Abtauchen

Es ist nicht wirklich etwas Besonderes an diesem Haus aber es ist zentral und dennoch versteckt. Die Mieter ruhig und unauffällig, keiner kann von außen in das Innere des Appartements sehen. Es ist eine gute Chance sich zu verstecken, einen klaren Kopf zu bekommen, einfach zu sein.

Vielleicht ist diese Wohnanlage aus den Neunzigern, ja ich tippe auf die Neunziger. Da wurden diese Wohnungen gebaut. Irgendwie alles versucht individuell aber das Laminat und die Farbe der Türklinken, die weißen Fliesen und die irgendwie alle gleich klingenden Namen an den Briefkästen machen alles wieder egal. Es ist gar kein Laminat, es ist PVC. Umso besser, praktisch und langlebig, wie alles hier. Nieroster und Beete aus Stein. Baustoffe für die Ewigkeit die keiner erleben wird.

Und wenn bei den jungen Leuten in ihren neuen schicken auch alten neuen Eigenheimchen immer alles gleich nach IKEA und Depot aussieht, sieht es hier bei den Alten auch immer gleich und gleich Alt aus. Unrelevanter bis schlechter Geschmack kann hier ebenso sorgenfrei ausgelebt werden und wird ja auch an jeder Ecke bedient und oft versandkostenfrei geliefert. Dennoch ist es gut zum verkriechen. Kopf in den Sand bedeutet hier, durch den Torbogen, Tür hinter sich ins Schloss fallen lassen und weg aus dieser Welt. Die Welt da draußen kann einfach machen, ich kann Ihr dabei zusehen, sie mir aber nicht. Ich kann hier leiden, weinen, schlecht bis gar nicht schlafen, verzweifeln und wieder neuen Mut fassen, niemand bekommt mich mit, niemand stört diesen meinen Prozess der Metamorphose.

Wenn ich hier drin auf und ab laufe denke ich jedes Mal an die Nachbarn unter mir. Ich habe auf diesem Fußboden einen hörbar festen und harten Tritt und ich rechne damit das es bald bei mir klingelt und man mich ermahnt leiser zu gehen aber nichts dergleichen, ich sehe und höre niemanden. Ich sehe das Licht in den Fenstern, wenn ich aus dem Fenster sehe, ich sehe die Glotzen laufen, den ganzen Tag. Eine Glotze schaff ich mir aber auch jetzt nicht an, ob denn der Druck hier steigt, jeder hat eine. Gute Ablenkung.

Ich habe hier noch keine Wege, ich fühle mich selbst unkoordiniert und nervös. Ich vergesse ständig was und muss manchmal zehn zwölfmal von der Couch wieder hoch bis ich so eingerichtet bin, das ich den Abend verbringen kann. Hart.

Meine Konzentration liegt in dieser Wohnung bei meinen Platten. Ich höre wieder bewusst Musik und arbeite mit ihr. Ich studiere die Songs und lass die Zeit vergehen, Zeit der Stille, Zeit ohne unnötige Aufregung, Zeit in der das Gras über alles wachsen kann.Ein Blick aus dem Fenster in die Ferne und  ich verlieb mich in die Aussicht, in die Aussicht das alles wieder besser wird.

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Fairy Dust

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