Achtes Lied - Pläne

Noch immer hatte der Wind einiges an Kraft, und die Decke des großen Zeltes hob sich ächzend unter einer Böe und zerrte an den Leinen. Unter den musternden Blicken der Offiziere folgte sie Fyorr, der ihr bedeutete, sich neben ihm zu postieren. Um den großen Kartentisch herum starrten ihr die Männer entgegen und in nicht wenigen Gesichtern war die Überraschung über Fyorrs Entscheidung deutlich zu lesen. Dennoch stellte keiner den Kommandanten infrage. Jeyla fragte sich, ob das an Vertrauen in Fyorrs Fähigkeiten und daraus resultierendem Respekt, oder Angst vor dem Konsequenzen eines Widerspruchs lag. Oder vielleicht sogar beidem. Noch wurde sie aus dem Anführer der schwarzen Kompanie nicht schlau. Die Truppe war sogar hier in Osinys bekannt, am Rand der Welt, was durchaus etwas bedeutete. Unbesiegt und grausam, so ließen sich die Geschichten über die Männer in Schwarz zusammenfassen. Der Angriff auf das Dorf schien diesem Ruf durchaus gerecht zu werden. Aber die Person hinter der Legende, die sie kennen gelernt hatte, schien nicht bösartig im Wesen zu sein.

Fyorr unterbrach ihre Gedanken, als er die Besprechung fortsetzte.

“Ich denke, ihr hattet genug Zeit, die Nachrichten zu bedenken. Der Kaiser ist tot und ohne gefestigte Nachfolge war es von vorneherein so gut wie sicher, dass das Reich zerfällt. Um ehrlich zu sein, sehe ich uns keiner Partei gegenüber verpflichtet. Die Generäle haben die kaiserliche Autorität verloren. Die Befehle sind ohnehin widersprüchlich, und nicht wenige der Generäle haben sich selbst zu Königen gekrönt. Ebenso dürfte der Adel nicht lange auf seine Reaktion warten lassen. Ganz zu schweigen von den bisherigen Rebellionsparteien, die sich jetzt in ihrer Unabhängigkeit bestätigt sehen dürften. Ihr werdet euch fragen, wo wir in der ganzen Sache stehen. Dank General Sigurd sind wir völlig außen vor. Sein Plan, uns aus dem Spiel zu nehmen, ist aufgegangen. Wir sind hier am Arsch der Welt. Bis wir wieder auf dem Festland sind, werden die Karten längst neu gemischt sein. Ich denke, Sigurd hat in der Schwarzen eine Bedrohung gesehen. Und damit liegt er völlig richtig.

Denn ich lasse mich nicht gern verarschen. Wir wurden auf Unschuldige gehetzt, Menschen, die wir geschworen haben, zu verteidigen. Untertanen des Kaisers!”

Eifriges Nicken, empörte und zornige Rufe und verhaltenes Gemurmel drückten allgemeine Zustimmung aus. Jeyla war überrascht, wie einstimmig Fyorrs Ansicht geteilt wurde.

“Damit ist der Verräter Sigurd unser Feind. Nicht nur unserer Ehre willen. Die Schwarze steht dem Volk von Osinys gegenüber in einer Blutschuld. Wenn wir unsere Schuld begleichen, unseren Namen reinwaschen, unsere Ehre zurückerlangen und den Toten Frieden bringen wollen, muss Sigurd sterben!”

Die Männer stießen jubelnd die Fäuste in die Luft und brüllten zustimmend. Fyorr ließ sie kurz gewähren und räusperte sich dann.

“Die Frage ist nur, wie wir vorgehen werden. Wir haben mehrere Optionen. Wir können uns General Aedyl in Grauenstein anschließen, der einen Feldzug der verbliebenen kaisertreuen Truppen gegen Sigurd führen will. Wir können auf eigene Faust handeln, offen oder verdeckt. Wir können abwarten und Informationen sammeln, den Feind infiltrieren und den geeigneten Zeitpunkt abpassen. Wir können uns einem der neuen Königreiche anschließen, das Sigurd feindlich gesinnt ist. Wir können ebenso versuchen, den rechtmäßigen Erben des Kaisers zu finden, zu unterstützen und das Reich wieder herzustellen, was uns über kurz oder lang ebenso vor Sigurds Tore führen wird.” Er machte eine Pause, um den Offizieren Zeit zu geben, die Möglichkeiten durchzuspielen.

Schließlich holte er tief und fast seufzend Luft. “Um ehrlich zu sein, gefällt mir keine dieser Optionen. Aedyl wird von Anfang an auf diverse Schwierigkeiten stoßen. Mit der Gurkentruppe, die er mit seinem Appell zusammenbekommt, wird er nicht weit kommen. Wenn wir völlig auf eigene Faust handeln, kann die Versorgung der Kompanie mit Nachschub schnell zu einem Problem werden. Wenn wir abwarten, gestatten wir einer chaotischen Situation, zur Ruhe zu kommen. So werden wir zwangsläufig Vorteile verschenken. Uns an ein gerade erst gegründetes Splitterreich zu binden, halte ich für nicht vereinbar mit unseren Werten. Zumal wir uns so auf Gedeih und Verderb unerprobten Befehlshabern ausliefern würden. Das Reich wieder aufzubauen wäre eine Aufgabe für die Götter. Wir hätten so mit einem Schlag alle gegen uns.

Daher… “ Er verschränkte die Arme und starrte in die Runde. ”bin ich offen für Vorschläge.”

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