Audition 1

Ein nerviges Gedudel riss mich aus meinen Träumen. Seufzend wälzte ich mich auf den Bauch und tastete mit immer noch geschlossenen Augen nach dem Übeltäter. Klirren und scheppern ertönte doch mein Handy blieb unauffindbar.

Grollend öffnete ich die Augen, was ich so gleich bereute. Helles Licht viel durch das Fenster in mein Zimmer und blendete mich. Stöhnend drückte ich mir das Kissen ins Gesicht, da hörte das nervige klingeln auf. Ich seufzte erleichtert auf und lies mich entspannt in die Kissen sinken.

Doch mein Handy begann schon von neuem zu bimmeln.

Verärgert warf ich das Kissen von mir und schwang mich aus dem Bett. Fluchend begann ich mein Zimmer nach dem blöden Ding zu durchsuchen, was sich im Chaos meines Zimmers aus außerordentlich schwierig erwies. Während ich also seufzend nach diversen Kleidungsstücken fischte um zu sehen ob sich mein IPhone darunter versteckte, begann das Gebimmel von vorne.

Fluchend, da ich gerade auf etwas Spitzes getreten war, humpelte ich vage in die Richtung woher der Lärm kam: Meinem überfüllten Schreibtisch. Ein riesiger Kleiderberg türmte sich vor mir.

Verärgert hob ich mein Sweatshirt, darunter erschien mein Rucksack. Schnell öffnete ich den Reißverschluss und holte das laut bimmelnde Smartphone heraus.

„Wehe es ist nicht wichtig,“ maulte ich in den Lautsprecher als ich den Namen des Übeltäters las.

„Guten Morgen Sonnenschein,“ lachte Chris, mein bester Kumpel in das Handy.

Vor fünf Jahren gründeten wir unsere Band ‚The Revolution‘, eine Coverband zusammen. Ich als Sängerin und er spielte Gitarre und übernahm auch manchmal die Vocals. Inzwischen war unsere Band auf fünf Mitglieder gewachsen.

„Du hast vielleicht nerven mich vor dem ersten Kaffee anzurufen,“ gähnte ich. „Hast du im Lotto gewonnen? Wirst du Präsident? Hast du heraus gefunden das du doch kein Mann bist?“

Chris lachte. „Weder noch, aber ich habe trotzdem gute Nachrichten: Wir haben Post bekommen!“

„Eine Rechnung? Das Ergebnis vom Vaterschaftstest? Rede Klartext mit mir!“

„Welcher Vaterschaftstest?“ Chris Stimme klang verwirrt. War wohl doch zu früh für Scherze.

Ich rollte mit den Augen. „Das war ein Scherz verdammt. Sag schon: Was für Post? Wer hat dir geschrieben? Obama? Oder doch Trump?“

„Nicht so ungeduldig, Prinzessin,“ amüsierte sich Chris über meine Ungeduld.

„Spann mich nicht so auf die Folter, Prinzessin,“ äffte ich ihn nach. „Immerhin hast du mich dafür um… Herrgott nochmal es ist 7 Uhr früh an einem Samstag. Warum bist du um diese Uhrzeit wach?“

„Denk doch mal scharf nach Prinzessin: Was für ein Tag ist heute?“ fragte er mich ungeduldig.

Ich atmete tief durch. „Heute ist Samstag der…“ Ich nahm mein Handy vom Ohr und starrte auf den Bildschirm. Meine Kinnlade wanderte nach unten als ich die Ziffern betrachtete. Samstag, 07.03.2017. „Oh mein Gott, oh mein Gott. Soll das heißen, …? Oh mein Gott, wir sind dabei. Wir dürfen zu den Auditions.“ Vor Freude tanzte ich durch mein Zimmer.

„Ich habe die Bestätigung, ja wir dürfen zu den Auditions von ‚All of the Stars‘“ lachte Chris am Telefon während ich vor Freude durch das Zimmer tanzte.

Unser Traum war nun zum Greifen nah: Ein Plattenvertrag für unsere Band.

„‘Wir gehen zu den Auditions. Wir gehen zu den Auditions.‘“ sang ich überglücklich.

„Jetzt haben wir es glaub ich alle Verstanden, Amelia. Wir gehen zu den Auditions. Weißt du auch wann die sind?“ holte mich Chris Stimme aus den Wolken. „Denk mal scharf nach, Prinzessin.“

Erschrocken blieb ich stehen. „Wann?“

„Wir sind in der dritten Gruppe. Die Gruppe ‚Bands‘“ begann er vorzulesen.

„Ja und weiter?“

„Sei nicht so ungeduldig.“

„Mach schneller Chris, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit,“ motzte ich.

Chris lachte. „Ich dachte immer langsam sei gut.“

Ich verdrehte die Augen. „Oft ist schnell besser.“

„Jetzt zum Beispiel?“

„Auf jeden Fall,“ stimmte ich ihm zu.

„Dann soll es ein Quickie werden wie Herrin wünscht,“ witzelte er. „Unsere Audition ist morgen.“

Geschockt blieb ich stehen. „Was?“

„Morgen um drei.“

Hitze stieg in mir hoch. „Aber… aber wir sind noch nicht vorbereitet. Wie sollen wir… Wir müssen Proben. Songs müssen ausgewählt werden…“ begann ich nervös herunterzurasseln und dabei im Kreis zu gehen.

„Amy. Amy. Süße. Wir schaffen das. Mach dir keinen Kopf. Ich bin auch noch da. Ich habe alles im Griff,“ beruhigte mich Chris.

„Du hast alles schon geplant?“ verwirrt blieb ich stehen.

„Zumindest wie wir hinkommen,“ erklärte Chris. „Wir nehmen den Van meines Vaters. Er stellt ihn uns zur Verfügung.“

„Oh. Okay. Dann fehlen also nur noch die Songs?“

„Um die kümmern wir uns heute. Ich habe die anderen schon benachrichtigt. In einer Stunde im Probenraum?“ fragte Chris. Ich sah schnell auf meinen Wecker und dann in den Spiegel an der Wand. Mein viel zu großes Schlafshirt das mir gerade noch über den Hintern ging, schlabberte an mir herunter. Mein schlaftrunkenes Gesicht war schneeweiß. Mit meinen Augenringen könnte ich glatt als Panda durchgehen. Doch das schlimmste waren meine schulterlangen braunen Haare, die normalerweise in leichten Locken herunterhingen. Doch heute hatten sie sich entschieden Vogelnest zu spielen. Eines war sicher: So konnte ich dem über Peniblen Christopher nicht unter die Augen treten. Wenn es um seinen Körper ging war dieser Mann unausstehlich. Es würden jede Menge Witze fallen.

„Ich… komme so schnell es geht. Muss Schadensbegrenzung machen,“ stammelte ich ins Telefon.

„Schadensbegrenzung?“ lachte Chris. „Was hat du gestern angestellt? Als ich gegangen bin war noch alles in Ordnung. Zumindest so wie immer.“ Ich rollte mit den Augen. Wieder mal typisch!

„Ich bin in einer Stunde bei dir,“ rief ich in das Telefon und legte auf ohne auf eine Antwort zu warten. Jetzt hieß es improvisieren. Schnell schnappte ich mir saubere Wäsche und rannte aus dem Zimmer Richtung Bad. Ich ließ die Tür ins Schloss fallen, drehte den Schlüssel im Schloss um, zog mich aus und sprang eilig unter die Dusche. Heißes Wasser prasselte auf meinen Körper. Ich schloss die Augen während sich meine Muskeln unter dem heißen Strahl lockerten. Genoss die Wärme und Stille, während ich über das eben gehörte nachdachte.  Ich war meinem Traum Musik zu machen einen großen Schritt näher. Jetzt zählte die Richtige Songauswahl. Grüblerisch nahm ich die Flasche mit dem Duschgel und tat mir einen Klecks des nach Pfirsich riechenden Gels auf die Hand. Nachdenklich begann ich meinen Körper großzügig einzuseifen. Ein Lied sollte eine Geschichte erzählen. Es sollte von Träume, Wünsche und Sehnsüchte des Erzählenden handeln, ging es mir durch den Kopf während ich zu sah wie das Wasser den Schaum von meiner Haut spülte. Völlig in meinen Gedanken versunken beobachtete ich wie der Schaum langsam im Abfluss verschwand. Mit Gefühlen kann ein Sänger das Publikum am besten Überzeugen, kam es mir in den Sinn als ich die Flasche Shampoo in die Hand nehme und es in meinen Haaren verteilte. Ich schloss die Augen als ich begann meine Kopfhaut zu massieren. Eine Melodie geisterte durch meinen Kopf. Textfetzen schwirrten durch meinen Kopf. Langsam begann das ganze Gestalt anzunehmen. Welches Gefühl möchtest du deinem Publikum überbringen, Amy? Welche Geschichte ist deine? Die Fragen geisterten in meinem Kopf als ich in einem Handtuch gewickelt vor dem Badezimmerspiegel stand. Mit einer Hand wischte ich den Dunst vom Spiegel. Quietschend schlitterte meine Handfläche über das kalte Glas. Ich starrte mir selbst ins Gesicht. Starrte auf die fast unsichtbare Narbe unter meinem rechten Auge und die drei kleinen Muttermale auf der rechten Wange. Ich verzog mein Gesicht zu einem Lächeln und fuhr mit meinen Fingern über die Fältchen die sich bildeten.

„Was ist deine Geschichte Amelia? Was möchtest du uns erzählen?“ fragte ich mich selbst laut und betrachtete mich im Spiegel. Meine nassen Haare hingen mir über die Schultern. Wassertropfen liefen über meine nun warme Haut und hinterließen Linien auf mir wie unsichtbare Narben. Ich sah auf, sah geradewegs in mein Gesicht. Meine Haselnussbraunen Augen leuchteten mir entgegen. Ein leichtes Lächeln erschien auf meinem Gesicht. Ich war bereit. Bereit meine Geschichte zu erzählen.

:norv

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