Abenteurer

John und Marilyn gingen durch die Straßen der großen Stadt, da der Junge noch ein paar Dinge kaufen wollte, bevor sie sich wieder auf den Weg machten. Das war meistens der normale Ablauf ihres Lebens. Sie reisten durch die Welt, erledigten manchmal Jobs, wenn ihr Geld knapp wurde und reisten dann weiter. Nun hatten sie alles beisammen und waren auf dem Weg zurück zu ihrer Herberge. "Ich freue mich schon darauf, aus der Stadt raus zu sein", meinte Marilyn und John kicherte. Seine Kameradin mochte Städte nicht besonders und das wusste er auch. Zu viele Regeln, zu viele Menschen und zu wenig Natur. "Tja, hin und wieder müssen wir aber in eine Stadt, sonst würden wir irgendwann verhungern", meinte er und sie nickte zustimmend. Sie gingen eine Weile schweigend weiter und beobachteten das bunte Treiben, welches um sie herum stattfand. "Hilfe ein Dieb!", ertönte da plötzlich ein Schrei und die beiden fuhren herum. Sie erkannten, dass ein Mann eilig das Weite suchte und sich grob durch die Menschenmenge drängte. "Oh Meister, darf ich?", fragte Marilyn John mit großen Augen. "Meinetwegen, aber sei um Erzengels Willen bitte…", Weiter kam er nicht. Das Mädchen war bereits weg und durchbrach mit einem lauten Knall die Schallmauer. Wenige Millisekunden später hatte sie den Dieb bereits eingeholt und beförderte ihn krachend gegen die nächste Wand. "…möglichst unauffällig", schloss der Junge zähneknirschend ab, wobei er mehr mit sich selbst sprach. Kopfschüttelnd ging er zu seiner Partnerin, die grinsend über dem Dieb stand. "Hui, ich bin gerade erst warm geworden", meinte sie lachend. "Großartig", antwortete John sarkastisch. Im Gegensatz zu ihm mochte Marilyn ihre Kräfte unfassbar gerne und zeigte auch mit Freude, was sie draufhatte. Der Mann, der um Hilfe gerufen hatte, hatte sich inzwischen seine Kasse, die der Dieb hatte mitgehen lassen, wiedergeholt und bedankte sich vielmals bei dem Mädchen. "Pass nächstes Mal etwas besser auf, du weißt, wie sehr ich es hasse, wenn uns alle anstarren", meinte John, als sie weitergingen. "Bitte verzeiht mir Meister. Ich habe das vollkommen vergessen, mein Jagdinstinkt ist einfach mit mir durchgegangen", entschuldigte sie sich und senkte leicht den Kopf. John schmunzelte und nahm ihr die Kapuze ab, so dass zwei Katzenohren sichtbar wurden. Er strich ihr sanft über den Kopf, woraufhin sie anfing zu schnurren, obwohl sie versuchte, das Geräusch zu unterdrücken. "Schon gut. Du bist schließlich kein Mensch. Ihr Werbiester könnt euch in so einer Situation nun mal nur schwer beherrschen", meinte er. Sie schmiegte sich gegen seine Hand und er kraulte sie weiter an den Ohren. "Ich…ich wünschte manchmal, dass Ihr das mit dem Kraulen niemals herausgefunden hättet", meinte sie leise und John grinste. "Och, du bist aber so süß, wenn ich das mache", neckte er sie. Dann drehte er sich um, hob die Einkäufe auf, die er auf den Boden gelegt hatte und ging weiter. Marilyn brauchte noch ein paar Sekunden, um sich wieder zu sammeln. Als sie bemerkte, dass John aufgehört hatte, war der Junge bereits zwanzig Meter weiter. Hastig holte sie zu ihm auf und gemeinsam brachten sie ihre Einkäufe in ihre Herberge.
"Freiheit!", rief Marilyn begeistert, als sie weit genug von den Mauern der Stadt entfernt waren. John musste lachen, als er sie so sah. Auch er musste zugeben, dass er die Stadt nicht wirklich vermisste. Das Schönste in dieser Welt war, mit ihr gemeinsam durch die Wildnis zu ziehen, die Landschaft zu genießen und Spaß zu haben. Keine Pflichten, keine Ziele, keine Sorgen, nur zwei Freunde, die durch die Welt reisten. "Dum-di-da, durch die Wälder tralala, über Stock und über Stein, Berg und Tal, ob groß, ob klein…", trällerte Marilyn vor sich hin. John ging hinter ihr her und lauschte den Geräuschen des Waldes und dem frohen Lied, welches das Mädchen immer sang, wenn sie unterwegs waren. Sein Blick schweifte über die Baumkronen der tiefer im Tal gelegenen Bäume. Er wusste, dass Marilyn die Natur und das Reisen sehr mochte. Sie hatten zwar schon öfter die Diskussion gehabt, dass John seine Macht nutzen sollte, sodass sie mehr als nur kleine Abenteurer waren, aber am Ende war es dem Mädchen dann doch egal. John musste schmunzeln, als er sie vor ihm über den Weg hüpfen sah. Sie dachte immer, dass so eine Position seiner nicht würdig wäre. Der Junge musste zugeben, dass ihm manchmal langweilig wurde, aber seine Macht zu nutzen, um sich über die jungen Götter zu stellen? Es wäre sicher ganz lustig, aber als ob sich jemals die Gelegenheit ergeben würde, das zu tun. Sie wanderten, bis die Sonne langsam unterging und den Himmel rot färbte. "Ich denke, es wird Zeit ein Nachtlager aufzuschlagen", meinte John und Marilyn stimmte zu. Sie waren gerade dabei, das Lagerfeuer aufzubauen und die Fellsäcke auszurollen, als das Mädchen plötzlich innehielt. "Was ist los?", fragte John sie. Marilyn schnupperte in die Luft. "Ich rieche Rauch. Hier ist jemand, ganz in der Nähe", flüsterte sie. "Wo genau?", fragte der Junge. "Gebt mir eine Sekunde Meister", antwortete sie. Mit einem einzigen Satz sprang sie auf eine der mächtigen Kiefern und kletterte behände bis an die Spitze. John blieb unten und hielt Wache, damit sich niemand an sie heranschleichen konnte. Plötzlich kam Marilyn lautlos neben ihm am Boden auf. "In diese Richtung", meinte sie und deutete in Richtung Norden. "Ich habe dort das Licht eines Lagerfeuers gesehen. Was sollen wir tun?" "Wir sehen es uns an. Wir sind offensichtlich nicht die einzigen in diesem Wald und wir haben keine Garantie, dass diese anderen uns freundlich gesinnt sind. Jetzt ein Feuer zu machen und schlafen zu gehen wäre sehr unklug", antwortete John. "Verstanden Meister. Folgt mir, ich führe Euch hin."
Nach einem kleinen Fußmarsch waren sie schließlich bei einer Lichtung angekommen, auf der einige Zelte standen. In der Mitte brannte ein Lagerfeuer, welches die Bäume geisterhafte Schatten werfen ließ. Zirka zehn Menschen befanden sich dort, John schätzte sie auf Level zwanzig bis fünfundzwanzig ein. Sie sahen aus wie Abenteurer. "Tja, jetzt wo wir schon mal hier sind können wir auch mit ihnen reden", meinte John. "Ich bin direkt hinter Euch", antwortete seine Partnerin ihm. John nickte und ging voran. Kaum waren sie auf der Lichtung angekommen wurden die Leute auch schon auf sie aufmerksam und umstellten sie mit gezückten Waffen. Marilyn zog ihr Schwert aus der Scheide und teilte es in der Mitte, so dass erkennbar wurde, dass es sich eigentlich um ein Doppelschwert handelte. John bleib einfach stehen und beobachtete die Szene. "Wer seid ihr?", fragte ein bärtiger Mann sie. "Sagt mir erst Euren Namen, dann sage ich Euch meinen", antwortete John ihm. "Ihr seid wohl kaum in der passenden Position, um großspurig aufzutreten", meinte der Mann. "Warum lasst Ihr das nicht den Anführer Eurer Gruppe entscheiden?", fragte John. "Ich denke, sie weiß es am besten, oder irre ich mich meine Dame?" Eine junge Frau, die in den hinteren Reihen gestanden hatte lachte laut. "Ihr habt ein scharfes Auge", meinte sie und trat vor. Sie trug eine silberne Rüstung, die ziemlich teuer aussah. Auf ihrem Brustpanzer war die unverwechselbare Gestalt eines Erzengels eingraviert. "Mein Name ist Tamantha", stellte sie sich vor. "Sehr erfreut. Ich bin John und dieses nette Mädchen hier ist Marilyn", machte der Junge sie bekannt. "Marilyn, steck deine Schwerter weg, ich denke nicht, dass wir kämpfen werden." Das Mädchen verließ ihre Kampfstellung und steckte ihre Schwerter mit einer kunstvollen Bewegung zurück in die Schwertscheide. "Wie Ihr wünscht Meister", meinte sie. "Gut, tun wir es ihnen gleich!", rief Tamantha und die Männer steckten ihre Waffen weg.
"Wir sind nur auf der Durchreise gewesen, als wir euer Feuer bemerkten", erklärte John der jungen Frau die zu ihm getreten war, während die anderen wieder ihren Tätigkeiten nachgingen. "Verstehe. Wir sind eigentlich auf dem Weg zu einer Höhle etwas weiter nördlich von hier. Dort haben sich Trolle niedergelassen und werden langsam zu einem richtigen Ärgernis. Darum hat man uns beauftragt, sie dort raus zu scheuchen", erzählte sie dem Jungen. "Ihr habt eine wirklich große Gruppe Tamantha", meinte dieser. "Oh, nennt mich bitte Tammy, das macht jeder so. Und Ihr irrt euch, diese Gruppe besteht aus vielen kleineren Abenteurer-Teams. Zu mir gehört nur der Bursche dort drüben", meinte sie und deutete auf einen Jungen, der beim Lagerfeuer saß. John schätzte ihn auf etwa dasselbe Alter wie Marilyn. "Sein Name ist Ben. Ein Waise. Als ich ihn gefunden habe wollte er mir gerade den Geldbeutel abnehmen. Zum Glück war mein Aufmerksamkeitslevel höher als seine Taschendiebstahlkunst. Trotzdem versteht er was vom Schleichen und von Tarntechniken und ist darum ein wichtiger Teil unseres Doppelteams." John hörte aufmerksam zu. Irgendetwas an ihr war interessant. Sie war anders, als die normalen Abenteurer, denen er sonst begegnete. Vielleicht war es die Rüstung, vielleicht aber auch ihre klare Art zu denken und unnötigen Kämpfen aus dem Weg zu gehen. "Und was ist mit euch beiden?", fragte Tammy mit einem vielsagenden Blick auf Marilyn, die gerade ihre Schlafsäcke ausrollte. "Ich bin ein Magier. Selbstständig. Spezialisiert in…in was ist ja egal. Ich habe sie vor drei Jahren gefunden, als ich einige korrupte Adelige ausgehoben hatte. Sie wurde in ihrem Herrenhaus als…naja, als Sklavin gehalten." "Und da habt Ihr sie mitgenommen", vermutete die junge Dame und John nickte. "Sie flehte mich an, bei mir bleiben zu dürfen. Sie wollte unbedingt, dass ich ihre Erinnerungen an diese schreckliche Zeit lösche, damit sie Frieden finden konnte. Ich hatte Mitleid und erfüllte ihr ihren Wunsch. Dann schloss sie sich mir an und nun steht sie als meine Partnerin und Freundin an meiner Seite." "Ich verstehe. Darum nennt sie Euch also Meister." "Ich habe ihr schon oft gesagt, dass sie das nicht muss", verteidigte John sich mit rotem Kopf und sie lachte. "Ihr müsst Euch nicht vor mir rechtfertigen. Was für ein Level habt Ihr eigentlich, dass Ihr Erinnerungen verändern könnt?", fragte Tammy ihn neugierig. "Ihr müsst Level vierzig sein, das höchste überhaupt für uns Menschen mögliche." John kicherte. "Jaja, ungefähr", wich er der Frage aus. "Marilyn ist inzwischen kurz davor Level sechzig zu erreichen." "Sechzig?", stieß die Frau überrascht aus. "Sie ist ein Werbiest", erklärte er schnell. "Ach so. Und ich dachte schon", meinte die Kriegerin schmunzelnd. "Leute wie euch könnten wir brauchen, wenn wir die Höhle reinigen. Was meint Ihr, würdet ihr uns begleiten?" John musste nicht lange überlegen. Trolle waren weitaus kräftiger als Menschen. Sie konnten sogar Level fünfzig erreichen. Mit anderen Worten, sie waren Gegner, die nicht nach dem ersten Schlag umfielen. "Natürlich, es wäre uns eine Freude mitzukommen", antwortete er und Tammy sah ihn erfreut an. "Gut, dann solltet ihr beide euch ausruhen, wir reisen weiter, sobald die ersten Sonnenstrahlen uns wecken." John nickte und die beiden reichten sich zur Besiegelung ihres Abkommens die Hände.

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