„Warum verletzt du dich selbst, Jay?“, fragte Dr. Preston, nach vorne gelehnt, mit einem Notizbrett in seinen Händen.
Jay Sherman lächelte abwesend und blinzelte ein paar Mal, bevor er die Fragen des eigenartigen Psychiaters, mit welchem er laut den Ärzten über sein selbstverletzendes Verhalten sprechen sollte, beantwortete.
„Reine Zerstörungsabsicht“, sagte er mit einer gehauchten Stimme. „Deshalb verletzen sich Menschen doch in erster Linie, tun sie das nicht?“
„Zerstörung?“, Dr. Preston rückversicherte sich über das Gesagte. „Selbstzerstörung“, korrigierte Jay plötzlich und begann auf seiner Unterlippe zu kauen. Wie ironisch, dachte er.
„Aber denken Sie nicht, dass ich es tue, um zu krepieren“, fügte er sofort hinzu. „Tust du nicht?“, Dr. Preston schien erstaunt.
„Natürlich nicht“, betonte Jay. „Ich ritze mich nicht, um Suizid zu begehen. Wenn das mein Hintergedanke wäre, würde ich vertikal schneiden, nicht horizontal. Der Grund, warum ich es tue, ist um zu fühlen.“
„Wie meinst du ‚fühlen‘?“, wollte Dr. Preston wissen. „Überhaupt irgendwas fühlen“, versicherte Jay. Er schien ein wenig eingeschüchtert zu sein, aber wusste nicht warum. „Du meinst, das Gefühl von Schmerz ist das Einzige, das du hast?“, Dr. Prestons Stimme klang mitfühlender. „Ist das nicht irgendwie paradox? Du sagtest, dass du es zur Selbstzerstörung tun würdest.“
„Nein“, Jay schüttelte seinen Kopf. „Ich sagte, dass Menschen das hauptsächlich tun. Aber es ging dabei nicht um mich.“
Er blinzelte ein paar Mal und sah in das freundliche Gesicht des Psychiaters mittleren Alters. „Ich will leben, also die meiste Zeit. Und manchmal will ich einfach alles hinter mir lassen“, dachte Jay laut.
„Also wenn du alles ‚hinter dir lassen willst‘, nimmst du dir eine scharfe Klinge und machst dein Ding“, umschrieb Dr. Preston den Prozess der Selbstverletzung. „Falsch“, widersprach Jay. „Wenn ich alles hinter mir lassen will, setze ich mich auf meinen Fenstersims, lasse die Beine in der Luft baumeln, schaue dabei zu, wie die Blätter im Wind wehen, höre das Zwitschern der Vögel und erfreue mich an dem Gedanken aus dem zwanzigsten Stock zu springen.“ Dr. Preston seufzte laut. „Aber das passiert so gut wie nie“, schweifte Jay vom Thema ab.
„Aber Sie wollten wissen, wann ich eine scharfe Klinge nehme und ‚mein Ding mache‘, korrekt?“, sagte Jay und formte Gänsefüßchen mit seinen Fingern. „Jay, ich möchte, dass du so ehrlich wie möglich über deine Gedanken sprichst, in Ordnung?“, meinte Dr. Preston. „Ich war gerade dabei“, versicherte Jay ihm. „Dann fahr fort“, sprach der Doktor.
„Kennen Sie das Gefühl, das Sie an einem sonnigen und warmen Morgen nach einem sehr erholsamen Schlaf haben?“, fragte Jay den Arzt erfreut. „Manchmal“, bestätigte dieser. „Ich nicht, jedenfalls nicht direkt“, Jays gute Stimmung verschwand. „Aber ich kann es fühlen. Es ist ein großartiges Gefühl. Ich fühle die warmen Sonnenstrahlen auf meinem nackten Gesicht und den orangefarbigen Sonnenaufgang in meinem Geist. Es ist da, wenn ich die warme, rote Flüssigkeit meinen Unterarm und meine Fingerspitzen herunter tropfen sehe. Alles ist da, wenn ich das Messer an meine Vene presse. Es muss zwar nicht so tief sein, aber ich hab mich selbst dabei erwischt wie ich in den letzten Monaten immer tiefer und tiefer geschnitten habe, um dieses Erlebnis umso stärker zu erfahren.“
„Dürfte ich deine Arme sehen?“, fragte Dr. Preston sichtlich aufgewühlt und Jay krempelte zögerlich seine Ärmel hoch. Der Psychiater nahm die Hand vor den Mund und war beinahe etwas schockiert von diesem Anblick. Er erkannte ein Körperteil, welches einen Arm darstellen sollte, stark übersät von hellroten, gewaltigen Narben und frischen Schnitten, die nicht älter als ein paar Tage sein konnten. Die Haut des Jungen wirkte als sei sie in Falten gelegt, wie ein Stück Stoff, aber sie war von Narbengewebe unkenntlich gemacht worden. Und es betraf nicht nur seine Handgelenke, sondern den gesamten Arm bis zu seiner Schulter, ein Stück des Halses und die Brust ebenfalls.
„Haben deine Eltern dazu noch nichts gesagt?“, Dr. Preston lehnte sich paralysiert zurück. „Ich hab’s geheim gehalten“, Jay zog die Ärmel wieder herunter. „Aber ich nehme an, dass es jetzt kein Geheimnis mehr ist und dicke Rollkragenpullis nur noch wenig hilfreich sind. Der Sommer kommt.“ Der Junge versuchte zu lachen, schaffte es jedoch nicht.
Der Psychiater ließ seine Augen über die Arme des Jugendlichen schweifen, die wieder von Ärmeln bedeckt waren. „Ist das die einzige Art dich zu verletzen?“, wollte er wissen. „Warum?“, Jay hob den Kopf an. „Nun ja, meistens. Wenn ich es nicht mal eine einzige Sekunde aushalte, schlage ich meine Hände gegen Steinwände, aber das ist bisher nur zwei Mal passiert.“
„Was hältst du nicht mal eine einzige Sekunde aus?“, fragte der Doktor interessiert.
„Stell dir vor du wärst ein Computer“, fing Jay an nüchtern zu erklären, „der seit Anbeginn seiner Existenz mit dem Internet verbunden war. Aber über die Jahre nimmt diese Verbindung stetig ab. Bis sie eines Tages vollkommen verloren ist. Du wurdest von Allem in dieser Maschine getrennt. Jetzt erträgst du ein Dasein abseits der Datenbank.“
Dr. Preston schien aufzuschreiben, was Jay ihm von jetzt an erzählte. „Und du fühlst dich als seist du außerhalb der Maschine“, harkte er nach. „Nein", flüsterte dieser. „Ich bin außerhalb der Maschine. Ich bin kein Teil mehr davon.“ Jay bemerkte, dass Dr. Preston die Worte ‚bin‘, ‚außerhalb‘, ‚Maschine‘ und ‚kein Teil mehr‘ unterstrich.
„Also was hat das Ritzen deiner Haut mit der Metapher eines Computers, der vom Internet getrennt ist, zutun?“, der Psychiater legte das Kinn auf seiner Faust ab, um seinen Kopf abzustützen.
„Es ist einfach“, versicherte Jay. „Manchmal, wenn du das gesamte System schüttelst und wiederholt schlägst, kehrt die Verbindung für einen kurzen Zeitraum zurück. Das habe ich damals gemacht als die WLAN-Karte in meinem Computer unseren Router nicht finden konnte. Es funktionierte, mehr oder weniger, wenn ich den Computer sanft geschlagen hab. Aber dieser Effekt ließ nach ein paar Malen nach und ich musste härter zuschlagen, um die Verbindung für einen längeren Zeitraum aufrechtzuhalten.“
„Das ist unvorstellbar. Also ist das Schlagen des PCs gleichzusetzen mit dem Ritzen und das WLAN sind deine Gefühle gegenüber der Welt“, Dr. Preston setzte das Puzzle auf seinem Notizbrett zusammen.
„Wenn du eine Verbindung hergestellt hast, kannst du alles erreichen. Jedes Teil und jede Ecke. Durch das Zufügen eines kleinen Schmerzes, kann ich alle Gefühle erleben, die der menschliche Verstand kennt. Freude, Trauer, Wut, Angst, Verlust, Bereicherung, Erstaunen und sogar Liebe“, sagte Jay mit einem schwach hochgezogenen Mundwinkel. „Es fühlt sich an wie Eiscreme an einem sonnigen Julitag am Strand mit seiner ganzen Familie zu essen. Es fühlt sich an wie ein fröhlicher Filmabend und eine Übernachtung bei Freunden. Es fühlt sich an wie das allererste Mal mit der wunderschönsten Person, die man sich vorstellen kann.“
Der Psychiater verstummte für einige Sekunden, kritzelte etwas auf sein Notizbrett und legte dann sanft seine Hand auf Jays Schulter, während er ihm verheißungsvoll zulächelte. „Du musst das nicht tun, Jay. Du bist nicht von dieser Welt abgekoppelt. Du kannst niemals vollkommen mit ihr verbunden sein, aber es wird immer genug offene Verbindungen für dich geben. Wenn du die Verbindung wiederherstellen willst, musst du die WLAN Karte, und damit deine Gedanken über diese Welt und dich darin, austauschen.“
Jay fühlte wie ein bitterer Geschmack seine Speiseröhre hinunterkroch. „Du bist nicht allein, Jay. Niemals“, Dr. Preston streichelte die Schulter des Jungen. „Wir können gemeinsam einen Weg finden die Schmerzen durch echte Empfindungen, echte Emotionen, auszutauschen. Du kannst das System neustarten.“
„Denn weißt du, was passiert, wenn du damit weitermachst den Computer jedes Mal fester zu schlagen?“, der Psychiater atmete tief ein und Jay sah ihn mit wässrigen Augen an. „Das System wird für immer herunterfahren.“

Comments

  • Author Portrait

    O Gott, ich hoffe von ganzem Herzen, dass du das hier nicht selbst erlebt hast!

  • Author Portrait

    Erstmal Herzlichen Dank für die Übersetzung. Maschinenfuchs, Respekt das Du dich an das Thema herangewagt hast, und die Thematik so gut beschrieben hast, das man versteht, das es sich lohnt den langen Weg einer Heilung zu gehen mit dem Ziel, nur noch die schönen Gefühle dominieren zu lassen..LG. Carmen

  • Author Portrait

    Danke für die Uebersetzung! Erschütternd, Vince...! Ich verstehe tief innen und bin erschüttert...!

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media