Alpträume

Die Tage vergingen, und kein Windhauch regte sich, noch lichtete sich der Nebel. Die Stimmung auf der Galeere sank bis zum Gefrierpunkt und die Seeleute saßen trübsinnig im Bauch des Schiffes und starrten ins Leere. In der Abenddämmerung standen sie alle auf dem Deck und beobachteten gebannt den Himmel. Hofften, dass der Glanz der Sterne ihnen bald den Ausweg zeigen würde. Doch nichts regte sich. Das Wasser lag wie ein Spiegel aus stumpf gewordenem Silber da und der klammfeuchte Nebel trübte die Sicht und die Gemüter.
Alvaró hatte tiefe Augenringe, so als hätte er seit dem Sturm vor einer Woche keine Minute mehr geschlafen. Gunnar konnte Schweißperlen auf seiner Stirn sehen und er wirkte nervös und angespannt.
"Wie ist die Stimmung auf dem Schiff?" Alvaró wirkte abwesend als er diese Frage stellte und seine tiefe, sonst so beruhigende Stimme war rau und belegt.
"Die Männer sind...angespannt. Das Warten zehrt an ihren Nerven" antwortete Gunnar vorsichtig. Alvaró nickte, dann schwieg er eine Weile.
"Ich muss dir etwas zeigen und ich will wissen, was du davon hältst." brachte er schließlich hervor. Gunnar nickte und Alvaró zog ein kleines schwarzes Kästchen unter dem Tisch hervor.
"Das hier hat mir jemand in der Stadt... geschenkt. Ich kann nichts damit anfangen, deshalb habe ich es über Bord geworfen. Aber nach dem Sturm war es wieder da."
"Was ist da drin?" Wollte Gunnar wissen.
"Ich weiß es nicht," flüsterte Alvaró, "aber es macht mir Angst. Ich beginne bereits an meinem Verstand zu zweifeln."
Gunnar betrachtete das Kästchen genauer.
"Einen seltsamen Verschluss hat es." Stellte er fest.
"Fass ihn lieber nicht an. Ich habe mich daran gestochen, als ich versucht habe die Kiste zu öffnen."
Gunnar nahm den Finger, den er ausgestreckt hatte um die Kiste zu berühren, wieder zurück. Dann betrachtete er Alvaró. Er schien wirklich am Ende zu sein. Egal was es mit dem Kästchen auf sich hatte, es machte ihm schwer zu schaffen. Gunnar wusste nicht was er sagen sollte, also schwieg er.

Alvaró entließ Gunnar mit einer knappen Handbewegung. Er wusste nicht warum, aber er hatte die völlig irrationale Hoffnung gehabt, der ehemalige Soldat könne etwas über das Kästchen erzählen. Umso enttäuschter war er, ihn nun schweigen zu hören.
Alvaró war müde, so unendlich müde. Seit Tagen hatte er nicht mehr geschlafen, denn nach dem Unwetter hatten ihn Alpträume zu plagen begonnen. Jedes Mal wenn er die Augen schloss, sah er wie das Schiff im Sturm von geisterhaften Gestalten auseinander gerissen wurde. Und jedes Mal endete der Traum mit ihm, wie er in die eiskalten Fluten stürzte.
Nach jedem dieser Träume war Alvaró mit rasendem Herzen und dem Gefühl zu erfrieren erwacht. Und bald hatte er begonnen sich vor dem Einschlafen zu fürchten.
Jetzt war er schon seit beinahe fünf Tagen wach und starrte auf die Wand seiner Kajüte. Er kam beinahe um vor Müdigkeit und Langeweile. Um sich zu beschäftigen hatte er begonnen einige der Geschichten aufzuschreiben, die er über die Jahre erlebt hatte. So wie sie sich wirklich zugetragen hatten, nicht so wie er sie den Leuten erzählte.
Alvaró setzte sich an seinen Tisch, spitzte den Federkiel an und tauchte ihn in das Tintenfässchen. Die Feder begann über das Pergament zu huschen und bald verfiel Alvaró in ihrem Rhythmus in einen schläfrigen Trance.

Der Sturm tobte erneut über das Meer und brachte das Schiff zum wanken. Doch dieses Mal war etwas anders. Alvaró war sich bewusst das er träumte, doch er konnte nicht aufwachen. Höhnisches Gelächter hallte über die See und die Schemen, die über die Wellen tanzten, leuchteten in einem unheilvollen Blau. Als Alvaró, wie jedes Mal in seinem Traum, über die Reling geschleudert wurde erwachte er nicht, sondern wurde von den eisigen Fluten umschlossen. Es fühlte sich an, als würde sein ganzer Körper von tausenden Nadeln durchstoßen. Er konnte keine Schwimmbewegungen machen und sank tiefer ins Meer. Tiefer, immer tiefer hinunter. Seine Lungen begannen zu brennen und ihm wurde langsam schwarz vor Augen.
Er verlor die Kontrolle über seinen Körper und schnappte reflexartig nach  Luft. Seine Lungen füllten sich mit Wasser und Schmerz breitete sich in seinem Brustkorb aus und er spürte wie er ohnmächtig wurde, während sein Gehirn nach Luft schrie.
"Komm zu mir..."
Alvarós Geist begann sich zu klären, der Schmerz in seiner Brust milderte sich.
"Komm..."
Eine leise, körperlose Stimme war in seinem Kopf zu hören.
"Tiefer, tiefer hinab..."
Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und sie klang heiser.
"Zum Grund, schnell jetzt!"
Das Flüstern wurde hektischer, während Alvarós Sinne zu ihm zurückkehrten. Er öffnete die Augen und sah vor sich den Grund des Meeres. Dort lag das kleine schwarze Kästchen, halb im Schlick begraben, und es war geöffnet. Darin lag ein pochendes Herz, in einem ungesunden blau-grau, als sei es erfroren und hätte lange Zeit unter Wasser gelegen ohne zu verotten.
"Schaue heute Nacht, zur Dämonenstunde, in den Himmel. Ich werde dir den Weg weisen und du wirst mich nachhause bringen."
Die Stimme war lauter geworden, intensiver, als Alvaró das Herz in der Kiste betrachtete.
"Was bist du?", verlangte er zu wissen. In seinem Kopf ertönte ein rasselndes, hohes Lachen.
"Ich bin ein Herz ohne Körper, ein Teil eines Ganzen. Ich bin dein Meister, obgleich ich in Ketten liege. Dein Blut gehört mir."
Das Herz begann schneller zu pochen, wie in freudiger Erregung. Gleichzeitig begann Alvarós  Brust erneut zu schmerzen, mit solcher Intensität, dass er glaubte sein Brustkorb müsse bersten.

Alvaró schreckte ruckartig von seinem Tisch auf und erbrach einen Schwall Salzwasser über seine Schriften. Erschöpft fiel er vom Stuhl und kugelte sich auf dem Boden zusammen wo er von heftigen Magenkrämpfen und Würgreiz gepeinigt wurde. Er erbrach sich erneut, doch dieses Mal war es kein Meerwasser, sondern bittere Galle die aus seinem Magen kam. Seine Glieder waren kalt, taub und er fühlte sich schwach und beinahe unfähig sich zu bewegen. Schutzlos.
Mit enormer Kraftanstrengung gelang es ihm jedoch sich kriechend bis zu seinem Nachtlager zu bewegen, wo er sich in die Felle einwickelte und beinahe sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

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