Ankommen

Vor zwei, drei Jahren hatten mir O´Cotters Arbeitsmethoden ein komplettes Makeover von Kopf bis Fuß ermöglicht, weil gewisse Bilder im Netz aufgetaucht waren – und zwar aus meiner Sicht, die Schlimmsten, die man sich hätte herauspicken können: Jahrbuchfotos aus der Mittelschule, wo ich kurzzeitig eine Zahnspange und einen selbst verpassten und gehörig missratenen Bob auf dem Kopf trug, von den Pickeln ganz zu schweigen. Aber genau diesen Fotos hatte ich es schlussendlich zu verdanken, dass ich professionell die Haare und das Makeup gemacht bekam. Und ich musste zugeben, dass O´Cotters Team ganze Arbeit geleistet hatte. Verglich man mein Äußeres heute mit den Fotos von damals, dann hielt sich die offensichtliche Ähnlichkeit bloß in Grenzen.

Anfangs war es eine krasse Umstellung, von heute auf morgen die Zelte in einem neuen Staat aufzustellen und dabei im Spiegel scheinbar einer ganz Anderen gegenüber zu stehen, aber ich sagte mir, dass es nur eine logische Untermalung meines Lebens war. In jeder Stadt war ich eine Andere, aber niemand außer mir wusste das, also nahmen die Leute schlichtweg hin, wie ich hieß oder aussah. Dies sollte von nun an ihr erster Eindruck von mir sein und nur ein Bericht in der Boulevardpresse konnte daran rütteln.

Mein ursprünglich sehr heller Typ wurde zu etwas Dunklerem, Mystischem umgemodelt. Ich hatte nun seit geraumer Zeit nicht mehr dunkelblondes und lockiges, sondern schwarzes und gepflegt glattes Haar, das in einem professionellem Stufenschnitt weich um mein Gesicht fiel. Meine wenigen Sommersprossen versteckten sich unter einem dichten, weißen Puder und meine hellgrauen Augen wirkten durch die schwarze Umrahmung wie ausgewechselt. Auch meine Garderobe hatte nun mehr Stil. Nicht mehr nur irgendwelche T-Shirts und Jeans in unauffälligen Farben, sondern mädchenhafte, figurbetonte Tops, Röcke und Bondage-Sachen, auf die ich alle unglaublich stolz war. Ich trug sogar Schmuck und hatte fleißig mittels Zeitschriften und Online -Blogs das Schminken erlernt und perfektioniert und ich muss sagen, dass ich seitdem ein Stückchen weit mehr in meine eigene Haut gewachsen war. Als mir das Makeover-Team damals die zur Auswahl stehenden Typen gezeigt hatte, brauchte ich keine Sekunde zu überlegen, sondern tippte sofort auf das schöne Bild mit der Gothic-Prinzessin. Zu der Zeit hatte ich gerade meine Leidenschaft für düstere Fantasyromane und diverse Dark Alternative-, Emo- und Grunge-Bands entdeckt und hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt mir die blöden Haare zu färben, aber aus Angst, dass dabei wieder so ein 0815-Desaster herauskam, das mich bis auf weiteres auf allen Schulfotos verfolgen würde, meine Finger davon gelassen und es als Tagtraum in mir vergraben.

Pritchard und O´Cotter und sicherlich auch mein Vater dachten, dass ich nur eine Verkleidung trug und ertrug, aber sie wussten nicht, dass ich mich unglaublich wohl damit fühlte. Auf die Weise, mit dem ganzen Makeup, das im Grunde mein gesamtes Gesicht verschleierte, und der coolen Klamotten, die tatsächlich immer wie eine dramatische Maskierung aussahen, fühlte ich mich nicht mehr so entblößt, sondern hatte das Gefühl, dass ich in Ruhe von meinem Platz aus die Welt um mich herum betrachten konnte – ohne Scheuklappen und mit auf den Boden gehefteten Augen. Natürlich gab es oft – sehr oft sogar – noch solche Momente wie im Bus, der mich nach Hogsville fuhr; und die Ereignisse, die mich überhaupt erst hierher geführt hatten zeigten ja eindeutig, dass ich noch längst nicht so weit war, frei und erhobenen Hauptes meinen Weg durch ein Leben zu bahnen, an dem ich auch selbst teilnahm und der Hauptdarsteller war, anstatt nur als Gast unter einer anderen Identität mit dem Fuß stets in der Hintertür hindurch zu schleichen. Aber meine Selbstwahrnehmung und mein Selbstbewusstsein hatten sich bisher zum Positivem gemausert und ich wurde immer mehr zu dem Menschen, von dem ich stets geträumt hatte zu sein.

Dennoch schraubte ich meine Erwartungen darüber nicht sehr hoch, hier in Hogsville die Superversion von mir zu verwirklichen. Da hatte ich noch einen langen Weg vor mir, aber er war nicht mehr ganz so steinig und aussichtslos wie noch vor ein paar Jahren. Alles, was ich tun konnte, war, meinen Kopf abzustellen und zu sehen, was auf mich zukam. Leichter gesagt, als getan, ich weiß – aber etwas Besseres blieb mir jetzt sowieso nicht übrig.


Entgegen meiner Angst, mich an meinem ersten Tag derbe zu verlaufen und auf der Polizeiwache zu enden, hielt der Bus nur ein überschaubares Stückchen entfernt von meinem neuen Domizil. Es war sehr früh, noch nicht ganz acht Uhr morgens und die Stadt schien samstags größtenteils auszuschlafen. Vom Gehweg aus, versuchte ich mir schon mal einen flüchtigen Eindruck von der Wohnstraße zu machen. Die Häuser hier sahen alle im Großen und Ganzen gleich aus, alle mit einem Dachgeschoss, grauen Ziegeln und einem eingezäunten Gartenbereich. Einige hatten einen Teil des Gartens zu einer Auffahrt umgebaut und eine Garage an das Haus angebaut. In einigen Gärten standen Kinderschaukeln und Trampoline. Das Haus links von meinem schien einem leidenschaftlichen Hobbygärtner zu gehören, in dem rechts von mir stand eine gigantische Hundehütte, die aber, so weit ich das sehen konnte, zurzeit nicht behaust war. Ganz gewöhnliche Nachbarn. Vermutlich alteingesessene Großfamilien. Was würden sie wohl zu einer wie mir sagen? Ein speziell gekleideter Teenie aus der Stadt, der hier alleine wohnte? Ganz ehrlich, ich wäre auch skeptisch und wenig erfreut über einen solchen Eindringling in meinem Alltag; also beschloss ich, erst einmal so schnell wie möglich in meinem Haus zu verschwinden, bevor mich noch irgendein Frühaufsteher zu Gesicht bekam. Das würden sowieso irgendwann alle, aber dafür hatte ich im Moment einfach nicht mehr genug Kraft. Der Jet Lag und alles, was von Texas bis zu dieser Bushaltestelle hier zurücklag, zehrten an mir und ich hatte das Bedürfnis, eine Woche lang durchzuschlafen. An Auspacken war auch noch nicht zu denken.

Ich hatte gerade noch Power genug, um mir einen groben Überblick über den Grundriss des Erdgeschosses zu machen. Wenn man die weiße Haustür hinter sich geschlossen hatte und sich umwandte, offenbarte sich links die nach oben führende Treppe, rechts eine Abstellkammer mit Garderobe und genau gegenüber von einem lag das große Wohnzimmer, von dem aus man in eine kompakte Küche blicken konnte. Alles war bereits eingerichtet und vorbereitet von O´Cotters Leuten und es sah wirklich gemütlich aus. Schlicht und funktional.

Ich stellte meine Taschen im Eingangsbereich achtlos ab und ging schnurstracks zum großen mit schwarzem Kunstleder überzogenem Sofa, vor dem ein gläserner Couchtisch und an der Wand gegenüber ein riesiger Flachbildschirm standen, und streckte mich darauf aus. Eigentlich sollte ich Pritchard informieren, sobald ich sicher angekommen war, aber die Müdigkeit hatte mich, bevor ich auch nur daran denken konnte, mein Handy aus der Jackentasche hervorzuziehen.


Als ich wieder zu mir kam, wusste ich zuerst nicht, wo ich war, und war dementsprechend mehr als verwirrt, als die ungewohnte Türklingel meinen Gehörsinn aktivierte. Aber noch während ich aufstand und das elende Gefühl, zu viel und gleichzeitig zu wenig geschlafen zu haben, abzuschütteln versuchte, fiel es mir wieder ein: mein Name war Sera Knockwood und ich wohnte nun in Hogsville, Connecticut. Alles Klärchen. Ein Blick auf mein Handy verriet mir zudem, dass es nicht nur schon Sonntag und fast acht Uhr abends war, sondern auch, dass sowohl Dad als auch Pritchard mich ein Dutzend mal angerufen und mich mit Nachrichten bombardiert hatten. In äußerster Alarmbereitschaft hetzte ich zur Haustür und riss diese in der Erwartung auf, entweder einen der beiden oder die Polizei davor vorzufinden. Weder noch.

„Hi!“

Entgeistert starrte ich auf die Hand, die mir freudig entgegen gestreckt wurde. Sie gehörte zu einem mittelgroßen, jungen Typen, vielleicht Mitte zwanzig, mit struppigen, nussbraunen Haaren, braunen Augen und einem schwarzen Rucksack lässig auf die eine Schulter gehängt.

Mechanisch gab ich ihm meine Hand. „Äh … hallo ...“

„Du bist also gut angekommen“, fuhr er sogleich fort und grinste. „Keiner konnte dich erreichen. Die haben sich alle Sorgen gemacht. Aber ich nehme an, du hast geschlafen, stimmt´s?“

„Ja, stimmt“, entgegnete ich unsicher. Wer war dieser Kerl? Und woher wusste er über mich Bescheid?

„Jet Lag, kenn` ich. Oh, sorry! Mein Name ist Rick Donavan. Ich wohne etwas weiter in der Innenstadt.“ Mein Gesicht schien Bände zu sprechen, denn er fügte hastig hinzu: „Dein neuer Haushälter?“

Okay, das war neu. Bisher hatte Pritchard immer eine Dame über dreißig engagiert, um nach mir zu sehen und für mich zu kochen, und ich konnte nicht glauben, dass dieser Rick, das Einzige war, was dieses Dörfchen hier zu bieten hatte. Hier liefen doch sicherlich Hunderte älterer Frauen herum, die sich in der Branche herumtrieben, oder? Nicht, dass mir das so wichtig war. Aber ein Kerl? Nur etwas älter als ich? Damit war ich ganz und gar nicht einverstanden, wo ich doch sonst keinen Kontakt zum gleichaltrigen anderen Geschlecht hatte – und das aus gutem Grund.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, grinste Rick noch breiter. „Frisch von der Kochschule. Das hier stellt für mich eine gute Einführung in die Berufswelt dar und zwar mit einem persönlichen Versuchskaninchen, an dem ich meine Kochkünste austesten kann.“

Ein Kaninchen – im Angesicht einer Giftschlange, genau so fühlte ich mich gerade, während Rick lachte und sein Handy aus der Jeans zog. „Darf ich reinkommen? Oh, und du solltest lieber mal Bescheid geben, dass du wohlauf bist, würde ich sagen.“

„Klar“, sagte ich zu beidem und ließ ihn nicht minder überrumpelt herein.

„Ich mach solange Bestandsaufnahme. Wo ist die Küche? Ah, ich seh´ schon. Ist ja sehr übersichtlich!“

Ich blickte ihm noch eine Weile etwas ratlos hinterher und rief dann meinen Vater zurück. Leider ging der gerade nicht ran, also blieb mir nur noch Pritchard. Dieser meldete sich bereits nach dem ersten Klingeln und schien sehr aufgebracht zu sein. Ich beeilte mich, mich zu entschuldigen, und erklärte, wie es dazu gekommen war. Pritchard zeigte relativ schnell Verständnis und seine Besorgtheit wich einem entspanntem Plauderton.

„Ähm, Pritchard“, ich räusperte mich und versuchte, etwas leiser zu sprechen, „was hat es mit meinem neuen Haushälter auf sich? Ist da irgendwas schief gelaufen?“

„Ach, du meinst Magick Rick?“

„Wen?“

Pritchard lachte. „Sein Spitzname von der Kochschule, weil er aus allem etwas Wunderbares zaubern kann. Er wurde mir wärmstens empfohlen. Er hat ein halbes Jahr ein Praktikum bei Star Catering absolviert – und das mit Bravour – und seine Zeugnisse und Empfehlungsschreiben sind unglaublich gut. Und als ich hörte, dass er in der gleichen Stadt wohnt wie du jetzt ...“

„Ja, aber ...“

„Er wird seine Arbeit gut machen. Das muss er, wenn er für die ganz großen Stars kochen will.“

Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er da gesagt hatte. „Warte mal, heißt das …?“

„Er weiß über dich und Kay-V Bescheid, ja.“

„Wie bitte?“, fragte ich etwas zu laut und einen Tick zu panisch. „Können wir ihm denn vertrauen?“

„Wir sind juristisch abgesichert. Außerdem kennt dein Vater ihn schon und er hat ihm eine feste Stelle bei diversen Events versprochen, wenn er dicht hält und für seine Familie kocht.“

„Seine Familie bestehend aus einer Person, von der eigentlich niemand wissen soll“, murmelte ich etwas grummelig. Es war mir gar nicht recht, dass irgendjemand hier von meinem All-Time-Geheimnis wusste, noch dazu so ein junger Typ. Wie stellten sich Dad und Pritchard das denn vor, bitte? Sie hätten mich wenigstens vorher fragen können, immerhin ging es um mich und meinen Magen und um mein soziales Leben. Nun war ich also gezwungen, mit jemandem Kontakt zu haben, der von meinem prominenten Vater wusste? Was wenn ich ihm wirklich nicht trauen konnte? Wenn er mich schwerwiegend verriet, schwerer als ich es selbst konnte, mich ans Messer der Presse lieferte und mich damit unwiderruflich zu einem Leben als ausgestellte Freakshow verdonnerte?

„Pritchard“, setzte ich etwas verzweifelt an. Doch er wehrte vorsorglich ab.

„So, das wird schon. Ich muss jetzt schnell deinem Vater Bescheid geben. Viel Glück am Montag, Sera! Wir sprechen uns sicher noch mal. Ciao!“

„Ciao“, entgegnete ich unglücklich und mit einem Gesamtgefühl als wäre mir soeben ein Amboss auf die Decke gefallen. Während ich mich nun der Küche näherte, stieg in mir das Paniklevel an – wie bei einem Horrorfilm, wenn der Protagonist im Begriff ist eine Tür zu öffnen und alle Effekte darauf hinarbeiten, dass der Zuschauer gleich einen zurecht erwarteten Herzinfarkt erleidet. Nur dass in der Küche kein Monster oder Mörder auf mich wartete, sondern ein tüchtiger Fünf-Sterne-Koch mit Hollywood-Connections und dem Allround-Wissen über nichts Geringerem als mein Leben. Mindestens genauso fatal.

„Oh, schon fertig? Sag mal, du weißt nicht zufälligerweise, ob und wo es hier einen Pürierstab gibt?“ Ich schüttelte bloß den Kopf. „Dachte ich mir.“ Rick notierte sich etwas auf einem Klemmbrett, bevor er damit fortfuhr, Schränke und Schubladen zu durchwühlen. „Ich werde das alles hier neu ordnen, wenn das okay ist. Ich muss wissen, wo was ist, und damit der Kochprozess reibungslos verlaufen kann, müssen bestimmte Sektoren in der richtigen Reihenfolge angelegt sein ... Äh, ja, ich bin da ein bisschen eigen.“

„Klar.“

Da verharrte er plötzlich in der Bewegung und sah mich neugierig an. „Kannst du kochen?“

Überrumpelt, weil plötzlich seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf mir lag, öffnete ich den Mund, ohne dass Wörter herauskamen, und versuchte, um die peinliche Situation zu retten, mit den Augen zu verdeutlichen, dass ich dennoch geistig dabei war – während sich auf Ricks zuerst verwirrtem Gesicht ein freundliches Lächeln ausbreitete. „Oder beschränkt sich deine Beziehung zur Küche auf das Öffnen und Schließen des Kühlschranks?“

Dankbar für diese simple Ja/Nein-Frage nickte ich erleichtert. Rick hatte das Boot geschaukelt. Ungewollt erhielt er von mir einige Sympathiepunkte und als ahnte er dies, lächelte er mich weiterhin vertraut an, sodass ich gar nicht anders konnte als zurück zu lächeln. „Weißt du, was ich denke?“ Mein Lächeln verlor etwas an Strahlkraft. Was kam jetzt? „Ich denke, wir werden gut miteinander klar kommen. Es ist zum Beispiel gut, dass du dich aus der Küche heraushältst. Das erspart uns eine Menge Komplikationen.“ Er grinste und wackelte dabei spitzbübisch mit den Augenbrauen. Etwas lahm ließ ich ein eindimensional geschnaubtes Lachen aus dem Käfig.

„Alles klar.“ Rick schlug die Hände zusammen. „Dann mach ich mal hier weiter. Das könnte ein bisschen dauern und danach mache ich eines meiner Acht-Minuten-Notfallessen. Ich hoffe, du hast Hunger?“

„Und wie“, gab ich zu.

„Gut, dann bis später.“

Rick ließ sich nicht im Geringsten anmerken, dass er Bescheid wusste; der ganze Starrummel schien ihn regelrecht kalt zu lassen. Entweder das oder er war so astrein hinterhältig, dass er sein wahres Ich ziemlich gut verstecken konnte. Aber ich nahm an, dass er, der ja anscheinend selbst nicht ganz unbekannt war, dreiste Bereicherung als Sprungbrett nicht nötig hatte. Und es war wohl auch ganz so, wie Pritchard gesagt hatte: wir waren juristisch sehr gut abgesichert und jeder Verstoß gegen die vertraglich festgelegte Diskretion käme einem Genickbruch gleich.


Während Rick also weiter die Küche umwälzte, griff ich meine Taschen und bestieg das obere Stockwerk. Der Flur offenbarte mir vier weitere Räume, von denen einer unverkennbar das Bad war. Ich schaltete das Licht ein und steuerte zunächst den großen Spiegel an, der über dem Waschbecken hing. Alles andere, nahm ich nur ganz nebenbei zur Kenntnis. Ich hatte nur Augen für das Mädchen im Spiegel. Da war sie, Sera Knockwood. Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, aber ein wenig enttäuschend war es schon, dass ich aussah wie immer – genau wie Sara Bolger aus Houston. Eigentlich sollte man es mir doch irgendwie ansehen können, dass ich endlich ich war, unverfälscht ich – zudem ja jetzt auch wirklich jemand meine wahre Identität kannte. Aber nichts da. Ich sah genauso aus wie vor einer Woche, mit dem kleinen Unterschied, dass ich ziemlich verschlafen und verstrubbelt aussah.

Langsam öffnete ich den Reißverschluss meines Handgepäcks und breitete meine gesamten Kosmetik- und Toilettenartikel auf der Anrichte aus. Dann ging ich die restlichen Räumlichkeiten inspizieren. Möbliert waren zwar alle Zimmer, aber für mich gedacht schien jenes, welches einen Blick auf die Straße mit sich führte. Also packte ich die wenigen Klamotten, die ich mitgebracht hatte, in den großen weißen Schrank, neben dem Fenster, und setzte mich kurz auf das frisch bezogene Bett. Platz für meine zahlreichen Bücher, DVDs und CDs bot ein doppeltes Regal an der gegenüberliegenden Wand. Potentiell war das Zimmer nicht übel, jedoch war es viel zu hell eingerichtet und es würde nicht lange dauern, bis es sich meinem geballten Gothic-Faible unterworfen hätte. Alles, was ich dafür brauchte, würde in den nächsten Tagen hier eintreffen, wenn O´Cotter meinen restlichen Kram aus meiner alten Wohnung hier hergeschickt hatte. Bis dahin würde ich die hellen Weiß- und Rosatöne und die Stille ertragen müssen.

Nach einer kurzen Dusche, ging ich in neuen Klamotten und frisch geschminkt wieder nach unten, weil es unhöflich und seltsam wirkte, einen Gast im eigenen Haus komplett alleine zu lassen – außerdem konnte ich mittlerweile schon vor Hunger nicht mehr richtig stehen. Ich betete, dass Rick schon fertig war. Und tatsächlich: auf dem Couchtisch im Wohnzimmer war bereits für mich gedeckt. Zwei dampfende Töpfe standen einladend daneben. Kaum noch zu bremsen, warf ich einen Blick in die Küche. Rick hackte gerade noch irgendein Grünzeug, aber er schien genau zu wissen, dass ich bereits wartete, denn er grinste nur, während er zugleich sehr konzentriert wirkte.

Also zwang ich mich zur Beherrschung und setzte mich unter dem lauten Knurren meines Magens schon einmal auf das Sofa und schaltete zur Ablenkung den Fernseher an.

„So“, sagte Rick, der die Schale mit dem gehackten Blattzeug auf den Tisch stellte und mich dann von oben herab anlächelte. „Eigentlich eine Schande, dass wir so anfangen müssen. Spaghetti Aldente ist nicht gerade das, was für einen hervorragenden Koch spricht, aber andererseits kannst du dich hiermit davon überzeugen, wie flexibel ich in Notsituationen reagieren kann. Auch bei unangekündigtem Besuch habe ich an die zehn Standardgerichte in vereinfachter Form.“

Ich suchte nach einer clever unverkrampftem Entgegnung, scheiterte und beließ es dann bei einem: „Vielen dank. Das riecht wirklich lecker.“

„Danke. Also, morgen gehe ich erst einmal einkaufen. Dein Vorratsschrank muss gefüllt werden. Frühstück für morgen findest du im Kühlschrank. Und dann, würde ich sagen, komme ich morgen gegen 16 Uhr her und bereite das Abendessen vor. Alles klar?“

Wow. „Äh, ja, klar, alles klar“, entgegnete ich und gab ein nervöses Lachen von mir.

„Ich weiß, ich weiß. Ich bin ein kleiner Kontrollfreak. Aber so behalte ich den Überblick. Also, hier der Plan: Einmal die Woche, am besten freitags, ist Hausputz angesagt; sonntags habe ich frei, montags wird eingekauft und montags bis samstags komme ich um 16 Uhr vorbei. Außer am Freitag dann, logisch. Da komme ich am besten gegen elf Uhr. Hast du noch Fragen?“

Ich versuchte erst gar nicht, mir das alles zu merken. „Ähm, nein.“

Er nickte. „Gut, morgen besprechen wir am besten noch, was für Essenswünsche du hast. Die Liste mit deinen Essgewohnheiten habe ich bereits, aber es kann ja sein, dass du irgendwelche speziellen Gerichte favorisierst oder dass sich irgendetwas aktuell verändert hat.“ Ich hob bloß die Schultern. „Kein Ding, besprechen wir alles morgen. Dann lass es dir mal schmecken. Wenn was übrig bleibt, einfach in den Kühlschrank stellen. Ach ja, und meine Handynummer und Adresse habe ich an den Kühlschrank geheftet. Falls was ist, egal was, ruf mich jederzeit an. Ich bin Einheimischer und weiß daher nur allzu gut, dass Hogsville so seine Tücken haben kann – wie es erst für zugezogene Großstädter sein muss … Okay. Jedenfalls guten Appetit und bis morgen. Und auf gute Zusammenarbeit.“

Ich war mir nicht sicher, wie und worauf ich antworten sollte und entschied mich für ein allgemeingültiges Nicken und ein zufriedenstellendes „Danke gleichfalls“. Rick hatte gelegentlich eine Art wie ein Tornado. So viel konnte ich bereits über ihn sagen.

Er klatschte abschließend die Hände zusammen und ich sah förmlich die Stromstöße, die von seinem Kopf gen Zimmerdecke sprangen. „Raus finde ich alleine. Tschüss!“ Bevor er die Tür endgültig hinter sich geschlossen hatte und ich endlich entspannt aufatmen konnte, rief er noch rasch: „Oh, und viel Glück morgen in der Schule!“

Ach ja. Da war ja noch was. Dieser mir jüngst in Erinnerung gerufene Missmut konnte jedoch nicht meine Begeisterung über diese unglaublich guten Spaghetti trüben und gegen Dreiundzwanzig Uhr hatte ich tatsächlich alles komplett aufgefuttert. Nervennahrung für den morgigen Tag. Die würde ich auch brauchen – und dazu ein kaschierendes Oberteil.

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beta
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