An die Arbeit, Dr. Dugan!

Seit James flach auf dem Bett lag, fiel mir das erste Mal auf, wie klein es doch war. Es musste sogar kürzer sein, als ein normales Bett, denn James´ Füße ragten mitsamt den Knöcheln heraus. Mindestens zehn Zentimeter fehlten.
Mit entblößtem Oberkörper lag er auf dem Bauch und offenbarte mir seine Schusswunde und seinen blutbeschmierten Rücken. Vorher hatte ich ihm geholfen das Hemd loszuwerden. Es war ein schwieriges und zeitintensives Unterfangen gewesen.
Die Knöpfe hatte James selbst mit der rechten Hand geöffnet. Das war kein Problem gewesen, da seine rechte Seite gesund war. Auch aus dem rechten Ärmel herauszukommen, war reibungslos von Statten gegangen, doch dann war es heikel geworden. James hatte mich gebeten den linken Ärmel herunterzuziehen, dabei hatte ich darauf achten sollen, dass ich seinen Arm, so wenig wie möglich, berührte. Ich hatte bloß nervös aufgelacht, bevor ich sein Hemd zwischen die Hände genommen und vorsichtig damit begonnen hatte ihn auszuziehen. Zentimeter für Zentimeter hatte ich seinen Arm entblößt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich das bluttriefende Hemd in den Händen gehalten. Erneut war meine Haut von seinem Blut übersät gewesen. Schnell hatte ich es angewidert in eine Ecke geschleudert und mich wieder auf James konzentriert. Wie hypnotisiert hatte ich auf seine linke Körperhälfte gestarrt, genauer gesagt auf seinen Brustkorb. An der Stelle unterhalb seines Herzens hatte ich einen tiefblauen Fleck entdeckt, aber nicht nur das. Diese Stelle hatte deformiert und unnormal ausgesehen. Sofort hatte ich ihn gefragt, wodurch er sich diese Verletzung zugezogen hatte.
„Rippenbruch“ hatte er bloß entgegnet und war galant meiner Frage ausgewichen. Ich hatte nicht weiter nachgefragt.
Die Wunde war widerlich. Ich hatte vorher niemals etwas Vergleichbares gesehen. Ein circa vier Zentimeter großes Loch klaffte in seinem linken Schulterblatt. Die Haut an der Austrittswunde war zerfetzt und gerötet. Blut trat momentan nicht aus, daher konnte ich das rosafarbene Fleisch sehen. Blankes Entsetzen nahm mich gefangen und ließ mich wie festgefroren stehen bleiben. James entging meine Reaktion nicht.
„I…ch kann mir de…denken, da…dass es un…appetitlich aussieht, aber du da…darfst jetzt ni…nicht zurückschre…schrecken“, presste er unter Anstrengung hervor. Er jappste nach Luft. Nun, da er auf dem Bauch lag, bekam er noch weniger Sauerstoff.
Du hast gut reden. Du musst ja nicht in wenigen Minuten in einer Schulter herumbohren. Okay, besser die Kugel herausholen, als sie im Körper haben. Die Schmerzen, die James erwarteten, mussten schier überwältigend sein. Was sollte ich tun, wenn er plötzlich das Bewusstsein verlor? Ich schüttelte den Kopf, um solche Gedanken zu verscheuchen. Mehr Sorgen konnte ich nicht gebrauchen.
„Bi…bist du soweit?“
„Mehr oder weniger.“      
Mit wackligen Beinen ging ich näher ans Bett heran und setzte mich auf die Kante. Der Kugelschreiber lag in meiner schweißnassen Hand, die, je tiefer ich mich über James beugte und der Wunde näher kam, heftig zitterte. Keine gute Vorraussetzung, um eine kleine Kugel aus Tiefen von Fleisch zu bergen.
Sein Rücken war leichenblass und wies Gänsehaut auf. Er musste unsagbar frieren. Hoffentlich zitterte er nicht allzu sehr, vor allem, wenn ich den Kuli in seine Wunde schieben würde. Ich zog mich abrupt zurück.
„Wie genau soll ich die Kugel mit dem Stift rausholen?“ Meine Stimme zitterte leicht vor Aufregung.
„Du mu…musst den Stift lang…langsam in der Wunde vor…voran schieben, damit du me…merkst, wann du sie er…erreicht hast.“ Er sprach leise. Seine Kräfte schwanden von Minute zu Minute.
„Und dann?“
„Dann zie…ziehst du den Sti…Stift wieder raus.“
„Warum?“, fragte ich perplex. Wurde er langsam wahnsinnig?
„Da…damit du ihn neu anset…ansetzen kannst und zwar seit…seitlich von der Ku…Kugel. Da…danach musst du ihn no…noch mal reinschieben.“ Ich versuchte mir alles zu merken, doch ich kannte mein Gedächtnis, noch mehr Informationen und ich würde mindestens die Hälfte wieder vergessen.
„Das ist wich…wichtig, damit du erst ne…neben die Kugel ge…gelangst und später unter sie.“ Skeptisch hob ich den Kuli vor meine Augen und drehte ihn hin und her.
„Wie soll ich das machen? Der Stift hat nichts, womit ich die Kugel herausfischen könnte.“
„He…heraushebeln ist das Stich…Stichwort“, sagte er wie selbstverständlich.
„Dazu ist die Eintrittswunde aber zu klein und schmal. Nur, wenn ich sie gewaltsam mit dem Stift verbreitern…Nein, dass mache ich nicht mit“, kreischte ich panisch, da ich wusste, worauf er hinaus wollte.
„Es ge…geht nicht an…anders. Es muss sein.“ Zornig schnaubte ich.
„Wenn etwas schief geht, egal was, dann gib mir nicht die Schuld. Ich garantiere für nichts.“
„Okay, da…dann mal los.“ Ich atmete hörbar durch den Mund.
Bevor ich anfing, legte ich den Stift noch mal zur Seite, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen und meine Hände an meinem blutbefleckten T-Shirt zu trocknen.
Danach nahm ich den Kuli wieder auf und beugte mich zu James herunter. Ich heftete meinen Blick auf das Loch. Ich musste mich zusammenreißen, damit ich nicht schreiend aus dem Zimmer flüchtete. Ich umklammerte den Stift so fest, dass er sich in meine Haut drückte.
„Ich fange jetzt an“, verkündete ich laut, womöglich um mich selbst zu motivieren und mir die Angst halbwegs zu nehmen. Gänzlich gelang es mir nicht.
Vorsichtig führte ich meine rechte Hand über die Wunde und drückte die Spitze ins Loch hinein. Es ertönte ein schmatzendes Geräusch. Aus den Augenwinkel beobachtete ich James´ Reaktion. Im Moment schien er keine Schmerzen zu verspüren. Ich traute mich den Stift tiefer hinein zu schieben. Plötzlich krallte James seine Finger mit aller Kraft in die Matratze. Er presste seinen Kopf ins Kissen, damit seine Schreie nicht zu hören waren.
„Soll ich doch lieber aufhören?“, fragte ich leicht überfordert.
Er schüttelte im Kissen wie wild den Kopf. Er war tapfer, dass musste ich ihm lassen. Ich wäre schon längst vor Schmerz wahnsinnig geworden und hätte das Unterfangen abgebrochen. Um mich abzustützen und somit einen besseren Halt zu haben, legte ich meine linke Hand auf seinen eiskalten Arm. Unter meiner Berührung zuckte er heftig zusammen.
„Du musst ruhig liegen bleiben, sonst tut es nur noch mehr weh.“ Es klang wie ein Befehl. Sogleich entspannten sich seine Muskeln wieder und ich konnte weitermachen.
Ich war froh, dass das Sonnenlicht hinter dem Vorhang stetig stärker und heller wurde. Dadurch konnte ich besser sehen, was ich tat. Ich schob den Stift weiter. Nun steckte er schon mindestens zwei Zentimeter in James Schulter und ich fragte mich verzweifelt, wann ich diese dämliche Kugel endlich erreichen würde. Zu meinem Unglück fing die Wunde erneut an zu bluten. Es war jedoch nicht sehr schlimm.
Das rote Blut lief wie ein winziger Fluss über seinen Rücken und bahnte sich seinen Weg zu seiner Jeans. Schockiert und gleichzeitig fasziniert sah ich dem Lauf des Blutes zu. Auf seine Art war es schön mitanzusehen, wie sich das auffällige Rot über den bleichen und starken Rücken fortbewegte.
Die Farbe war einzigartig und ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden. Wie gebannt sah ich dem Schauspiel zu. James´ qualvolles Stöhnen und lautes Schnaufen holte mich jedoch aus meiner Trance.
Konzentrier dich Holly. Reiß dich zusammen. Meine Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt und ich hätte womöglich bald aufgegeben, wenn ich beim Weiterschieben des Kulis nicht auf Widerstand gestoßen wäre.
War das jetzt die Kugel oder doch sein Schulterblatt? Unsicher zog ich den Stift wieder etwas zurück, um ihn ein paar Millimeter seitlich zu verschieben. Dann drückte ich ihn erneut hinein und spürte es noch einmal. Es war hart. Das Zucken von James ignorierte ich. Behutsam drückte ich weiter, aber das Harte war wie eine Barriere, die den Stift nicht durchließ. Es musste ein Knochen sein.
Verdammt. Ich führte den Stift in der Wunde wieder zur Mitte zurück. Dort war ebenfalls etwas Hartes, dass sich nicht an der Stiftspitze befand, sondern an der Seite. Verärgert schob ich die Augenbrauen zusammen.
Was war denn jetzt los? Durch das Blut konnte ich nichts Genaueres sehen. Mit einem Ruck zog ich den Kuli ganz heraus. An der Spitze haftete Blut, was auf den beigefarbenen Teppich tropfte.
„Wa…was ist los?“, fragte er verunsichert, nachdem er seinen Kopf angehoben hatte.
„Keine Ahnung“, schnauzte ich ihn an. „Irgendetwas ist da merkwürdig.“
„Was mei…meinst du da…damit?“ Seine Stimme klang dünn und hoch.
„Ich bin keine Ärztin, James.“
„Da…dann versuch es mi…mir zu beschreiben.“ Genervt rollte ich mit den Augen.
„Ich habe den Stift langsam rein geschoben, wie du gesagt hast, doch dann bin ich auf etwas Hartes gestoßen. Ich war mir nicht sicher, ob ich nun die Kugel oder einen Knochen getroffen habe, also habe ich den Stift neu angesetzt. Ich traf noch mal auf das Harte und habe weiter gedrückt, doch es geschah nichts. Es ist eindeutig ein Knochen gewesen. Das Merkwürdige allerdings war, dass ich ebenfalls an der Seite des Stiftes etwas Hartes gespürt habe. Jetzt kann ich nur für dich hoffen, dass du weißt, was das zu bedeuten hat. Sollte dass nicht der Fall sein, dann wirst du wohl fürs Erste mit einer Kugel in der Schulter leben müssen.“
Mir war bewusst, dass ich gehässig klang, aber ich musste die Wut über meine Unwissenheit an Jemandem auslassen.
„Scheiße“, nuschelte James in das Kissen.
„Was ist?“
„Ich weiß…weiß was los ist.“
„Und was?“
„Die Ku…Kugel steckt in mei…meinem Schulterblatt.“ Für einen Moment setzte mein Herzschlag aus.
„Jetzt sag mir nicht, dass ich sie trotzdem rausholen muss.“ Meine Stimme war schrill und hysterisch, denn im Innern kannte ich bereits seine Antwort.
„Es gi…gibt kei…keine andere Möglichkeit.“
„Und wie soll ich das deiner Meinung nach anstellen? Es gibt sicherlich keine riesige Pinzette in diesem Motel.“ Er drehte erneut den Kopf, sodass ich ihn schmunzeln sehen konnte. Mir war dagegen nicht zum Lachen zumute. Am Liebsten hätte ich ihm den Kopf abgerissen, weil er Dinge von mir verlangte, für die ich in keinster Weise qualifiziert war und vor denen ich panische Angst hatte.
„Mit…mit den Fin…Fingern“, entgegnete er unbekümmert.
„Nein!“, war meine patzige Antwort. „Das mache ich mit Sicherheit nicht. Das kannst du nicht von mir verlangen“, protestierte ich.
Empört erhob ich mich und lehnte mich gegen eine Wand. Den Stift pfefferte ich auf den Boden. Nun, da ich mich nicht mehr in der Konzentrationsphase befand, spürte ich die erdrückende Hitze, die mir erneut den Schweiß auf die Stirn trieb. Es kam mir vor, als befände ich mich auf einer tropischen Insel, anstatt in Saint Berkaine. Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust und stierte auf meine, in Socken gehüllten, Füße.
„Bi…bitte, Holly. Wenn du es ni…nicht tust, da…dann muss ich hier liegen blei…bleiben.“ Beim Klang seiner Stimme schaute ich nach oben. James hatte sich mit Hilfe seines rechten Arms nach oben gedrückt. Er hatte mit der linken Seite sogar dasselbe versucht.
Jetzt hing sein Oberkörper teilweise in der Luft, was ziemlich abstrakt wirkte. Das Blut rann nicht mehr gerade herunter, sondern zur Seite und besudelte das weiße Laken. Die Strapazen der vergangenen Minuten standen ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Mund war bloß ein dünner Strich. Die Augen hatte er auf mich gerichtet.
Er hatte Recht. Wenn ich ihm nicht half, dann würde er, wer weiß wie lange, hier bleiben müssen. Bei mir. Dieser Gedanke stimmte mich um und ich stieß mich von der Wand ab.
„Nun gut, du hast gewonnen. Leg dich wieder richtig hin und dann werde ich sehen, was ich tun kann.“ Wie in Zeitlupe beugte er seine Arme und legte sich flach aufs Bett. Ich setzte mich zu ihm und musste meine Hände dazu zwingen nicht zu zittern. Dies fiel mir schwer, denn das Adrenalin schoss in Unmengen durch meinen Körper und machte mich hibbelig.
„Bist…bist du bereit?“
„Sollte ich das nicht eher dich fragen?“ Ich konnte einen gedämpften Lacher hören.
„Ich will, dass du die Ku…Kugel beim erst…ersten Mal herausziehst, egal, was pa…passiert.“ Ich schluckte.
„Bist du dir sicher?“
„Ja, bring…bringen wir es hinter uns.“ Vorsorglich schlug er die Finger in die Matratze. Ich führte die rechte Hand zu seiner Wunde. Dabei sah ich, dass meine Haut auch blass geworden war.
Bitte kipp nicht um, während du die Finger in seiner Schulter hast. Kipp nicht um. Ich wurde unruhig und mein Atem ging stoßweise. Ich presste den Zeigefinger an den Daumen und formte eine kleine Zange.
Dann schob ich sie Zentimeter für Zentimeter in die blutende Wunde. James krümmte sich auf dem Bett und schrie gegen das Kissen. Ein bisschen tat er mir leid, aber nur ein bisschen.
Schnell schob ich die Finger weiter, damit es für uns beide bald vorbei war. Ich merkte, dass mir schwummrig wurde. Lange würde ich nicht mehr durchhalten.
Durch sein Zappeln und Zucken hatte ich jedoch erhebliche Probleme die Kugel zu fassen zu kriegen.
„Halt still“, zischte ich wütend, doch meine Worte zeigten keinerlei Wirkung. Wie eine Katze fauchte ich und setzte mich breitbeinig auf James, um ihn in seinen Bewegungen zu stoppen. Und tatsächlich beruhigte er sich. Nun konnte ich weitermachen. Meine Finger steckten so tief in seiner Wunde, dass meine Nägel an seinem Knochen kratzten. Ihm entfuhr ein ohrenbetäubendes Jaulen. Ich hatte die Kugel verfehlt.
Mist. Gewaltsam schob ich die Finger blitzschnell zur Seite, ertastete die glatte Kugel, packte sie und zog sie mit einem heftigen Ruck heraus.
Ein neuer Schwall Blut quoll heraus und tropfte auf den Boden und das Lacken. Es stank bestialisch nach Metall. James machte einen Buckel und ich vernahm einen langgezogenen und erleichterten Seufzer. Wie von der Tarantel gestochen, schoss ich in die Höhe und sprang von ihm herunter.
Die kleine Kugel lag in meiner rechten Hand. Unglaublich, solch ein winziges Ding konnte so viel Schaden anrichten und Schmerz verursachen.
Während ich die Kugel betrachtete, atmete James schwer und rasselnd vor Erschöpfung. Er sah grauenhaft aus. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl für ihn verantwortlich zu sein. Ich konnte ihn nicht hilflos auf dem Bett liegen lassen. Innerlich verfluchte ich mein Mitgefühl für einen Killer.
Ich öffnete die Tür zum Badezimmer. Der Raum war vom Boden bis zur Decke mit vanillefarbenen großen Fliesen bedeckt, die mit bräunlichen Blumen bemalt waren. Das Bad war genauso hässlich, wie das Schlafzimmer. Durch ein viereckiges schmales Fenster drang ungehindert gleißendes Licht, was mich im ersten Moment blendete.
Instinktiv kniff ich die Augen zu. Unbeholfen tapste ich ins Bad und wartete, bis sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten. Dann steuerte ich das weiße Waschbecken an, denn dort lagen zwei braune Handtücher.
Geschwind schnappte ich sie mir, legte sie ins Becken und drehte den Wasserhahn auf. Kaltes Wasser klatschte auf den Stoff, welcher die Feuchtigkeit gierig aufsog.
Nach zwei Minuten stellte ich das Wasser ab, wrang die Handtücher aus und kehrte zu James zurück. Inständig hoffte ich, dass er während meiner Abwesenheit nicht ohnmächtig geworden war.
Meine Sorgen waren jedoch unbegründet, denn kaum hatte ich das Schlafzimmer betreten, da sah ich, wie er zitterte und ich hörte lautes Schnaufen. Mit drei großen Schritten hatte ich das Bett erreicht. Ich setzte mich hin und begann mit einem Handtuch seinen Rücken vom Blut zu befreien. Es dauerte nicht lange, bis das Tuch voll von Blut war und ich das Zweite zur Hand nehmen musste. James schien von der Prozedur nicht sehr viel mitzukriegen. Er verhielt sich die ganze Zeit beunruhigend still.
„James?“ Als Antwort erhielt ich ein tiefes Brummen.
Das reichte mir, um zu wissen, dass er noch bei Bewusstsein war. Ich machte weiter und entfernte den letzten Rest des Blutes von seiner Haut. Bei der Gegend, um die Wunde herum, war ich besonders vorsichtig.
Als das gesamte Blut verschwunden war, entdeckte ich plötzlich etwas auf seinem Rücken, das ich vorher noch nicht gesehen hatte. Ein Tattoo. Genauer gesagt waren es zwei Tattoos. Überrascht riss ich die Augen auf.
Es waren zwei Weisheiten, die in mehreren Zeilen zwischen seinen Schulterblättern tätowiert waren: Es ist ungewiss, wo uns der Tod erwartet. Erwarten wir ihn überall!
Darunter stand Die Hölle ist leer und alle Teufel sind hier. Den letzten Ausspruch kannte ich verändert aus dem Buch Der Sturm von William Shakespeare. Hart schluckte ich.
Wenn James tatsächlich an diese Aussagen glaubte, dann hatte er äußerst verquere Ansichten. Wie wild schüttelte ich den Kopf.
„Lass dich nicht ablenken“, sagte ich zu mir selbst und konzentrierte mich wieder auf seine Verletzung. Sein Rücken war nun frei von Blut, aber jetzt wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte, schließlich konnte er nicht mit einer offenen Schusswunde herumlaufen.
„Ich habe deinen Rücken gesäubert, James, aber was soll ich mit der offenen Wunde machen?“ Würde er überhaupt in der Lage sein mir eine Antwort zu geben? Verunsichert blickte ich zu seinem Gesicht, welches er noch immer im Kissen verborgen hatte. Keine Reaktion. Das war nicht gut, ganz und gar nicht.
„James?“ Leicht stupste ich ihn an. Nichts. Panik überflutete mich. War er nun doch in Ohnmacht gefallen? Ich rüttelte nun heftiger an seinem rechten Arm.
„Sag schon was, James. Bitte!“ Ich schrie ihn zornig an, aber nicht, weil ich böse auf ihn war, sondern weil er mir Angst machte. Jetzt musste ich mich entscheiden. Entweder verarztete ich ihn weiter oder ich rief einen Krankenwagen.
Ich hatte schon eine Entscheidung gefällt, als mir die Auswahlmöglichkeiten durch den Kopf geschossen waren. Er brauchte eindeutig professionelle Hilfe. Das Problem war, dass ich mein Handy nicht dabei hatte, außerdem hatte ich keine Ahnung, wo ich den Krankenwagen hinschicken sollte. Ich kannte dieses Motel nicht, daher wusste ich nicht, in welcher Straße es lag.
Scheiße, scheiße, scheiße. Ich befand mich in einem Zimmer mit einem jungen Mann, der entweder einen Schock hatte oder bereits tot war und ich saß wie versteinert auf dem Bett und war völlig ahnungslos. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich anfing jämmerlich zu heulen.
Aber ich konnte jetzt nicht aufgeben. Ich war die Einzige, die James womöglich das Leben retten konnte. Mit einem Schlag war mein Hass gegen ihn wie weggeblasen, zumindest für diesen Augenblick.
Tief atmete ich ein und aus und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Okay, ich hatte kein Handy, dass war eine Tatsache, aber vielleicht hatte James seins mit. Hoffnung keimte in mir auf. Ich wollte gerade in seine Hosentaschen greifen, als mir einfiel, dass ich seine Wunde erstmal verbinden und ihn aufsetzen sollte, damit er besser Luft bekam.
Ich verdrängte dabei einfach die Tatsache, dass er mindestens 20 Kilo schwerer war, als ich. Zuerst musste ich jedoch etwas finden, dass ich als Verband nutzen konnte. Das Laken.
Ich flitzte zur rechten Seite des Bettes und zog das Laken, soweit es möglich war, von der Matratze. Ich umfasste mit beiden Händen eine Ecke. Mit aller Kraft riss ich an dem Laken. Zum Glück war es schlecht verarbeitet und sehr dünn, dadurch ließ es sich beinahe so leicht in Stücke reißen wie Papier.
Ein Stück faltete ich mehrmals zusammen und drückte dieses fest auf James Wunde, aus der wieder etwas Blut floss. Nun kam der schwierigste Teil, das Aufsetzen.
Intuitiv hockte ich mich rechts neben ihn und umklammerte mit meinen Händen sein rechtes Handgelenk und dann zog ich. Weiter und weiter, bis er waagerecht in der Mitte des Bettes lag. In der Position konnte ich ihn später besser in eine horizontale Lage bringen.
Danach umfasste ich seine linke Hüfte und zog ihn wie eine Wahnsinnige zu mir. Es brauchte drei Anläufe, ehe ich ihn unter Ächzen und Stöhnen auf den Rücken gedreht hatte. Doch nun musste es schnell gehen, denn ich wollte, dass er so kurz, wie möglich, auf seiner Wunde lag. Ich war klitschnass vom Schweiß und meine Klamotten klebten an meiner Haut, als ich vom Bett sprang und zur linken Seite eilte.
Ich schnappte mir seine Hände und zog James´ Oberkörper nach oben. Sein Rücken krümmte sich und seine Arme baumelten leblos herunter. Die Augen hatte er geschlossen. Ich hielt den Atem an.
Oh, Gott! Bitte sei noch am Leben. Ich legte schnell meinen Zeige- und Mittelfinger an sein linkes Handgelenk, um seinen Puls zu fühlen. Im ersten Moment fühlte ich gar nichts, aber dann vernahm ich einen sehr schwachen Puls. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Innerlich jubelte ich. Er lebte. Leicht lächelte ich, doch dann dachte ich an die Versorgung seiner Wunde. Den rechten Arm hielt ich schützend um seinen Oberkörper, damit er mir nicht nach vorne oder wieder nach hinten fiel.
Dann sah ich nach der linken Schulter. Durch das Blut war das improvisierte Pflaster kleben geblieben, ich entdeckte jedoch rote Flecken, die bereits hindurchsickerten. Ich streckte meinen linken Arm und schnappte mir ein langes Stück des weißen Lakens.
Dieses wickelte ich um James, sodass das andere Lakenstück nicht doch noch herunterfiel. So weit so gut. Die Wunde hatte ich provisorisch versorgt. Jetzt konnte ich endlich nach dem Handy suchen.
Mit der linken Hand wühlte ich in seinen Taschen herum. In Einer fand ich seine Schlüssel und sein Portemonnaie, aber als ich die andere Tasche durchsuchte, hielt ich tatsächlich sein Handy in der Hand. Vor Anstrengung schlug mir das Herz bis zum Hals und mein Puls raste. Meine Hände zitterten und ich verwählte mich zweimal, obwohl die Notrufnummer bloß aus drei läppischen Zahlen bestand.
Beim dritten Mal hatte ich es geschafft. Kaum hatte jemand abgenommen, da hatte ich mit schriller Stimme meinen Notfall geschildert. Eine Frauenstimme hatte versucht mich zu beruhigen und mich aufgefordert alles noch mal in Ruhe zu wiederholen. Ich hatte ihr erzählt, dass James eine Schusswunde hatte und ich ihm die Kugel mit der Hand entfernt hatte. Danach hatte sie wissen wollen, wo ich war.
Verzweifelt hatte ich zugeben müssen, dass ich mich in einem Motel nahe dem Stadtwald befand, die genaue Adresse aber nicht kannte.
Die Frau hatte mich gefragt, ob noch jemand anders bei mir war. Ich hatte verneint. Daraufhin hatte sie mir eindringlich erklärt, dass ich James auf gar keinen Fall alleine lassen sollte und der Krankenwagen schon das Motel finden würde.
Seit ich das Telefonat hinter mir hatte, fühlte ich mich besser und nicht mehr völlig allein. Hilfe würde kommen. Das Einzige, was mir jedoch ein wenig Bauchschmerzen bereitete, war die Angst, dass der Krankenwagen das Motel nicht fand.
Wenn dies wirklich geschah, dann war James verloren. Ich saß neben ihm und hatte meine Arme um seinen starken Oberkörper geschlungen. Er war eiskalt. Mit einer Hand schnappte ich mir die dunkelgrüne Decke, die hinter James lag und legte sie um seine Schultern, um ihn zu wärmen. Dann sah ich in sein markantes Gesicht.
In den letzten Stunden war ich ihm nahe gewesen, was ich eigentlich hatte vermeiden wollen. Die Liebe war jedoch nicht zurückgekehrt. Die gemeinsame Zeit hatte meine Meinung über ihn nicht geändert. Die Abscheu und der Hass waren nicht verflogen. Er war und blieb der Grund, warum meine Eltern tot waren, ob er nun schwer verletzt war oder nicht.
Während meine Abneigung gegen James wieder stetig an die Oberfläche trat, hörte ich in der Ferne das erlösende Dröhnen von Sirenen. Ich hätte weinen können vor Glück.
Sie hatten uns tatsächlich gefunden. Jetzt lag James´ Leben nicht mehr in meiner Hand. Ich war froh, denn die Verantwortung hätte mich beinahe um den Verstand gebracht. Behutsam legte ich James das letzte Mal auf den Rücken, damit ich aufstehen und die Sanitäter holen konnte.
Ich lief aus dem Zimmer ins strahlende Sonnenlicht. Draußen war es nicht so heiß, wie Drinnen, denn es wehte eine leichte und erfrischende Brise, die mir die Haare in mein Gesicht blies.
Meine Augen brannten, doch ich schloss sie nicht. Ich machte ein paar Schritte und stand auf einem offenen Platz. Rechts entdeckte ich eine Art Bungalow mit dunkel angelaufenen Außenwänden. Über der Eingangstür, hinter der eine weitere Tür zum Insektenschutz angebracht war, hing ein überdimensionales Schild: Easy Drive Motel.
Neben dem Bungalow befand sich ein langer Schlauch aus bröckelnden Wänden, in dem sich die einzelnen Zimmer befanden. Eine Menge Türen reihten sich nebeneinander. Mitten auf dem Platz stand der weiße Krankenwagen.
Auf der Treppe vor der Eingangstür tummelte sich eine handvoll Menschen, die nervös miteinander tuschelten und auf den Wagen zeigten. Manche Zimmertüren wurden aufgerissen und die Bewohner schauten ebenfalls neugierig oder verunsichert nach draußen.
Ich achtete gar nicht auf sie, stattdessen stürmte ich mit vollem Tempo zum Krankenwagen, aus dem gerade zwei Sanitäter mitsamt ihrer Ausrüstung stiegen. Ein großer, dunkelhaariger Mann mit Dreitagebart sah mich als Erster.
„Haben Sie uns gerufen?“ Eifrig nickte ich.
„Wo ist der Verletzte?“ Wortlos zeigte ich auf die offene Tür hinter mir.
Mit ernster Miene trat er schnellen Schrittes an mir vorbei. Der andere Sanitäter öffneten schnell die Türen des Wagens und schob mit lautem Geklapper eine Trage heraus. Teilnahmslos sah ich dabei zu, wie sie zum Zimmer hasteten und die Trage durch die Tür bugsierten. Ich wagte es nicht zurückzugehen und dabei zuzusehen, wie James zwischen blutbefleckten Laken notversorgt wurde.
Ich blieb einfach bewegungslos auf meinem Platz stehen. Die erschrockenen Blicke der anderen Gäste konnte ich dabei in meinem Nacken spüren. Ein tosendes Krachen erweckte mich aus meiner Starre.
Die zwei Sanitäter schoben die Trage. Aus einer bräunlichen Decke ragte James´ schneeweißes Gesicht hervor. Der große Sanitäter lief neben der Trage her und hielt zusätzlich einen Beutel mit Kochsalzlösung. Der dünne Schlauch führte unter die Decke zu James´ rechten Arm. Blitzschnell verfrachteten sie ihn mit geübten Handgriffen in den Krankenwagen. Ein junger Sanitäter mit verstrubbelten blonden Haaren blieb hinten im Wagen, um sich während der Fahrt um James zu kümmern. Der große Sanitäter kam, wie in Zeitlupe, auf mich zu.
„Sie sollten auch mitkommen. Sie sehen sehr blass aus.“ Seine krächzende Stimme war für meine Ohren unerträglich.
„Mir geht es gut. Ich bin bloß müde.“ Ich sagte die Wahrheit, doch ich konnte es verstehen, wenn er mir nicht glaubte, schließlich musste ich mit den Unmengen von Blut auf meinen Klamotten, der bleichen Haut und meinem leeren Blick ziemlich kränklich und verstört aussehen.
„Sie müssen auch nicht sehr lange bleiben. Wir werden Sie bloß durchchecken.“ Der besorgte Blick, den er mir zuwarf, entging mir nicht. Da der Sanitäter wahrscheinlich erst Ruhe gab, wenn ich mitfuhr, gab ich meine Einstimmung und folgte ihm zum Wagen.
Galant öffnete er mir die Beifahrertür und ich stieg ein. Sekunden später setzten wir uns in Bewegung und der Sanitäter schaltete erneut die Sirene ein.
Die Fahrt ins Krankenhaus dauerte eine Viertelstunde. Durch die Windschutzscheibe sah ich das hohe weiße Gebäude, das von einigen Ulmen umsäumt wurde.
Die vielen Fenster blitzten im Sonnenlicht und schienen mich blenden zu wollen. Ich wendete meinen Blick ab und starrte auf meine Knie. Die ohrenbetäubende Sirene über mir hörte ich schon gar nicht mehr. Es war eher wie ein permanentes Rauschen.
Die ganze Zeit hatte ich keinen einzigen Gedanken fassen können. Es hatte völlige Leere in meinem Kopf geherrscht. Ich schwebte noch immer zwischen Traum und Realität, in einer Welt, die mich weder auf die eine, noch auf die andere Seite gehen ließ. Ich war verwirrt und hilflos. Ich wollte nichts mehr, als wieder klar denken zu können und aus diesem merkwürdigen Zustand ausbrechen.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Ich zuckte zusammen. Aus dem Augenwinkel sah ich den großen kernigen Mann. Wir mussten wohl schon im Krankenhaus sein. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass der Wagen angehalten hatte.
„Mir ist schwindlig und ich habe Kopfschmerzen“, antwortete ich. Meine Worte hörte ich kaum. Sie schienen von weit her zu kommen.
„Kommen Sie mit mir. Ich bringe Sie rein.“ Kaum merklich nickte ich und stieg aus. Der Sanitäter stützte mich. Ich hob den Kopf und sah mich um. Wir standen in einer übergroßen Garage mit einem anschließenden breiten sterilen Flur, der von kaltem elektrischem Licht erhellt wurde.
Hier kamen die Krankenwagen mit den Schwerverletzen an. Der Flur war gut verständlich ausgeschildert. Wenn man nach einer Flügeltür aus Glas nach links bog, dann gelangte man in die Notaufnahme. Der Sanitäter folgte meinem Blick.
„Er ist bereits in die Notaufnahme eingeliefert worden, mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen.“ Ich musste mir auf die Zunge beißen, damit mir kein böses Wort über James herausrutschte.
„Danke“, entgegnete ich bloß kurz angebunden.
„Kommen Sie.“ Er berührte mich leicht an der Schulter.
Langsam folgte ich ihm durch die Tür, die er mit einem Knopf an der Seite öffnete. Geschmeidig glitten die Flügel auseinander. Mir schlug der Geruch von Desinfektionsmittel entgegen. Sogleich rümpfte ich die Nase. Es war nichts zu hören außer den Schritten meines Begleiters.
Ich hasste Krankenhäuser, denn sie waren mir unheimlich. Ich mochte die deprimierende Atmosphäre und die seltsamen Geräusche und Gerüche nicht.
Wir gingen weiter den langen Flur hinab, bis zu einem Untersuchungszimmer. Er blieb im Türrahmen stehen, während ich eintrat. Mir fielen die ganzen verschiedenartigen Geräte ins Auge. Sie waren mir nicht geheuer. Ich schluckte.
„Setzen Sie sich auf die Liege. Es kommt gleich jemand und untersucht Sie.“ Aufmunternd lächelte er mich an, bevor er verschwand. Dann war ich wieder allein.

Die Untersuchung hatte wirklich nicht lange gedauert. Eine freundliche Ärztin mit goldblonden Haaren, einem weißen Kittel und einem Stethoskop hatte mich mit einem strahlenden Lächeln begrüßt und mich aufgefordert mich hinzusetzen.
Mit einem mulmigen Gefühl war ich auf die Liege, die mit dünnem gräulichem Papier ausgelegt war, gehopst und hatte nervös meine Hände geknetet. Dann hatte ich die Untersuchung über mich ergehen lassen. Sie hatte mir den Puls gefühlt, mein Herz abgehört, mich abgetastet, meine Reflexe getestet, sowie die Reaktion meiner Augen kontrolliert. In dieser Zeit hatte sie mich nach meinem Namen gefragt und sie hatte wissen wollen, was mit mir passiert war.
Mit zusammengeschobenen Augenbrauen hatte sie meine, mit Blut übersäten, Klamotten betrachtete. Meinen Namen hatte ich ihr direkt genannt, doch über die letzten Stunden hatte ich nicht reden wollen, egal, wie sehr ich mich nach einer Person sehnte, der ich alles anvertrauen konnte.
Verständnisvoll hatte sie genickt, aber ich hatte das Gefühl gehabt, dass sie es für besser gehalten hätte, wenn ich mit ihr geredet hätte.
Die Ärztin erhob sich von ihrem Hocker und entsorgte ihre Gummihandschuhe in einem metallenen kleinen Mülleimer.
„Ich kann Ihnen sagen, dass Sie völlig gesund sind, Miss Dugan. Der Schwindel und die Kopfschmerzen, von denen Sie mir erzählt haben, werden bald verschwinden, wenn Sie sich an der frischen Luft aufhalten und etwas trinken“, sagte sie mit monotoner Stimme und wandte sich zu mir.
„Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht mit mir reden möchten? Der Sanitäter, der Sie hierher gebracht und mich geholt hat, hat mir erzählt, dass ein junger Mann mit einer Schusswunde eingeliefert worden ist und dass Sie den Krankenwagen gerufen haben.“
„Ja“, presste ich angestrengt hervor. „Aber ich will nicht darüber reden.“
„Na gut. Wir werden sowieso die Polizei verständigen. Das ist bei Schusswunden Pflicht.“ Sie schien mehr mit sich selbst zu reden, als mit mir.
„Wollen Sie jemanden anrufen, der Sie abholt? Ihre Eltern vielleicht?“
Die Frage kam hart und unerwartet. Sie traf mich mitten ins Herz und zwar mit einer Kraft, die mir schlagartig die Luft raubte. Eine gewaltige Welle des Schmerzes schwappte über mich und drückte mich in weite Tiefen der Trauer und Verzweiflung.
Mit aller Macht versuchte ich mich zusammenzureißen, damit ich vor der Ärztin keinen Nervenzusammenbruch erlitt. Ich verkrampfte meine Muskeln und ein Zucken fuhr durch meinen Körper. Die blonde Frau machte ein erschrockenes Gesicht.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Routiniert überprüfte sie wieder meinen Puls und die Augenreaktion. Meine Zähne klapperten, denn auf einmal war mir fürchterlich kalt.
„Sagen Sie doch etwas, Miss Dugan.“ Ihr angespanntes, schmales Gesicht tauchte vor mir auf.
„Mir ist bloß so schrecklich kalt.“
„Warten Sie.“
Sie eilte mit wehendem Kittel zu einem Schrank und zog mehrere Decken hervor. Diese wickelte sie fest um meinen bebenden Körper, sodass ich meine Arme kaum noch bewegen konnte.
„Am Besten bleiben Sie zur Beobachtung noch ein paar Stunden hier.“
„Das ist nicht nötig, wirklich.“ Ich wollte unter keinen Umständen weiterhin im Krankenhaus bleiben.
„Sie bleiben hier“, setzte sie in einem befehlenden Ton nach.
„Ich bringen Sie jetzt in ein Zimmer und dann rufe ich Ihre Eltern an.“
„NEIN!“, brüllte ich.
„Meine Eltern sind tot.“
Nachdem ich diese Worte ausgesprochen hatte, brachen bei mir alle Dämme. Heiße Tränen drängten sich aus meinen Augen und tropften auf meine Schlafanzughose.
„Das tut mir leid.“ Ihre zarte Stimme war erfüllt von Mitleid. Behutsam streichelte sie mir über den Kopf.
„Wir suchen Ihnen ein Zimmer, in dem Sie zur Ruhe kommen können und dann sehen wir weiter, okay?“ Sie reichte mir ein Taschentuch.
„Ja.“ Dankbar sah ich in ihre blauen Augen. Vielleicht war es doch besser, wenn ich nicht alleine war.
Die Ärztin umfasste meinen Oberkörper und half mir von der Liege herunterzukommen. Ich war froh, als ich den Untersuchungsraum hinter mir lassen konnte. Gemeinsam gingen wir den Flur entlang. Uns kamen gestresste Krankenschwestern und Ärzte entgegen, die uns keine Beachtung schenkten. Ich fühlte mich irgendwie fehl am Platz.
Da ich nicht krank war, gehörte ich hier auch nicht hin. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als eine Tür vor mir geöffnet und ich in ein typisches Krankenhauszimmer bugsiert wurde. Es war spartanisch eingerichtet.
Ein Metallbett stand neben einem Fenster. Daneben war ein Kleiderschrank gestellt worden. Ein kleiner Tisch mit einem Stuhl rundete die Einrichtung ab. Die Wände und das gesamte Mobiliar waren weiß, dadurch entstand eine kühle und unangenehme Atmosphäre. Ich bekam eine Gänsehaut. Derweil hielt mir die Ärztin eines dieser schrecklichen Krankenhaushemden vor die Nase. Vermutlich wollte sie, dass ich meine dreckigen Sachen so schnell wie möglich auszog.
„Ich empfehle Ihnen zu schlafen, Miss Dugan. Ich werde später noch mal nach Ihnen sehen.“ Mechanisch nickte ich und nahm das Hemd. Dann ging sie.
Nachdem die Ärztin das Zimmer verlassen hatte, zog ich mir das scheußliche Hemd an und setzte mich aufs ordentlich gemachte Bett. Obwohl ich wusste, dass mir Schlaf gut tun würde, legte ich mich nicht hin.
Komischerweise war ich nicht mehr müde. Ständig dachte ich daran, wie ich der Ärztin meinen Ausraster erklären sollte. Sollte ich sie anlügen und ihr erzählen, dass meine Eltern schon vor ein paar Jahren gestorben waren oder sollte ich sie doch über die Ereignisse der vergangenen Stunden aufklären?
Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte. Das Richtige wäre wohl die Wahrheit zu sagen und die Mörder meiner Eltern bei der Polizei anzuzeigen. Sie würden sowieso bald wegen James hier sein.
Dann wäre es sein Problem, wie er aus der Sache herauskam, denn ich würde sicherlich nicht für ihn lügen. Durch meine Aussage bei der Polizei würde ich zumindest mein schlechtes Gewissen, das durch meine unterschwelligen Gefühle für James hervorgerufen wurde, beruhigen können.
Doch es gab etwas, was ich vorher noch unbedingt tun musste. Für mein Vorhaben hatte ich einige Stunden Zeit, denn die Ärztin ging davon aus, dass ich friedlich in meinem Bett lag und mich ausruhte. Entschlossenheit erfüllte mich, als ich enthusiastisch vom Bett herunterglitt.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media