Animalrider (9)

Nathalie fühlte sich selbst wie auf einem Schiff, das auf den Wellen sich abwechselnder Emotionen hin und her geworfen wurde. Die ganze Zeit musste sie an das denken was sie erlebt, was sie erfahren hatte. Mehrmals griff sie nach dem Telefonhörer, um Marc doch noch anzurufen, nur um mit jemandem zu sprechen. Doch immer wieder liess sie es sein. All das war einfach zu unglaublich.

Die ganze Zeit fühlte sie sich wie eine Schlafwandlerin. Sie funktionierte nur noch. Zum Glück hatte sie jetzt wenigstens Ferien, so stellte ihr niemand unangenehme Fragen. Tiefe Phasen der Unsicherheit wechselten sich mit jenen tiefer Sehnsucht ab, dass die alles doch wahr sein möge und sie eine viel wichtiger Aufgabe innehatte, als sie es bisher dachte. Sie litt sehr, weil sie einfach nicht wusste, was sie tun sollte. Was verlangte man von ihr wenn sie den Weg der Animal- Rider einschlug? Was würde sie überhaupt genau erwarten? Würde sie überhaupt etwas erwarten. Konnte sie, wollte sie alles dafür opfern? Oder bedeutete es doch kein so grosses Opfer?

Die Ungewissheit trieb die junge Frau beinahe in den Wahnsinn. Sie wurde richtig schwermütig, verlohr die Freude am Leben und zog sich immer weiter in ihr Innerstes zurück. Nichts schien mehr von Bedeutung, nur diese selsame Geschichte.

Es war diese Ratlossigkeit, die sie krank werden liess. Schliesslich reagierte ihr Körper und sie bekam eine schwere Grippe mit hohem Fieber.

Ihre besorgten Eltern brachten sie zum Arzt, doch trotz aller Medikamente, wurde Nathalie einfach nicht recht gesund. Sie war in der Seele krank.

 

 

 

Eines Nachts als sie sich wiedermal in Fieberträumen wand, kehrte auf einmal eine selsame Ruhe in sie ein. Es wurde ganz warm um sie und das Licht eines goldenen Feuers erschien vor ihren Augen. Sie trat näher an die Flammen heran und nahm deren wohlige Wärme und den sanften Schein ganz in sich auf.

Als sie sich erstaunt umsah, fand sie sich in einem indanischen Tipi wieder. Es bestand aus wetterfest gegerbten Tierhäuten, wurde gestützt von mehreren Kieferstäben und war bemalt mit selsamen Ornamenten. Der Rauch des Feuers zog durch eine Öffnung im Dach ab. Überall im Innern befanden sich selsame Gegenstände: Talismane aus Federn, Türkisen, Tierknochen und Krallen. Es gab alle Arten von getrockneten Kräutern und Tinkturen in den verschiedensten Farben.

Biberfelle die wie Nussbutter glänzten hingen an einigen Querstangen unter dem Dach. Daneben befand sich tönernes Geschirr. Es gab eine Schlafstelle, gepolstert mit einem schwarzen Bärenfell.

 

Auf einmal entdeckte Nathalie neben dem Feuer eine knieende Frau. Sie war vorher noch nicht da gewesen. Ihr einst schwarzes, glänzendes Haar, zu zwei Zöpfen zusammengebunden, sah aus wie gewobenes Silber. Die Farbe ihrer bereits sehr runzligen, kupfernfarbenen Haut wurde vom rotgoldenen Schein des Feuers erhellt. Sie bereitete gerade einen Sud von dunkelgrüner Farbe zu. In einem Mörser zerstiess sie, ein für Nathalie unbekanntes Kraut und warf es ebenfalls in den Topf. Weisser Dampf der einen intensiven Geruch verströmte stieg hinauf zum Zeltdach.

Die Alte, welche ein Hirschledergewand mit Fransen und perlenbestickte Mokassins trug, füllte nun den Sud in ein kleineres Gefäss vermutlich eine Tasse ab.

In diesem Augenblick sah sie auf und Nathalie direkt ins Gesicht. Ihre Augen, tiefgründig und geheimnisvoll wie schwarzglänzende Höhlenseen durchdrangen das Mädchen. Sie stiesse in die tiefsten Tiefen ihrer Seele vor. Nathalie glaubte, dass sie in ihr wie ein offenes Buch lesen konnten. Auf einmal wurde sie beschämt und Tränen kullerten ihr über die Wangen. Sie fühlte sich so traurig und entsetzlich verloren. Irgendwie erkannte sie plötzlich dass sie sich verirrt hatte. Alles woran sie bisehr geglaubt hatte, schien wie ein Kartenhaus zusammen zu stürzen. Sie glaubte sich nie wieder aufschwingen zu können und das löste in ihr unendlicher Kummer aus.

„Sei nich traurig takoza,“ sprach nun die Frau auf einmal mit sanfter, dunkler Stimme. „Es gibt immer wieder Zeiten in unserem Leben, wo wir uns ganz neu orientieren müssen. Oft erscheint es, als würden wir einen grossen Verlust erleiden, doch wenn du lernst loszulassen, wenn du lernst das anzunehmen was ist, ohne Angst und stets in der Zuversicht, das Wakan Tanka (Gott) dir den Weg weist, dann wirst du wunderbare Befreiung erfahren.“ „Aber es ist soviel Furcht in mir. Ich weiss nicht was mich erwartet, wenn ich diesen Weg der Animal- Riderin einschlage. Ich weiss nicht, ob ich dazu im Stande bin. Ich weiss nicht mal, ob das alles überhaupt wahr ist. Wenn ich mein altes Leben aufgeben soll, dann muss ich sicher sein, dass es stimmt. Was also kann ich tun Grossmutter?“(sie hatte dieses Wort einfach so dahin gesagt, ohne darüber nachzudenken). „Du weisst doch eigentlich die Antwort schon.“ „Nein, das stimmt nicht!“ rief Nathalie aus. „Ich weiss gar nichts, überhaupt nichts und das macht mich noch verrückt!“ „Weil du nicht wagst auf das zu hören was dein Herz dir sagt,“ antwortete die Indianerin mit einem etwas tadelnden Unterton in der Stimme. „Die Weissen sind manchmal so in ihrem Denken verhaftet. Versuche etwas mehr wie eine Indanerin zu denken, dann wirst du Vieles anders sehen lernen.“ „Aber ich bin nun mal keine Indianerin Grossmutter. Ich bin eine Weisse und ich mache mir über so manches einfach Gedanken.“ „Du bist nicht nur... eine Weisse takoza, in unseren Adern fliesst dasselbe Blut, auch wenn du davon nichts weisst. Du hast es vielleicht mal gespürt, aber nicht gewusst.“ „Was meinst du damit?“ fragte Nathalie erstaunt. „Wer...bist du?“ „Was glaubst du denn?“ „Ich weiss es nicht.“ „Warum nennst du mich Grossmutter?“ Das Mädchen überlegte, dann meinte sie: „Nun ja...vielleicht weil ich schon oft gelesen habe, dass man diesen Ausdruck verwendet.“ „Wieder machst du dir selbst etwas vor. Verstehst du denn das Wort das ich für dich nehme?“ „Du meinst dieses...Takoza? Nein das verstehe ich nicht.“ Die alte Frau fixierte das Mädchen erneut intensiv mit ihren Augen und sprach dann: „Es bedeutet Enkelkind. Du bist meine Enkelin Nathalie, vielmehr meine Ur- Enkelin.“ „Waas!“ Nathalies Augen weiteten sich. „Aber...das kann unmöglich sein!“ Ich weiss nichts von einer indianischen Urgrossmutter. Ausserdem...müsstest du dann schon sehr alt sein.“ „Ich bin 89 Jahre alt, denn ich habe deine Grossmutter schon früh bekommen, etwa mit 16.“ „Davon habe ich nie etwas gehört, auch wenn ich mich schon mit dem Stammbaum unserer Familie befasst habe.“ „Man weiss offiziell nichts von mir takoza, aber ich habe deine Grossmutter geboren. Dein Ur- Grossvater nahm mir meine Tochter einst weg, um sie nach europäischen Massstäben zu erziehen. Er war Engländer wie du weisst. Natürlich wollte er auf keine Fall das jemand von unserer Affäre erfuhr. Damals wurden die Indianer noch viel weniger respektiert als heute. Meine Eltern haben noch die Zeiten erlebt, als mein Volk frei in den Plains (Ebenen) umherwanderte. Sie haben mir viel erzählt, auch über den Niedergang unseres Volkes. Ich wurde noch in die alten Traditionen eingeführt und schliesslich übernahm ich das Amt einer Medizinfrau der Lakota Sioux, die dann eine Zeit lang gar selbst ihre Kultur vergassen. Heute werden die alten Rituale wieder mehr gepflegt, aber es ist immer noch ein langer Weg bis zur wahren Freiheit.“ „Aber...das alles ist doch verrückt,“stotterte Nathalie. „Du bist nur ein Traum, vielleicht eine Wahnvorstellung von mir. Ich fühle mich so krank und schwach.“ „Darum habe ich Verbindung mit deiner Seele aufgenommen takoza, um dir beizustehen. Aber es gibt mich auch in der realen Welt, es wäre schön wenn du mich eines Tages besuchen würdest. Ich weiss, dass es dir sehr schlecht geht. Darum habe ich dir diesen Trank zubereitet. Trink ihn und es wird dir wieder besser gehen!“ Nathalie schaute etwas skeptisch auf das grünliche Gebräu. „Wenn ich das trinke...werde ich dann wieder alles was ich hier erlebte vergessen?“ „Nein, du wirst dich erinnern und vielleicht gibt dir das den nötigen Auftrieb deine wahre Bestimmung zu erfüllen. So denk immer daran, dass in deinen Adern auch indianisches Blut fliesst. Das wird dir zu tieferen Einsichten verhelfen. So trink nun und dann...schlaf...“

Die junge Frau nahm das Gefäss dass ihr ihre Urgrossmutter reichte. Der Trank schmeckte bitter und doch irgendwie süsslich. Er rann warm ihre Kehle hinunter und schien dann direkt in den Blutkreislauf hinein zu gelangen. Jedenfalls erfüllte Nathalie auf einmal eine wohlige Wärme und ein stiller, innerer Frieden.

Und dann schlief sie ein...und während sie schlief kehrten die Kräfte in ihren Körper zurück und die Krankheit entwich aus ihrem Organismus...

 

ly:"TimeyU

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