sich das Ganze abgespielt hatte, sagte er nicht, dass er das eigentlich gar nicht sehen wollte.

Der Tatort befand sich in einem kleinen Nebengebäude, in dem, das wusste Toni von Johann, früher die Bediensteten untergebracht waren. Jetzt wurden die Zimmer erst mal als Abstellkammern genutzt, aber Gregor erklärte, dass seine Eltern hier ein Restaurant für das Hotel geplant hatten.

Die besagte Treppe war ein besonders steiles Exemplar, das in den Keller führte. Und da es hier auch noch kein elektrisches Licht gab, lag alles in einem gruseligen Halbdunkeln. Toni beäugte die Treppe und wieder bekam er eine Gänsehaut. Er drehte sich zu Gregor um, um irgendetwas zu sagen, was bewies, dass er ein ganz harter Kerl war und ihn das hier nicht im Mindestens beeindruckte, aber Gregor war nicht mehr da. Tonis Herz machte einen erschrockenen Hüpfer und für einen Moment war sein einziger Gedanke, dass Gregor von der weißen Frau geholt worden war. "Gregor?" flüsterte er, bekam aber keine Antwort. Plötzlich raschelte etwas und Toni fuhr panisch herum und starrte mit wild klopfendem Herzen die dunkle Treppe hinunter, in der festen Überzeugung, dass von dort gleich der Geist auftauchen würde. Eigentlich wäre es ja besser, wegzulaufen, aber er konnte sich nicht bewegen. Und plötzlich bekam er von hinten einen heftigen Stoß versetzt. Er sah die Stufen auf sich zurasen und war sich völlig sicher, dass es das jetzt für ihn gewesen war- da schlangen sich zwei Arme um ihn und Gregor drückte ihn an sich. Dabei lachte er laut. "Na, jetzt hast du n fetten Schreck bekommen, was?!"

Tonis Herz, das für ein paar Schläge ausgesetzt hatte, nahm stotternd seinen Dienst wieder auf um dann mit wahnsinniger Geschwindigkeit loszupumpen. Er hätte Gregor gerne gesagt, wie absolut mies es von ihm gewesen war, ihm einen solchen Streich zu spielen, aber sein Gehirn entschied sich dann lieber, etwas anderes zu bemerken. Nämlich wie furchtbar angenehm es auf einmal war, von Gregor festgehalten zu werden und dass es Toni irgendwie bedauerte, als er ihn wieder los ließ. Diese Entdeckung ließ Toni für einen Moment etwas verwirrt zurück und als Gregor ihm die Nische zeigte, in der er sich, genau wie die Nebenbuhlerin damals, versteckt hatte, war er nur halb dabei. Die andere Hälfte war grade viel zu sehr damit beschäftigt, die angenehme Wärme zu registrieren, die jetzt Tonis ganzen Körper erfüllte.

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