Animalrider (13)

Eine wunderbare Wärme zog in ihr Herz ein, wenn sie daran dachte, dass auch in ihr das Blut dieses Volkes floss. Sie wusste etwas Besonderes erwartete sie dort, im Lande ihrer Vorfahren. Etwas das ihr Leben nachhaltig beeinflussen würde. Manchmal spürte sie deswegen auch eine Furcht in sich aufsteigen. War sie wohl schon bereit für das, was sie erfahren würde? Was würde sie überhaupt alles erfahren? „Wenn ich nun tatsächlich eine Animalriderin wäre?“ fragte sie sich. „Was wird dann aus mir und meinem bisherigen Leben? Was für Prüfungen erwarten mich noch?“ Sie legten sich auf das Bett mit der alten, durchhängenden Matratze und starrte hinauf zur weissverputzten Decke...

Vor ihr tauchte das Bild einer endlos weiten Ebene mit ausgetrocknetem Gras und einigen niedrigen Büschen auf. Sie sah sich selbst mit wehendem Haar auf einem schwarzen Pferd, über diese Steppe reiten. In ihren Händen trug sie das Kalumet: Zeichen des Friedens zwischen aller lebenden Kreatur... Mit diesem Bild vor Augen schlief sie ein... 

Tags darauf bezahlte sie das Hotel, ass ihr Frühstück und begab sich dann wieder zum nahe gelegenen Flugplatz John F. Kennedy. Von dort aus nahm sie die bereist gebuchte Inland maschine, die sie weit ins Landesinnere nach South Dakota brachte. Sie überquerte den Osten der USA, der immer trockener wurde, je mehr man sich Richtung Westen bewegte. Bald erschienen dann unter ihr die sogenannten Badlands, rotbraune bizarre Gesteinsformationen, die einst durch die Erosion geschaffen worden waren. Hier gab es heute sogar einen Nationlpark. Die endlose, vom Wind zerzauste Steppe, die von einigen Flüssen durchzogen war, wurde auf der westlichen Seite von den Rocky Mountains flankiert. Nathalie wusste aus dem Reiseführer, dass in den Plains in erster Linie Mais und Weizen angepflanzt wurde. Einst war in diesem Land, vornehmlich in der Gegend um die Black Hills, die traditionell ein heiliges Gebiet der Indianer waren, der Goldrausch ausgebrochen. Heute wurde hier vorwiegend nach Quarzen und Mineralien gegraben. Im nahen Custer State Park einem Nationalpark, lebten die weltweit grössten Büffelherden. Nathalie hoffte sie würde noch Zeit finden gewisse Dinge anzuschauen, doch das hing von ihrem Lehrer ab. Vielleicht wollte er ihr andere Dinge zeigen. Ihr Herz klopfte auf einmal einige Takte schneller. Wieder glaubte sie etwas ganz Besonderes liege vor ihr. Würde sie hier die Erkenntnis finden, die sie von ihrer Herkunft überzeugte. Wenn nicht hier, wo dann?

Der Flugplatz auf dem sie schliesslich landete war nicht sehr gross, gegenüber jenem in New York. Sie stieg etwas zögernd aus und blickte sich um. So weit das Auge reichte,  erstreckten sich trockene Ebenen. Dieses Land wirkte so endlos und weit. Da bot die Stadt Rapid City mit ihren vielen Motels und Einkaufszentren, doch eine gewisse Geborgenheit. „Schon seltsam,“ dachte das Mädchen bei sich. „Eigentlich sollte es mich ja hinaus in die Steppe ziehen, da ich ja eine halbe Indianerin bin. Doch ich fürchte mich vor dieser unbekannten Weite. Und ich soll eine Animal Riderin sein?“

Erstmal aber sehnte sie sich nach einer Mütze Schlaf, die Zeitverschiebung setzte ihr zu. Es galt nun auf Wandernder Bär zu warten, der sie hier abholen wollte.

Das Motel war erneut ziemlich einfach eingerichtet. Doch das störte das Mädchen nicht. Sie war einfach glücklich in der Heimat ihrer indianischen Vorfahren zu sein. Wie Wandernder Bär gesagt hatte, war es hier ziemlich kühl, ein kalter Wind blies. Zum Glück war Nathalie aber ausgerüstet. Sie ass etwas Kleines im Mc Donald, der in der Nähe lag und schlüpfte dann mit dicken Bettsocken unter die Decke ihres Motelbettes. Sofort schlief sie ein.

Am nächsten Tag, war noch immer nichts von Wandernder Bär zu sehen. So entschied sich Nathalie etwas die Stadt zu besichtigen, von der sie eine Karte gekauft hatte. Hier sah sie schon einige Indianer auf den Strassen herumgehen. Sie besassen rundliche Wangenknochen und ihre schwarzen Augen leuchteten wie dunkle Edelsteine aus den bronzebraunen Gesichtern. Viele von ihnen, waren eher etwas übergewichtig, das hatte wohl mit der Fast Food Kost zu tun.

Nathalie dachte an den fettigen Hamburger, den sie am Mittag verdrückt hatte und ermahnte sich selbst, dass diese Kost ihrer Linie auf Dauer gar nicht zuträglich sein würde.

Als das Mädchen am späten Nachmittag wieder zurück in ihre Pension kam, erwartete sie dort eine Überraschung: Wandernder Bär begrüsste sie. Sie hatte das Fenster, vielleicht einem Innern Impuls folgend, etwas offen gelassen. Scheinbar hatte der Schamane so erneut einen Weg gefunden in ihr Zimmer zu gelangen. Das konnte schon unheimlich sein, wenn einer keine guten Absichten hegte.

Sie begrüsste den alten Indianer, diesmal keineswegs überrascht und er fragte: „Hattest du eine schöne Reise?“ „Ja und du?“ „Oh ich auch!“ Ich hatte noch etwas zu erledigen, darum bin ich erst jetzt hier.“ „Ich habe etwas die Stadt erkundet.“ „Ja, es gibt in dieser Gegend viel Interessantes zu sehen. Vielleicht finden wir noch die Zeit eine Touristen- Tour zu machen.“ Dabei lächelte er verschmitzt. Dann meinte er: „ Jedenfalls solltest du erstmal deine Sachen zusammen packen, wir fahren an einen etwas schöneren Ort.“

„Wohin?“ „Zu meinem Sohn „Schwarzes Pferd“. Er lebt auf einer Farm. Dort ist er der Vorarbeiter eines weissen Mannes.“ „Ein Vorarbeiter?“ fragte Nathalie, während sie ihre Kleider in ihrem grossen Rucksack verstaute „Dann muss er es aber recht gut haben. Man hört immer wieder, dass es die Indianer oft sehr schwer haben eine Arbeit zu finden und die meisten in Reservationen leben.“ „Das stimmt auch zum grossen Teil,“ erwiderte Wandernder Bär nachdenklich. „Ich selbst lebe in der Pine Ridge Reservation hier in der Nähe. Es ist keine sehr angenehmer Platz. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 80%. Viele meiner Brüder und Schwester haben nicht mal Strom. Allerdings versuchen wir immer unser Leben zu verbessern. Wir haben schon ein paar Dinge geschafft, doch wir müssen uns immer alles sehr erkämpfen. Wir kommen nicht darum herum, uns immer mehr der modernen Zeit anzupassen, wenn möglich eine Ausbildung zu machen etc. Es gibt Brüder, die es geschafft haben und jetzt wichtige Männer sind, die auch schon etwas bewegten. Leider liegen sich auch die Indianer selbst immer wieder in den Haaren. Es gibt jene die sich an die alten Traditionen klammern und andere, die modern eingestellt sind und sich mehr anpassen wollen. Wir müssen zusammen irgendwann einen Weg finden, sonst wird es nie besser für unser Volk.“ „Zu welcher Gruppe zählst du dich Grossvater: Zu den Traditionalisten oder zu den Modernen?“ Wandernder Bär seufzte:

„ Natürlich liegt mir sehr viel an den alten Traditionen, dennoch ist alles stets einem Wandel unterworfen. Es wird nie mehr so werden, wie es einst war. Wir müssen uns dennoch Gehör verschaffen. Aber nicht mit Krieg, sondern mit friedlichem, zeitgemässem Widerstand. Es soll nie mehr so etwas passieren, wie damals in den Siebzigern, mit der Besetzung von Wounded Knee, als mehrer Leute ums Leben kamen“...

Die Stimme des Indianers klang wie aus weiter Ferne, als er das sagte. Dann aber, schien er wie aus einem Traum zu erwachen und sah Nathalie direkt in die Augen: „Doch ich will dir nicht zuviel von diesen traurigen Dingen erzählen, du wirst noch früh genug sehen, wie wir leben. Jedenfalls wird es dir bei meinem Sohn gefallen. Er hat es gut auf der Ranch. Sein Arbeitgeber ist ein gütiger Mann, der keinen Unterschied zwischen den Hautfarben macht. Schwarzes Pferd macht seine Arbeit auch sehr gut. Er kann aussergewöhlich gut mit Pferden umgehen, weshalb er auch so von uns genannt wird.“ „Ist er... auch ein Animal Rider?“ „Auf seine Weise ja, allerdings kann er sich nicht in ein Tier verwandeln wie z.B. ich es kann.“ „Ich sollte es aber können?“ fragte Nathalie zweifelnd. „Wenn du bereit dazu bist... ja. Du trägst das Zeichen der Animal Rider.“ „Was denn für ein Zeichen?“ „Ein Zeichen, das nur die Tiere wahrnehmen können, ein uraltes Zeichen... ich sah es auch noch nie. Doch ich weiss dass du es trägst, mein Sohn jedoch nicht...“

 

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    Da werden auch in mir Sehnsuchtsgefühle wach...

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