Audition 1.1

Im Probenraum wurde es still als ich meine Ideen den anderen präsentierte. Meine vier Mitstreiter starrten mich mit offenem Mund an als wäre ich vollkommen Übergeschnappt. Vor einer halben Stunde waren noch alle vor Freude durch die für uns als Probenraum Umfunktionierte Garage von Chris Oma getanzt. Jetzt, nach dem ich ihnen meinen Songvorschlag für die Audition morgen vorgestellt hatte, saßen alle ein wenig überfordert in den bunten Sitzsäcken.

„Bist du dir vollkommen sicher, dass du mit diesem Song beginnen möchtest?“ fragte mich meine beste Freundin Cassy zum dritten Mal. Ihre Stirn lag Zweifelnd in Falten.

Ich nickte nur zur Antwort.

„Du weißt ich liebe diesen Song. ‚The Story‘ ist wie gemacht für dich, aber es ist ein Countrysong und die wenigsten kennen ihn. Ich habe ihn zum Beispiel nicht gekannt. Bist du dir sicher, dass du es machen möchtest?“ fragte sie mich erneut. Ich konnte ihr den Zweifel von den Augen lesen.

Ich atmete tief ein und kämpfte mich aus dem Sitzsack hoch.

„Ich weiß das es gewagt ist. Es ist ein schwerer Song, aber ich möchte authentisch bleiben,“ erklärte ich und sah ihr dann direkt in die Augen. „Und wie du schon gesagt hast: Der Song ist wie gemacht für uns.“

„Es ist ein hoher Einstieg. Was möchtest du danach bringen?“ warf nun Chris ein, der bisher geschwiegen hatte.

„Ich dachte an ‚Just like a Pill‘“ überlegte ich laut.

Kopfschüttelnd stand Chris auf und trat näher zu mir.

„Wir können nicht so hoch beginnen um dann einen leichteren Song zu bringen.“

„Aber…“ wollte ich mich rechtfertigen doch er hob abwehrend die Hand.

„Wir müssen mit einer Ballade beginnen wo deine und Cassy’s Stimmen am besten hervortreten,“ erklärte er und stellte sich neben mich.

„‘Burn with you‘“ jubelte Cassy und klatschte wie ein kleines Kind in die Hände.

Tom, der Schlagzeuger, stimmte ihr zu.

„Wie wäre es mit ‚Burning Gold‘? Ist zwar keine Ballade aber die beiden Stimmen kommen gut zur Geltung,“ schlug James, der Bassist, eifrig vor.

Chris legte den Kopf wenig überzeugt zur Seite.

„Ich würde sagen wir legen mal ‚The Story‘ beiseite und gehen unser Repertoire durch,“ schlug James vor. Die Anderen nickten zustimmend.

Frustriert ließ ich mich wieder in meinen Sitzsack sinken und hörte ihnen beim Diskutieren zu.

„Das war keine Entscheidung gegen dich Amy,“ flüsterte mir Chris plötzlich ins Ohr. Erschrocken zuckte ich zusammen. Ich hatte gar nicht bemerkt das er sich in den Sitzsack neben mir gesetzt hatte und sich nicht bei der Diskussion beteiligte.

Plötzlich kam mir eine Idee. Ich betrachtete Chris von der Seite. Misstrauisch zog er seine Augenbrauen hoch als er meine Blicke bemerkte.

„Was?“ fragte er skeptisch.

„Ich habe eine Idee,“ lachte ich und stand auf.

Langsam ging ich zu den Instrumenten, nahm meine schwarze Westerngitarre in die Hand und begann an den Seiten zu zupfen. Als ich sicher war das sie gestimmt war trat ich an mein eingeschaltetes Mikrofon. Beim Blick auf die sprachlosen Gesichter meiner Freunde musste ich lachen.

Ich winkte Chris zu mir.

Vorsichtig stand er auf und kam langsam zu mir.

„Nimm bitte deine Gitarre,“ wies ich ihn an.

Gehorsam nahm er seine Rotbraune Westerngitarre in die Hand und stellte sich neben mich.

„Und jetzt?“ fragte er wachsam.

Lächelnd schob ich mir meine Gitarre auf den Rücken und nahm den zweiten Mikrofonständer in die Hand.

„Was…? Bist du verrückt?“ schreckte Chris zurück als ich das Mikrofon vor ihn hinstellte und zurechtrückte.

„Du wolltest doch ein Duett,“ rechtfertigte ich mich lachend. „Nun bekommst du eines.“

„Aber doch nicht mit mir,“ jammerte er.

„Hör auf zu jammern. Das wird klappen,“ beruhigte ich meinen besten Freund.

Wenig überzeugt trat Chris zum Mikrofon und sah mich abwartend an.

„Wie heißt der Song?“ wollte er murrend wissen.

„Ich dachte an ‚Calm after the storm‘. Mit diesem Song hat alles begonnen, erinnerst du dich?“ erläuterte ich ihm meinen Plan.

Chris Gesicht wurde sanft.

„Damit hat unsere Reise begonnen,“ murmelte er.

Cassy stieß einen theatralischen Seufzer aus. „Ihr seid so süß zusammen.“

Schnell drehte ich mich weg. Meine Wangen glühten.

Chris räusperte sich. „Okay, dann versuchen wir es mal. Zuerst mal nur akustisch mit den zwei Gitarren?“

„Ich will euch ja nicht stören aber was macht der Rest von uns während ihr auf der Bühne turtelt?“ unterbrach uns Cassy in unseren Überlegungen.

„Wir turteln nicht,“ knurrte Chris.

Ich drehte mich zu unseren Bandkollegen um. „Wir machen unsere eigene Version aus dem Song.“

„Es wird also keine Akustikversion?“ wollte James wissen.

„Ganz und gar nicht. Der Hauptteil liegt natürlich auf den Gitarren und unseren Stimmen, aber es soll natürlich auch zeigen das wir Wandelbar sind,“ erklärte ich ihm.

„Also ich bin begeistert. Das ist ein wunderbarer Beginn,“ schwärmte Cassy begeistert.

James und Tom erhoben sich.

„Na dann: Machen wir uns an die Arbeit,“ bemerkte Tom und klatschte eifrig in die Hände als er hinter sein Schlagzeug trat. Er nahm seine Sticks in die Hände und begann einen schnellen Rhythmus zu trommeln um warm zu werden.

Doch plötzlich stand Cassy vor uns und hob ihre Hände in die Luft. Augenblicklich wurde es still.

„Halt! Leute, ich möchte euch nicht aus eurer Euphorie reißen aber wir haben bis jetzt nur einen Song. Wir brauchen aber drei,“ stellte sie fest.

„Das ist doch jetzt ein Klacks. Nach ‚Calm after the Storm‘ bringen wir…“ augenblicklich stockte Tom.

„Ja, Tom? Was bringen wir danach?“ fragte Cassy selbstgefällig.

„’Just like a Pill‘“ platzte es aus mir heraus.

Alle Blicke wanderten nun zu mir.

„Du willst danach ‚Just like a Pill‘ bringen?“ fragte mich Chris skeptisch.

Ich überlegte kurz. Wollte ich? Sollten wir es riskieren?

„Ja,“ antwortete ich entschlossen und nickte ihm zu. „Sie sollen sehen das wir nicht nur Balladen können, sondern auch härtere Sachen.“

Die Jungs nickten zustimmend. Cassy jubelte. „Das wird super.“

„Nun fehlt uns nur noch ein Finish,“ stöhnte Tom.

„Das muss dann wirklich reinhauen,“ jammerte James. „Nicht das sie denken wir wären eine Girl Group.“

„Okay, dann bringen wir ‚Wannabe‘. Bist du dann Glücklich?“ stichelte Cassy. James packte einen der Drumsticks und schmiss ihn nach ihr. Doch Cassy duckte sich geschickt.

„Daneben,“ spottete sie. „Die andere Seite wäre es gewesen.“

Ein plötzlicher Gedankenblitz durchzuckte mich. „Die andere Seite,“ murmelte ich.

Ich spürte die Blicke der anderen auf mir als ich mich zu meinem Mikrofon umdrehte. Automatisch öffnete sich mein Mund. Wie von selbst formten sich die Worte.

„Make me whole again, open your eyes. Taunted by the shadows of your life. Cold and far away. But not even mine. Undo everything and take me higher‘“ stimmte ich die erste Strophe an.

Cassy kreischte und stimmte gleich mit ein. Tom haute in die Becken und Gitarren jaulten auf. Ich schaute zur Seite. Chris nickte und lächelte nur.

Wir hatten unser Finish gefunden.

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