Animalrider (16)

Schliesslich gingen sie und Weisse Feder wieder ins Haus, denn es wurde immer kälter, eine unangenehme Bise begann zu blasen.

Als sie den vom flackernden Schein des Feuer erhellten Wohnraum betraten, stieg ihnen ein leckerer Geruch in die Nase. Schwarzes Pfernd kniete neben dem Kamin und rührte in einem grossen Topf, worin eine nahrhafte Suppe mit Bohnen, Mais und Büffelfleisch kochte. Wandernder Bär kam ihnen lächelnd entgegen: „Mein Sohn ist ein sehr guter Koch,“ sprach er an Nathalie gewandt. „Das ist nicht unbedingt die Regeln unter den Indianischen Männern, ausser sie sind gerade draussen auf Jagd oder so. Doch Schwarzes Pferd hat das alles lernen müssen, da er ja alleinerziehend ist. Setzt euch da an den Holztisch, es wird gleich angerichtet!“ Die Mädchen taten wie ihnen geheissen. Vor ihnen standen tönerne Schalen und hölzerne Löffel. Ein angeschnittener Laib Brot befand sich in der Mitte des massiven Esstisches. „Reicht mir eure Schalen rüber!“ forderte sie Schwarzes Pferd auf. „Zuerst der Gast!“ Weisse Feder nahm Nathalies Schale und reichte diese ihrem Vater, der sie bis oben füllte. „Vielen Dank! -pila...maya“ sprach diese mit einem freundlichen Lächeln. „Das riecht wunderbar!“ Wieder kreuzte sich ihr Blick mit dem des jungen Indianers und beide wurden erneut verlegen. Als alle ihre Schalen gefüllt hatten, begannen sie zu essen.

Sie unterhielten sich über allerlei und Nathalie erfuhr, das Schwarzes Pferd von den Weissen Jonathan Blackhorse genannt wurde. Er war auch unter diesem Namen registriert. Er war nun bereits zehn Jahre hier auf der Farm und hatte schon Duzende von Mustangs gezähmt. „Es gibt nun wieder viel mehr wilde Mustangherden in den Great Plains,“ erklärte er Nathalie. „Nachdem sie in den Sechzigern fast ausgerotter wurden, begann man sie mehr zu schützen. Ab und zu werden die Mustangs dann eingefangen und zu Reitpferden ausgebildet. Dazu aber braucht es eine Erlaubnis. Die Mustangs sind manchmal noch sehr wild, doch wenn man sie als Geschwistern, ja gar Lehrer der Menschen sehen lernt und sie dementsprechend gut behandelt, können sie sehr gute Reittiere werden. So wie mein Rappe Glanzstern, den dir meine Tochter sicher gezeigt hat.“ Er lächelte erneut sein gewinnendes Lächeln und fuhr Weisse Feder, die neben ihm sass durchs Haar. „Ein sehr schönes Tier,“ bestätigte Nathalie. „Leider war es schon etwas dunkel, um es in seiner ganzen Pracht zu sehen.“ „Morgen wirst du Glanzstern genau sehen. Er ist für mich das schönste Pferd der Welt. Er und ich sind Eins, darum erhielt ich auch meinen Namen „Schwarzes Pferd“. „Das schwarze Pferd, so heisst es,“ mischte sich Wandernder Bär ins Gespräch „kommt von der Leere, von dort wo die Antwort wohnt. Es gibt dazu eine Legende, die ich dir erzählen will: „Einst vor langer Zeit, reiste ein Medizinmann namens „Traumwanderer“ zu einem entfernten Indianerstamm, um mit diesem die heilige Pfeife des Friedens zu rauchen. Am Fusse eines Hügels, entdeckte er dann eine Herde wilder Präriepferde. Schwazer Hengst kam auf ihn zu und fragte ihn, ob er auf seiner Reise eine Antwort suche. Er sagte: „Ich komme von der Leere, von dort wo die Antwort wohnt. Reite auf meinem Rücken und lerne die Macht kennen die darin liegt, in Dunkelheit einzutreten und das Licht zu finden.“ Traumwanderer dankte ihm und versprach ihm, ihn in der Traumzeit aufzusuchen, sobald er seine Kraft brauchte. Als nächster näherte sich Gelber Hengst und bot an, Traumwanderer nach Osten zu tragen, dorthin wo die Erleuchtung lebt. Traumwanderer könne die Antworten, die er dort finden werde, andern weitergeben und so zu ihrer Erleuchtung beitragen. Traumwanderer bedankte sich wieder und sagte, er werde auf seiner Reise sicher von diesem Geschenk der Kraft Gebrauch machen. Jetzt näherte sich Roter Henst. Er bäumte sich verspielt auf und erzählte von dem Vergnügen, das darin liegt, Arbeit und gewichtige Medizin mit der frohen Erfahrung des Spiels auszugleichen. Er sagte, dass es leichter ist die Aufmerksamkeit der Zuhörer für wichtige Mitteilungen zu fesseln, wenn man immer wieder Humor einfliessen lässt. Traumwanderer dankte ihm ebenfalls und versprach das Geschenk der Freude nicht zu vergessen.

Er näherte sich nun immer mehr seinem Bestimmungsort. Da kan Weisser Hengst an die Spitze. Traumwanderer stieg auf seinen Rücken. Weisser Hengst war Träger der Botschaft von allen andern Pferden und stand für die zur Macht gelangten Weisheit. Dieses wunderbare Pferde war die Verkörperung des ausgewogenen Medizinschilds...“

Wandernder Bär schwieg nun einen Moment und seine Worte schienen im Raum zu widerhallen. Nathalie und auch die beiden andern waren tief bewegt. Schliesslich sagte der Schamane: „Du wirst nun einen ganz ähnlichen Weg beschreiten cunksi, wie einst Traumwanderer und sehr viel Weisheit dadurch erlangen. Deine Visionen werden anders sein, aber sie werden dich auf jeden Fall weiterbringen. Mein Sohn hat ein ganz besonderes Pferd für dich ausgesucht, du wirst dich jetzt eine ganze Weile darum kümmern und so von seiner Weisheit profitieren. Es mag vielleicht Anfangs etwas schwer für dich sein, ein Tier als deinen Lehrmeister anzuerkennen, da ja die Weissen eher gewohnt sind dem Tier ein Lehrmeister zu sein...“ „Nicht alle Weissen sind so,“ lenkte Schwarzes Pferd ein. „Ich kenne schon ein paar weisse Männer, die mit den selben Methoden arbeiten wie ich. Doch es ist schon eher so, dass die Tiere in der weissen Kultur eine untergeordnete Rolle spielen. Das gilt es abzulegen. Wenn du in deinem Pferd einen Lehrer oder auch einen Bruder siehst, wirst du besser mit ihm klarkommen. Es wird dir dann aus eigenem Willen gehorchen und folgen. Du wirst dann sein itancan. Das ist sowas wie das Leitpferd, dem man bedingungslos vertraut. Was ich dir beibringen will Nathalie ist, wie Pferd und Reiter lernen eine Einheit zu werden, so wie wir mit allem Leben Eins sein sollten. Du wirst sehr viel durch diese Arbeit und vom Charakter des Pferdes lernen. Es hilft dir deine Fähigkeiten als Animal riderin einzusetzen und wie Vater bereits sagte, innerlich ausgewogener zu werden. Ich freue mich schon auf unsere gemeinsame Arbeit.“ Wieder lächelte er charmant und erneut rumorte es in Nathalies Bauch. Sie spürte, dass sie eine sehr intensiver Zeit in mancherlei Hinsicht vor sich hatte.

Als sie vor dem ins Bett gehen noch eine warme Dusche nahm und der süssliche Duft des Holzes ihre Sinne etwas zu vernebeln begann, erwachten in ihr auf einmal seltsame Gefühle. Sie durchströmten ihren ganzen Körper, liessen ihr Herz schneller schlagen ihren Puls in die Höhe schnellen. Auf einmal stellte sie sich vor Jonathan hier bei sich zu haben. Sie stellte sich vor wie er sie berührte und küsste. Es war seltsam, schon lange hatte sie nicht mehr auf diese Weise über einen Mann nachgedacht, ausser vielleicht als sie Marc traf, doch der verdiente es nicht, dass sie auf diese Weise an ihn dachte. Er kümmerte sich ja gar nicht um sie. Ganz anders Jonathan. Er hatte sich als sehr aufmerksam und liebevoll erwiesen. Ihr extra den schönsten Platz im Haus überlassen, den Dusch- und Toilettenraum mit heissen Steinen vorgewärmt und für weiche Tücher gesorgt. Ausserdem kochte er sehr gut. Er war(mal abgesehen von Marc) der einzige Mann, dem sie sich möglicherweise hingeben würde. Auch wenn sie ihn kaum kannte vertraute sie ihm bedingungslos. Er meinte es gut mit ihr, das spürte sie tief im Innern.

Sie trocknet sich ab und ging wieder ins Haus. Schwarzes Pferd sass noch am Feuer und schaute sie mit einem vielsagenden Ausdruck in den Augen an. „Gute Nacht,“ sprach sie leise, dann kletterte sie die Leiter hinauf und legte sich ins Bett. Es war weich und wunderbar warm. Noch eine Weile hörte sie unter sich Jonathan hantieren und seltsame Wärmewellen durchströmten dabei ihren ganzen Körper.

Es lag wie ein Zauber auf diesem Haus. Irgendwie fühlte sie sich wie in einem Traum befangen, von dem sie nicht wusste, ob sie bald aus ihm erwachen würde, oder ob er im Begriff war sich zu ihrer Realität, einer ganz neuen Realität zu entwickeln. Sie hörte auf ihren eigenen Herzschlag, der ihr auf einmal wie Trommelschlagen vorkam und ihr ganzes Sein durchdrang. Stetig war er, dieser Klang, stetig und von einer unergründliche Kraft. Und... zu diesem Trommelschlag schlief sie schliesslich selig ein...

 

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