Auf der Spur

                


Entlang der Wände rann das Wasser zu Boden. Die Luft war feucht und kalt. Sie begriff schnell, dass sie vermutlich nicht geeignet gekleidet war, um sich an diesem Ort herumzutreiben.

Es schüttete bereits den ganzen Tag und das Regenwasser bahnte sich seinen Weg durch einen Spalt in den unterirdischen Schacht, in dem sie sich gerade befand.

Es gab für sie nichts Aufregenderes, als mitten in der Nacht ihre Aufträge zu erledigen. Nur zu dieser Stunde herrschte überall auf den Straßen Ruhe und niemandem fiel es auf, wenn sie sich auf den Weg machte, um ihrer Arbeit nachzugehen.

Sie war bereits bis auf die Knochen durchnässt. Ihre, ohnehin schon eng anliegenden, schwarzen Sachen klebten durch die hohe Luftfeuchtigkeit an ihrer Haut.

Ihre Augen begannen, zu schmerzen. In der Dunkelheit etwas erkennen zu können, war anstrengend und sie musste nachgeben und sich für den auffälligeren Weg entscheiden. Ihr blieb nichts anderes übrig, als das Risiko einzugehen, dass sie selbst gesehen wurde. Sie lockerte das Band an ihrem Gürtel und die kleine Taschenlampe fiel ihr in die Hand. Sie knipste sie an und leuchtete den Gang herunter.

Da war ein Gitter am Boden. Wenn sie Glück hatte, dann … Sie schlich hinüber und sah sich noch einmal um, hockte sich dann lautlos davor und spähte hindurch.

Sie hatte Glück. Bereits die halbe Nacht war sie schon auf der Suche nach seinem Versteck. Kaum ein Mensch würde je darauf kommen, dass er sich in diesen unterirdischen Gängen versteckt hielt. Nur sie hatte das. Und Conan.

Siegessicher grinste sie, hob das Gitter an und legte es vorsichtig zur Seite. Genau in diesem Moment hörte sie Schritte, vom Gang unter ihr kommend. Sie knipste das Licht aus und versteckte sich in der Dunkelheit. Die Schritte kamen näher und als sie einen Blick wagte und durch das Loch nach unten blickte, starrte sie geradewegs auf einen Kopf.

Nicht auf irgendeinen. Nein. Dieser Kopf gehörte jemandem, der sie seit Wochen an der Nase herumführte. Einem gerissenen Verbrecher, der ihr seit vielen Wochen immer wieder entwischt war. Nun hatte sie es endlich geschafft. Sie hatte seinen Unterschlupf gefunden.

Zwar war dies noch längst nicht der gefährlichste Verbrecher in Ulailos, doch es war ein Anfang und eine große Erleichterung für ihre Heimatstadt Wiloka. Dieser Kerl war weder Mörder, noch überfiel er Banken. Dafür war er wahrscheinlich doch nicht schlau genug. Er war dafür bekannt, Scream ohne Messer zu spielen. Er guckte sich ein Haus aus, in dem junge, gutaussehende Mädchen alleine lebten, oder dessen Eltern gerade verreist waren. Diese rief er an und fing an, ihnen zu drohen. Er hielt sich meistens irgendwo im Haus auf. Er hatte nicht die Absicht, die Mädchen zu töten, nein. Er war nur ein Gestörter, der sich einen Spaß daraus machte, junge Frauen zu ängstigen.

Er war demnach nicht besonders gefährlich, aber die Polizei suchte ihn wegen Einbruch und Belästigung, deshalb suchte auch sie nach ihm. Sie selbst war auch eine junge Frau und kannte seine Art. Er musste dringend in klinische Behandlung.

Natürlich arbeitete sie nicht für die Polizei. Conan beschaffte ihr ihre Aufträge und sie führte sie zu seiner Zufriedenheit aus. Von wem er letztlich instruiert wurde, hatte sie nie infrage gestellt.

Der Kopf verschwand aus ihrem Blickfeld. Es war an der Zeit, dem Treiben des Kerls ein Ende zu setzen. Leise ließ sie ihre Beine in das Loch baumeln und hangelte sich runter, sodass sie schließlich an der Kante in der Luft hing, unmittelbar hinter ihm.

Da sie nicht reden wollte, bevorzugte sie eine andere Methode. Sie ließ mit der einen Hand die Kante los, tippte ihm kurz auf die Schulter und hielt sich wieder fest. Der Mann drehte sich erschrocken um, doch kaum wich sämtliche Farbe aus seinem Gesicht, verpasste sie ihm schon mit einer geschickten Hüftdrehung einen kräftigen Tritt, sodass er das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.

„Wer bist du?“ Seine Stimme klang panisch, als er versuchte, so schnell er konnte, wieder auf die Beine zu kommen.

Sie hatte keine Lust mit ihm zu reden. Es war spät in der Nacht und sie war bereits müde, weil sie sich seit Stunden in den unterirdischen Schächten herumtrieb, um ihn zu finden. Sie musste am nächsten Tag früh raus, deshalb wollte sie die Sache nur noch schnell über die Bühne bringen. Außerdem hatte ihr Lehrmeister ihr jegliche Gewalt bei ihm erlaubt.

Conan McKlark war zweiunddreißig Jahre alt und sah in ihren Augen äußerst gut aus. Er wirkte meistens mysteriös, vor allem, wenn er selber zu seinen Aufträgen aufbrach. Er war stets dunkel gekleidet, deshalb hatte auch sie sich dem wohl angepasst. Meistens verhüllte er sein Gesicht, indem er Kapuzenpullis trug oder seinen langen Mantel, dessen Kapuze er sich ebenfalls tief in das Gesicht zog. Sie selbst bevorzugte allerdings eher eine Mütze und eine Sonnenbrille, um zu verhindern, dass man sie erkannte.

Conan mochte, im Vergleich zu ihr, zwar schon ein gutes Alter erreicht haben, aber gerade diese Tatsache ließ ihn nur umso interessanter auf sie wirken. Er wirkte stattlich. Man sah ihm sein Alter an, doch es schadete ihm nicht. Ganz im Gegenteil. Er wirkte in seinem Auftreten stets wie ein ganzer Mann, groß, stark und beschützend. Genau das machte ihn vermutlich so attraktiv. Seine Lebensweise hielt ihn körperlich fit. Er war durchtrainiert, rauchte nicht und trank nie Alkohol. Er fand, es vernebelte bloß die Sinne und für ihn gab es nichts Wichtigeres, als einen klaren Verstand. Er trichterte es ihr immer wieder ein und so kam es, dass auch sie bisher allen Verlockungen widerstanden hatte.

Sie ließ sich fallen und landete sicher auf ihren Füßen. Der Mann machte sich zum Angriff bereit, doch der nächste rechte Haken und der Wurf über die Schulter, setzten ihn außer Gefecht. Sie war eine zierliche Frau, aber Conan hatte ihr unzählige Techniken und Hebelwirkungen gezeigt, sodass sie sehr wohl in der Lage war, sich zur Wehr setzen zu können. Auch sie war sportlich und für eine Frau, trotz ihrer geringeren Größe und eher zierlichen und schlanken Gestalt, unverhältnismäßig stark.

Sie kettete ihn mit Handschellen an einen rostigen Ring, der in der Wand steckte und sah zufrieden auf ihn herab. Nun war es an der Zeit, sich wieder aus dem Staub zu machen, damit die Polizei, die bald auftauchen würde, sie nicht mehr erwischte und mit der Sache in Verbindung bringen konnte. Denn das war das oberste Gebot. Menschen wie Conan und sie arbeiteten verdeckt, außerhalb der Richtlinien und Gesetze. Würden sie erwischt werden, würde man sie ebenso verurteilen und bestrafen, wie jeden normalen Verbrecher, denn die Einhaltung der Gesetze des Landes spielte in ihrem Beruf keine Rolle.

Sie hangelte sich wieder nach oben, malte mit weißer Kreide Pfeile auf den Boden, damit er auch gefunden werden konnte und verschwand wieder in der Dunkelheit.

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