Agententraining

Clara Downham - Einige Tage nach der Krebsdiagnose

"Es freut mich, dass Sie sich dafür entschieden haben, Ihrem Land zu dienen!", sagt der Mann im grauen Anzug. Alex und ich sitzen ein wenig angespannt in seinem Büro, das in einem Teil der Stadt liegt, das jeder für vollkommen verlassen hält. Der traditionell eingerichtete Raum mit teuren Mahagoni-Möbeln wird abgerundet durch ein Portrait des Mannes, der auf einem alten Schlachtfeld steht. Auf dem Gemälde stützt er sich mit dem Fuß auf dem Rücken eines toten Feindes, auf sein Gewehr, das mit dem Bajonett voran in den Boden gerammt ist und blickt entschlossen in die Ferne. Ein Detail fällt mir auf: In seiner linken Hand hält er eine goldene Taschenuhr.

Instinktiv frage ich mich, ob dieses Bild ein tatsächliches Ereignis zeigt, doch ein goldenes Schildchen am unteren Teil des bronzefarbenen Rahmens erklärt, dass das Gemälde eine Szene aus dem Deutschland von 1918 zeigt. Entweder sitzt uns also ein Hundertjähriger gegenüber, der sich gut gehalten hat oder aber ein direkter Nachfahre mit verblüffender Ähnlichkeit. Vielleicht zeigt es aber auch nur eine fiktive, symbolische Situation des Gentleman in Grau.

"Ah, ich sehe, Sie begutachten dieses prunkvolle Werk? Ich persönlich finde es ja etwas übertrieben, doch jeder Agent mit einer gewissen Felderfahrung bekommt ein solches Gemälde geschenkt. Und es wäre in der Tat ein wenig unangemessen, dieses nicht sichtbar anzubringen. Ich bin schon sehr gespannt, das Ihre zu sehen zu bekommen", sagt er lächelnd und irritiert mich noch mehr. Soll das wirklich er sein?, frage ich mich und überlege, ob Alex und ich die einzigen sind, die die Zeit beeinflussen können.

"Jedenfalls heiße ich Sie im Namen der Regierung herzlich Willkommen in der geheimen Zentrale der 'Abteilung für Raum und Zeit'. Wie Sie sich denken können, ist das nicht gerade ein Thema, über das viel gesprochen wird oder gerne von uns in der Zeitung zu lesen wäre. Daher bitte ich Sie zunächst, diese Verschwiegenheitserklärungen zu unterschreiben, mit denen Sie Ihre Sicherheitsfreigabe bestätigen", bittet er uns in höflichem Ton. Generell wirkt der noch immer namenlose Mann eher wie ein britischer Gentleman, als ein amerikanischer Regierungsbeamter. Sein britischer Akzent ist kaum hörbar, doch die Art wie er spricht, die Intonation und seine Sprachmelodie sprechen klar dafür.

Bisher haben wir außer 'Guten Tag!' noch nichts gesagt, denke ich und frage daher höflich: "Entschuldigen Sie, aber würden Sie uns noch Ihren Namen nennen? Wir wissen bislang nicht, wie wir Sie ansprechen sollen". - "Aber selbstverständlich! Entschuldigen Sie bitte, Miss Downham, wie unhöflich von mir! Mein Name ist Special Agent Richard Winston", stellt er sich vor, "Doch nun, lassen Sie uns zum Wesentlichen kommen! Ich habe Sie ausgewählt, da Sie unseren Untersuchungen nach die Fähigkeit besitzen, Manipulationen in Raum und Zeit vorzunehmen. Bevor ich zu sehr ausschweife, fasse ich es kurz, wenn es Ihnen keine Umstände bereitet. Die Zeit drängt ein wenig. Sie sind jedenfalls nicht der einzige Mensch, mit dieser außergewöhnlichen Begabung und können sich mit Sicherheit vorstellen, dass manche Menschen durchaus Vorteile aus diesen Befähigungen ziehen, die - sagen wir - eher krimineller Natur sind".

"Und wir sollen unsere Fähigkeiten einsetzen, um diese Kriminellen zu stoppen, nehme ich an?", fragt Alex nun geradeheraus. - "Ich bin davon begeistert, wie sehr Sie sich mit der künftigen Arbeit Ihrer Gefährtin identifizieren. Doch ohne die Fähigkeit, Raum und Zeit zu manipulieren, werden Sie eher in einer anderen Abteilung arbeiten, Mister Goodwin", erwidert der Special Agent höflich. Alex lehnt sich ein nach vorne und fragt mit provokantem Unterton: "Und was ist, wenn wir beide mit dieser... 'Gabe' ausgestattet sind? Ich weiß nicht, wie Sie zu der Information gekommen sind, dass Clara diese Fähigkeiten besitzt, doch meine haben Sie definitiv übersehen".

Winston fährt sich nachdenklich mit der Hand durch den Bart und nickt nach ein paar Sekunden: "Ausgezeichnet! Ich werde veranlassen, dass Sie beide zu Zeitagenten ausgebildet werden, die unsere Spezialeinheiten bei den notwendigen Festnahmen unterstützen. Und ja: Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, Mister Goodwin - Ihre Aufgabe wird es sein, Ihre Fähigkeiten zum Schutze der Bürger einzusetzen, indem Sie diesen kriminellen Individuen Einhalt gebieten. In wenigen Minuten wird Ihr Ausbilder und Einsatzleiter, Special Agent Rhodes, Sie zu unserer Ausbildungsstätte begleiten. Wenn Sie nun bitte noch die folgende Abtretungserklärung unterzeichnen würden?".

Auf dem Tisch liegen zwei Ausfertigungen des besagten Dokuments. Ich nehme mir die Zeit, alles durchzulesen und stocke, als ich eine auffällige Formulierung bemerke: "Was bedeutet 'Ich bestätige außerdem ausdrücklich, dass mein Ableben in der Gesellschaft gewünscht ist'?". Sein Blick wird etwas ernster: "Wie Sie wissen, ist diese Abteilung so geheim, dass niemand, der für uns arbeitet, offiziell noch unter den Lebenden weilen darf. Daher müssen Sie unterzeichnen, dass Sie mit der Inszenierung Ihres Todes einverstanden sind. Sie müssen mir verzeihen: Ich bin davon ausgegangen, dass Sie auch dieses - sagen wir... prekäre - Detail bereits miteinander besprochen hätten, nachdem wir unsere erste Unterhaltung in New York hatten, Miss Downham".

Irritiert blickt mich Alex an. Die Frage in seinem Blick ist kein Rätsel für mich: "Hast du mir das bewusst verschwiegen?". Ich blicke ihm in die Augen und schüttle kaum sichtbar den Kopf. Daraufhin fragt er skeptisch: "Und wenn wir das nicht unterzeichnen möchten?". - "Solange Sie die Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen, steht es Ihnen frei, das Angebot der Regierung abzulehnen. Damit erlöschen jedoch auch die Ansprüche Ihrer Gefährtin auf die fortgeschrittenen Behandlungsmöglichkeiten ihres Krebsleidens", sagt er mit bedauerndem Unterton. Wortlos blicken Alex und ich uns an, wir nicken gleichzeitig und unterschreiben die vorgelegten Dokumente.

Es klopft an der Tür und Winston erklärt uns, dass dies Special Agent Rhodes sein muss. Tatsächlich steht ein ranghoch aussehender Mann in der Tür, der uns zunickt, bevor er Winston fragt: "Sind Sie fertig mit meinen neuen Rekruten?". - "In der Tat haben die beiden gerade unterzeichnet. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass Mister Goodwin angibt, ebenfalls eine gewisse Begabung zu besitzen. Die Einteilung in die entsprechenden Teams muss also noch abgeändert werden", führt Special Agent Winston aus. Der in der Tür Stehende nickt ernst und bittet uns, ihm zu folgen. Mit einem Händedruck verabschieden wir uns aus dem Büro und müssen fast laufen, um mit unserem riesigen Ausbilder Schritt halten zu können.

"Sie waren bei der US-Army. Ist das richtig?", fragt er knapp an Alex gerichtet. "Ja, Sir!", bestätigt dieser in einem Militärton, den ich noch nie bei ihm gehört habe. Generell weiß ich wenig über die Tätigkeiten, die Alex dort verrichtet hat. Ich weiß nur, dass er kurz nach seinem 18. Geburtstag zum Militär gegangen ist, nachdem er sich so sehr mit seinem Vater zerstritten hat, dass er beschloss, nie wieder nach Hause zurückzukehren. Was genau damals passiert ist, darüber haben wir irgendwie nie wirklich gesprochen. Nur über das mysteriöse Verschwinden seiner Mutter, welches uns als Halb- und Vollwaise verbindet.

"Zunächst bringen wir Ihre Erkrankung unter Kontrolle. Folgen Sie mir zum medizinischen Flügel! Der Eingriff wird nicht lange dauern und relativ schmerzlos. Sie kommen in der Zwischenzeit mit mir und besprechen, welche Spezialisierungen Sie bei der US-Army erhalten haben", sagt er zunächst an mich, dann an Alex gewandt. Der Komplex ist recht groß, sodass wir unserem Ausbilder mehrere Minuten lang schweigend folgen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals bei dem Gedanken, dass ich jetzt gleich operiert werden soll" und ich frage mich, wie sie den Krebs im Endstadium - also mit all den Metastasen - in so kurzer Zeit behandeln wollen.

Am Eingang des medizinischen Flügels verabschieden wir uns voneinander und nach tiefem Durchatmen betrete ich diesen. Eine junge Frau erwartet mich bereits lächelnd: "Guten Tag, Miss Downham! Es kann gleich losgehen. Bitte nehmen Sie noch kurz Platz. Sie brauchen überhaupt nicht aufgeregt zu sein. Unsere Spezialisten werden Ihnen unter Vollnarkose ein Serum verabreichen, das die Krebszellen bekämpft. Das wird etwa eine Stunde in Anspruch nehmen. Anschließend können Sie - wenn Sie sich soweit gut fühlen - direkt an Ihrem ersten Training teilnehmen!".

Wenige Minuten später liege ich bereits in einem Patientenkittel auf dem OP-Tisch und soll rückwärts herunterzählen, während mir der Anästhesist die Narkose verabreicht. Ich schaffe es von Zehn nicht einmal bis Sechs und trete trotz meiner Aufregung weg. "Dann wollen wir mal!", höre ich den Arzt gerade noch sagen, bevor alles schwarz wird.

Als ich aus dem traumlosen Schlaf aufwache, habe ich das Gefühl, es seien gerade einmal ein paar Minuten vergangen. Ich horche in mich hinein: Keine Schmerzen, kein besonderes Gefühl. Doch, da ist etwas! Ich kann besser atmen als zuvor. Mit tiefen Atemzügen fülle ich meine Lungen mit frischem Sauerstoff und öffne langsam die Augen. Erwartungsvoll blicken mich die beiden Ärzte an und warten ab, bis ich voll zu mir komme. "Wie fühlen Sie sich?", fragt der Arzt, der sich vor dem Eingriff als der Chefchirurg vorgestellt hatte. - "Gut! Ich habe das Gefühl, meine Lunge ist viel freier", murmle ich, noch ein wenig benommen. - "Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass Sie keinerlei Krebszellen mehr in Ihrem Organismus haben! Die Behandlung hat wie erwartet angeschlagen und die möglichen Schmerzen der Zellbekämpfung haben Sie wie geplant 'verschlafen'. Es ist möglich, dass Sie in den nächsten Minuten noch ein wenig benommen sein werden, doch das Narkosemittel verflüchtigt sich rascher als herkömmliche Medikamente. Ruhen Sie sich noch ein wenig aus und melden Sie sich dann bei Ihrem Ausbilder, wenn Sie sich fit fühlen".

Wahnsinn, wie weit die Medizin mittlerweile gekommen ist, geht mir durch den Kopf und bekomme sofort ein schlechtes Gewissen, als ich an all die Menschen denke, die diese Behandlungsmöglichkeit nicht erhalten, Ein Grund mehr, jetzt dankbar zu sein und zu tun, was sie von uns verlangen. Ich hätte zwar nie gedacht, dass ich mal so etwas wie ein Polizist oder Agent werden würde, aber schlecht finde ich den Gedanken jetzt nicht. Der Schutz der Bevölkerung ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, mit der ich mich schon irgendwie identifizieren kann.

Ein paar Minuten warte ich noch ab und hänge meinen Gedanken nach, bis ich beschließe, keine Zeit zu vergeuden und zu Alex sowie Special Agent Rhodes zu stoßen. Ich verlasse den Aufwachraum und finde einen neuen Satz schwarzer Kleidung an der Stelle, an der vorher meine eigenen Klamotten lagen. Die perfekt sitzenden Klamotten stellen sich als Trainings-Outfit heraus. Als ich durch die Tür in den Hauptraum des Flügels komme, erklärt mir die Krankenschwester von vorhin, dass meine Kleidung entsorgt wurde. "Das dient der Verwischung von Spuren zu ihrer alten, mittlerweile bereits hinfälligen Identität. Die Abteilung wird Ihnen die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, die Sie zur Neuanschaffung angemessener Kleidung benötigen. Special Agent Rhodes finden Sie übrigens im Sicherheitsflügel am Ende des Ganges dort drüben. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Erfolg bei Ihrer Ausbildung! Sollten Sie irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden feststellen, kehren Sie jederzeit zu uns zurück!", bietet sie mir an.

Ich bedanke und verabschiede mich, bevor ich in die Richtung gehe, in die sie gezeigt hat. Auf dem Weg zum Sicherheitsflügel fühle ich erneut in mich hinein. Nein, alles in Ordnung, stelle ich fest, Ich fühle mich kerngesund! Lächelnd freue ich mich auf das besagte Training und hoffe, dass ich lernen werde, wie meine Fähigkeiten genau funktionieren und wie ich sie noch besser einsetzen kann. Das Büro des Ausbilders liegt direkt gegenüber des Flügels und besitzt eine Glasscheibe, durch die ich Alex fröhlich zuwinke. Erleichtert blickt er mich an und zeigt fragend mit dem Daumen nach oben. Ich erwidere die Geste mit beiden Daumen, um ihm zu sagen, dass alles gut verlaufen ist und klopfe an Rhodes Tür.

"Sehr gut!", kommentiert dieser meine Ausführungen zu den Details des Eingriffes, "Wenn Sie beide dann bereit sind, können Sie mir gleich in die Trainingssektion unseres Sicherheitsflügels folgen! Ich bin gespannt, was Sie beide können!". Etwa weitere hundert Meter später, erreichen wir den besagten Bereich, wo auch Alex eine Trainingsmontur erhält, die er sogleich in der Umkleide anlegt. Der Trainingsbereich sieht auf den ersten Blick wie ein riesiger, nackter Betonraum ohne jede Einrichtung aus. Lediglich eine weiße Halbkugel ragt aus der Mitte der hohen Decke, gibt aber keinen Aufschluss auf ihre Funktion. Momentan beleuchtet sie einfach nur den Raum.

"Die sind für Sie! Ziehen Sie sie bitte nur aus, wenn es absolut notwendig ist!", weist er uns an und hält uns zwei edle, schwarze Schatullen hin, die er aus einer Sporttasche nimmt, die er mitgebracht hat. Gespannt öffne ich das unerwartete Geschenk und bin überrascht: Es ist eine schicke, goldene Digital-Armbanduhr für Frauen. Ich ziehe sie sofort an und finde, dass sie mir ausgezeichnet steht. Auch Alex hat ein Herren-Modell erhalten, wie ich sehe, als ich den Blick von meiner Uhr abwenden kann. "Wofür ist der Countdown?", fragt er den Ausbilder. - "Diese Uhren sind High-Tech-Geräte, die den sogenannten Cooldown - also die Abklingzeit Ihrer Fähigkeiten - überwacht und errechnet. Wenn Sie Ihre Fähigkeiten eine bestimmte Zeit lang nicht einsetzen, treten diese beim nächsten Einsatz in verstärkter Form auf. Da ich noch nicht weiß, welche Fähigkeiten Sie haben, müssen Sie mir diese kurz beschreiben und dann vorführen".

"Ladies first!", bietet Alex mir grinsend an. - "Also: Ich kann die Zeit stoppen und rückwärts laufen lassen. Aber wie sollen wir Ihnen das demonstrieren? Wenn ich das vormache, dann verschwinden Sie doch rückwärts durch diese Tür, oder nicht?", frage ich ihn. Er nickt und beginnt zu erklären: "Normalerweise hätten Sie recht, doch in diesem Raum gelten die üblichen Gesetze der Raum-Zeit-Manipulation nicht vollständig. Des Weiteren wird Ihnen bereits aufgefallen sein, dass andere Anomalien nicht zwangsläufig vom Einsatz Ihrer Fähigkeiten betroffen sind. Das Gleiche gilt für die meisten Agenten unserer Abteilung, die mit einer bestimmten, enorm teuren Technologie ausgestattet wurden, welche sie gegen die meisten Zeit-Manipulationen immun macht. Zum Testen können Sie einfach die projizierte Simulation verwenden", sagt er und geht zu einer Konsole, die in die neben der Tür Wand eingelassen ist.

Diese öffnet er und ein Computer kommt zum Vorschein, in den er ein paar Befehle eintippt. Plötzlich erscheinen im gesamten Raum leuchtende 3D-Gebilde, die von der Halbkugel an der Decke zu stammen scheinen. Es sind mehrere Personen, die eine Straße auf und ab gehen, herumstehen und reden, Grüppchen bilden und scheinbar eine reale Szene verkörpern sollen. "Echte Hologramme!", staunt Alex und wirkt so beeindruckt, wie ich mich fühle. - "Vor allem interaktive Hologramme mit Neurofeedback! Warten Sie, ich injiziere Ihnen die Neurotransmitter, dann können Sie es testen!", sagt der Ausbilder stolz und holt eine Injektionspistole aus der Sporttasche.

Wir halten unsere Arme hin und bekommen mit einem kurzen Stich je eine kleine Kapsel in den Unterarm. "So, ich aktiviere nun die Transmitter und dann kann es losgehen!", sagt er und tippt kurz auf der Tastatur herum, "Fassen Sie sie an!". Ich gehe zu einer realistisch aussehenden, doch halbtransparenten Person und berühre sie von hinten an der Schulter. Zu meiner Überraschung fühlt es sich nicht nur tatsächlich so an, als würde ich einen realen Menschen berühren, sondern die dargestellte Person dreht sich sogar erschrocken zu mir um. "Ja, bitte?", fragt die Frau. Ich erkenne, dass sie mich genau mustert und abwartet, was ich als nächstes tue oder sage.

"Kommen Sie, fangen wir mit der Demonstration Ihrer Fähigkeiten an!", drängt Rhodes ungeduldig. Ich blicke auf meine Armbanduhr und sehe, dass sie neben der aktuellen Uhrzeit auch den besagten Countdown anzeigt, über dem 'Level 3' steht, der gerade aufgeladen wird. Konzentriert blicke ich in den Raum und friere alle sichtbaren Bewegungen der dargestellten Menschengruppe ein. Nun spule ich die Zeit zurück und lasse das unauffällige Gewusel der langsam umhergehenden Personen rückwärts laufen. Die Frau, die ich an der Schulter berührt habe, dreht sich wieder zurück in ihre Ausgangsposition. Ich frage mich, was meine 'Steigerungen' sind, von denen Special Agent Rhodes gesprochen hat und probiere einfach ein wenig herum. Als ich herausfinde, dass ich gezielte Personen von der Wirkung der Fähigkeit ausnehmen kann, lasse ich die angetippte Person aus der rückwärts laufenden Zeit frei und spreche sie versuchsweise an. Irritiert blickt sie sich um und scheint sogar festzustellen, dass etwas mit ihrer Umgebung nicht stimmt.

"Diese Hologramme reagieren wie echte Menschen und werden durch eine komplexe künstliche Intelligenz gesteuert, die dem menschlichen Gehirn recht nahe kommen!", ruft Rhodes und beendet die Simulation. Mit einem kurzen Flackern verschwinden die Projektionen und ich zu den anderen zurück. "Sehr beeindruckend!", lobt er mich, "Und jetzt Sie! Nehmen Sie die hier!". Der Ausbilder greift in die Tasche und nimmt eine Pistole heraus, die einen auffälligen blauen Aufsatz vormontiert hat. "Oh, wow! Eine Heckler & Koch USP Tactical! Spezialeinheiten-Ausführung", staunt dieser, nimmt die Pistole entgegen und fragt, was das für ein Spezialaufsatz sei. - "Das ist ein Schusssimulator, der die Auswürfe der Platzpatronen abfängt und ein Lasersignal auf die Projektionen wirft, um Treffer zu simulieren. Gehen Sie in Kampfstellung und reagieren Sie schnell. Simulation beginnt in drei... zwei... eins...", sagt Rhodes und drückt auf eine Taste am Computer.

Sofort erscheint eine neue Projektion, die ein realistisch aussehendes Schlachtfeld in einer zerbombten Stadt darstellt. Mit ihr erscheinen einige Soldaten, die sofort das Feuer auf Alex eröffnen. Bevor die ersten Kugeln ihn erreichen, verlangsamt Alex die Zeit fast bis zum Stillstand und macht in normaler Geschwindigkeit einen Hechtsprung zu einer hüfthohen Mauer, hinter der er in Deckung geht. Die Kugeln schlagen in die Mauer vor ihm ein und lassen Staub und geborstenen Beton durch die Luft fliegen. Als die meisten Gegner sich an das Nachladen machen, springt Alex über die Wand, schießt währenddessen drei Gegnern direkt in den Kopf und weicht gekonnt weiteren Kugeln aus. Irgendwie scheint es mir, als würden Alex' Kugeln in normaler Geschwindigkeit fliegen, während sich die Projektile der Gegner lediglich in Zeitlupe ihren Weg durch die Luft bahnen. Sekunden später hat Alex das komplette feindliche Lager geräumt und ruft: "Gesichert!".

Ich habe ihn noch nie während 'der Arbeit' gesehen und bin verblüfft über die konzentrierten, präzisen und doch geschmeidigen Bewegungen, mit denen er die Gegner ausgeschaltet hat. Fast applaudiere ich, verzichte jedoch darauf, als ich mich an die Anwesenheit unseres ernsten Ausbilders erinnere. "Beeindruckend! Sehr beeindruckend! Und das war nur Stufe 3 Ihrer 'Skills'. Es gibt insgesamt 5 Stufen, die von Fähigkeit zu Fähigkeit unterschiedlich sind. Wenn Sie jetzt auf Ihre Uhren sehen, werden Sie erkennen, dass diese den Countdown auf Level 0 zurückgesetzt haben und von etwa fünf Minuten rückwärts zählen. Der Cooldown variiert ebenso wie die Skills von Mensch zu Mensch und ist unter anderem von der Tagesform und Ihrer geistigen Verfassung abhängig. Doch morgen mehr! Ich zeige Ihnen nun Ihre Quartiere für die nächsten Wochen", erklärt Rhodes und nimmt Alex' Pistole entgegen.

Wow! Was wohl als nächstes im Training drankommt?, denke ich begeistert und freue mich schon auf eine spannende Zeit hier in der 'Abteilung'.

Comments

  • Author Portrait

    ACHTUNG, SPOILER. Und es geht spannend weiter! Die Charakterisierung wird weiter gezeichnet: ich erkenne langsam "den einsamen Soldaten" in Alex und das eher zurückhaltende, aber zähe Heimkind in Clara. Allerdings ist es schon sehr beeindruckend, dass der Regierungsbeamte Alex' Aussage sofort glauben schenkt und direkt ein zweites Formular zum unterschreiben bereit hat. Und ist es wirklich die einzige Anforderung an die Zeitagenten eben diese besonderen Fähigkeiten zu haben und verschwiegen/Scheintod zu sein? Der Trainer scheint mir bisher etwas abgedroschen, aber wenn ich von dieser Geschichte etwas gelernt habe, dann dass ich mich mit meinem Urteil lieber zurück halte bis ich alles gelesen habe! Ansonsten würde ich mich wirklich nur wiederholen: Wieder einmal toll geschrieben, spannende Handlung. :)

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