Die Frau presste ihre Handfläche gegen die mit Dreck besprenkelte Scheibe.
Dort wo Glas und Haut mit sehnsüchtigem Druck aufeinandertrafen, wich das Blut aus der Hand. Von der anderen Seite konnte man das bleiche Negativ erkennen nebst dem Rand eines grob gewebten Ärmels. Um Sie herum hatte bereits erdrückende Stille die Überhand gewonnen. Ihre Weggefährten waren kaum mehr als fremde Gleichgeächtete. Noch vor Minuten war sie der Mittelpunkt des Sturms gewesen, alle hatten sich aufgebäumt und wie ein Topf kochenden Wassers, plappernd gegen die Fenster und Türen geschwappt. Hätte man nicht mehr mitnehmen können? Wäre die Seife doch keine Verschwendung gewesen? Dem wurde rasch ein Ende gemacht.
Nur die Frau überschritt in diesem Moment als letzte den Siedepunkt. Und sprang auf.

Der Mann nahe der Frau wartete vor Kälte schlotternd. Er hatte nicht einmal seinen dreiundzwanzigsten Sommer gesehen, doch in diesem Moment bogen Lasten seinen Rücken wie den eines gramgebeugten Greises. Er blickte unentwegt auf die dürren Finger am Fenster. Obwohl er sich auf die kleinen Kuppen konzentrierte, warfen sich kaum erblühte Gesichtszüge, spröde Lippen in seinen Blick. Und der schmale Ring. Die Gesichtszüge verzerrten sich im verschwommenen Hintergrund, der Mund rief Worte die er nicht wahrnahm.
Und trotz aller Versprechen die er sich gegeben hatte, es nicht zu tun, verirrte er sich zu den maronenfarbenen Augen. Sie sahen an seinem hochgezogenen Schulter vorbei, inzwischen beide Hände an der Scheibe, darauf einschlagend. Ihr Blick durchstach die Luft wenige Zentimeter neben seinem Ohr. Schien erst noch nach einer anderen halberfrorenen Seele zu suchen, dann bohrten er sich wie mit letzter Kraft brennender Torf in seine Augen.
Nicht einmal die eisige Scheibe vermochte diesen Blick zu kühlen.
Es versengte ihn. Ihre Angst versengte ihn.

Sie spürte wie Räder erste Turnübungen machten, Bremsen bereit zum weichen. Schrilles Pfeifen. Marschierende Schritte. Befehle. Hätte sie den Strom von Kohle, aufhalten können, sie hätte alles getan. Eine Uniform drückte sie mit Bestimmtheit auf ihr Stückchen Sitz zurück.

Und so stand da bloß der tragische Charakter, denn niemand sonst war wahnwitzig genug gewesen herzukommen. Und so saß da bloß die an viele andere gedrängte Gestalt am Fenster als wollte sie hindurch. Hemdsärmel, Hemd, der gelbe Stern und Frau waren in heißer Panik verschmolzen und erkalteten jetzt. Wurden grau.

Sie rief nicht mehr. Das nächste Pfeifen war die Erlösung für ihn. Der Ruck der durch sie ging, löschte den Brand wie eine Windbö. Nichts lebte mehr in ihren Gesichtszügen. Der Bann der Augen war gebrochen und er wandte endlich den Blick zu Boden. Dort würde er ihn lassen, tat er mit geballten Fäusten einen neuen Schwur.

Sein Schluchzen warf winzige Wolken.

Comments

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    wahnsinnig toll geschrieben, tolle atmosphäre!

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    Wunderschön geschrieben. Du hast eine ganz tolle, wenn auch sehr düstere, Atmosphäre geschaffen und mich über die gesamte Lesezeit in deinen Bann gezogen!!!!! Klasse! Herzlich Willkommen bei Belletristica und viel Spaß hier. Freue mich mehr von dir zu lesen!

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Fairy Dust

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