Animalrider (8)

3.Kapitel

Die kommenden Tage wurden für Nathalie sehr intensiv. Sie konnte einfach nich recht glauben, dass dieser alte Indianer ihr die Wahrheit gesagt hatte. Doch wie kam er dazu gerade ihr so etwas zu erzählen? Er sah nicht so aus wie einer, der irgendwas erfand. Und wenn, wozu schon? Doch was sollte sie davon halten? Irgendein Gefühl tief in ihrem Innern wollte gerne glauben, dass sie zu einem so speziellen Geschlecht gehörte, aber war das nicht einfach ihre Eitelkeit. Die Menschen hatten es so an sich, sich gerne für etwas Besonderes zu halten. Doch Nathalie war da bescheiden und jemand, der mit sich selbst meist viel härter ins Gericht ging als andere es taten. „Ich bin keine dieser Animal Rider!“ sagte sie sich immer wieder. „So eine Fähigkeit besitze ich nicht. Das mit dem Hirsch war vermutlich nur Zufall. Vielleicht waren es meine eigenen Gedanken, die mir damals einen Streich spielten. Ich soll mit diesem Wandernden Bär schon mehrmals durch ein Leben gegangen sein? Eine Welt wo Tiere und Menschen noch gleich waren, abgesehen von ihrer Gestalt...? Wie konnte sie an solch mythische Geschichten glauben? Ausserdem was würde sie erwarten, wenn sie sich nun doch entschied den Weg der Animal Riderin zu gehen? Es konnte sehr viele Umtriebe bedeuten, wie Wandernder Bär sagte: ein entbehrungsreicher, anstrengender Weg. Vielleicht würde sie all ihre Sicherheiten aufgeben müssen, um am Ende merken zu müssen, dass sie einem raffinierten Betrug aufgesessen war. Nun gut, es war schon ein reizvoller Gedanke, dass sie mit den Tieren kommunizieren und sich gar selbst in eins verwandeln konnte. Doch gerade letzteres erschien ihr total verrückt. Mit Tieren einen Dialog führen war eine Sache, aber zu einem Tier zu werden... Was für ein Quatsch! Am liebsten hätte sie diesen Mann niemals getroffen. Sie konnte nicht mal mit jemandem darüber reden, es war einfach zu seltsam. Ob sie mit Marc darüber reden wollte, überlegte sie noch. Doch er würde sie dann womöglich für total verrückt halten und das konnte sie nicht ertragen. Wandernder Bär verlangte von ihr eine Entscheidung. Doch sie hatte noch soviel Fragen an ihn.

 

Tief in sich gekehrt ging Nathalie den Mühlenbach entlang. Dieser schlängelte sich in einem Art Zickzack einen Hügel hinab durch den Wald. Es war ganz still, denn zu dieser Jahreszeit zog es die Leute nicht so hinaus. Es war einer der wenigen schönen Novembertage. Schon seit einiger Zeit war es ziemlich kalt und wundervolle, blauweiss glitzernde Eisgebilde schmücktend den Bach. Die Bäume waren voll mit Reif, der aussah wie filigrame Spitzen an einem Gewand. Nathalie überquerte den Bach auf einer kleinen Brücke. Nachdenklich blieb sie in deren Mitte stehen, lehnte sich an das Geländer und beobachtete, wie das noch ungefrorene Wasser sich seinen Weg unter und zwischen der eisigen Pracht hindurch bahnte. Alles sah wunderbar verzaubert aus, wie aus einer andern Welt und Nathalie begann im Geiste einfach zu dem Wasser zu sprechen: „Du bahnst dir deinen Weg, trotz all des Eises, ich beneide deine Kraft. Ich habe diese Kraft nicht. Ich wünschte ich hätte sie...“ Und auf einmal erhielt sie eine Antwort: „Das hat nichts mit Kraft zu tun, sondern mit Stetigkeit. Ich weiss eines Tages werde ich das Eis besiegt haben. Es ist wie mit deinem Leben. Dein Leben ist voller kristallisierter Formen, doch der Geist fliesst überall, er bahnt sich auch seinen Weg früher oder später. So wird es die Erkenntnis bei dir tun.“ „Aber was soll ich machen? All das mit den Animal Ridern, ich kann es einfach nicht glauben.“ „Du allein musst das entscheiden, doch bedenke, dass kristalliesierte Formen einst aufgelöst werden müssen. Wir sind alle Eins, alle. Doch du musst es auch glauben...“ Nathalie schreckte aus ihrem meditativen Zustand auf. Was machte sie da nur? Wie kam sie dazu mit diesem Bach zu reden? Sie wurde wohl wirklich langsam verrückt. Ruckartig wandte sie sich ab und verschloss ihr Herz erneut vor dem eigentlich Offensichtlichen. Bäche redeten nicht, Tiere redeten auch nicht...Nun ja letztere vielleicht noch eher, aber Bäche auf keinen Fall, auf gar keinen Fall!

„Ich lasse mich doch jetzt nicht verrückt machen!“ dachte sie bei sich. „Dieser Indianer hätte gar nicht in mein Leben treten sollen, er hat alles durcheinander gebracht. Mein Leben war doch immer in Ordnung, wie es war. Das ganze Geschwätz von den Animal Ridern, ein völliger Unsinn, absurd, einfach absurd...“ Sie wiederholte diese Worte mehrmals um ihnen noch mehr Kraft zu verleihen. Da trieb jemand einen Scherz mit ihr, ganz sicher. Ein grausamer Scherz. Sie wollte sich auf keinen Fall übertölpeln lassen. Sie wusste um die Realität. Warum aber...spürte sie dennoch diese tiefe Traurigkeit in ihrem Innern, diese seltsame Unsicherheit?

Besorgt blickte ich immer wieder hinaus ins Freie. Pechschwarze Regenwolken jagten über den Himmel. Es blitzte und donnerte. Der Regen war wie ein dichtgewobener Vorhang. Die Erde konnte die Wassermassen nicht mehr aufnehmen. Die wenigen Seen und Flüsse in der näheren Umgebung waren bereits über die Ufer getreten. Unsere Menschenbrüder und wir, trugen in wilder Hast Lebensmittel, Brennholz und andere wichtige Gegenstände zusammen.Wir befanden uns nun in der zweiten Hälfte des „Gras-grün-Mondes“(April) und mein Freund Alter Kojote und ich hatten heute beschlossen uns in der „Sonne-Mitte-nicht-mehr“ Zeit (Nachmittags) zu treffen, um die Boote zu begutachten, die man unter Aufsicht der Biber-der grossen Baumeister gefertigt hatte.

Es dauerte nicht lange und wir wateten durch das schon beängstigend hoch stehende Wasser. Das sonst hellbraun und weiss schattierte Fell von Alter Kojote, war vollkommen durchnässt und nun von schmutziger, dunkelbrauner Farbe. Von seinen spitzen, grossen Ohren tropfte der Regen.

„Eine äusserst unangenehme Situation,“ murmelte er vor sich hin und wir beide blickten ängstlich hinauf in den Himmel, über den der gewaltige Donnervogel einmal mehr seine zuckenden Blitze schleuderte.

Von weitem zeichneten sich nun die Umrisse der Boote langsam ab, die bereits auf dem Wasser hin und her schaukelten.

Auf einmal kam mir Kai entgegengelaufen. Soweit das jedenfalls ging, in dem für ihn bereits knietiefen Nass. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung, worüber ich im Anbetracht der ungemütlichen Situation nur staunen konnte.

„Kommt mit!“ rief mein Schüler. „Ich muss euch etwas zeigen.“

Wir folgten ihm und blieben auf einmal ungläubig stehen. Vor uns ragte ein etwas drei Mann hohes Schiff auf. Es war in seiner Form einer gewaltige Nussschale ähnlich und es musste aus mehreren Teilen bestehen, obwohl es wie eine Einheit wirkte. Es schien als wäre es aus einem einzigen Baum gefertigt worden. Das ist mein Werk!“ freute sich Kai. „Ich habe auch den andern einige Tips gegeben. Allerdings ist mein Boot besonders gross und schön. Ich dachte der Rat könnte es vielleicht benutzen. Es hat auch sonst viel Platz. Kommt herauf!“ Über eine Art Holzkonstruktion die man am Schiff angelehnt hatte, gelangten wir auf das Deck. Von dort aus führte ein Niedergang in dessen Bauch. Es hatte unglaublich viel Platz. Alter Kojote und ich kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Wie hast du das gemacht Kai?“ fragte ich fassungslos. „Sowas hab ich noch nie gesehen.“ „Das erzähle ich dir ein ander mal Vater Mato. Ich glaube wir müssen uns langsam beeilen, wenn die Flut uns nicht alle verschlingen soll.“ „Da hast du natürlich recht,“ erwiderte ich. „ Der Rest des Rates trifft bald ein. Ich glaube wir richten uns hier mal häuslich ein. Was meinst du Bruder Kojote?“ „Nun ja...“ sprach dieser etwas unsicher und schielte auf das seltsame Schiff. „Ich weiss nicht...ob ich diesem „Boot“ trauen kann... Du weisst es liegt etwas in der Natur der Dinge, dass ich mich ständig in unangenehme Situationen hinein manövriere. Wenn diese Schöpfung Kais nun unter meinen Pfoten entzweibricht?“ „Das geschieht bestimmt nicht!“ rief mein Schüler, entrüstet aus. „Es ist das sicherste Schiff aller Schiffe hier. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!“ „Oh lieber nicht!“ sprach der Kojote, als hätte er Erfahrung mit derlei Dinge. „Das ist nicht nötig. Wenn Mato deinem „Boot“ vertraut, tu ich es auch.“ „Kai hat mein uneingeschränktes Vertrauen,“ erwiderte ich mit Nachdruck „und so auch seine Schöpfung, die mich wahrhaftig fasziniert. Die Sternkinder haben schon grosse Begabungen.“ „ich hoffe nur, dass diese Begabungen ihnen und uns nicht mal zum Verhängnis werden,“ murmelte Alter Kojote mehr zu sich selbst, als zu mir. Etwas ärgerlich sah ich ihn an. Doch mitlerweile kannte ich meine alten Freund. Durch seine Erfahrungen, war er vorsichtig geworden.

Bei mir dachte ich: „Eines Tages werden uns die Sternkinder sicher mit ihren Begabungen überholen. So ist wohl unser Schicksal...“

„Werden du und der Rat also mein Boot benutzen?“ fragte Kai aufgeregt. „Nun ja...“ erwiderte ich. „So weit es mich betrifft schon. Doch jeder muss das selbst entscheiden Cinksi (Sohn). Jedenfalls hast du Erstaunliches geleistet, ich gratuliere dir. So werde ich also alles für unsere lange Reise vorbereiten."

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