Auf den Zahn gefühlt

Der kleine Hauself blieb vor einer großen, hölzernern Tür stehen und wandte sich zu Ginny um: "Der Herr hat ausnahmsweise erlaubt, dass Sie die Bibliothek betreten dürfen. Bitte machen Sie nichts dreckig."

Überrascht schaute Ginny den Hauself an, doch dieser sagte kein weiteres Wort, sondern klopfte stattdessen laut an die Tür. Es dauerte einen Moment, dann konnte sie von Innen leise Schritte hören, ehe sich ein Spalt öffnete.

"Ginny!", hörte sie den überraschten Ausruf ihrer Freundin, ehe sie sich in einer stürmischen Umarmung wiederfand. Mit gleicher Freude erwiderte sie die Begrüßung.

"Ich hätte nicht gedacht, dass Snape dich mitbringt! Oh, ich freue mich so!", kam es enthusiastisch von Hermine.

"Das war wirklich ein netter Zug von ihm, ja. Ich soll dir hier helfen, was auch immer du machst."

"Mr. Malfoy hat dir erlaubt, die Bibliothek zu betreten?", fragte Hermine verwundert.

"Ja, wieso, ist das so besonders? Der Hauself gerade hat auch schon was in die Richtung gesagt."

"Die Malfoys lassen kein dreckiges Gewürm hier rein", erklärte Hermine mit leichtem Hohn in der Stimme, während sie Ginny zu ihrem Schreibtisch führte, "entsprechend war hier noch nie ein Hauself und ich musste tagelange Beobachtung ertragen, ehe ich alleine hier sein durfte."

"Ich verstehe", kam es trocken von Ginny, "und was genau machst du hier?"

"Ach, das hat Zeit. Ich hab was viel Spannenderes zu erzählen!", sagte Hermine, aufgeregt darüber, die Geschehnisse der letzten Tage endlich mit jemandem teilen zu können. Leise flüsternd - man wusste nie, ob nicht doch Abhörzauber auf dem Raum lagen - begann sie, Ginny auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen.

oOoOoOo


Nachdem seine Sklavin den Raum verlassen hatte, schwieg Snape eine Weile und beobachtete den blonden Mann vor sich. Er konnte nicht feststellen, dass sich an seiner arroganten Ausstrahlung etwas geändert hatte, und doch mischte sich etwas Neues, was vorher nicht dagewesen war, mit rein. Er konnte eine deutliche Genervtheit wahrnehmen, so deutlich, als richte sie sich speziell gegen ihn.

"Ist dir meine Anwesenheit nicht genehm?", fragte er schließlich. Als habe er nur auf ein Stichwort gewartet, drehte sich Lucius Malfoy wieder zu ihm um, trat vom Fenster weg, um vor dem Kamin stehen zu bleiben, wo er sich zu seiner charismatischsten Pose aufbaute: Ein Arm ausgestreckt auf dem Sims, das Kinn erhoben, die andere Hand lässig auf seinem Stock abgelegt, glich er dem Urahnen, der riesiges Gemälde über ihm prangte, auf nahezu unheimliche Weise. Ehe er sich zu einer Antwort herabließ, wanderte noch eine Augenbraue hoch und seine Lippen kräuselten sich zu einem humorlosen Lächeln.

"Ganz und gar nicht, wie kommst du zu der Annahme?", kam die entsprechend kalte Erwiderung, "Ich schätze es immer sehr, wenn meine Frau mir ihre Schoßhündchen schickt."

„Du klingst wie ein patziges Kind, dem man den Lolli weggenommen hat, Lucius. Das steht dir nicht.“

„Und was genau erwartest du von mir? Wie soll ich deine Anwesenheit hier interpretieren?“

Kopfschüttelnd ließ sich Snape auf einem der Sessel nieder: „Ich setze mich dann mal, auch wenn du es mir nicht angeboten hast.“

„Tu, was dir beliebt. Wenn es nach meiner Frau ginge, hättest du sowieso vollkommene Verfügungsgewalt über dieses Haus.“

„Du kannst dir den Spott sparen“, sagte Snape ungeduldig, „stattdessen könntest du anfangen zu erklären, was dieses ganze Drama soll. Warum bin ich hier?“

„Warum du hier bist?“, gab Malfoy lachend zurück, „Na doch wohl offensichtlich, weil du auf ein Zeichen meiner Frau hin sofort springst. Oder ist es meine liebe Schwägerin Bella, die du beeindrucken willst?“

„Du weißt genau, wie ich meine Frage gemeint habe. Hör auf mit den Spielchen!“, erwiderte Snape unbeeindruckt, „Warum war Narzissa der Meinung, dass ich mit dir reden muss? Was läuft da zwischen dir und der Granger?“

„Ah, darum geht es dir. Sag das doch gleich!“

„Lucius!“, knurrte Snape, der inzwischen entgegen seiner Gewohnheit genervt war.

„Noch einmal: Was erwartest du von mir?“, wiederholte der Hausherr seine Frage, während er ungerührt mit erhobener Augenbraue auf seinen Gast hinabschaute.

„Erkläre mir, wieso es deine Frau für nötig befunden hat, dass ich dir auf den Zahn fühle.“

In einer unschuldigen Geste breitete Malfoy seine Arme aus, doch zu Snapes Erleichterung setzte er sich daraufhin und schien endlich gewillt, ernsthaft zu antworten.

„Wenn du es genau wissen willst: Sie ist einfach eifersüchtig. Ich mag schöne, junge Frauen und das ist sie eben nicht mehr. Granger schon, zumindest was das Jung angeht. Ihre Eifersucht hat sie so weit getrieben, dass Bellatrix den Dunklen Lord informiert hat.“

„Bitte?“, kam es fassungslos von Snape, „Narzissa unterstellt dir Blutsverrat, ihre Schwester trägt das dem Lord zu – und du sitzt hier seelenruhig und verspottest mich?“

„Wer redet denn von Blutsverrat?“

„Deine Frau. Und Bellatrix. Lucius, sag mir nicht, dass du davon nichts wusstest!“

Snape konnte sehen, dass sein Gastgeber merklich erbleichte und er bewunderte ihn ein wenig, dass er sich ansonsten so gut unter Kontrolle hatte.

„Du meinst, Bellatrix hat dem Dunklen Lord geschrieben, dass ich ein Blutsverräter bin?“

„Ja.“

Schweigen breitete sich erneut in dem Raum aus. Interessiert beobachtete Snape, wie Lucius mit geschlossenen Augen da saß und offensichtlich angestrengt nachdachte. Es war offensichtlich, dass sich der blonde Mann nicht bewusst gewesen war, wie ernst seine Lage war. Andererseits, so überlegte Snape, konnte das nur bedeuten, dass er des Blutsverrats nicht schuldig war – sonst wäre er gewiss schon durch seine alleinige Anwesenheit nervös geworden. Oder fühlte er sich schuldig, dachte aber, dass niemand etwas bemerken würde? Für die meisten Menschen da draußen war die Vorstellung, dass ausgerechnet Lucius Malfoy ein Blutsverräter sein könnte, vollkommen lachhaft, Versagen im Ministerium hin, Ungnade des Dunklen Lords her.

„Worauf basiert dieser Vorwurf überhaupt?“, brach es schließlich aus Lucius heraus, „Ich meine … du hast doch auch schon mit Granger geschlafen und dir macht auch keiner einen Vorwurf.“

„Genau darum geht es mir. In den Augen deiner Frau gibt es offensichtlich einen Unterschied in deinem und meinem Verhalten“, bekräftigte Snape die Frage.

„Der Unterschied ist, dass ich mit ihr verheiratet bin, sonst ist da nichts! Sie wirft mir vor, dass ich eine Sklavin für das nutze, wofür sie vorgesehen ist.“

„Du hast also auch mit ihr geschlafen?“, hakte Snape nach. Er spürte, dass ihn das Thema innerlich bewegte, doch er gestattete sich weder, das nach Außen zu zeigen, noch näher darüber nachzudenken, woher das kalte Gefühl kam.

„Ja, und? Dafür haben wir die doch!“, fuhr Malfoy ihn wütend an. Mit ausdrucksloser Miene verfolgte Snape, wie sein Gastgeber erneut aufsprang und zum Fenster ging, um mit ihm zugewandten Rücken seinen Blick über den eigenen Garten schweifen zu lassen: „Ich bin der Herr in diesem Haus. Ich habe die Sklavin ausgesucht. Sie gehört mir, entsprechend entscheide ich, was ich mit ihr anstelle.“

Ein anderer Gedanke trat plötzlich in Snapes Kopf: „Und warum hast du es dann für nötig befunden, Granger durch mich heilen zu lassen, nachdem sie sich eine starke Unterkühlung zugezogen hatte? Wieso hast du das nicht selbst gemacht?“

„Warum muss ich mich vor dir rechtfertigen?“, fragte Malfoy und drehte sich erzürnt um. Snape konnte nur innerlich seufzen, ehe er erwiderte: „Weil ich bereit bin, deine Erklärung anzuhören und dich zu verstehen. Meinst du, wenn unser Lord hier auftaucht, wird er seelenruhig dasitzen und sich irgendeine Rechtfertigung anhören? Du weißt, was er davon hält, wenn auch nur der kleinste Verdacht im Raum steht …“

Der Zorn des Hausherrn ließ sichtlich nach, doch Snape konnte ihm anmerken, wie aufgewühlt er sein musste – wie ein eingesperrter Tiger ging er mit langen Schritten auf dem Teppich vor seinem Kamin auf und ab. Geduldig wartete er, bis der blonde Mann sich soweit beruhigt hatte, dass er erneut ihm gegenüber Platz auf einem der großen Ohrensessel nahm, und zu seiner Erklärung ansetzte.

„Ich hatte einfach keine Lust, mich um sie zu kümmern. Unterkühlungen heilt man nicht durch einen einfachen Zauber, der Aufwand war mir zu groß.“

„Du hast Hauselfen, die sich gut mit der Pflege kranker Zauberer auskennen.“

Wieder konnte Snape ein langes Zögern ausmachen, ehe sein Gastgeber antwortete. Es wirkte beinahe, als überlegte er sich während des Gespräches erst, wie er sein Handeln rechtfertigen konnte. Unsicher, ob er belogen wurde, lauschte er den weiteren Ausführungen.

„Es war offensichtlich meine Frau, die Granger in diese Lage gebracht hat. Vielleicht wollte sie sie nur bestrafen, vielleicht hat sie absichtlich ihren Tod in Kauf genommen. Auf jeden Fall hätte sie nicht zugelassen, dass Hauselfen von ihrer eigentlichen Arbeit abgezogen werden, um eine Sklavin zu pflegen. Und auf eine Sklavin verzichten wollte ich auch nicht.“

Skeptisch schaute Snape seinen Gesprächspartner an, doch Lucius Malfoy erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Resigniert ließ er sich tiefer in den Sessel sinken. Er war nicht der einzige, der im Laufe seines Lebens das Lügen und Verbergen perfektioniert hatte. Auch, wenn sich Lucius‘ Gefühle häufiger von seinem Gesicht ablesen ließen, so war er doch immer noch gut darin, seine kalte, arrogante Fassade zu wahren – und offensichtlich anderen ins Gesicht zu lügen. Obwohl seine Erklärung gut war, bezweifelte Snape, dass sie der Wahrheit entsprach, oder zumindest vollständig richtig war. Für den Augenblick blieb ihm jedoch nichts anderes übrig, als sie zu akzeptieren.

„Schön“, sagte er entsprechend, „bis hier hin klingen deine Aussagen glaubhaft. Ich werde trotzdem bis Sonntag bleiben, und sei es nur, weil ich mich in deinem luxuriösen Haus vom Schulalltag entspannen will.“

Mit diesen Worten erhob er sich, nickte Malfoy noch kurz zu und verließ dann den Raum. Wenn er es richtig verstanden hatte, waren die beiden Sklavinnen in der Bibliothek zu finden. Irgendetwas in ihm verlangte danach, erneut mit Hermine Granger unter vier Augen zu sprechen.

oOoOoOo

 

Das leise Knarzen der Tür ließ Hermine aufhorchen. Irgendjemand hatte gerade die Bibliothek betreten, und da kein Hauself es wagen würde, den Regeln des Meisters zu wiedersprechen, konnte es sich dabei nur um Snape, Malfoy oder Draco handeln. Geschwind bedeutete sie Ginny, das Gespräch zu unterbrechen und so zu tun, als würde sie ihr beim Sortieren der Bücher helfen.

„Ich sehe, Sie sind Miss Granger eine große Hilfe“, richtete Snape sein Wort direkt an seine Sklavin. Ginny nickte nur als Antwort und warf Hermine einen verunsicherten Blick zu.

„Können wir behilflich sein?“, erkundigte Hermine sich mich kalter Stimme, ohne vom Schreibtisch aufzuschauen. Sie spürte mehr als dass sie sah, wie Snape sehr dicht an sie herantrat. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus.

„Ich würde gerne einige Worte unter vier Augen mit Miss Granger wechseln. Wenn Sie so freundlich wären, Miss Weasley …“

Der panische Blick in Hermines Augen musste überaus deutlich gewesen sein, denn Ginny erwiderte nach einer kurzen Gedenkpause: „Es gibt nichts, was Sie nicht auch vor mir zu ihr sagen könnten.“

Obwohl Hermine das Gesicht von Snape nicht sehen konnte, war sie sich sicher, dass ein missbilligender Ausdruck darauf erschienen sein musste, denn sie spürte, wie sich sein Körper versteifte, und beobachtete, dass Ginny blass wurde.

„Sie haben mir zu gehorchen, Miss Weasley. Wenn Sie denken, dass Sie ungehorsam sein können, nur weil ich mich Ihnen gegenüber höflich verhalte, haben Sie sich geirrt“, kam es mit eisiger Stimme von Snape, „Sie werden jetzt augenblicklich die Bibliothek verlassen. Lassen Sie sich von Lucius eine Aufgabe geben. Sollte ich später erfahren, dass Sie sich nicht bei ihm gemeldet haben, wird es Konsequenzen geben.“

Eisige Kälte machte sich in Hermines Magen breit, während sie beobachtete, wie Ginny mit hängenden Schultern Richtung Ausgang davon schlich. Sie schaute ihr nach, bis die große Holztür mit einem dumpfen Knall wieder zugefallen war, dann spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.

„Setzen Sie sich mit mir auf das Sofa dahinten, Miss Granger. Unser letztes Gespräch endete nicht so positiv, das würde ich gerne ändern.“

 

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