Anfang vom Ende

»Ich wette, ich bin schneller am Strand als du!«, lachte Lachlan, schubste mich und rannte einfach davon. Einen Moment war ich überrascht, dass er solche Kraft hatte, wo er doch in der vergangenen Woche noch mit einer Erkältung darnieder lag, aber dann realisierte ich, dass er mich herausgefordert hatte. Ich straffte meine Schultern und rannte hinter ihm her.

Er war kleiner als ich – überhaupt war er kleiner als wir alle – aber von uns Geschwistern (wir schrieben Frühsommer 1290 und meine Mutter stand kurz vor der Niederkunft mit Baby Nr. 11) war er der Schnellste.

Er konnte rennen wie der Wind und oft hatte ich das Gefühl, dass es ihm nur dann wirklich gut ging. Es machte seine Lunge frei und ließ ihn atmen.

Auch dieses Mal gelang es mir nicht, den Zwerg einzuholen und als ich an dem Felsen am Strand ankam, saß er darauf und grinste über beide Backen.

»Was habe ich dir gesagt? Ich laufe euch allen davon.«

Seinen darauffolgenden heftigen Hustenanfall ließen wir beide unkommentiert.

»Was meinst du, wird es diesmal? Meinst du, Mutter hat Recht mit ihrer Vermutung, dass es ein Mädchen wird?«, murmelte er und ich nahm neben ihm auf dem Stein Platz.

Das letzte Baby, Andrew, war ein Junge und entwickelte sich den Umständen entsprechend gut. Die zwei Kinder vor ihm, Fiona und Freda, waren beides Mädchen. Fiona machte sich recht gut, Freda war kurz vor dem Jahreswechsel gestorben.

»Ich weiß es nicht... aber ich wünschte... ich wünschte, das würde endlich aufhören«, flüsterte ich.

 

Ein neues Baby bedeutete Sorgen für die ganze Familie. Mit jedem neuen Baby galt es, ein weiteres Maul zu stopfen und eigentlich hatten wir jetzt schon zu wenig für uns alle.

Ich erinnere mich, dass ich mir schon damals auch Sorgen um meine Mutter machte. Eine Geburt war zu jeder Zeit ein immenses Risiko und wäre sie gestorben, hätte mein Vater uns alle im Stich gelassen, in Waisenhäuser und an Höfe verteilt, als Arbeitskräfte. Vielleicht nicht, weil wir ihm nichts bedeuteten, aber er konnte uns alleine niemals versorgen.

Das machte mir Angst.

Deswegen fürchtete ich die Zeit, wenn ein neues Baby geboren wurde. Denn sobald dies der Fall war, begann mein Vater wieder, nachts bei meiner Mutter zu liegen.

Ich war noch ein Kind damals, aber ich wusste, wenn er dies tat, würde es in einem Jahr ein neues Baby geben und ich hasste ihn dafür.

Ich hasste ihn, weil er sich nicht unter Kontrolle hatte, weil er Mutter belästigte und weil er die Familie immer weiter in die Armut trieb mit seiner Gier.

 

»Ich auch«, hörte ich Lachlan nuscheln. Mein Blick lag auf ihm und ich erinnere mich, dass ich ein weiteres Mal darüber nachdachte, wie wenig er mir ähnelte.

Ich fuhr ihm mit den Fingern durch das goldene Haar und knuffte ihm auf die Schulter, bevor ich von dem Felsen sprang und ihn hinterher zog.

Wir verbrachten den Tag am Strand und gruben Krebse aus dem Sand aus. Stolz auf unsere Beute trabten wir mit dem Sonnenuntergang nach Hause und hörten schon von Weitem das Geschrei, welches nur von einem Neugeborenen stammen konnte.

Wir seufzten beide gleichzeitig und wollten die Hütte betreten, als wir ein Poltern hörten und Stimmen, die miteinander sprachen.

Ich war von Natur aus der Neugierigere und zog Lachlan unter das Fenster, aus dem das Gespräch ins Freie drang.

 

»William, das kannst du nicht ernst meinen?« Die Stimme meiner Mutter war matt und schnaufte etwas. Die Geburt muss anstrengend gewesen sein.

»Was sollen wir deiner Meinung nach machen, Angela? Der Junge ist eine Last. Er kann nicht arbeiten wie die anderen, aber er isst genauso viel. Denk doch an die anderen. Es ist besser, wenn wir ihn weggeben.«

Meine Mutter machte ein Geräusch, irgendwo zwischen Schluchzen und Seufzen.

»Aber... bei diesen wildfremden... auch wenn es... bist du wirklich vollends überzeugt, dass es Lachlan dort gut haben wird?«

 

Die Zeit blieb in eben dieser Sekunde stehen. Dieser Augenblick hat sich in mein Gehirn eingebrannt und ich werde niemals vergessen, wie Lachlans blaue Augen mich anstarrten, als wüsste ich den geheimen Zauber, der uns aus diesem Alptraum aufwachen ließ.

Wie erstarrt saßen wir unter dem Fenster und lauschten der Unterhaltung der Eltern, die sein und auch mein Leben für immer verändern sollte.

 

»Hey... wetten, dass ich es schaffe, dass du bleiben kannst?«, murmelte ich eine leise Herausforderung zu meinem jüngeren Bruder, dem Tränen aus den Augen kullerten und ich bin bis heute nicht sicher, ob er das damals gehört hat...

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