Auf der Suche nach Horkruxen

Aufgeregt fuhr Hermine sich durch ihre Locken. Sie konnte nicht glauben, dass Dumbledore Harry einen Auftrag geben würde, der so dermaßen hoffnungslos war. Wie sollte er es jemals schaffen, aus Slughorn etwas herauszubekommen, das dieser so sehr verheimlichen wollte, dass er sogar sein eigenes Gedächtnis manipuliert hatte?

„Horkruxe … Horkruxe … Ich habe noch nicht einmal von denen gehört …“, murmelte sie genervt vor sich hin, während sie an Harrys Seite zum Zaubertränkeunterricht ging.

„Ehrlich nicht?“

Sie konnte die Enttäuschung deutlich aus Harrys Stimme heraushören, und das machte sie nur noch wütender. Es wurmte sie, dass sie tatsächlich etwas nicht wusste, aber noch mehr störte sie, dass Harrys sie offenbar nur dann wirklich ernst nahm, wenn sie alles wusste. Entsprechend kühl erwiderte sie: „Das muss richtig fortgeschrittene schwarze Magie sein, warum hätte Voldemort sonst etwas darüber erfahren wollen? Ich schätze, es wird schwierig sein, die Information zu bekommen, Harry, du musst dir sehr gut überlegen, wie du Slughorn darauf ansprichst, denk dir eine Strategie aus …“

Mit einem merkwürdigen Blick schaute Harry sie von der Seite an: „Ron meinte, dass ich einfach heute nach der Stunde noch dableiben …“

Genervt blieb Hermine stehen. Dass Harry Rons Rat bevorzugte, war mal wieder typisch. Sie war ja nur ein Mädchen, was wusste sie schon davon? Und überhaupt, seit Ron eine Freundin hatte, strahlte er aus, dass er die Weisheit mit dem Löffel gefressen hatte. Als ob er alle Geheimnisse der Welt geknackt hatte, nur weil er Lavender Brown beeindrucken konnte. Wütend zischte sie: „Oh, schön, wenn Won-Won das meint, dann machst du es am besten. Wann hat Won-Won schließlich mit seinem Urteil falsch gelegen?“

„Hermine, kannst du nicht …“

Doch sie hatte keine Lust, weiter über Ron oder Harrys Blindheit zu reden. Zornig schnappte sie: „Nein!“, und ließ Harry einfach stehen, um ohne ihn zur Zaubertränkestunde zu gehen.

Im Klassenraum angekommen, nahm Hermine den Kessel von ihrem typischen Platz und schob ihn ganz an den Rand des Tisches, den sie sonst mit Harry und Ron teilte, so dass sie deutlich näher an der Slytherin-Seite des Raumes war. Draco, der ihre Aktion sofort bemerkt hatte, warf ihr in einem unauffälligen Moment einen fragenden Blick zu, doch sie rollte nur genervt mit den Augen.

Gespannt folgte sie den Ausführungen Slughorns über Gegengifte und rutschte begeistert in ihrem Sitz herum, als ihr klar wurde, was genau die heutige Aufgabe bedeutete. Er hatte seinen letzten Satz kaum beendet, da sprang sie auf, um sich von ihm das Gift abzuholen, das sie analysieren sollte.

In dem allgemeinen Gewusel, das dabei entstand, geriet sie plötzlich neben Draco, der ebenfalls als einer der ersten aufgestanden war. Er würdigte sie keines Blickes, doch zu ihrem maßlosen Entsetzen spürte sie plötzlich seine Hand auf ihrem Hintern. Sie wagte es nicht, ihn böse anzufunkeln, stattdessen lief sie knallrot an und schob sich so rasch wie möglich von ihm fort. Was dachte er sich nur dabei? Wenn irgendjemand es zufällig doch gesehen hatte, würde es eine Menge Gerede geben – und das war für ihn noch viel schlimmer als für sie.

Zurück an ihrem Platz schüttete sie das Gift aus der Phiole in den Kessel und erhitzte das Feuer. Als Harry mit seiner Phiole an ihr vorbei zu seinem Platz zurückkehrte, konnte sie sich einen schadenfrohen Kommentar nicht verkneifen: „Schade aber auch, dass der Prinz dir dabei nicht viel wird helfen können, Harry. Diesmal musst du die Grundsätze verstehen, die hier eine Rolle spielen. Keine Kurzformeln oder Schummeleien!“

Sie drehte ihren beiden besten Freunden den Rücken zu, doch da sie sich sicher war, dass beide trotz ihres Streits versuchen würden, sich an ihren nächsten Schritten zu orientieren, beschloss sie, die notwendige Zauberformel zum identifizieren des Trankes lautlos zu sprechen. Sollten die beiden ruhig einmal lernen, ohne sie ihre Aufgaben zu erledigen.

Was die Formel ihr dann jedoch verriet, ließ ihr Herz sinken. Sie hatte es mit einem Gift aus zehn Bestandteilen zu tun, was vermutlich mindestens doppelt so viele Zutaten für das Gegengift bedeuten würde. Und wie sie Gegengifte und ihre Zutaten kannte, würde sie noch eine Menge anderes Zeug beimischen müssen, um Nebenwirkungen oder falsches Zusammenspiel der Zutaten zu verhindern. Fluchend zückte sie Feder und Pergament und machte sich daran, eine Zutatenliste zu erstellen.

Die Hälfte der Stunde war rum, ehe sie endlich mit ihrem Brauprozess beginnen konnte. Zweiundfünfzig Zutaten standen auf der Liste und sie wusste jetzt schon, dass sie keine Zeit mehr hatte, alles in dieser Stunde zusammenzumischen. Einzig ein Blick zu Harry, der noch nicht einmal mit dem Raussuchen der Zutaten begonnen hatte, sondern noch immer hektisch in seinem besonderen Buch blätterte, hob ihre Stimmung. Auf der anderen Seite des Klassenraums, nur wenige Meter entfernt von ihr, saß Draco und schaute mindestens ebenso zerknirscht drein wie sie. Sein Gift war offensichtlich auch nicht leichter. Sie drückte den Rücken durch und begann, ohne sich Gedanken über die Zeit zu machen, ihr Gegengift zu erstellen.

Als schließlich Slughorn das Ende der Stunde verkündete, war sie gerade zur Hälfte fertig. Immerhin hatte sie genug brauen können, damit er bei der Analyse ihres Trankes sehen konnte, dass sie auf dem richtigen Weg war. Das musste reichen. Sein Gesicht spiegelte Enttäuschung wieder, während er von einem zum nächsten Tisch ging, insbesondere bei Draco, der sich mit irgendetwas wirklich Widerlichem bespritzt hatte, schaute Slughorn verärgert drein.

Zu ihrer Freude hellte sich seine Miene beim Anblick ihres Trankes auf: „Komplex, was Sie da angefangen haben, Miss Granger, aber wenn ich Ihre Zutatenliste sehe, bin ich sicher, dass es zum Erfolg geführt hätte. Nicht schlecht!“

Grinsend wartete sie darauf, dass er zu Harry weiterging. Sie hatte aus den Augenwinkeln gesehen, dass er seinen Kessel gar nicht angerührt hatte. Das würde seinem Ruf als bestem Zaubertränkeschüler einen heftigen Dämpfer verpassen!

„Und Sie, Harry? Was haben Sie mir zu zeigen?“

Hermine rekte ihren Hals, um zu sehen, was es war, das Harry vor sich auf den Tisch legte. Es sah aus wie ein Stein und für einen Moment starrte sie es nur verständnislos an. Dann brach Slughorn in schallendes Gelächter aus: „Sie sind mir vielleicht einer, mein Junge! Oh, Sie sind wie Ihre Mutter! Nun, ich kann nicht behaupten, Sie hätten es falsch gemacht … ein Bezoar würde sicherlich als Gegengift für all diese Tränke wirken!“

Hermine erblasste. Das konnte Slughorn unmöglich ernst meinen! Die Aufgabe war es, ein Gift zu analysieren und ein Gegengift dazu zu brauen! Wenn es einfach nur darum gegangen wäre, das Gift irgendwie zu neutralisieren, hätte sie auch zu einem Bezoar greifen können! Während Slughorn sich weiter begeistert in Vergleiche zu Harrys Mutter erging, senkte Hermine mit geballten Fäusten den Kopf. Sie war sich sicher, dass Harry die Idee wieder aus dem Buch hatte, denn Bezoare waren seit ihrem ersten Schuljahr nicht mehr drangekommen. Er hatte die ganze Stunde über nichts getan und nun bekam er wieder Lob. Es war einfach unfair!

Verstohlen blickte sie zu Draco hinüber, der offensichtlich hasserfüllt mit Blaise diskutierte. Offenbar dachte er genauso über die Sache und plötzlich verstand Hermine, wieso Draco in der Vergangenheit so oft allergisch auf Harry reagiert hatte. Ihm schien wirklich alles zuzufallen und alle Lehrer schienen ihn unbedingt als erfolgreichen, guten Schüler sehen zu wollen. Wenn man dabei nicht an seiner Seite stand, da konnte das schon wirklich nerven.

Es half nur wenig, dass Harry am Nachmittag davon erzählte, dass trotz seines Erfolgs im Unterricht Slughorn mehr als ablehnend auf seine Frage nach den Horkruxen reagiert hatte. Sie musste sich anstrengen, ihre Schadenfreude darüber nicht offen zu zeigen, aber da sie wusste, dass diese Sache wichtiger war als ihre kleinen Streitigkeiten, zwang sie sich, neutral zu bleiben. Ron hingegen war offenbar beleidigt, dass Harry ihm nichts von dem Bezoar erzählt hatte, und schmollte vor sich hin.

„Ich habe nicht eine einzige Erläuterung gefunden, was Horkruxe bewirken!“, sagte sie später am Abend, nachdem sie längere Zeit in der Bibliothek recherchiert hatte. Nur in einem einzigen Buch waren die überhaupt erwähnt, in Gar Böse Zauberey, und da stand nur drin, dass der Autor nicht von ihnen sprechen will, weil sie so böse sind! Was das für Wissenschaft sein soll! Da kann er auch gleich gar nichts dazu schreiben!“

oOoOoOo

„Bücher über die dunklen Künste? Was soll das werden?“

Unbehaglich zog Hermine die Schultern hoch: „Ich frag doch nur. Es hätte ja sein können, dass du in dem Gebiet besser bewandert bist als ich.“

Draco verschränkte seine Arme vor der Brust: „Schon klar. Aber warum fragst du überhaupt danach?“

Genervt stellte sie ihre Teetasse auf den kleinen Beistelltisch ab. Es war inzwischen zu einer Routine geworden, dass sie sich dienstags und donnerstags zu einer gemeinsamen Teestunde im Raum der Wünsche trafen, doch heute war Draco ablehnender als sonst. Grimmig blickte sie zu ihm rüber: „Du denkst immer als erstes, dass ich was gegen dich habe, oder?“

Für einen Moment erwiderte er ihren Blick ebenso finster, dann entspannte er sich plötzlich und fuhr sich durch seine langen blonden Haare: „Sorry, Granger. Ist einfach … Macht der Gewohnheit, schätze ich.“

Ihre Wut schmolz dahin, als Hermine sah, wie ehrlich verzweifelt Draco aussah. Es war so leicht zu vergessen, dass er in einer noch schlimmeren Situation war als Harry. Oder dass es schon erstaunlich war, dass er überhaupt endlich seinen Schatten übersprungen und sich seine Zuneigung zu ihr eingestanden hatte.

„Also, was für Bücher brauchst du?“

Sie konnte nicht anders, als ihn für einen Moment einfach nur mit einem vermutlich sehr dümmlich aussehenden Grinsen anzustarren. Es machte keinen Spaß, Dracos Feind zu sein, aber je mehr sie ihn kennen lernte, umso mehr sah sie, dass er loyal zu seinen Freunden stand und seine eigenen Probleme zurückstellte, um anderen zu helfen. Das war ein Charakterzug, den sie manchmal an Harry und Ron vermisste. Sicher, beide hatten schon ihr Leben riskiert für das Wohl anderer Menschen, aber im Kleinen, im Alltag, da konnten beide sehr egoistisch sein.

„Ich weiß nicht genau“, erwiderte sie schließlich langsam: „Ich suche nach … vermutlich schwarzmagischen Gegenständen, die in Gar Böse Zauberey nur erwähnt sind.“

Dracos Augenbrauen schossen in die Höhe: „So tief hast du schon gegraben? Und da stand nicht mehr drin?“

Sie konnte nur mit den Schultern zucken: „Was soll ich sagen? Am Ende ist das ja auch nur ein Standardwerk, das in jeder Bibliothek steht, auch wenn es bei uns in der Verbotenen Abteilung ist. Alles, was tatsächlich ernsthaft die dunklen Künste erörtert, würde man in Hogwarts nicht finden.“

„Es sei denn, du fragst Snape oder Slughorn.“

Sie schnaubte: „Ja, genau. Professor Slughorn würde einen Teufel tun, heutzutage noch so viel Interesse an dem Zweig der Magie zu bekunden. Und ich werde kaum Professor Snape um sowas bitten, wie du dir vorstellen kannst.“

Langsam nahm Draco einen Schluck aus seiner Tasse, die Augen zum Nachdenken geschlossen. Angespannt wartete Hermine auf eine Reaktion. Sie hoffte wirklich, dass sie eine Antwort von ihm bekommen könnte, ohne ihm etwas von Horkruxen erzählen zu müssen. Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass es besser wäre, wenn möglichst niemand wusste, dass diese Gegenstände irgendwie mit Voldemort in Verbindung standen.

„Ich könnte Snape fragen“, sagte Draco schließlich leise.

Überrascht riss Hermine die Augen auf: „Das meinst du nicht ernst.“

Er grinste angespannt: „Snape hängt mir eh an den Hacken wegen des Unbrechbaren Schwurs. Du erinnerst dich, das Gespräch, das du so nett belauscht hast? Er will mir helfen, ganz dringend. So kann ich ihn vielleicht glücklich machen und gleichzeitig ablenken.“

Schweigend griff Hermine nach der Kanne Tee, um sich eine weitere Tasse einzugießen. Das Angebot war mehr, als sie sich erhofft hatte, doch es barg auch Risiken. Snape würde gewiss Dumbledore davon berichten, dass Draco sich nach bestimmten Büchern erkundigt hatte. Und wie sie Dumbledore kannte, wäre es nicht so abwegig, dass er früher oder später darauf kommt, dass Draco nicht für sich selbst gefragt hat. Insbesondere dann, wenn sie tatsächlich in einem der Bücher brauchbare Informationen finden konnte.

„Denkst du nicht, dass es dich nur in noch mehr Schwierigkeiten bringt, wenn Professor Snape weiß, dass du dich für die dunklen Künste interessierst?“, fragte sie ausweichend.

Draco machte nur eine wegwerfende Handbewegung: „Ich bitte dich. Er ist ein Todesser genau wie ich. Wenn überhaupt, wäre er wohl auf seine komische Art und Weise stolz auf mich. Ehrlich, Granger, du kannst dir nicht vorstellen, was er für ein Speichellecker ist.“

Fest schloss Hermine ihre Finger um die Teetasse. Es gefiel ihr nicht, wie abfällig Draco über einen Professor sprach, und noch weniger gefiel ihr die Vorstellung, dass Snape sich vermutlich tatsächlich anbiederte, um seine Arbeit als Doppelspion erfolgreicher durchführen zu können. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, wie furchtbar es für ihn sein musste, sich dauernd verstellen zu müssen.

Doch auf der anderen Seite hatte sie kaum eine andere Option. Wenn Draco von sich aus keine besseren Bücher wusste und sie Harry wirklich helfen sollte, dann sollte sie keine solchen Skrupel haben. Sie fühlte sich unbehaglich, Draco für Harrys Sache zu benutzen, aber andererseits hatte er sie zuvor ebenso für Voldemorts Sache benutzt. Und überhaupt, fragen kostete ja nichts.

„Na gut. Du kannst ihn ja mal ganz unverbindlich fragen, ob er Bücher über wirklich schwarzmagische Objekte hat, die man hier in der Bibliothek nicht finden kann.“

Draco grinste: „Gerne. Und wenn es Erfolg hat, möchte ich anständig belohnt werden!“

Gegen ihren Willen lief sie bei diesen Worten schlagartig rot an, doch sie lehnte weder ab, noch stimmte sie zu. Sie beschränkte sich darauf, einen tiefen Schluck aus ihrer Tasse zu nehmen und Draco über den Rand tief in die Augen zu blicken.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media