Abneigung

Am nächsten Morgen wurde Robyn, wie durch ein Wunder, früh wach und hatte so noch Zeit, sich mit ihrem Koffer zu befassen. Sie hatte ihn noch immer nicht ausgepackt, doch als sie sich ihre Sachen genauer ansah, kam sie zu dem Entschluss, dass sie nichts davon wirklich gebrauchen konnte.

Ihre Garderobe konnte bei Weitem nicht mit dem mithalten, was man an diesem Ort erwartete. Zu ihrer Erleichterung musste sie feststellen, dass Wynona ihr bereits einige neue Teile in den Schrank gehängt hatte und dass sie alle durchaus annehmbar waren.

Robyn würde zwar niemals ein Fan von Kleidern werden, aber sie wurden immer dezenter und sie freute sich beinahe, als sie ein lachsfarbenes Kleid ohne Rüschen und Glitzer im Schrank entdeckte. Es bedeckte gerade so ihre Knie und wehte ihr sanft um die Beine, wenn sie ging. Es war hochgeschlossen, wie konnte es auch anders sein, aber ihre Schultern lagen frei und die langen Ärmel kratzten zur Abwechslung nicht über ihre Haut.

Robyn hielt inne und ging auf die großen Fenster zu, durch welche sie einen sagenhaften Blick über einen großen Teil des Geländes hatte. Dieser Ort war so atemberaubend schön, wenn man eigentlich tun und lassen konnte, was man wollte. Es war schade für Rashida, dass sie so zugeschüttet mit ihren Pflichten war und kaum noch die Schönheit ihres Landes wahrnehmen konnte.

Nun, wo Robyn ihren Jetlag überwunden und eine Nacht durchgeschlafen hatte, erschien ihr das eigene Verhalten am gestrigen Tag schon fast töricht. Die Menschen in dem Palast waren anders, als die Menschen auf der Straße. An diesem Hof wirkte beinahe jeder vertrauensvoll, weshalb Robyn glaubte, nachvollziehen zu können, weshalb Rashida sich sicher fühlte.

Trotzdem wusste sie, dass Conan toben würde, sobald sie den Raum verließ. Sie konnte aber eigentlich nichts dafür, fühlte sich sogar in Clays Gegenwart wohl und konnte sich nicht ansatzweise vorstellen, dass er etwas im Schilde führte. Jess war ein ganz anderes Kaliber, aber er besaß Charme und hatte sie damit sofort für sich eingenommen.

Unerwartet wurde die Türe aufgestoßen und Robyn wirbelte herum. Sie hatte mit Conan gerechnet, doch vor ihr stand, sich knapp verbeugend, Mayhew.

„Miss McDonnawin, das Frühstück steht bereit. Die Kaiserin erwartet Sie.“

Da stand er, in vornehmer Haltung und mitten in ihrem Schlafzimmer.

„Mr. Mayhew, kennen Sie die Bedeutung des Wortes Klopfen?“ Robyn sah ihn entrüstet an. „Und ich meine mich erinnern zu können, dass ich abgeschlossen hatte.“

„Ich bitte um Entschuldigung.“ Er starrte sie an, als würde es ihn nicht kümmern. „Ich habe einen Zweitschlüssel, für Notfälle.“

Robyn verdrehte die Augen, eilte aus dem Raum, die Treppe herunter, stolzierte dann durch die lange Empfangshalle und bevor Silas Stamos, der neben der Türe stand, dazu kam, diese zu öffnen, stieß Robyn sie auf und betrat den Speisesaal.

Cole folgte ihr hinein, blieb dann jedoch zurück.

Rashida sah auf. „Guten Morgen, Robyn. Hast du gut …?“

Einen Zweitschlüssel?“ Robyn unterbrach sie unwirsch und blieb vor dem langen Esstisch stehen.

Sie bemerkte, dass Rashida gerade von Clay ihr Frühstück vorgesetzt bekam und beide sie nun überrascht ansahen.

Sie bemerkte außerdem im Augenwinkel die Agenten, die an einem anderen Tisch saßen und gemeinsam frühstückten. Jess saß bei ihnen und auch er sah überrascht zu ihr herüber, obwohl sie glaubte, ein Grinsen in seinem Gesicht erkennen zu können.

Plötzlich trat Cole neben sie und legte formell die Arme hinter den Rücken. „Hoheit, ich möchte kurz anbringen, dass ich mich bereits für das unangekündigte Eindringen in die Suite der Miss entschuldigt habe.“

„Stecken Sie sich Ihre Entschuldigung sonst wohin!“ Robyn fuhr ihn laut an.

Es war ihr egal, was man in diesem Augenblick von ihr dachte und dass sie sich völlig danebenbenahm. Sie war durchaus freizügiger, als Conan es sich von ihr wünschte, aber trotzdem schätzte sie ihre Privatsphäre sehr und konnte es nicht leiden, dass Cole so wenig Rücksicht darauf nahm.

„Sie kleben mir am Arsch, lassen mich kaum irgendwo alleine hingehen und offenbar ist es für Sie ein Notfall, wenn ich aus dem Fenster sehe. Konnten Sie vielleicht durch die Türe sehen und haben angenommen, ich würde durch ein geschlossenes Fenster herausfallen?“

„Und wenn es passiert wäre, Miss?“ Cole sah sie ausdruckslos an, ungerührt von ihrem Ausbruch.

„Ich würde wohl eher springen, wenn das der einzige Weg wäre, endlich von Ihnen wegzukommen!“ Robyn stemmte wütend die Hände in die Hüfte und sah Rashida an, um eine Reaktion der Kaiserin einzufordern.

Diese saß aber einfach nur stumm auf ihrem Stuhl und sah überrascht zwischen ihrer Freundin und ihrem Agenten hin und her, bis Cole es schließlich wagte, noch einen daraufzusetzen.

„Dabei würde ich vermutlich besser abschneiden.“ Es klang kühl und unverschämt. Robyn wusste, dass es auch genauso gemeint war.

Sie sah ihn fassungslos an und dann lenkten beide zeitgleich ihren Blick zur Kaiserin. „Tu was, Rash!“

„Mir scheint, dass ihr zwei temperamentvoll genug seid, um das alleine zu regeln.“ Beide hatten wohl mit jeder möglichen Reaktion gerechnet, allerdings nicht mit einem breiten Grinsen.

„Das kannst du nicht so stehenlassen, Rashida!“ Robyn protestierte lautstark, obwohl Clay ihr bereits einen warnenden Blick zuwarf. „Du hast ihn mir zugeteilt, also zieh‘ ihn wieder ab.“

„Ja, aber er ist doch dein Bodyguard“, erwiderte Rashida. „Sag du es ihm doch.“

„Ich weiß ganz genau, dass er nicht dazu verpflichtet ist, auf mich zu hören, weil hier nur dein Wort etwas zählt, also sag‘ ihm endlich, dass er mich in Ruhe lassen soll!“

„Robyn.“ Plötzlich sah Rashida sie mahnend an. Sie hatte es ausgereizt und nun befand sich vor ihr wieder die Kaiserin und nicht mehr ihre Freundin. „Ich denke, ich habe dir dazu schon mal etwas gesagt. Er ist dein Bodyguard und er wird es bleiben. Von mir aus könnt ihr euch streiten, an den Haaren ziehen oder sonst etwas machen. Ich denke allerdings, dass es für euch beide angenehmer wäre, euch für die nächsten Wochen einfach zu vertragen.“

Robyn und Cole sahen sich an, doch keiner der beiden schien bereit zu sein, Frieden zu schließen.

„Nun setz dich“, bemerkte Conan unerwartet.

Er saß in gesitteter Art und Weise am Tisch und frühstückte. Sie hatte ihn bis dato gar nicht bemerkt, so sehr war sie in Rage.

Robyn war zu wütend, um sich einfach zu setzen und so zu tun, als wäre sie es nicht, deshalb machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Raum.

„Wag‘ es nicht!“ Sie sprach die Drohung aus und meinte sie so ehrlich wie sie nur konnte, als Cole sich in Bewegung setzte, um ihr zu folgen.

Sie war bereit, ihm wehzutun, falls er nicht lernen würde, Abstand zu halten.

 

„Sie verhält sich nicht wie meine Freundin, sondern wie die verdammte Kaiserin!“ Robyn machte ihrer Wut Luft und marschierte in ihrem Zimmer auf und ab. „Wieso um alles in der Welt muss ich dann die Freundin spielen, anstatt einfach meine verdammte Waffe zu nehmen und Cole zu erschießen?“

„Nicht ganz die Einstellung, die ich dich gelehrt habe.“ Conan lächelte leicht. „Aber dein Temperament ist wirklich nicht zu verachten.“

Das Frühstück war vorbei und der Mittag war angebrochen. Robyn war mit Conan in ihrer Suite und er beobachtete amüsiert, wie sein Tornado die Fassung verlor.

„Eine Sache musst du mir aber erklären.“ Er klang nicht wütend oder gereizt und trotzdem wusste Robyn sofort, worauf er das Thema lenken wollte. „Wieso regst du dich so sehr über deinen Schatten auf, wenn du gleichzeitig andere Männer hier dazu einlädst, dir näherzukommen?“

Robyn sah ihn entrüstet an. Sie wollte wirklich nicht darüber streiten, aber sie wusste sehr wohl, dass Conan nicht zufrieden mit ihr war. „Ich kann das jetzt nicht. Wirklich nicht.“

Was kannst du nicht?“

„Das hier.“ Sie schüttelte den Kopf und sah ihm starrsinnig entgegen. „Hinnehmen, dass du mich jetzt in diesem Moment so ansiehst. Streiten darüber, warum du es tust.“

„Dann wäre es wohl besser, wenn ich dich eine Weile in Ruhe lasse.“ Conan erhob sich von ihrem Bett und kam auf sie zu. Sie sah ihn verwirrt an. Er wollte sich zurückziehen? Was sollte das heißen? „Es gibt da einen Auftrag, um den ich mich kümmern soll. Ich habe ein persönliches Interesse daran, aber eigentlich wollte ich ihn ablehnen. Ich glaube aber, dass es dir guttun würde, für eine Weile deinen eigenen Weg zu gehen.“ Noch immer sah Robyn ihn irritiert an. „Ich werde also für einige Tage verschwinden und dir deinen Freiraum lassen.“

„In Ordnung.“ Sie wusste nicht, was sie sonst darauf erwidern sollte. „Wenn der Auftrag wichtig ist, solltest du es tun.“

„Das ist er, aber du bist es auch.“ Conan strich ihr mit der Hand durch die Haare und legte sie dann in ihren Nacken. „Ich sehe dir an, dass du es genießt, mal in der Gesellschaft anderer Menschen zu sein. Vergnüge dich ruhig eine Weile mit einem dieser Kerle. Hauptsache, du bist danach wieder die alte.“ Bevor Robyn protestieren konnte, zog er sie an sich und drückte ihr einen Kuss auf. „Du gehörst mir nicht, aber vergiss nicht, dass ich die einzige Konstante in deinem Leben bin.“

Seine Worte machten sie wütend. Für wen hielt er sie? Glaubte er wirklich, dass sie sich belanglos jemandem an den Hals werfen wollte, nur um sich im Anschluss daran wieder von ihm kontrollieren zu lassen?

Sie hatte es satt, wollte eigene Entscheidungen treffen. Am Hof Freundschaften zu schließen, schien ihr ein guter, erster Schritt in diese Richtung zu sein.

Sie verabschiedete sich nur halbherzig, dann eilte sie aus dem Raum, bis hin in die Empfangshalle. Erst als sie aus dem Gebäude stürmte und mit jemandem zusammenstieß, sollte sich ihr Tag endlich zum Guten wenden.

 

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