Animalrider (36)

Nathalie war nun bereits ein paar Tage in der Pine Ridge Reservation und zuerst war sie sehr erschrocken gewesen, als sie die Zustände dort sah. Alles war schmutzig, Abfall und Flaschen lagen überall herum. Sie hatte jedoch erstaunlicherweise den Zugang zu einigen Leuten des Dorfes schnell gefunden. Sie konnte gut mit Menschen umgehen, doch natürlich musste sie auch einiges zuerst verdauen, dass hier so ganz anders war, als sie dachte. Sie war erschrocken über die Resignation, die sich unter den einstigen Ureinwohnern von Amerikas zum Teil verbreitet hatte. Doch es gab auch hier interessante erstaunliche Leute, die wie ihr Mentor Wandernder Bär noch sehr verbunden waren mit ihrem einstigen Erbe. Das waren jedoch eher die Älteren, die Jüngeren lebten schon in einer ganz anderen Welt teilweise. Einige von ihnen tranken wirklich viel, rauchten, hängten herum und taten kaum etwas. Das machte Nathalie manchmal richtiggehend wütend, denn sie hielt es beinahe nicht aus zuzuschauen wie sich diese so gehen liessen. Es war wie in einem Ghetto in der Grosstadt. Die Leute hier hatten kaum eine Zukunft, viele waren wie ihr Mentor erzählt hatte arbeitslos und der Zugang zum Arbeitsmarkt wurde ihnen oft versperrt. 

Nathalie hatte sich vor allem mit einem kleinen Mädchen im Alter von 10 Jahren angefreundet. Ihre Mutter war irgendwo weit entfernt in der Stadt am Arbeiten und der Vater war Alkoholiker, weil er keinen Job fand. Das Kind, welches Sally Blackbird hiess, war sehr oft allein und manchmal wurde sie vom Vater auch geschlagen. Sie lebte mit ihrer Familie in einem besonders heruntergekommenen Trailer, denn das Geld der Mutter allein reichte kaum für das Nötigste. Der Stammesrat, zu dem Nathalies Mentor gehörte, hatten schon vieles unternommen um die Familie zu unterstützen, doch alles war nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Es gab einfach keine Jobs für den Vater von Sally. Nathalie besuchte das Mädchen oft und sie fühlte sich mit der Zeit besonders verantwortlich für es. Sie unterstützte die Famile oft mit etwas Geld, doch damit konnten nur gewisse Symptome bekämpft, nicht aber die Wurzel des Übels ausgemerzt werden. Das Geld das sie jeweils gab, wurde vom Vater oft sogleich in Alkohol gesteckt, was Nathalie dazu veranlasste es dem Kind oft persönlich zu geben. Sie ging auch manchmal mit Sally in die nahe Stadt das Nötigste einkaufen, oder sonst gab sie das Geld der Mutter. Wenn jedoch der Vater dahinterkam, wurde er sehr zornig und dann auch gewalttätig. Durch sein Alkoholproblem fiel es ihm noch schwerer, eine Stelle zu finden. Er war ein beinahe hoffnungsloser Fall und Nathalie wusste beim besten Willen nicht, wie sie ihm und damit seiner ganzen Familie helfen konnte.

Oft haderte sie deswegen mit sich und der Situation. Sie dachte bei sich: „Nun soll ich also ein Animal Rider sein und kann diese Fähigkeiten doch eigentlich gar nicht gebrauchen! Das alles hat doch eh keinen Zweck, all das hier, ist eine Farce. Ich kann nichts tun, jedenfalls nicht hier in diesem Umfeld, in dieser Situation. Was nützt mir das Wissen darum, dass ich einst eine Allessehnende war, wenn ich doch so ohnmächtig bin?“

Tiefe Schwermütigkeit ergriff sie und sie ging langsam aus dem Reservat hinaus, in die weite Wildnis. Der Wind blies heute besonders kühl. Alles wirkte so trostlos und traurig. So ein weites, schönes Land war das hier, doch die Menschen in Pine Ridge hatten kaum etwas davon. Sie waren einst enteignet und hier zusammengepfercht worden. Was sollten sie hier tun? Ohne Arbeit konnten sie nicht überleben. Die Zeiten der Bisonjagd und der grossen Wanderschaft, waren ein für allemal vorbei. Heute erinnerten nur noch einige Festivals wie das Pow Wow an die einstige Lebensart der Indianer. Das Land hier, es besass einen ganz besonderen Geist, es war Nathalie manchmal als sähe sie vor ihrem inneren Auge immer noch die Lakota, wie sie von Ort zu Ort zogen, ihre Tipis in der Näher der Büffelherden aufstellten, sie sah die Lagerfeuer vor sie, die einst umringt waren von singenden, tanzenden und trommelnden Menschen, die glücklich und frei lebten. Sie fühlte das besonders, weil sie selbst Indianerblut hatte. Ja Indianerblut… sie musste wieder an ihre Urgrossmutter denken. Wie es ihr wohl ging? Was tat sie gerade? Sie setzte sich auf einen Stein der herumlag und blickte verträumt in den Sonnenuntergang, der den Himmel erglühen und die Prärie golden leuchten liess. Ihr wurde warm ums Herz, wenn sie daran dachte, wie wohl sie sich doch damals gefühlt hatte, als ihre Urgrossmutter mit ihr Verbindung aufgenommen und Nathalie über ihre Herkunft aufgeklärt hatte. Sie hatte ihr damals eine wundersame Medizin gereicht und sie war wieder gesund geworden. Nun war wieder so ein Moment, da sie solch eine Medizin erneut gebraucht hätte. Sie war sehr bekümmert und fühlte sich hilflos und unzulänglich und einmal mehr zweifelte sie an allem, was sie die letzten Tage erlebt und gelernt hatte. Das alles… wer wusste schon, ob es nicht einfach nur ein wirres Hirngespinst einiger Menschen war, welche sich als etwas Besonderes fühlen wollten. Sie konnte ja nicht mal einer Familie helfen, wie sollte sie dann eine Botschaft für die ganze Welt haben? 

Sie schaute hinauf in den klaren Himmel, das Wetter war noch immer erstaunlich schön, wenn auch eben sehr kühl. Sie zog ihre Jacke enger um sich und erblickte die Silhouette eines mächtigen Greifvogels am rot- orange glühenden Himmel. Sie erkannte nicht genau was es war, vielleicht ein Adler? Sie schaute ihm träumerisch zu, wie er seine Kreise zog. Und plötzlich wünschte sie sich nichts sehnlichster, als selbst so ein Adler zu sein. Es musste ein wunderbares Gefühl sein so über allem zu schweben, hoch oben, fern von der Schwere der Erde völlig frei und befähigt überall hin zu fliegen, wohin man auch immer wollte. Als Adler wäre es ihr möglich gewesen, ihre Urgrossmutter zu besuchen, es wäre ihr möglich gewesen, alles von eine höheren Warte aus zu sehen, nicht so verhaften in all diesem Elend hier, aus dem es für viele keinen Entrinnen zu geben schien, einfach endlos frei… frei und ungebunden…über alles erhaben… sie beobachtete das prächtige Tier immer weiter, bis sie in einen seltsamen Trancezustand geriet.

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Fairy Dust

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