Am Abgrund

MAX

*********************************************************************

Warme Hände berührten mich und die Kälte, die ich in mir spürte, wurde immer geringer. Er war da. So, wie er es mir versprochen hatte. Seine Arme hielten mich fest und ich fühlte mich geborgen. Tief atmete ich ein. Er roch so unglaublich gut. Ich wusste, solange wir nur zusammen waren, würde alles gut werden. „Maximilian." Mit tiefer Stimme flüsterte er immer wieder meinen Namen, wie ein Mantra. Er fasste mich am Kinn und zwang mich ihn an zu sehen. Ich schloss meine Augen. Es war einfach zu viel, was ich in diesem Moment spürte. Mein Herz flatterte, als er quälend langsam seine Lippen auf meine legte. Tom. Ich flüsterte seinen Namen mit einer Leidenschaft, die mich selbst überraschte.

Doch plötzlich änderte sich seine sanfte Art, wurde forscher, drängender. Gierige Hände glitten unter mein Shirt und ich öffnete angsterfüllt meine Augen. Es war nicht mehr Tom, der mich berührte, sondern Andi. Mit anzüglichem Grinsen fing er an meinen Hals zu küssen und flüsterte in mein Ohr. Ich hab dir doch gesagt, dass ich mich gern zur Verfügung stelle.

*********************************************************************

„Nein!" Mit wildem Herzschlag erwachte ich. Mein ganzer Körper zitterte heftig als ich realisierte, dass das nur ein verflucht realistischer und kranker Traum war. Mir war schlecht und mein Kopf dröhnte. Wo war ich? Übelkeit stieg in mir hoch und Schwindel erfasste mich.

Nachdem ich einige Minuten mit geschlossenen Augen da lag und mein Kreislauf sich stabilisiert hatte, öffnete ich erneut die Augen. Ich sah mich um. Das war definitiv nicht mein Zimmer, doch es kam mir bekannt vor. Moment. War das nicht Andis Zimmer? Ja, ich war schon mal hier, wo er mir meine Haare geschnitten hatte. Ich fluchte, als ich merkte, wie langsam mein Hirn arbeitete. Was war denn nur geschehen? Wie kam ich hier her? Und warum hatte ich verdammt noch mal nichts weiter an als meine Boxershorts???? Panik stieg in mir auf. Andis Zimmer... ein Bild flammte in meinem Gedächtnis auf. Ich war an die Wand gelehnt und Andi war mir sehr nah. Er wollte mich küssen. Mein Herz rutschte in die Hose und mir wurde wieder schlecht. Nein, das konnte nicht sein. Andis Zimmer... Ich in Boxershorts... Nein, nein, nein. Das konnte nicht sein. Never ever. Niemals. Nein.

Langsam setzte ich mich auf und kurz wurde mir schwarz vor Augen. Meine Zunge war pelzig und trocken. Das Schlucken fiel mir schwer. Mein Rücken schmerzte. Gott...was hatte ich gemacht? Tränen schossen mir in die Augen, ohne, dass ich es steuern konnte. Bitte nicht. Ich atmete tief durch, versuchte weitere Bilder in mein Gedächtnis zu rufen - die Puzzleteile zusammen zu fügen. War ich mit Andi mitgegangen? Verflucht. Ich erinnerte mich daran, dass er mir immer wieder Getränke angeboten hatte und ich Vollidiot hatte sie getrunken. Moment...das Konzert... Tom. Er hatte Klavier gespielt und gesungen. Warte, warte, warte. Tom...irgendwas war doch da.

Klappernde Geräusche holten mich ins Hier und Jetzt zurück. Jemand war also noch hier. Vorsichtig stand ich auf. Tausende Nadeln explodierten in meinem Kopf und ich stöhnte auf. Nie wieder Alkohol! Mehr schlecht als Recht schwankte ich aus dem Zimmer. Den Geräuschen folgend ging ich einen kleinen Flur entlang und sah, dass eine Tür offen stand. Sang da jemand? Ja. Definitiv. Und ich kannte die Stimme. Tom! Ich versuchte meine Schritte zu beschleunigen, schaffte es aber nicht. Nach gefühlten Stunden, hatte ich die Tür erreicht und öffnete sie leise. Ich hielt mich am Türrahmen fest, um nicht umzukippen. Himmel war mir schwindlig.

Tom steckte gerade seinen Kopf in den Kühlschrank und schien etwas zu suchen. Er summte nun vor sich hin und augenblicklich beruhigte ich mich etwas. „Guten Morgen", krächzte ich. Er schreckte hoch und stieß sich den Kopf. Fluchend und seinen Schädel reibend sah er zu mir. Warum musterte er mich so? Ich sah an mir runter. Shit. Ich trug ja immer noch nur die Boxershorts. Röte stieg mir ins Gesicht. „Guten Morgen." Er versuchte zu lächeln, doch in seinen Augen schimmerte etwas, dass wie Schmerz aussah. „Alles okay?" Ohne eine Antwort ging er zum Tisch und holte ein Glas und noch etwas anderes. „Hier. Trink das." Tom reichte mir ein Glas mit roter Flüssigkeit und zwei Tabletten. Skeptisch sah ich ihn an. „Das hilft. Trink!" Ich tat wie mir geheißen und schluckte die Tabletten mit dem widerlichen Zeug runter. Sofort würgte ich. Tom lachte und holte sich vom Tisch eine Scheibe Toast. Mit gehässigem Lächeln zeigte er sie mir. „Mal beißen?" Allein bei der Vorstellung etwas Festes in meinem Magen zu bekommen wurde mir schlecht. Ich merkte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich und Magensäure versuchte retrograd zu entkommen. Langsam schüttelte ich den Kopf und er lachte auf. „Arsch...", flüsterte ich und er funkelte mich an. War er sauer auf mich?

Tom zeigte auf die Stühle am Tisch und ich folgte seiner unausgesprochenen Aufforderung. Mit schweren Gliedern ließ ich mich fallen und seufzte. Er musterte mich, während ich starr auf mein Getränk schaute. Normalerweise hatte ich kein Problem mit ihm zu Schweigen. Ehrlich gesagt war er der Einzige, mit dem ich das konnte, aber diesmal hielt ich es kaum aus. „Darf ich dich was fragen?"

„Was willst du wissen?"

Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. „Was ist gestern passiert? Wie bin ich hier her gekommen? Hab ich...irgendwas Blödes gemacht?" Tom kaute auf seiner Unterlippe. Je länger er schwieg, desto nervöser wurde ich - und dass er mich mit intensivem Blick betrachtete, machte es nicht besser. „Woran kannst du dich noch erinnern?" Nun kaute ich an der Unterlippe. Nach ein paar Sekunden versuchte ich den Tag zusammen zu setzten. „Wir waren auf dem Konzert." Tom hob die Augenbrauen. „Ist das das Erste, woran du dich erinnerst?" Ich schüttelte den Kopf, was ein Fehler war, weil mein Kopf zu bersten drohte. Die Tabletten schienen noch nicht zu wirken. „Nein, aber das ist der klarste Moment. Jedenfalls waren wir danach auf der Party. Andi füllte mich ab..." Bei dem Gedanken an den vielen Alkohol wurde mir wieder übel. Ich holte tief Luft. „Ich weiß nicht. Es ist alles so verschwommen. Ich weiß, dass wir uns auf einen Balkon unterhalten haben und er...er...immer näher kam...Tom! Hab ich ihn geküsst? Hab ich was mit ihm gehabt?" Tom schluckte heftig und wich meinem Blick aus. „Was wäre, wenn ich dir ja sagen würde?" Meine Gesichtszüge entglitten mir und ich verbarg mein Gesicht in meinen Händen. Das konnte nicht sein. Ich würde nie was mit Andi anfangen. Nein. Nein. Das konnte nicht sein. „Da war nichts." Mit großen Augen sah ich ihn an. „Nein?"

„Nein."

„Wirklich nicht?"

„Wirklich nicht." Erleichtert atmete ich aus.

„Mit ihm nicht." WHAT? Mein Mund klappte nach unten. Toms blick verriet keine Emotion und mein Herzschlag beschleunigte sich. Nicht mit Andi...sondern mit...

„Du? Ich? Ich meine...Haben wir?" Ich zwinkerte mehrmals und wusste nicht recht, was ich fühlen sollte. Auf der einen Seite war ich erleichtert, dass es nicht Andi war. Sehr erleichtert sogar. Lieber Tom als Andi. Moment. Was? Was dachte ich denn da? Lieber Tom als Andi? Ich musterte sein Gesicht. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst. Plötzlich flammte wieder ein Bild vor mir auf. Seine Arme, die mich hielten. Ich, der meine Arme um seinen Hals geschlagen hatte. Regen, der auf uns hinab rieselte. Der Traum fiel mir wieder ein. Hatte ich deshalb von ihm geträumt? Weil wir...weil ich mit ihm...?! Hitze stieg in mir auf und ich konnte meinen Blick nicht von ihm lassen. Langsam glitt mein Blick seinen Körper hinab. Er trug nur seine Jeans, sein Oberkörper war frei. Ich schluckte. Hatte ich seinen Körper berührt? Meine Augen blieben an seinen Händen hängen, die locker auf seinen Oberschenkeln lagen. Die Hände, die in meinem Traum unter mein Shirt gewandert waren. Mein Kopf pulsierte. Tom und ich? Konnte das sein? Ich horchte in mich. Doch mein Innerstes schwieg, blieb gefasst. War das das Zeichen, dass es stimmte?

Plötzlich lachte Tom auf und ich starrte ihn völlig aus dem Konzept gebracht an. „Du müsstest dein Gesicht sehen!" Was? Er lachte weiter und atmete tief durch, um sich wieder zu beruhigen. „Keine Sorge. Wir hatten nichts miteinander." Mein Herz setzte kurz aus. Nichts? „Ich hab dich vor Andi gerettet und dich hierher gebracht. Du solltest echt lernen deine Grenzen zu kennen." Mit offenem Mund starrte ich ihn an. „Du Blödmann!" Ich schlug ihn hart gegen seinen Oberarm, doch er grinste nur weiter. Ein schmerzhafter Stich zog durch meinen Rücken. „Warum tut mein Rücken weh?"

„Du bist in der Dusche ausgerutscht." Okay. Das könnte eine Erklärung sein. Ich starrte Tom an, welcher nun schwer beschäftigt mit seinem Frühstück schien. Wir hatten nichts miteinander...Warum war ich dann nicht so erleichtert, wie ich es sein sollte?

Als Tom und ich sonntags wieder mit dem Zug nach Hause fuhren, hatte ich das Gefühl, dass irgendwas zwischen uns stand. Eine unsichtbare Mauer, die uns von dem trennte, wie es vorher war. Ich traute mich aber nicht ihn darauf anzusprechen, weil ich dann hätte zugeben müssen, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, dass doch was zwischen uns gelaufen war... Doch woher nahm ich nur diese fixe Idee? Tom hatte gesagt da war nichts. Punkt. Thema erledigt.

In der Schule erwischte ich mich, wie ich ihn lange und in Gedanken versunken betrachtete. Wenn er es bemerkt haben sollte, zeigte er es nicht. Sein Blick war zur Tafel gerichtet, während unsere Deutschlehrerin irgendwas erzählte. Vielleicht hatten wir doch was miteinander gehabt und er wollte nur Rücksicht auf mich nehmen und sagte es deshalb nicht. Man. Maximilian! Komm doch mal runter. Was redest du dir denn da ein? Du stehst auf Mädels. Sei doch froh, dass da nichts lief. Innerlich nickte ich, doch mein Gehirn ratterte unkontrolliert weiter. Naja...wenn ich was mit ihm hatte, dann hätte ich es schlimmer treffen können. Tom sah schon nicht schlecht aus. Also rein hypothetisch und aus Sicht eines Mädchens natürlich. Sein Körper war trainiert, wovon ich mich immer beim Fußball überzeugen konnte. Seine Hände...HALT! STOPP! Ich schüttelte meine Gedanken ab. Warum machte ich mir Gedanken um Tom, wo ich doch auf Marie stand? Nur mühsam konnte ich meinen Blick von Tom wenden. Ich würde mir hier gleich selbst eine rein hauen, wenn das so weiter ging.

Marie saß zwei Reihen vor mir. Sie spielte mit einer Haarsträhne und flüsterte ihrer Banknachbarin etwas zu, welche anfing zu kichern. Ich hatte gemerkt, dass mich die Mädchen aus unserer Klasse anders ansahen. Was ein neuer Haarschnitt alles ausmachte. Doch als ich Marie traf und sie grüßte, behandelte sie mich wie vorher auch. Kein Kompliment, kein Kommentar. Irgendwie hatte ich gehofft, dass sie wie Tom reagieren würde...

Die nächsten 3 Wochen vergingen wie immer. Entweder war Tom bei mir oder ich bei ihm. Mittlerweile benahm er sich wieder normal und wir konnten wie immer rumblödeln oder einfach chillen.

„Kann ich heute zu dir kommen? Mein Vater hat heute frei und ich hab kein Bock auf Drama."

„Klar. Komm vorbei. Ich muss aber noch ein bisschen am Klavier üben. Du kannst ja solange ein bisschen das Buch lesen. Vielleicht schaffst du es diesmal allein und ich muss dir nicht alles für den Test vorkauen." Ich steckte ihm die Zunge raus und er legte lachend seinen Arm um meine Schulter. „Hey Jungs." Überrascht drehten wir uns zu der Stimme hinter uns um. Marie stand uns nun lächelnd gegenüber. Wir lächelten beide zurück. Sie sah heute wieder besonders süß aus mit ihrem Rock und der Bluse. Sie drehte an ihren Haaren, während sie uns kurz musterte. „Ich schmeiß in einer Woche eine Party zu meinem Geburtstag. Meine Eltern sind ausgeflogen. Es kommen noch ein paar andere. Ich würde mich freuen, wenn ihr auch dabei seid." Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, hatte Tom schon zugesagt und zwinkerte mir zu. Das war meine Chance!

Ich lag auf dem Bauch und blätterte in der Geschichte, die wir für den Deutschunterricht lesen mussten. Nach drei Seiten gähnte ich. Lesen war für mich das beste Einschlafmittel überhaupt. Vielleicht nur mal kurz dösen? Kurz schloss ich meine Augen, als ich Tom singen hörte. Sofort war ich wieder putzmunter. Eine fette Gänsehaut lief mir vom Nacken bis zu den Hacken. Seine tiefe Stimme vibrierte regelrecht und schallte in mir wieder. Okay...ich war ein Fan. Hörte sich bestimmt doof, kindisch und wie ein Mädchen an...aber ernsthaft. Ein Fan-Boy. Halt. Das klang jetzt schräg.

Tom blickte zu mir und ein trauriges Lächeln zierte sein Gesicht. Fragend sah ich ihn an und er blinzelte den Kummer weg. „Fertig mit lesen?" Ich schüttelte den Kopf und seufzte. „Wie kannst du nur freiwillig lesen? Das ist sooooooo langweilig." Er hob die Augenbrauen. „Wenn du nicht immer nur drei Seiten lesen würdest, müsstest du auch nicht jeden Tag lesen, denn dann wärst du schon längst durch." Schnaubend sah ich zu ihm und rollte mit den Augen. „Du hörst dich an wie meine Mutter."

„Sie ist eine schlaue Frau." Ich steckte ihm die Zunge raus und er lachte. Mein Herz machte einen Sprung. Endlich lachte er wieder. Was auch immer ihn damals beschäftigt hat. Es schien vorbei zu sein.

Nachdem er drei verschiedene Stücke hoch und runter geübt hatte, jedoch leider nicht mehr sang, drillte ich ihn in Chemie - meine Rache für den Kommentar über meine Leseunlust. Nach 30 Minuten lag sein Kopf auf der Tischplatte und er hatte resigniert. „Ach komm schon Tom. So schwer ist es doch nicht."

„Ich hasse dich!"

Ich lachte auf. „Ach quatsch. Du liebst mich." Eigentlich hatte ich etwas Kontra erwartet, doch es kam nichts. Man...manchmal war er aber eine Püppi. Daher sprach ich einfach weiter.

„Was schenkst du Marie?" Toms Kopf ging nach oben, doch er sah mich nicht an. „Wahrscheinlich einen Gutschein für das Shopping-Center." Gute Idee. Warum hatte ich nicht solche Vorschläge? Ich hatte derweil gar keinen Plan. Vielleicht ein Buch? Nee...das war doof. Ein Sachengutschein? Zu unpersönlich. „Maaaaan. Ich hab noch gar keinen Plan. Ich will ihr etwas Besonderes schenken. Ihr Geburtstag ist meine Chance. Vielleicht stellt sie ja dann fest, dass sie doch was von mir will." Tom kaute wieder einmal auf der Unterlippe. Das machte er in letzter Zeit öfters. „Du magst sie immer noch?" Was war denn das für eine Frage. Natürlich. Ich nickte schnell. Er holte tief Luft, legte sein Kopf in den Nacken, schloss seine Augen und sagte: „Dann helfe ich dir."

Ich war so nervös - und wie nervös ich war. Tom legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter, während ich vor der Tür stand und zögerte zu klingeln. Laute Musik drang aus dem Haus und ich hörte schon die Leute lachen.

Drei Stunden hatte ich gebraucht um dieses Outfit zu finden und meine Haare so hinzubekommen, dass es mir selbst gefiel. Naja...eher war es Tom. Nachdem ich ihn völlig verzweifelt anrief, weil ich nichts Vernünftiges zum Anziehen fand (und da meinten die Frauen immer, dass sie das Problem hatten...) kam er vorbei und half mir bei den Vorbereitungen. Wenn ich ehrlich war, legte er mir einfach verschiedene Sachenkombination hin, die ich probieren musste. Mir hätte schon das erste Outfit gefallen, doch Tom war dagegen. Das Oberteil passte nicht zu jener Hose und die Schuhe bissen sich mit der Farbe von jenem Shirt. Nachdem ich mich das fünfte Mal umgezogen hatte, war er zufrieden. Meine Haare bekam er auch gut hin und ich fragte mich immer wieder, warum alle anderen sowas konnten und ich nicht. Während Tom aussah wie aus dem Ei gepellt, wie immer, hoffte ich nur, dass ich wenigstens fleckenfrei blieb, bis ich bei Marie war.

Und nun standen wir da. Ich hörte jemanden laut auflachen, der verdammt nach Daniel klang. Ich fasste mir ein Herz und klingelte. „Tief durchatmen", raunte mir Tom ins Ohr. Ich bekam Gänsehaut, ignorierte sie aber geflissentlich.

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, wurde schon die Tür geöffnet. Marie stand strahlend da und musterte uns erfreut. „Ihr seht toll aus. Da werde ich glatt neidisch." Wir gratulierten ihr zum Geburtstag, umarmten sie kurz und schon war sie wieder weg. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt...

Marie bekam ich immer nur ab und an zu Gesicht. Ich wollte mir eigentlich Mut antrinken, traute mich aber angesichts des letzten Absturzes nicht wirklich. Außerdem musterte mich Tom immer wieder, sobald ich etwas trank. Ich seufzte. „Hey ihr Turteltäubchen." Wir drehten uns zu der Stimme um. Daniel grinste uns an. Seine Augen waren leicht glasig. Er hatte anscheinend schon genug getrunken. Der Glückliche. Er drängte sich zwischen uns und legte jeweils einen Arm auf unsere Schulter. „Was ist denn mit euch los? Tom sieht aus als ob er ein geistiges Meditationsprogramm abspult um nicht los zu schreien und du schaust aus als würdest du einen Drink vertragen." Keiner von uns sagte etwas und er lachte. „Man. Ihr seid richtige Spaßkanonen. CUV oder was?" Er lachte über seinen eigenen Witz. „Apropos CUV. In 5 Minuten Treffpunkt bei Marie im Zimmer. Einfach Treppe hoch und links." Woher wusste er, wo ihr Zimmer war? Hieß das, dass er schon öfters hier gewesen war? Er klopfte uns freundschaftlich auf die Schulter und ging weiter. Ich blickte zu Tom, der ein bisschen verloren aussah und angespannt wirkte. „Alles okay Tom?" Er zuckte zusammen. Anscheinend war er in Gedanken gewesen. „Ja. Alles gut. Wollen wir mal schauen, was es oben gibt?" Bevor ich etwas antworten konnte, ging er schon los. Was war denn mit ihm? So schlimm war die Party gar nicht...

Oben angekommen klopften wir an die Tür. Marie öffnete mit geröteten Wangen die Tür und strahlte uns an. „Kommt rein, kommt rein. Je mehr desto lustiger." Erstaunt sah ich mich um. Ihr Zimmer hatte mehr rosa und pink als ich erwartet hatte. Hier ein Einhorn und dort ein Poster von irgendeiner Pop-Band. Sie kam gar nicht so püppihaft rüber. Durch mein geglotze merkte ich gar nicht, dass Tom stehen geblieben war und so lief ich voll in ihn rein. „Man, pass doch auf!" Warum fauchte er mich denn so an? Eigentlich wollte ich ihn böse anfunkeln, doch als mein Blick auf den Boden des Zimmers traf, verging es mir. Bestimmt zehn Leute saßen im Kreis und spielten -och nö- Flaschendrehen. Kurz überlegte ich wieder zu gehen, doch schon schob mich Tom zu den Anderen, die uns mit breitem Grinsen zuwinkten.

Wir gliederten uns in den Kreis mit ein. Als dann noch Daniel mit zwei Mädels kam, war anscheinend die Runde komplett und das Spiel begann...

Die ersten Runden waren noch sehr harmlos - sowohl die Pflichtaufgaben als auch die Fragen bei der Kategorie Wahrheit. Doch je länger wir drehten desto mutiger wurden alle. Diesmal traf es mich. „Wahrheit oder Pflicht?" Ich überlegte kurz. Zweimal hatte ich schon Pflicht genommen und kam glimpflich davon. Diesmal wählte ich Wahrheit. „Wie viele Mädchen hast du schon geküsst?" Kurz atmete ich ein. Es brachte ja eh nichts es raus zu zögern. „Eins. In der sechsten Klasse." Daniel verschluckte sich an seinem Getränk. „Ernsthaft? Mit oder ohne Zunge?" Ich schaute in die Runde und alle sahen mich an. „Mit? Maaaaan. Fußball interessierte mich halt mehr." Resigniert zuckte ich mit der Schulter. Was war denn daran so schlimm? Und so toll war der Kuss damals auch nicht.

Ich dachte an Cindy, die mich damals im Ferienlager einfach zu sich gezogen und geküsst hatte. Kurz schüttelte es mich, als die Erinnerung an ihren Kaugummi aufkam, den sie mir halb in den Hals gedrängt hatte.

Ohne weiter auf die Blicke der Anderen ein zu gehen, drehte ich wieder die Flasche und sie blieb auf Marie stehen. Sie errötete und blickte gebannt zur Flasche. „Wahrheit oder Pflicht?" Sofort sagte sie Wahrheit. „Hast du schon mal ein Mädchen geküsst?" Sie lief rot an und nickte. Daniel pfiff und grinste. Sie steckte ihm die Zunge raus. „Wer weiß, wo diese Zunge alles schon war", entgegnete Daniel süffisant. Alle lachten, besonders weil Maries Gesicht sich Purpur färbte. „Wir haben uns nur geküsst. Nichts weiter. Und auch beim Flaschendrehen."

So ging das Spiel immer weiter. Nach einer Stunde war die Luft mit Hormonen geschwängert und immer mehr Leute verließen den Raum - zu zweit oder dritt. Am Ende saßen nur noch Tom, Marie und ich da. „Da waren es nur noch drei", grinste sie. Ich sah die zwei an. Marie sah zu Boden und Tom seufzte zum gefühlten 800. Mal. Marie drehte die Flasche und sie blieb auf Tom stehen. Marie schluckte. „Wahrheit oder Tat?" Er überlegte kurz. „Tat." Marie grinste schelmisch. „Küss Max."

Küss. Max. Was? Küss Max?! Wie? Mich? Tom mich? Mein Gehirn rief ERROR und mein Herz tat es ihm gleich. Mein Magen machte einen Purzelbaum. Ich hatte ja mit vielem gerechnet. Aber damit nicht. „Aber..?" Ich sah zu Marie. „Ach komm. Hab dich nicht so Max. Du hast erst einmal ein Mädchen geküsst. Wenn noch ein anderes Mädchen hier gewesen wäre, hätte ich Tom die Wahl gegeben." Aber...Aber... „Und warum nicht du?" Sie blickte beschämt zur Seite. „Ich kann doch nicht sagen „Küss mich." Das geht doch nicht. So sind die Regeln nicht." Das war mir aber neu. Langsam sah ich zu Tom, der mich mit seinem Blick halb durchbohrte. Ich merkte, wie ich errötete. Er schloss die Augen, atmete tief durch, stand auf und reichte mir die Hand. „Na komm. Du hättest es schlimmer treffen können." Ich erhob mich und wir standen uns gegenüber. Er blickte noch einmal zu Marie. „Ich küsse Max, wenn wir danach dich küssen dürfen." What? Was? Wie? Warum? Weshalb? Gerade hatte ich einmal die Tatsache verstanden, dass ich gleich Tom küssen würde und dann bestand die Möglichkeit, dass es mit Marie weiter ging? Leute. Bitte. Ich bin auch nur ein Mensch.

Zu meiner Überraschung lächelte Marie und nickte. „Aber das bleibt hier alles unter uns! Kein Wort zu niemanden!" Tom und ich nickten synchron.

Marie sah uns an und gab uns das Zeichen, dass es losgehen sollte. Mein Herz, welches sich gerade ein bisschen beruhigt hatte, fing wieder an zu rasen. Meine Atmung beschleunigte sich. Gott....ich glaub ich kotz gleich. Warum war ich denn so nervös? Es war doch nur eine blöde Aufgabe, nichts beson... Meine Gedanken bekamen einen Cut, als Tom meine Hand nahm. Ich sah zu ihm und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Das war mir alles so peinlich. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte ihm nicht in die Augen sehen, so blickte ich zum Boden. Doch Tom fasste sanft an mein Kinn und schob es nach oben. Ich sah zur Seite. „Max. Sieh mich an." Seine Stimmte war nur ein Flüstern. „Maximilian. Bitte. Sieh mich an." Mit hochrotem Kopf drehte ich meine Augen zu ihm. Er lächelte mich an und automatisch musste ich mit lächeln. Oh mein Gott. Ich kam mir so dumm vor. Warum lächelte ich? Tom fasste mich an die Hüfte und zog mich nah an sich heran. Dann flüsterte er in mein Ohr. „Zeigen wir ihr, was sie gleich erwartet." Genau. Es ging hier um Marie. Nicht um mich. Er machte das nur, um sie nachher küssen zu können. Es ging nicht um mich. Es ging nicht um mich. Es ging ihm nicht um mich. „Nicht so viel denken." Seine Lippen berührten mein Ohr und ich bekam Gänsehaut. Sein Gesicht war mir so unglaublich nah und ich spürte seinen Atem auf meinen Lippen. Mein Herz setzte aus. Gleich war es soweit. Ich würde gleich einen Jungen küssen. Ich würde gleich Tom küssen. Tom. Ich küsste gleich Tom. Oh mein Gott. Ich würde gleich Tom küssen. Er nahm mein Gesicht in seine Hände. Sein Daumen streichelte sanft meine Wange und mein Herz schlug unregelmäßig. Dann, ganz langsam, kam sein Gesicht dem meinen immer näher. Ich schloss die Augen, weil mich die ganzen Eindrücke zu übermannen drohten. Und dann berührten seine Lippen meine. Ich hatte erwartet, dass sie rau sind - umso mehr war ich überrascht, dass sie weich und warm waren. Zuerst lagen unsere Lippen einfach aufeinander. Der innere Aufschrei, den ich erwartet hatte, blieb aus. Dann bewegten sich unsere Lippen in einem Takt, den nur sie zu kennen schienen. Es war atemberaubend, im wahrsten Sinne des Wortes, und ich holte tief Luft. Plötzlich spürte ich seine Zunge, die sanft gegen meine Lippe strich. Überrascht öffnete ich ein bisschen meinen Mund und er wartete. Er wollte, dass ich ihm die Erlaubnis gewährte und - ich weiß nicht warum - ich gewährte sie ihm. Toms Zunge berührte meine und ich kostete ihn. Ich schmeckte den Orangensaft und den Rest des Diesels, dass er vorher getrunken hatte. Und es war gut. Unsere Zungen umspielten sich und ich war wie berauscht. Mein Kopf war leer. Ich war nur noch Körper und Gefühl. Und man...er roch so gut. Ich wollte mehr davon. Mehr schmecken, mehr fühlen und mehr von Tom. Meine Hände, die bis dato nur lose an meinem Körper ruhten, gingen automatisch um seinen Körper. Er reagierte darauf, indem er in meine Haare griff und mich noch intensiver küsste. Meine Hand glitt unter sein Shirt und ich spürte seine Haut und die Muskeln, die gerade angespannt waren. Unser Kuss wurde sanfter und ich spürte mit Wehmut, dass er enden würde. Unsere Lippen berührten sich ein letztes Mal und er biss mir einmal kurz in die Unterlippe bevor er sich von mir entfernte. Meine Arme rutschten von seinem Rücken und wussten nicht mehr so recht wohin. Tom zog sein Shirt wieder nach unten und räusperte sich. Einen kurzen Moment ruhten seine Augen noch auf mir, bevor er sich zu Marie drehte und mit tiefer, belegter Stimme sagte: „Gut so?"

Dass er einfach so tat, als sei nichts gewesen, versetzte mir einen Stich. Ich war immer noch wie berauscht und langsam wurde mir bewusst, was da eigentlich gerade passiert war. Tom und ich hatten uns geküsst. Und es war...es war... „Ja. War super. Obwohl es mir auch gereicht hätte, hättest du ihn auf die Wange geküsst." Sie kicherte albern und es klang einfach schrill in meinen Ohren. Er schlug mir freundschaftlich gegen die Schulter. „So. Und jetzt ist Marie dran." Irgendwie versuchte ich zu lächeln, doch es fühlte sich falsch an. Das alles was nun folgte, fühlte sich falsch an. Tom griff nach seiner Jacke und ging Richtung Tür. Ich wünschte, er würde mich noch mal ansehen, doch er sah und sprach nur zu Marie. „Ich hab was vergessen. Viel Spaß euch beiden." Dann war er weg. Als die Tür zusprang zuckten sowohl Marie als auch ich zusammen. Es war still im Raum und plötzlich hörte ich Marie schluchzen. Ich sah zu ihr und sie sah so aus wie ich mich fühlte. Verwirrt, wütend, enttäuscht. Als ich einen Schritt auf sie zuging sprang sie auf. „Ich kann das nicht." Dann rannte sie raus und ich war allein...

Ich weiß nicht, wie lange ich da auf dem Bett saß, den Kopf in meine Hände gelegt. Das alles war sehr verwirrend. Warum fühlte ich mich gerade so schlecht? Weil Marie mich nicht geküsst oder Tom mich geküsst hatte. Ich schreckte auf, als sich plötzlich die Tür öffnete. Ein Mädchen kam herein. „Stör ich?" Sie strich sich schüchtern ihre Haare hinter die Ohren. Langsam schüttelte ich den Kopf. Unaufgefordert setzte sie sich neben mich. „Ist was passiert?" Ihr Parfüm kroch in meine Nase und es war viel zu süß. Sie griff nach meiner Hand und ich schaute sie perplex an. Ihre Augen waren glasig und ruhten auf mir. Sie leckte sich über die Lippen. „Was auch immer dich traurig macht. Ich weiß etwas, was dich ablenkt." Und plötzlich lagen ihre Lippen auf meinen. Sie schmeckte nach Alkohol. Ihre Lippen waren warm und feucht. Ihre Zunge suchte den Weg zu meiner, doch es fühlte sich komisch an. Sie wirbelte in meinem Mund herum wie eine Waschmaschine -genauso schnell, genauso nass. Dann begann sie meinen Hals zu küssen. „Was?" Doch das Einzige, was sie sagte war „Schon gut."

Ihr Name war Anna, das erfuhr ich, nachdem wir miteinander geschlafen hatten. Im Nachhinein wusste ich gar nicht mehr so recht, wie das überhaupt passieren konnte. Ich war verletzt, sie war verletzt. Bevor sie in mein Zimmer kam, hatte sie ihren Freund draußen mit einer Anderen erwischt. Anscheinend war ich ihr Trostpflaster. Die ganze Sache dauerte nicht mal zehn Minuten. Nachdem sie sich angezogen hatte gab sie mir noch einen Kuss auf die Stirn und verschwand. Ich lag im Bett, entjungfert, verwirrt und allein.

Das war also Sex. Okay. Hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Alle redeten permanent darüber. Doch der Burner war es nicht. Oder hatte ich was falsch gemacht?

Ich erinnerte mich, wie sie auf mir saß und ihre Brüste im Takt nach oben und unten sprangen. Ernsthaft...ich war kein Brustkerl. Irgendjemand hatte mir mal gesagt, dass Kerle entweder auf Brüste oder Hintern standen. Also ich war definitiv keiner der ersten Sorte. Das Gewackel hatte mich ziemlich irritiert und überhaupt - die waren so weich. Ich hatte mir die irgendwie fester vorgestellt. Und sie roch so süßlich, selbst als sie ins Schwitzen kam. Keine Ahnung, wie ich es beschreiben soll, außer...naja...komisch halt. Der Sex war schon okay, aber ich hatte mir mehr...halt mehr vorgestellt. Ich dachte, dass ich meine Hände nicht mehr von ihr nehmen könnte und totale tiefgehende Lust verspürte...doch es war... halt anders...

Ich versuchte mir nicht mehr darüber Gedanken zu machen und verschwand, ohne mich zu verabschieden, von der Party.

Am nächsten Morgen erwachte ich nach einer unruhigen Nacht in meinem Bett. Sofort gingen meine Gedanken wieder zurück zu den gestrigen Tag. Ein Mädchen geküsst, Sex gehabt und Tom geküsst. Ich schüttelte immer noch fassungslos den Kopf. Mit schwerem Schädel ging ich in Richtung Bad. Ich entledigte mich meiner Kleidung und ging zuerst duschen. Irgendwie fühlte ich mich erschöpft. Meinen Kopf lehnte ich an die Fliesen der Dusche und ließ mich von dem warmen Wasser berieseln. Doch es half nicht.

Als ich fertig war und mich umgezogen hatte, blickte ich in den Spiegel. Mein Gesicht war leicht gerötet und meine Augen blickten mir skeptisch entgegen. Irgendwie fühlte ich mich anders.

Der Tag verging unspektakulär. Ich verkroch mich in mein Zimmer und versuchte zu lernen. Morgen war wieder Unterricht und ich hatte mal wieder sowas von überhaupt keine Lust darauf. Seufzend blickte ich auf meine Mathe-Hausaufgaben. Die Formeln ergaben heute keinen Sinn für mich. Nachdem ich fast eine halbe Stunde sinnlos auf das Blatt geschaut hatte, gab ich auf. So schaltete ich ein bisschen den Fernseher ein, um meine Gedanken abzulenken. Doch es lief nur Schrott. Egal wo ich hin schaltete knutschten irgendwelche Leute oder heulten, weil sie verlassen worden waren. Selbst der Doku-Kanal war heute zu viel für mich, als es um das Balzverhalten von Tieren ging.

„Maximilian. Komm runter. Essen ist fertig." Mit schlürfendem Gang ging ich zum Esstisch. Meine Eltern und Robert saßen schon, so dass ihr Blick auf mich fiel. Sofort überkam mich die Angst, dass sie wussten, was gestern gelaufen war. Unsinn. Woher sollten sie es wissen? Gott, wenn mein Vater wüsste, was mit Tom... Er würde zuerst mich und dann ihn umbringen.

Ich musterte sein Gesicht. Er wirkte leicht genervt und - oh nein - angetrunken. Wieso hatte er jetzt schon was getrunken? Normalerweise trank er nie, wenn meine Mutter da war. Beunruhigte setzte ich mit hin. Robert spielte nervös mit seinen Händen. Er hatte es auch gemerkt. Nur Mutter strahlte vor sich hin. „Endlich mal einen freien Tag. Es ist schon so lange her, dass wir alle zusammen Abendbrot gegessen haben." Während sie erzählte verteilte sie das Essen auf unsere Teller. „Morgen habe ich auch noch frei. Mein Gott. Ich weiß gar nicht, was ich mit meiner ganzen Freizeit machen soll." Sie lachte auf, doch keiner lachte mit. Wir vermissten unsere Mutter. Andauernd wurde sie aus dem Frei gerufen, weil irgendwelche Kollegen krank waren. Ihre abgesprochenen Dienste wechselten dauernd und die 12h-Dienste waren für einen normalen Familienalltag auch nicht förderlich, zumal Arno, mein Vater, immer trank, wenn sie außer Haus war. Doch ich schüttelte den Gedanken ab und wollte einfach nur genießen, dass sie da war. „Wie läuft es in der Schule Robert?" Mein Bruder verschluckte sich an seinem Getränk. Aufmunternd klopfte ich ihm auf die Schulter. Er hatte eine fünf im Diktat bekommen und es sich noch nicht getraut zu sagen. „Deine Mutter hat dich was gefragt", polterte unser Vater. Ich bemerkte das Aufblitzen der Angst in Roberts Augen und mir wurde flau im Magen. Wie gut ich das Gefühl kannte. „Robert!" Er zuckte zusammen. „Ich...ich..." Roberts Atmung wurde schneller und seine Hände, die auf seinen Oberschenkeln lagen, ballten sich zu Fäusten. „Sprich ordentlich Junge! Du stotterst ja wie ein Idiot." Los. Sprich schon. Je länger du zögerst, desto schlimmer wird es. Diese Sätze versuchte ich ihn geistig zuzuschreien, doch es half nicht wirklich. „Ich...habe...Ich habe..." Mein Vater stand auf. Mutter sah ihn verwundert an, schwieg jedoch. Schnaufend ging er zu Robert und stand nun direkt zwischen uns. Er gab Robert einen Klaps auf den Hinterkopf. „Jetzt reiß dich zusammen und sprich ordentlich. Sei mal ein Mann. Du sitzt hier wie ein Häufchen Elend. So hab ich dich nicht erzogen. Los. Sprich. Hast du nicht gehört? DU SOLLST SPRECHEN!" Zum Schluss brüllte er ihn an. „Arno, beruhig dich doch. Robert bekommt ja Angst vor dir." Wenn sie wüsste. Mein Vater funkelte sie an und sie schloss wieder den Mund. Ich merkte, dass Mutter anfing innerlich zu kochen, doch ich konnte nicht zulassen, dass sie ihn provozierte - nicht, wenn er was getrunken hatte. „Lass ihn in Ruhe." Der Kopf meines Vaters fuhr zu mir herum. „Was hast du gesagt?" Er griff an meine Schulter und mein ganzer Körper versteifte sich. Diese Situation wirkte auf mich so bedrohlich, dass mein Herz zu rasen begann. „Robert. Geh doch mit Mutti hoch und zeig ihr das Diktat." Sofort sprang Robert auf. Geh doch hoch, war unser Fluchtpasswort um Vater aus dem Weg zu gehen. Robert nahm unsere Mutter an die Hand und zog sie ohne weitere Worte nach oben. Mutti entgegnete was, aber ich verstand sie nicht. Arno verstärkte seinen Griff an meiner Schulter und ich zog schmerzerfüllt Luft ein. „Seit wann widersprichst du mir?" Ich versuchte mich aus dem Griff zu lösen, doch das führte nur dazu, dass er noch mehr zu drückte und ich vor Schmerzen aufstöhnte. „Lass mich los!", zischte ich ihn an und zu meiner großen Überraschung tat er es wirklich. Ich wollte weg hier. Mein Herz raste und Angst verengte meinen Brustkorb. Mein Vater war sauer, so richtig sauer. Seine Nasenflügel waren gebläht und sein Blick sprach Bände. „Solange du in diesem Haus wohnst, hast du zu machen was ich dir sage! Verstanden?!" Ohne Antwort drehte ich mich um und wollte gehen. Doch er hielt mich fest, drehte mich um und bevor ich überhaupt reagieren konnte hatte ich seine Hand im Gesicht. Ich taumelte von der Wucht zurück und fiel auf dem Boden. Mein Kopf dröhnte. Arno sah mich von oben herab an und grinste. „Da gehörst du hin. Auf den Boden. Du bist hier nichts wert. Wenn du deine eigene Familie hast, dann wirst du sehen, dass es nur mit Zucht und Ordnung funktioniert. Doch bei dir war ich anscheinend zu nachsichtig. Du bist eine Enttäuschung." Tränen stiegen mir in die Augen, doch ich blinzelte sie weg. Diese Genugtuung wollte ich ihm nicht geben. Meine Hand legte ich kühlend auf meine schmerzende Wange und stand auf. Ich lief an ihn vorbei, mied seinen Blick und ging in den Flur. Schnell zog ich sowohl Schuhe als auch Jacke an und verließ das Haus. Draußen hörte ich Arno noch gehässig lachen.

Ich bemerkte erst, dass ich zu Tom gelaufen war, als ich plötzlich vor seiner Tür stand. Irgendwie hatten mich meine Füße hier her getragen. Doch nun stand ich da und wusste nicht recht, ob ich wirklich klingeln sollte. Schnell sah ich auf die Einfahrt und bemerkte, dass kein Auto da stand. Seine Mutter war also nicht da. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, klingelte ich schnell. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis sich endlich die Tür öffnete. Tom sah mich überrascht an. „Max? Was machst du denn..." Doch weiter kam er nicht. Mein gesamtes Ich war so erleichtert und froh ihn zu sehen, dass mir wieder Tränen in die Augen stiegen. Fest umarmte ich ihn und vergrub mein Gesicht in seinem Shirt. Ich atmete tief ein und sein vertrauter Geruch beruhigte mein aufgewühltes Inneres etwas. Es war mir egal, wie bescheuert das war, aber in diesem Moment war das alles, was ich brauchte. Tom holte tief Luft und verspannte sich kurz. Dann atmete er tief aus und legte seine Arme um mich. „Kann ich heute bei dir bleiben?" Ich hörte ihn laut schlucken und spürte, dass er nickte.

Ich ging in sein Zimmer und setzte mich aufs Sofa. Tom kam mit 2 Gläsern Wasser und einem Kühlakku kurz nach mir hoch. Ohne etwas zu sagen, platzierte er sich neben mich, drückte mir ein Glas in die Hand, wickelte das Kühlakku in ein Handtuch und hielt es mir vorsichtig an die schmerzende Stelle ins Gesicht. Ich zuckte vor Schmerz zusammen und Tom biss sich auf die Unterlippe. Mit traurigem Blick betrachtete er mich, sagte jedoch nichts. Er stellte keine Fragen, worüber ich unendlich dankbar war. Irgendwann reichte er mir das Handtuch und verschwand kurz. Ich hörte ihn rascheln und klimpern, dann kam er wieder zurück und reichte mir einen Schlüssel. Sein Blick war verunsichert, als ich ihn fragend ansah. „Für den Notfall. Wenn wieder...sowas passiert oder irgendwas anderes ist, dann kannst du immer vorbei kommen. Manchmal bin ich ja nicht da und ich möchte, dass du immer einen Ort hast, wo du sicher bist. Und Robert natürlich auch." Schon wieder merkte ich, wie mir Tränen in die Augen schossen und eine einzelne Träne kullerte einsam meine Wange hinunter. Tom strich sie mir vorsichtig weg, zog mich an sich und umarmte mich. „Ich bin immer für dich da. Okay? Egal was passiert." Langsam sah ich zu ihm nach oben und auch er schaute mich an. Ich spürte, dass sein Herz schneller zu schlagen begann. Tom war so lieb zu mir. Immer war er für mich da. Er war wirklich ein guter Freund...

Meine Arme umfassten ihn und ich spürte, wie er sich ein Stück gerader hinsetzte. Meine Atmung beschleunigte sich etwas, als mir plötzlich wieder unser gestriger Kuss einfiel. Ich schluckte und sah auf seinen Mund, der noch gestern auf meinem lag. Ob es ihm gefallen hatte? Hatte es denn mir gefallen? STOP! Worüber dachte ich hier eigentlich nach? Ich drückte ihn von mir weg und lächelte ihn verunsichert an. Irgendwie fühlte es sich komisch an ihm so nah zu sein, wo wir gestern...uns noch näher waren. Tom räusperte sich und wir setzten uns wieder nebeneinander. „Willst du eine DVD schauen?"

Ich kannte den Film nicht und sonderlich toll war er auch nicht, aber Tom schien ihn sehr zu mögen, da er bei der Hälfte der Szenen mitsprach. Das war irgendwie süß und ich musste lächeln. Meine Augen wurden immer schwerer und die Anspannung des Tages fiel von meinen Schultern, bis ich dann eingeschlafen sein musste.

********************************************************************

Ich befand mich in einem Raum aus Glas. Überall waren blank geputzte Scheiben. Ich drehte mich im Kreis und erkannte hinter mir, am Ende des Raumes, ein paar Gestalten. Als ich hingehen wollte, knallte ich mit dem Gesicht gegen eine Scheibe. Autsch. Vorsichtig tastete ich mich vor. Doch ich fand keinen Ausgang. Die Leute begannen zu winken und ich erkannte meine Mutter und Robert. Sie strahlten und zeigten mit einer Handbewegung, dass ich zu ihnen kommen sollte. Doch wie sehr ich es auch versuchte, die Scheiben standen dicht an dicht. Meine Mutter schaute mich enttäuscht an. Bitte. Sei nicht enttäuscht. Ich versuche doch zu euch zu kommen. Versager. Die Stimme kroch durch den Raum in mein Gehirn. Du bist zu blöd den Ausgang zu finden. Du bist eine Schande. Versager. Die Stimme meines Vaters hallte durch das Zimmer und brachte die Scheiben zum vibrieren. Die Oberflächen veränderten sich und Bilder erschienen darauf. Schöne Bilder aus glücklichen Zeiten. Eine Scheibe zeigte, wie ich Robert in der Hand hielt, als er noch ein Baby war. Ich war so stolz. Auf einer anderen saß meine Mutter neben meinem Bett und streichelte meine Stirn. Damals hatte ich eine obstruktive Bronchitis und das Gefühl halb zu ersticken. Mutti hatte sich für mich frei genommen, um bei mir zu sein. Ein anderes Bild zeigte mich beim Fußballspiel. Auf einer anderen Scheibe war ein Bild von Tom und mir, als wir uns küssten. Plötzlich erzitterten die Scheiben und ein Grollen Drang durch den Raum. Versager. Idiot. Abartig. Erneut erzitterte der Raum und ich hörte Glas zerspringen. Mein Herz begann zu rasen und Panik kroch in meine Adern. Erneut versuchte ich den Ausgang zu finden, doch die Scheiben waren kreisrund um mich aufgestellt. Auf einmal hörte ich meine Mutter und Robert schreien. Ich wollte zurück rufen, doch ich war stumm. Mit den Fäusten schlug ich gegen die Scheiben, doch nichts tat sich. Hinter mir vernahm ich wieder das Geräusch von zerspringendem Glas. Schnell drehte ich mich zu dem Geräusch um. Es kam immer näher und näher. Immer wieder ging ich einen Schritt rückwärts, bis mein Rücken an einer Scheibe drückte. Feigling. Nun zersprang das Glas direkt vor mir und ich legte meine Arme schützend vor mein Gesicht. Dann war es ruhig und ich blickte auf. Mein Vater stand mit einem großen Hammer vor mir. Sein Gesicht war zu einer Fratze verzerrt. Mein Körper war wie versteinert und ich konnte nichts tun, als er das Bild von meinem Fußballspiel, das von Robert oder das von meiner Mutter zerschlug. Tränen liefen mir das Gesicht hinunter als er auch das Abbild von Tom und mir zerstörte. Er lachte höhnisch. Alles um mich lag in Trümmern. Mein Leben in Scherben. Er hatte alles zerstört, was mir wichtig war und so, wie er mit dem Hammer da stand, würde er auch mich zerstören. Mein Vater holte aus und schlug mit voller Kraft auf dem Boden. Ein großer Riss entstand und endete direkt vor meinen Füßen. Wieder schlug er zu und einzelne Brocken fielen - fielen ins Dunkle darunter. Ich würde in den Abgrund stürzen. Der Boden unter mir geriet ins Schwanken und ich spürte, wie die Steine Stück für Stück verschwanden. Wieder lachte mein Vater als er ein letztes Mal den Hammer auf den Untergrund fallen ließ. Ich schloss meine Augen und wusste, dass ich fallen würde, doch ich tat es nicht. Überrascht öffnete ich meine Augen und sah Tom vor mir. Er reichte mir die Hand und ich nahm sie. Seine Wärme ging auf mich über und der Abgrund, der sich unter mir befand wirkte gar nicht mehr bedrohlich, denn ich wusste, solange Tom bei mir war, würde alles gut werden....

*********************************************************************

Ich öffnete die Augen und hörte eine leise Stimme singen. „Und ich sing...jedes Mal wenn du nicht reden willst..." Mein Kopf lag auf Toms Schoß und er streichelte mir beruhigend durch meine Haare. Seine Stimme war wie Balsam für meine traumgebeutelte Seele. Egal was kommen würde...seine Stimme und das, was sie in mir auslöste, würde ich nie vergessen.

Viel zu schnell war das Lied zu Ende und ich räusperte mich, um zu erkennen zu geben, dass ich wach war. Sofort war Toms Hand aus meinen Haaren verschwunden und ich war ein bisschen enttäuscht. Diese Geste hatte etwas unglaublich beruhigendes.

„Tom?"

Er rutschte ein bisschen hin und her und kurz dachte ich, dass er meinen Kopf von seinem Schoß schieben würde.

„Was magst du an Annabell?"

„Wie meinst du das?" Seine Stimme klang tief und vertraut melodisch. Ich schüttelte den Gedanken ab.

„Was magst du beim Sex mit ihr?" Einen Moment sagte er gar nichts und ich hatte schon die Befürchtung, dass er mir eine Antwort schuldig bleiben würde. „Keine Ahnung. Du stellst Fragen. Naja...ich mag, dass sie sich hingeben kann und ziemlich offen für alles ist." Mein Magen fühlte sich plötzlich flau an. Warum fragte ich sowas, wenn ich es doch eigentlich gar nicht hören wollte. „Magst du ihre Brüste?"

„Ja. Klar. Welcher Kerl mag denn keine Brüste?" Ja. Genau. Welcher Kerl mag keine Brüste? Ich. Toll. Und was sagte mir das? Schnell setzte ich mich auf und sah zum Fenster. Natürlich bemerkte ich, dass mich Tom musterte. „Was ist los Max? Warum fragst du mich sowas?" Doch er bekam von mir keine Antwort. Als er mich an die Schulter fasste, bekam ich Gänsehaut. „Max?"

„Ich hatte mein erstes Mal." Toms Hand rutschte von meiner Schulter. Dann stand er auf und ging zu seinem Bücherregal. Warum hatte ich das Gefühl, dass er Abstand zwischen uns bringen wollte? Er lehnte sich an das Regal, seine Arme vor dem Brustkorb verschränkt. „Und seid ihr jetzt zusammen?" Warum klang er denn so bissig? „Wer?"

„Na du und Marie?" Irritiert sah ich ihn an. „Warum sollte ich mit Marie zusammen sein?" Fassungslos schaute er mir ins Gesicht. „Wie jetzt? Du schläfst mit Marie und dann seid ihr nicht zusammen?" Marie? Ach wegen dem Kuss! Er wusste ja noch gar nicht, dass der nie zustande gekommen war. „Ich hatte keinen Sex mit Marie und wir haben uns auch nicht geküsst." Toms Augenbrauen bildeten fast eine Linie und seine Hände waren zu Fäusten geballt. „Es war Anna."

„Wer ist Anna?"

„Keine Ahnung."

„Keine was? Keine Ahnung? Was soll denn das heißen?" Ich zuckte mit den Schultern. „Marie wollte mich nicht küssen und plötzlich war Anna da. Und da...keine Ahnung. Es ist einfach passiert. Ich kannte Anna vorher gar nicht."

Tom schnaubte, drehte sich zu seinen Büchern und fing an sie neu zu sortieren. Irgendwann hielt er inne und betrachtete mich wütend. „Du kanntest sie also bis zu dem Abend nicht?" Ich schüttelte den Kopf. „Und dann bist du plötzlich mit deinem Schwanz in sie reingefallen oder was?" Jetzt war es aber mal genug! Warum griff er mich denn jetzt an? Das war alles eh schon verwirrend genug. Ich wollte eigentlich nur von Freund zu Freund mit ihm reden, in der Hoffnung, dass er Licht ins Dunkel brachte. Da fehlte mir seine Eifersucht noch. Moment. Eifersucht? Ob das wirklich Eifersucht war? Quatsch. Warum sollte er eifersüchtig sein?! „Warum giftest du mich an?" Tom sah mich immer noch wütend an. „Mach ich doch gar nicht!"

„Doch du brüllst! Eifersüchtig oder was?" Schlagartig veränderte sich seine gesamte Körpersprache. Tom wirkte verunsichert und sah mich mit großen Augen an, bevor er sich zum Bücherregal umdrehte. Plötzlich schien er wieder sehr beschäftigt zu sein. Das konnte er aber vergessen. Zuerst mich anbrüllen und dann ablenken. Zielstrebig ging ich zu ihm, packte ihn an die Schulter und drehte ihn zu mir um. „Ich rede mit dir. Ignorier mich nicht."

„Mach ich doch gar nicht." Seine Stimme klang patzig. „Doch. Also, warum giftest du mich so an?" Er schluckte und musterte mich abschätzend. „Ich...ich... war nur sauer." Ich hob fragend die Augenbrauen. „Naja. Ich dachte du kommst mit Marie zusammen. Und...dann diese Anna... und... dass du einfach so...Also war alles umsonst." Er wuschelte seine Haare durcheinander. „Was war umsonst?" Tom kaute auf seiner Unterlippe und wich meinem Blick aus. „Tom! Was war umsonst?" Ich betonte jedes Wort überdeutlich. Wut und Entrüstung stieg in mir auf, denn ich hatte eine Vorahnung, was kommen würde. „Na...na...unser...unser Kuss." Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich atmete tief durch. „Ich dachte...wenn du Marie küsst kommt ihr zusammen...Und jetzt hast du mit dieser Anna geschlafen..." Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Ich fühlte mich verletzt. Er stellte mich ja dar als sei ich ein Flittchen oder so. „Es tut mir ja leid, dass dein Plan nicht aufgegangen ist. Und das alles umsonst war. Ich weiß, dass es eine ganz schöne Überwindung gewesen sein muss mich zu küssen." Verdammt. Warum klang ich zickig? So wollte ich es gar nicht ausdrücken. Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg, drehte mich um und wollte wieder zum Sofa laufen. Doch Tom schnappte meinen Arm und zog mich mit Schwung zu sich. Schneller als ich reagieren konnte spürte ich das Bücherregal in meinem Rücken. Sein linker Arm befand sich neben meinen Kopf und seine rechte Hand drückte mich gegen die Bücher. Sein Atem ging schnell und sein Blick war so intensiv, dass mir erneut die Schamesröte ins Gesicht stieg. Man. Reiß dich doch mal zusammen Max. Mein Herzschlag beschleunigte sich und meine Atmung war nun genauso schnell, wie die von Tom. Er leckte sich über seine Lippen und mein Blick blieb daran hängen. „Maximilian..." Es war nur ein Wispern, doch seine Stimme durchfloss mich wie cremiger Honig. Ich schaute zu seinen Augen und seine Iris war fast verschwunden. Sein Blick war dunkel. „War es für dich denn eine Überwindung?" Eine simple Frage aus seinem Mund, die ich einfach mit ja beantworten müsste, doch sofort holten mich die Erinnerungen an unseren Kuss ein. Noch einmal fühlte ich regelrecht seine Lippen auf meinen und spürte seine Haut an meinen Fingern entlang gleiten. Er roch genauso gut wie gestern. So in Gedanken versunken merkte ich erst jetzt, dass Tom noch ein bisschen näher an mich heran getreten war. Ich müsste nur ein klein wenig näher zu ihn und ich könnte ihn küssen... Innerhalb von Sekundenbruchteilen stellte mein Geist auf Kopfkino um und ich spürte, wie sich das Blut zwischen meinen Beinen sammelte. Bevor ich überhaupt verarbeitet hatte, was ich da überhaupt dachte oder mein Körper veranstaltete, schnellte schon mein Arm vor und Tom strauchelte einige Meter nach hinten. Mit purpurfarbenem Gesicht rannte ich an ihm vorbei. Als ich mein Ziel, die Toilette, erreichte, verschloss ich den Raum und rutschte an der Tür nach unten. Verdammt. Verdammt. Verdammt. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein. Warum hatte ich jetzt einen Ständer? Scheiße! Ich verfluchte mich und speziell das zuckende Etwas in meiner Hose. Verdammt, verdammt, verdammt. Meinen Kopf in den Nacken gelegt, wollte ich vor Scham einfach nur im Erdboden versinken. Wie sollte ich Tom je wieder unter die Augen treten? „Max, alles in Ordnung?" Ich hörte seine besorgte Stimme und verbarg mein Gesicht in meinen Händen.

Zehn Minuten und einige Atemübungen später, war ich wieder in Toms Zimmer. Ich entschuldigte mein Verhalten mit spontaner Übelkeit (was Besseres fiel mir wirklich nicht ein) und mied Toms Blick soweit wie möglich. Als ich dann im Bett lag, immer noch total fassungslos, kam Tom gerade in das Zimmer. Er war frisch geduscht, seine Haare noch feucht und strubblig. Gähnend ging er zu seinem Kleiderschrank und streckte sich, um ein neues Shirt zu holen. Dabei zeichneten sich sein Muskeln ab und ich erwischte mich dabei, wie ich ihn fasziniert musterte. Fuck. Irgendwas lief bei mir gerade total falsch. Stöhnend zog ich die Decke über meinen Kopf und hörte innerlich den Aufschrei meines Vaters. Wenn er gerade meine Gedanken lesen könnte, würde er mich umbringen. Ich sollte wirklich schnell ein Mädchen klar machen... Dann merkte ich, wie sich die Matratze neben mir senkte und Toms Kopf erschien unter der Decke. „Alles gut bei dir? Ist dir immer noch schlecht?" Ich schüttelte den Kopf und zog die Decke wieder runter. Er lächelte mich an und ich lächelte mit. Verdammt. Wir beide legten uns dann an die jeweils äußerten Enden des Bettes und außer „Gute Nacht" sagte keiner mehr ein Wort bis wir schließlich schweigend eingeschlafen waren.

***************************************************************************

Sanfte Küsse an meinen Hals brachten mich zum Aufstöhnen. Toms Hände erforschten meinen ganzen Körper und ich konnte einfach nicht genug davon bekommen. Seine Lippen lagen auf meinen und sofort suchte meine Zunge die Seine. Sie umspielten sich, kämpften und gewannen beide. Meine Hände griffen in seine Haare und er stöhnte in meinen Mund. Ich bemerkte meine Erregung und drückte mein Becken dem seinen entgegen. Er umfasste meinen Hintern und ich legte meine Beine um ihn. Küssend drehten wir uns und nun lag ich auf ihm. Mein Mund wanderte seinen Hals entlang, während meine Finger sein Hemd aufknöpften. Seine Hände griffen unter mein Shirt und seine Finger fuhren derb meinen Rücken hinunter. Ich unterbrach meine Liebkosungen um den Moment zu genießen und konnte ein erneutes Aufstöhnen nicht verhindern. Toms Nähe brachte mich schier um den Verstand. Er lächelte, als er meine Reaktion sah und ich wünschte mir in dem Moment nichts sehnlicher als ihn immer so lächeln zu sehen...

***************************************************************************

Mit klopfenden Herzen und zuckendem Penis wachte ich auf. Mein Atem ging schnell und kurz wusste ich nicht, wo ich war. Dann spürte ich einen regelmäßigen Herzschlag und warme Haut unter meinen Fingern. Toms Atem ging langsam und regelmäßig. Seine Hand lag sanft an meinem Rücken. Mein Bein war um ihn geschlagen und mein Arm lag unter seinem Shirt. Ich spürte Hitze in meine Wangen steigen und schloss noch einmal die Augen. Einen kurzen Augenblick später fing ich an mich von ihm zu lösen. Sofort spürte ich eine komische Kälte, die mich ergriff...

Die nächsten Tage waren eine emotionale Achterbahn. Jeden Abend träumte ich von Tom und seinen Berührungen. Das verunsicherte mich so sehr, dass ich mich gar nicht mehr traute zu schlafen. Meine Augenringe waren fast schwarz, meine Konzentrationsspanne reichte von Wand zu Tapete und meine Laune glich dem eines Kleinkindes, dem der Lutscher geklaut wurde. Ich merkte, wie Tom mich immer besorgter betrachtete, doch ich konnte nicht mit ihm darüber sprechen, da ich ja nicht mal genau wusste, was mit mir eigentlich los war. Also distanzierte ich mich immer mehr von ihm, ohne erklären zu können warum. Seine Nähe brachte mich immer näher zu einem Abgrund, den ich mir nicht betrachten wollte.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media