AEGIS Kapitel 1: Friede

Ein schrilles Pfeifen verkündete, dass das Wasser im Teekessel kochte.

Jacky fuhr von den Bildern auf, die sie bis eben noch verträumt betrachtet hatte, die feinen Kohlestiftzeichnungen von Rittern und Helden segelten auf den Boden, als sie aufsprang und den schwarzen Kessel vom Feuer nehmen wollte.

Die Hitze verbrühte ihre Hände und mit einem Schrei ließ sie den Griff los – allerdings zu spät, denn der Kessel war bereits halb von seiner Halterung gezogen. Nun fiel er vollends, die Kanne schlug auf den Boden auf und heißer Tee spritzte auf den Teppich aus Bisonfell, die Holzdielen und Jackys nackte Füße.

„Au!“, sie stolperte und fiel.

„Jacky!“, ertönte ein spitzer Schrei von außen, im gleichen Moment öffnete sich die Tür der Hütte. Herein kam ihr Vater, ein kräftiger, blonder Mann, die Hose noch bedeckt von Holzspänen.

„Geht es dir gut? Was ist passiert?“

Sie betrachtete ihre Hände, auf deren Innenflächen sich rote Spuren abzeichneten. Ihr Vater betrachtete währenddessen das Bild der Verwüstung. Im Türrahmen erschien ihre Mutter, blond, schlank und in Gartenkleidung, und ihre kleine Schwester, die auch den spitzen Schrei ausgestoßen hatte.

„Jacky“, Louise lief sofort zu ihr und kniete sich an ihre Seite. „Aua macht?“

Jacky nickte und Tränen stiegen ihr in die Augen. Erst jetzt spürte sie den Schmerz. Mit anklagendem Heulen hielt sie ihrem Vater die Hände hin.

„Ist ja gut, Schätzchen“, er befühlte ihre Hände. „Guck mal, ich puste, und alles ist wieder gut.“

Ihr Vater, der sicherlich ein großartiger Doktor war, pustete auf ihre Hände und der Schmerz verblasste augenblicklich.

„Wolltest du uns etwa Tee holen?“, fragte er nun, während seine Frau durch die kleine Hütte stapfte und mit ihren Gartenhandschuhen die Kanne aufhob.

Jacky nickte. „Ich wollte die Erste sein! Damit du nicht immer rennen musst.“

Als ihr die Ironie ihrer Aussage – immerhin hatte ihr Vater nun ihretwegen rennen müssen – auffiel, brach sie beinahe schon wieder in Tränen aus.

„Das ist lieb von dir, aber du bist noch zu jung, um Tee vom Feuer zu holen“, tröstete ihr Vater sie.

„Die Kanne ist heil geblieben“, erkannte ihre Mutter. „Ich setze neuen Tee auf. Wieso gehst du nicht raus und spielst etwas mit deiner Schwester, Lou?“

Louise nickte ernst, stand auf und reichte Jacky die Hand. Auch sie stand auf. Ihre Mutter fuhr ihr durch die Locken und verteilte dabei schwarze Erdkrümel im feurigen Rot. „Tut es noch weh?“

Jacky schüttelte den Kopf. Sie war schon ein großes, tapferes Mädchen!

„Na, dann geht spielen!“, lachte ihre Mutter und scheuchte sie nach draußen.

 

Im Dorf war alles wie immer. Der alte Gwanneth saß vor seiner Hütte im Sonnenschein und erzählte einer Gruppe junger Kinder Geschichten. Obwohl sie eigentlich langsam zu alt für Märchen wurde, blieb Jacky einen Moment stehen und lauschte.

„Jetzt hatte der kleine Junge weniger Angst, weil er wusste, was ihn verfolgte“, erzählte Gwanneth Yorinthe gerade.

„Aber … das Monster!“, stammelte ein Junge.

„Er hatte große Angst vor dem Monster, aber er war bereits so mutig gewesen, sich umzudrehen und jetzt wusste der Junge ganz genau, was das für ein Monster war. Es war nämlich ein Monster, dass kein Wasser mochte.“

„In den Fluss! Es muss in den Fluss!“, piepste ein Mädchen.

Jacky verdrehte die Augen und lief weiter. Natürlich musste der Junge in den Fluss springen. Sie kannte die Geschichte – sie war fast zu Ende, bald würde Gwanneth sich darauf verlegen, den Kindern ganz genau zu erklären, dass man sich seinen Ängsten stellen musste – wie der Junge in der Geschichte – wenn man sie besiegen wollte.

Dieser letzte Teil war immer sehr langweilig. Jacky hörte lieber von Abenteuer und Liebe und Kämpfen, und sie hasste es, eine Geschichte mehrfach zu hören. Beim zweiten Mal war die ganze Spannung weg.

Louise war bereits weitergelaufen, weil sie eine streunende Katze gesehen hatte. Jacky beeilte sich, ihre Schwester einzuholen und ergriff ihre Hand. „Lauf doch nicht immer weg“, schimpfte sie mit Louise, so wie ihre Mutter sie ermahnte, wenn sie auf einem Ausflug außerhalb des Dorfes zu weit vor lief.

Louise zerrte Jacky hinter der flüchtenden Katze her. Das Tier, eine dürre Katze mit braunem Tigermuster, ignorierte sie und sprang auf eine Steinmauer, um dahinter auf den Weiden zu verschwinden.

Louise war nicht bekümmert, sondern begann sofort, eine Gräser für die Schafe zu pflücken.

Jacky sprang auf die Mauer und pfiff.

Der Schäferssohn, der gerade auf die Schafe aufpasste, war Dorry, ihr bester Freund. Dorry, eigentlich Dor'quinel, war ein Halbelb aus Antordia, der vor drei Wintern mit seinem Vater hierher gezogen war. Er war fünf Jahre älter als Jacky, hatte sich aber sofort gut mit ihr verstanden. Da er einer langlebigen Rasse entstammte, war er mit ihr trotz des Altesunterschied auf einer Wellenlänge. Er winkte ihr zu, als er sie und Louise an der Steinmauer bemerkte, machte aber keine Anstalten, zu ihnen zu kommen.

Jacky verzog das Gesicht. Dorry nahm seine Aufgabe als Schäfer sehr ernst, obwohl die Schafe kaum über die Steinmauer davon springen konnten und es auch keine Diebe oder Raubtiere gab. Sie musste sich also etwas anderes suchen, um die Zeit totzuschlagen.

 

Nachdem Louise die Lust daran verloren hatte, auf die trägen Schafe zu warten, liefen die Schwestern auf den Marktplatz, der heute jedoch nicht besonders belebt war.

Markttag war am Sonntag, doch auch unter der Woche gab es den ein oder anderen Verkäufer. Besonders Lebensmittel wurden während der ganzen Woche angeboten, und die ärmeren Familien, die die Marktgebühr nicht bezahlen konnten, versuchten ihr Glück an den Arbeitstagen.

Heute befand sich außerdem Jackys Lieblingsstand auf dem Platz. Die Abdeckung des Bonbonwagens war rosa und hellblau und verhieß köstliche Verlockungen.

Louise entdeckte den Wagen etwas später, streckte den Finger aus und rief: „Bo-bo!“

Sie zerrte ihre Schwester an den Stand, wo die beiden Kinder die Auslage mit großen Augen bestaunten.

Da gab es Zuckerhütchen, Pfefferminzbonbons und Feenstaub, kleine Marzipanfigürchen und Unmengen einfarbiger Bonbons, die sich wie kleine Edelsteine ausnahmen. An der Rückwand des Wagen waren Ketten aus Zuckerzeug und große Lollis ausgestellt, zwischen Regalen mit Töpfchen voller Honig oder Marmelade.

Louise zerrte an Jackys Ärmel: „Haben!“

„Wir müssen erst nach Hause“, erklärte Jacky ihr geduldig und klopfte auf ihre leeren Taschen.

„Haben! Haben!“

„Dann komm“, Jacky wollte sie wegziehen.

Louise ließ sich auf die Erde fallen, öffnete den Mund und begann zu kreischen.

„Du kriegst ja deine Bonbons, wir müssen nur Geld holen!“, Jacky stand hilflos neben ihrer Schwester. „Louise, komm jetzt!“

Ihre Schwester brüllte nur lauter. Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen.

„Hör auf damit!“, schimpfte Jacky.

Der Wagenbesitzer, ein dicklicher Fremder mit bunter Schürze, beugte sich mit einem gutmütigen Lächeln herunter und reichte Jacky einen kleinen Lolli.

Sie kniete sich neben Louise und wedelte ihr damit vor der Nase herum. „Hier, guck mal!“

Die Tränen versiegten auf der Stelle und Louise nahm den Lolli mit großen Augen entgegen. Sie lutschte konzentriert daran, während Jacky ihr die Tränen abwischte. Dann drehte sie sich um.

„Danke! Ich hole nur eben Geld und dann kommen wir wieder!“

„Der war geschenkt“, der Mann zwinkerte fröhlich.

 

Im nächsten Moment kippte der Mann nach hinten und krachte in die Rückwand des Wagens. Glas splitterte und Holz brach. Ein lautes, unverständliches Gurgeln ertönte.

„Geht es Ihnen gut?“, piepste Jacky und sprang an dem Vorbau des Wagens hoch, um einen Blick auf den Mann zu erhaschen.

Blut bedeckte die Rückwand. Der Mann lag auf dem Boden in seinem Wagen und streckte eine Hand nach ihr aus, die andere schloss sich um einen Holzschaft, der ihm aus dem Hals ragte.

Er öffnete und schloss den Mund, aber kein Wort drang heraus. Stattdessen ertönte plötzlich Schreien und Kreischen hinter Jacky.

Sie drehte sich um und sah Menschen über den Marktplatz rennen. Manche lagen auch auf dem Boden und bewegten sich nicht. Große Tiere stürmten aus Seitengassen, sie kamen aus allen Richtungen. Geheul und Schmerzensschreie füllten die Luft.

Jacky konnte sich nicht rühren, während Pfeile durch die Luft flogen und Menschen stolperten, fielen und nicht wieder aufstanden. Der Wagen geriet in Bewegung und kippte auf die Seite, Jacky wurde ins Innere geschleudert und landete auf dem weichen, warmen Bauch des Mannes.

Sie sprang angeekelt auf.

„Louise!“

Ihre Schwester war in dem Getümmel nicht mehr zu sehen. Einzig der Lutscher lag im Dreck auf dem Boden.

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