Abschied

Eileen klammerte sich an der Reling fest und starrte mit brennenden Augen zurück zum Festland. Da lag ihre Heimat, ihr Zuhause, ihre Welt, die sie nun zum ersten Mal verließ und für lange Zeit nicht wiedersehen würde, vielleicht nie wieder. Dieser Gedanke zerriss ihr fast das Herz. 
Soviel musste sie zurück lassen, obwohl ihr Vater sich schon mehrfach über die vielen Kisten, die ihre Habe enthielten, beschwert hatte. Viel zu viel Platz würden die im Lagerraum des Schiffes einnehmen. Eileen war es egal, ihretwegen konnte er sämtliche Kisten ins Meer werfen, was bedeuteten ihr in diesem Moment ihre Kleider, ihr Schmuck, ihre Schriftrollen? Das, was ihr am meisten bedeutete, hatte sie ja doch nicht mitnehmen können. Den Duft der blühenden Apfelbäume, das Rauschen der Getreidefelder, den ersten Sonnenstrahl, der morgens in ihr Zimmer fiel, all das musste sie hinter sich lassen.
Eileen hatte die Leute oft reden gehört von der Liebe zur Heimat, aber niemand hatte ihr gesagt, dass diese Liebe so weh tat...
Und jetzt sollte ein fernes, fremdes Land ihre neue Heimat werden: Ägypten.

Eileens Vater war Händler. Schon seit vielen Jahren unternahm er regelmäßig lange Seereisen, um seine Ware, Waffen vor allem, aber auch Stoffe und Narwalhörner, im Mittelmeerraum zu verkaufen. Durch einen griechischen Freund war es ihm sogar gelungen, Handelsbeziehungen zu Ägypten aufzunehmen.
Als Eileen zum ersten Mal davon gehört hatte, war sie entzückt.  Schon von klein auf hatte sie eine Vorliebe für Sprachen und insbesondere Schriften anderer Länder gehabt. Und die ägyptischen Hieroglyphen faszinierten sie. Sie ruhte nicht eher, bis ihr Vater ihr einen Lehrer besorgte, der ägyptisch sprach und sie darin unterrichten konnte. Bei ihrer Begabung dauerte es nicht lange, bis sie die Sprache der Pharaonen sowohl mündlich als auch schriftlich beherrschte.  Ihr Lehrer ließ es aber nicht beim reinen Lernen der Sprache, er erzählte ihr so viel von diesem fernen Land, von seiner Schönheit, seinen Bauwerken, den Pyramiden und Tempeln, dass  in Eileen die Sehnsucht, all dies eines Tages mit eigenen Augen sehen zu können, erwachte. Jedesmal, wenn ihr Vater von einer Reise zurück kam, bettelte sie darum, sie auf seiner nächsten Fahrt nach Ägypten mit zu nehmen. Und jetzt hatte er ihrem Wunsch endlich stattgegeben. Warum also war sie so traurig? War sie denn nicht endlich auf dem Weg in das Land ihrer heimlichen Träume? Wurde ihr Traum denn nicht endlich wahr? 

Und doch, als die Küste ihrer Heimat immer mehr in der Ferne verschwand, hätte sie sich am liebsten ins Meer gestürzt und wäre zurück geschwommen. Vielleicht lag es daran, dass es sich bei dieser Reise nicht um eine Handelsfahrt handelte, sondern um eine Reise ohne Wiederkehr. Denn ihr Vater hatte in Ägypten eine Frau kennen gelernt...
Eileens Mutter war kurz nach der Geburt ihrer Tochter gestorben und ihr Mann hatte an ihrem Grab geschworen, sich nie wieder zu verheiraten. Aber dann hatte er Beket kennen gelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Viel Geduld und zähe Verhandlungen waren nötig, bis ihre Eltern einer Heirat endlich zustimmten. Eine ihrer Bedingungen war, dass er von nun an in Ägypten leben sollte. Eileens Vater stimmte zu, erbat sich aber die Erlaubnis, noch einmal in seine Heimat reisen zu dürfen, um seine dortigen Besitztümer zu verkaufen - und um seine Tochter nach Ägypten zu holen. 

Und nun stand Eileen an der Reling und weinte vor Heimweh, das sie bereits jetzt gepackt hatte. Ja, es war ihr Wunsch gewesen, nach Ägypten zu reisen - aber doch nur für eine Weile, nicht für immer. Sie hatte doch nur den Nil sehen wollen, die Pyramiden und die Tempel, sie wollte keine neue Familie in diesem Land, keine Stiefmutter, die sie überhaupt nicht kannte. Sie wollte nicht zu den fremden Göttern beten, die ägyptische Sprache nicht für den Rest ihres Lebens sprechen. Sie wollte nur nach Hause.  Aber jenes Zuhause existierte nicht mehr. Andere Leute wohnten jetzt in dem schönen großen Haus...
Schließlich verschwand die Küste ihrer Heimat gänzlich aus Eileens Sichtfeld. Laut aufschluchzend warf sie sich auf die Planken des Schiffes.  Verflucht seist du, Ägypten, verflucht seist du!


Comments

  • Author Portrait

    Oh, auf die Fortsetzung dieser Geschichte freue ich mich! Der Anfang ist dir sehr geglückt mit der Schilderung der Emotionen, welche eine Auswanderung wohl unweigerlich mit sich bringen.

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Fairy Dust

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