Aller Abschied ist schwer

"Ich…ich weigere mich das zu glauben", flüsterte Krul. Vor ihrem Thron stand Omnix, der ihr gerade gesagt hatte, dass er diese Welt verlassen würde. "Das solltest du aber", meinte der Reinkarnitor und das Vampirmädchen schüttelte ungläubig den Kopf. Sie konnte es nicht glauben. Sie wollte es nicht. "Warum?", presste sie hervor. Omnix betrachtete sie nachdenklich, bevor er ihr seine Antwort gab. "Ich habe meine Pflicht getan. Diese Welt braucht mich jetzt nicht mehr." Das genügte, um Krul aus der Fassung zu bringen. "Aber ich brauche dich! Seit ich ein Vampir geworden bin warst du an meiner Seite! Willst du mir wirklich erzählen, dass du jetzt einfach gehen willst?" Tränen stiegen ihr in die Augen. "Krul…", begann Mika, der bis jetzt still neben ihr gestanden war. "Nein!", unterbrach sie ihn laut und der junge Vampir zuckte zusammen. Auch Yuu, der hinter Omnix stand, ging sicherheitshalber ein paar Schritte zurück. "Du kannst das nicht ernst meinen!", rief sie sauer. "Doch", antwortete Omnix ihr ruhig und sie begann zu weinen. "Nein! Du…du kannst nicht gehen! Ich werde es nicht erlauben!" Omnix seufzte. "Ich bitte nicht um Erlaubnis Krul." "Dann fordere ich dich heraus! Wenn ich gewinne, dann bleibst du hier!" Der lebende Nachthimmel schüttelte den Kopf. "Ich lehne die Herausforderung ab", flüsterte er. Krul stand weinend auf. "Du bist ein Monster!", rief sie wütend, aber auch unfassbar traurig. Sie lief zu ihm und begann, gegen ihn zu schlagen, doch ihre Kraft, die normalerweise ausreichte, um ein Hochhaus zum Einstürzen zu bringen, bewirkte bei Omnix nichts. "Ich hasse dich! Ich hasse dich!", rief sie schluchzend. Omnix nahm ihre Hände in seine und hielt sie so davon ab, weiter zuzuschlagen. Krul wollte seinem Griff entkommen, doch der Reinkarnitor umarmte sie. "Lass mich los!", rief sie sauer. "Krul, es ist okay. Es ist okay", flüsterte er und sie beruhigte sich langsam, bis sie sich schließlich an seiner Schulter ausweinte. "Warum musst du mir immer das Herz brechen", flüsterte sie traurig. Omnix sagte nichts mehr. Er wusste, dass jede Antwort, die er ihr jetzt geben könnte, die ganze Situation nur noch schlimmer machen würde. Er hatte gewusst, dass sie so reagieren würde. Langsam leuchtete er auf, als er seine menschliche Gestalt annahm. Yuu und Mika sahen kurz überrascht auf ihren Freund, da sie ihn noch nie in dieser Form gesehen hatten, beruhigten sich jedoch gleich darauf wieder, als sie an Kruls Blick erkannten, dass das normal war. "Du sagst, du hast deine Pflicht erfüllt", flüsterte Krul, als sie zumindest etwas beruhigt hatte. "Dann könntest du doch jetzt in Frieden hier leben." "Ich werde niemals in Frieden leben können", antwortete er ihr. "Wenn ich jetzt hierbleibe, dann würde ich erst gehen können, wenn du stirbst." Sie sah ihn mit ihren verweinten Augen fragend an. "Ich könnte es nicht ertragen. Du hast jetzt Mika. Du brauchst mich nicht mehr. Ich versprach dir, deinen Bruder zu finden, doch das war das letzte, was ich in dieser Welt getan habe. Es ist vorbei." Krul schniefte. "Also war ich es, die dich hier festhielt", stellte sie überrascht fest und ihr Gegenüber nickte. "Vor zweitausend Jahren wollte ich schon gehen, doch dann fand ich dich und machte es zu meinem Ziel, dich glücklich zu machen. Im Laufe der Zeit erfuhr ich dann, dass die große Katastrophe bevorstand und so machte ich es zu meinem zweiten Ziel, die Erde danach wieder an einen Startpunkt zu bringen. Der Startpunkt ist erreicht und du weißt jetzt, wie du deinen Bruder zurückholen kannst." Krul senkte traurig den Kopf. Sie konnte ihn verstehen. Ohne ein Ziel oder einen Partner musste die Ewigkeit…unerträglich sein. Darum wechselte er also so oft die Dimension. Er wurde nicht getötet, er hatte sein Ziel lediglich erreicht. "Ich kann ihn verstehen", meinte Yuu da plötzlich und alle Köpfe drehten sich zu ihm. "Wenn ein Mensch zum Beispiel seine Schule abschließt, hat er sein Ziel erreicht. Der Rest seines Lebens ist nur mehr…naja…sich ständig widerholender Alltag. Und du Omnix…du hättest diesen Alltag für immer. Das will ich mir nicht einmal vorstellen." John nickte. "Wohin wirst du gehen?", fragte Krul ihn schließlich. "Zur nächsten Welt", antwortete er ihr. "Aber dann müsstest du…" "Sterben", bestätigte John. "Ich sagte, dass ich nicht um Erlaubnis bitten würde, aber ich würde trotzdem lieber als dein Freund gehen. Wirst du mich also gehen lassen?", fragte er sie. Krul wischte sich die Tränen aus ihrem Gesicht. "Ich…ich kann nicht gerade sagen, dass ich fröhlich bin…aber ich verstehe dich. Ich lasse dich gehen", antwortete sie leise. John nickte dankbar und nahm wieder seine leuchtende Form an. Dann streckte er ihr seine Hand entgegen. "Würden meine Freunde mit mir einen letzten Spaziergang machen?" Krul sah auf Yuu, der sie angrinste und dann auf Mika, der ihr lächelnd zunickte. So ergriff sie seine Hand und bejahte.
Die vier Freunde standen auf einem der vielen Hochhäuser, der Ruinenstadt, die sich über Sanguinem befand. "Lebt wohl", meinte Omnix. "Yuu, du hast dein Sichtfeld erweitert. Vielleicht wirst du eines Tages ein Vorbild für andere Menschen." Der schwarzhaarige Junge nickte und bemühte sich, nicht zu weinen. "Mika, du hast das das beste von beiden Welten gefunden. Du magst zwar nicht mehr derselbe sein, aber du bist immer noch du selbst. Ich freue mich, dass du das erkannt hast." Mika lächelte schwach. "Krul, du hast alles erreicht, was du wolltest. Du bist so sehr gewachsen, seit wir uns zum ersten Mal trafen. Geistig gewachsen. Du wirst als Königin noch eine wichtige Rolle spielen, sowohl für die Vampire, als auch für die Menschen." Krul seufzte, wobei sie sich bemühte, ihr Lächeln beizubehalten. "Omnix", flüsterte sie. "Du warst uns allen ein guter Freund und Wegbegleiter. Und jetzt…jetzt musst du weiterziehen, so wie du es immer getan hast. Ich…ich hätte wissen müssen, dass es eines Tages so kommt. Leb wohl." Omnix neigte vor den dreien den Kopf und sie taten es ihm gleich. "Wer weiß, vielleicht gibt es eine Welt, wo man nach dem Tod hinkommt. Vielleicht werden wir uns eines Tages dort wiedersehen", meinte der Reinkarnitor, dann begann er langsam in den Himmel aufzusteigen.
Die Sterne kamen immer näher und näher. Omnix verließ die Atmosphäre und blieb schließlich im All stehen, so dass er die Erde noch sehen konnte. Es war mal wieder so weit. Er hätte nicht länger bleiben können. Er hätte nicht gewusst, was er tun hätte sollen, wenn er geblieben wäre. Nein, wenn er jetzt bleiben würde, dann würde er nur mehr schaden. Sowohl Krul, als auch sich selbst. Es war unfassbares Glück, dass er seine Ziele alle so gut erreichen konnte, wenn er sich jetzt neue setzen würde, dann würde sicher etwas schiefgehen. Er blickte auf den blauen Ball, der vor ihm im Sternenmeer schwebte. Manche würden es vielleicht Langeweile nennen, was er fürchtete zu bekommen, wenn er bleiben würde. Vielleicht war es das auch. Sein Auge leuchtete auf, als er mit dem Gedanken abgefunden hatte, seine Freunde wahrscheinlich nie wieder zu sehen. Dann leuchtete sein ganzer Körper auf, als er all seine Energie aufstaute. So war er schon unzähligen Welten entkommen und so würde er es auch diesmal tun. Es war einfach der zuverlässigste Weg und hier draußen im All würde er auch keinen Schaden anrichten.
Krul, Mika und Yuu standen auf dem Hochhaus und blickten in die Sterne, obwohl sie ihren Freund schon lange nicht mehr sehen konnten. Doch ihre Geduld wurde belohnt. Plötzlich flammte am Nachthimmel ein gleißend helles Licht auf, welches den Himmel und die Landschaft wie ein Feuerwerk in die buntesten Farben tauchte. Einige Minuten tanzten die verschiedenen Muster noch am Firmament, dann wurde es wieder dunkel. "Er ist weg", flüsterte Krul und die beiden Jungen nickten. "Ich kann es nicht ganz glauben", meinte Yuu und die Vampirkönigin stimmte ihm zu. "Vielleicht können wir es kaum glauben, weil er nie wirklich weg sein wird", schlug Mika plötzlich vor und die beiden anderen sahen ihn fragend an. "Egal wo er auch ist, er wird sich immer an uns erinnern. Und wir werden uns immer an ihn erinnern." Sein Bruder und Krul stimmten zu. "Wir sind eine Familie. Und egal wo er auch ist, er wird immer Teil dieser Familie sein", meinte Yuu. "Für alle Ewigkeit", flüsterte Krul. Die drei umarmten sich. Und wenn sie in andere Welten sehen hätten können, so hätten sie John gesehen, der in einem fremden Bett aufwachte und lächelte, als er sich an die letzten Worte seiner Freunde erinnerte, die er über die unzähligen Kilometer trotzdem noch gehört hatte, bevor sein letztes Atom verpufft war. "Für immer", stimmte er zu, dann stand er auf, um seine neue Welt zu erkunden.

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