In der Grundschule bastelten wir viel. Ich liebte den Kunstunterricht schon seit der ersten Klasse. Es war und blieb bis zu meinem Abitur vor zwei Jahren eines meiner Lieblingsfächer, denn es war das Einzige, bei dem nicht dein Intellekt oder deine Fähigkeit dir tausende von Vokabeln merken zu können eine Rolle spielten, sondern das, was du mit deinem Herzen spürst.

Am Anfang der vierten Klasse kam ich auf eine neue Schule, in einer neuen Stadt, in einem anderen Bundesland. Nun schon das dritte Mal. 

Ich fand nur sehr mäßig Anschluss an andere Kinder. Statt mich also mit Gleichaltrigen anzufreunden, verbrachte ich sehr viel Zeit... mit meiner Mutter.

Sie war stets zur Stelle, wenn Not am Mann war oder eine Umarmung fällig wurde. Wenn man jemandem sein Herz ausschütten musste und, wenn man herumalberte, indem man kitschige Filme zitierte. 
Sie war das, was man sich von einer Mutter wünschte, denn sie opferte jede freie Minute für mich.

Eines Tages bekamen wir im Kunstunterricht ein spezielleres Thema als sonst: Wir sollten Engel basteln.
Vorlagen aus hautfarbener Pappe waren dazu von unserer Lehrerin schon bereit gelegt wurden.
Vor uns bot sich ein Sammelsorium an Glitzerpulver, silbernem Engelshaar, roten Herzen, schimmernden Blüten und unzähligen Sternen aus Folie und weiße Papierdeckchen mit ausgestanzten Mustern für die Kleider der Engel. 
Ich konnte es kaum erwarten einen funkelnden, bunten Engel zu kreieren, da fiel mir etwas auf.
Die Vorlagen waren von unterschiedlicher Größe. 
Es gab kleine, aber auch große Engel.

Natürlich hatte ich da sofort eine Idee: Ich wollte einen Mamaengel und einen Kindengel basteln!
Das würde meiner Mutter eine riesige Freude bereiten. Und ich behielt recht.

Kaum waren die himmlischen Figürchen fertig gezaubert, überraschte ich damit meine damals beste Freundin.
Und so wie man sie kannte, klebte sie die Engel an die Wand neben das Bett meiner Eltern, um sie vor dem Einschlafen bewundern zu können.
Viele Jahre vergingen - aber die Engel - sie blieben an Ort und Stelle.

Bis sich... vor Kurzem etwas abspielte, was man schon als Metapher oder Allegorie bezeichnen konnte, oder vielleicht sogar als Schicksal.

Inzwischen war ich 19 Jahre alt, mit der Schule fertig (und ebenfalls mit meinen Nerven, bevor ich drei Klinikaufenthalte hinter mir hatte), hatte seit einem Jahr keine Beschäftigung gefunden. Kein Studium, keine Ausbildung, kein Job. Die Kunsthochschule war eine Nummer zu groß für mich gewesen. Ich hatte mich reingehängt, wurde jedoch abgelehnt. Dann entschied ich mich für Sprachen. Keine Kunst also, keine Kreativität, Sprachwissenschaft. Grammatik, Sprachentwicklung, Fremdsprachen. Aber bis dahin war noch Zeit.

Und vor einigen Wochen fiel, ganz unvorhergesehen und ein wenig ironisch, der kleinere der beiden Engel von der Wand.
Meine Mutter fand ihn und hob ihn vom Boden auf.
Sie blickte mich mit einem schwermütigen Gesichtsausdruck an und fragte:

"Ist das ein Zeichen dafür, dass du dich von mir... distanzierst?"

Comments

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    Ein sehr berührender Text! Schön wieder etwas von dir zu lesen! Ich wünsche dem „kleinen“ Engel viel Glück auf seinem Wege! :-)

  • Author Portrait

    Sehr berührend! Der kleine Engel ist - erwachsen geworden!

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Fairy Dust

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