Auf Wiedersehen, Mommy und Daddy

Der nächste Tag war ein Sonntag. Ich war bereits seit fünf Uhr morgens auf den Beinen, weil ich erneut Albträume gehabt hatte. Als ich aus dem Fenster sah, konnte ich die Sonne schon am Horizont entdecken. Der Himmel war leicht rötlich gefärbt und die ersten Vögel waren aus ihren Nestern gekommen und erfüllten die Luft mit einer fröhlichen Melodie. Ich spürte, dass es schönes Wetter werden würde. Na gut, Mitte August war es wahrscheinlich, dass die Sonne schien und es warm wurde. Die Hauptsache war, dass es nicht regnete, denn das war das Letzte, das ich heute gebrauchen konnte.
Ich war die Einzige, die wach war. Linda schlummerte noch friedlich in ihrem Bett, genauso, wie ihre Eltern, ihr Bruder, mein Onkel und Olivia. Seit ich aufgestanden war, lag mir ein schwerer Stein im Magen. Ich würde heute wohl kaum in der Lage sein etwas zu essen. Ich zweifelte stark daran, dass ich heute überhaupt zu etwas fähig sein würde.
Ich hatte viele Leute zur Beerdigung eingeladen. Warum wusste ich selbst nicht. Es würden ein Haufen Arbeitskollegen meiner Eltern kommen, dann Linda, Vanessa und Zack mit deren Familien und einige Nachbarn. Ich hatte auch meinen Großeltern Einladungen geschickt, doch ich war mir nicht sicher, ob sie aufgrund ihres Gesundheitszustandes kommen konnten.
Ich wandte den Blick von meiner besten Freundin ab und ging ins Badezimmer. Auf dem Wäschekorb lagen meine ordentlich zusammengefalteten Klamotten, die ich den Abend zuvor bereits herausgelegt hatte.
Es waren eine feine Hose und eine dünne kurzärmlige Bluse. Beides war pechschwarz, sowie die Schuhe, die mir Linda für heute geliehen hatte. Ich verabscheute diese Farbe. Sie war gespenstisch und melancholisch. Mit Schwarz assoziierte ich das Böse und den Tod. Kein Wunder, dass es James` Lieblingsfarbe war.
Ich schüttelte den Kopf. Nein, heute würde ich nicht an ihn denken. Meine Gedanken würden meinen Eltern gehören.
Missmutig stieg ich in die Dusche und ließ mir zehn Minuten lang das heiße Wasser auf den Körper prasseln. Der schwüle Dampf legte sich schwer auf meine Haare und den Nacken. Ich wickelte mich in ein Handtuch ein und bürstete meine langen Haare.
Einzelne dicke Wassertropfen klatschten auf die Fliesen und ins Waschbecken. Meine Augen waren glasig und emotionslos und meine Haut sah schrecklich grau aus. Vielleicht lag das aber auch nur an dem grellen Licht der Deckenleuchte.
Träge und lustlos zog ich mich an. Momentan hielten sich meine Angst und Panik vor der Beerdigung noch in Grenzen, aber das würde sich schlagartig ändern, wenn ich auf dem Weg zum Friedhof sein würde. Dann sähe ich zum ersten Mal die geschmückten Särge, in denen meine Eltern lagen und würde endgültig realisieren, dass sie nie wiederkamen.
Ich machte mir noch schnell einen Pferdeschwanz, bevor ich das Bad verließ. Linda saß verschlafen auf dem Bett und reckte sich. Als sie mich sah, machte sie ein erstauntes Gesicht.
„Du bist schon fertig?“ Ich setzte mich auf ihren Schreibtischstuhl und streifte mir die schwarzen Ballerinas über.
„Ich konnte nicht mehr schlafen, also habe ich mich schon angezogen.“ Ein Quietschen verriet mir, dass sie aufgestanden war.
„Wie fühlst du dich, Holly?“ Besorgt sah sie mir ins Gesicht. Ich spürte, wie sich meine Muskeln verkrampften.  
„Wie soll ich mich denn schon fühlen, Linda?“, zickte ich und warf ihr einen wütenden Blick zu.
„Meine Eltern sind tot und werden heute beerdigt. Es ist nicht der glücklichste Tag meines Lebens.“ Ich war auf 180. Mit zittrigen Händen glättete ich meine Hose. Entsetzt machte meine Freundin vorsichtshalber einen Schritt zurück.
„Tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen.“
„Du hast mich nicht verletzt. Du gehst mir auf die Nerven“, kreischte ich. „Ihr alle geht mir auf die Nerven mit eurer ständigen Fragerei“, beklagte ich mich bei ihr und ließ meinen angestauten Ärger an ihr aus. Vor Wut sammelten sich Tränen in meinen Augenwinkeln, die ich mir sofort wieder wegwischte. Ich stand auf und stampfte hinaus.
Mir war es egal, ob ich die Anderen brutal aus ihren Träumen riss. Ich lief nach unten und verließ das Haus. Die Haustür schlug ich so fest zu, dass unter mir der Boden vibrierte. Zornig verschränkte ich die Arme vor der Brust und setzte mich auf die helle Holzbank, die auf der Veranda stand.
Es war jetzt schon unglaublich warm. Ich hoffte, dass es nicht sehr heiß werden würde. Außer mir war niemand draußen. Kein Wunder, schließlich war Sonntag und keiner musste zur Arbeit oder zur Schule.
Noch immer war mein Körper angespannt, doch ich merkte, wie meine Wut langsam nachließ. Ich wusste, dass ich Linda verletzt hatte, aber in dem Moment hatte ich einfach alles rauslassen müssen.
Vermutlich war es besser so, denn dann bestand nicht die Gefahr, dass ich auf der Beerdigung dermaßen ausflippte.
Entnervt schloss ich meine Augen und wünschte mich in eine andere Welt. In eine Welt ohne Schmerz, Trauer und Enttäuschungen. Die Vorstellung, dass eine solche Welt existieren könnte, machte mich unendlich glücklich. Verzückt lächelte ich und gab mich ganz meiner Illusion hin, als die Tür aufging. Mein Kopf schnellte nach links.
Im Türrahmen stand Olivia in einem hellblauen Morgenmantel. Ihre Füße steckten in passenden flauschigen Pantoffeln und ihre schokobraunen schulterlangen Haare hatte sie sich hinter die Ohren geklemmt. In jeder Hand hielt sie eine dampfende Kaffeetasse.
Eine davon drückte sie mir in die Hand.
„Ich habe mir gedacht, dass du einen Kaffee gut gebrauchen könntest.“ Sie setzte sich neben mich.
„Danke“, nuschelte ich und nahm vorsichtig einen Schluck. Der Kaffee war brühend heiß.
„Warum bist du denn schon wach?“ fragte ich sie leise und pustete in die Tasse.
„Deine lauten Beschwerden bei Linda waren kaum zu überhören“, entgegnete sie und überschlug ihre Beine.
„Es war nicht meine Absicht, dass man mich im ganzen Haus hört“, grummelte ich, denn ich hatte keine Lust auf eine Unterhaltung.
„Kein Problem, Holly.“ Sie nippte an ihrem Kaffee. Danach herrschte Schweigen zwischen uns. Nach fünf Minuten, in denen Olivia ihren Kaffee ausgetrunken und ich meinen Gedanken nachgehangen hatte, hörte ich wieder ihre sanfte Stimme.
„Ich werde dich besser wieder alleine lassen.“
Kurz strich sie mir über den Rücken, bevor sie sich erhob und wieder ins Haus verschwand. Olivia schien bemerkt zu haben, dass ich Gesellschaft gerade nicht ertragen konnte. Ich war ihr dankbar, dass sie mich schnell wieder in Ruhe ließ.  
Nachdem ich den Kaffee ausgetrunken und mich halbwegs beruhigt hatte, war ich rein gegangen und hatte mich die restlichen drei Stunden bis zur Abfahrt vor den Fernseher gesetzt. Gelangweilt hatte ich von Kanal zu Kanal geschaltet, ohne wirklich mitzubekommen, was gerade gesendet wurde.
Im Hintergrund hatte ich die Anderen gehört, wie sie hektisch durchs Haus geflitzt waren. Sie hatten sich angezogen und dann etwas gegessen. Keiner hatte sich getraut mich in meiner miesen Stimmung ein einziges Mal anzusprechen. Gekonnt waren sie mir aus dem Weg gegangen. Mir war es nur recht gewesen.

Um halb neun war es dann soweit. Wir alle machten uns auf den Weg zum Bestattungsinstitut, wo wir auf die anderen Trauergäste stoßen würden. Lindas Dad fuhr mit seiner gesamten Familie mit dem Van schonmal vor, weil mein Onkel, Olivia und ich auf das Taxi, das wir gerufen hatten, warten mussten.
Jamie war bleich und seine Augen waren bereits jetzt schon stark gerötet. Er musste in den vergangenen Stunden viel geweint haben. Olivia strich mit ihrem Daumen liebevoll über seine rechte Hand. Bei mir versuchte sie dasselbe, doch ich zog ruckartig meinen Arm weg. Langsam, aber sicher, bereute ich es, dass ich so viele Einladungen verschickt hatte.
Nach zehn Minuten kam das quietschgelbe Taxi und hielt direkt vor uns an. Jamie stieg vorne ein und nannte dem Fahrer die gewünschte Adresse. Olivia und ich setzten uns nach hinten. Die ganze Fahrt über sagte niemand von uns ein Wort.
Ich legte meine Stirn gegen die kühle Fensterscheibe. Das stetige Rütteln, verursacht durch die unebenen Flächen auf den Straßen, war auf einer Seite unangenehm, auf der anderen Seite aber auch irgendwie beruhigend.
Der Himmel war wolkenlos klar. Ich verlor mich in dem traumhaft schönen Blau und vergaß auf der Stelle alles um mich herum. Ein dumpfer Knall beförderte mich jedoch wieder zurück in die Realität. Verwirrt sah ich mich um. Mein Onkel war ausgestiegen.
Das Taxi stand vor einem bungalowähnlichen Gebäude. Die Fassade war dunkel gehalten, sowie das Flachdach und die Eingangstür. Ich erkannte es sofort wieder: es war das Bestattungsinstitut. Meine Mundwinkel gingen wie auf Knopfdruck nach unten. Neben mir betrachtete mich Olivia mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck.
„Du schaffst das“, hauchte sie und legte eine Hand auf meine linke Schulter.
„Schön, dass du zumindest davon überzeugt bist“, knurrte ich und stieg aus. Olivia verließ als Letzte das Taxi und bezahlte den Fahrer. Eine Minute später fuhr er davon. In Olivias Gesicht konnte ich ihren Unmut über meine Zickereien erkennen. Das war´s dann wohl mit ihrem Verständnis für mich. Konnte sie denn nicht akzeptieren, dass ich Berührungen aus dem Weg gehen wollte?
Eingeschnappt ging ich voraus und betrat das Institut, doch kaum hatte ich die Tür geöffnet, als ich von der Menschenmasse regelrecht erschlagen wurde.
Im schwach beleuchteten Eingangsbereich stand Linda mit ihrer Familie. Daneben konnte ich Zack und Vanessa entdecken. Den verbliebenen Platz füllten die übrigen Gäste aus. Schlagartig blieb mir die Luft weg und mir wurde fürchterlich kalt. Das war zu viel, viel zu viel.
Ich war gerade im Begriff mich umzudrehen und zu flüchten, als Jamie und Olivia vor mir auftauchten und mich somit bremsten. Wie eine hohe Steinmauer standen sie vor mir und versperrten mir den Weg. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Ich musste mich anstrengen, damit ich nicht wie eine Verrückte herumbrüllte.
„Ich möchte gehen“, sagte ich stattdessen deutlich gelassener und versuchte mich sogar an ihnen vorbeizudrängen, doch sie ließen mich nicht. Dann beugte sich mein Onkel zu mir herunter und sprach das erste Mal seit seiner Ankunft mit mir.
„Ich weiß, dass dieser Tag sehr schwer für dich ist und du am Liebsten weglaufen würdest, mir geht es nicht anders, aber wenn du jetzt gehst, dann verpasst du die Chance dich von deinen Eltern zu verabschieden.“ Aus traurigen Augen sah er mich an. Er hatte Recht. Ich musste mich zusammenreißen.
„Danke, Jamie.“ Ernst nickte er mir zu. Gemeinsam gingen wir zu den Gästen und ich schaltete innerlich ab.
Nach einer Stunde hatte ich jeden Gast persönlich begrüßt und ihm für sein Kommen gedankt. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Hände ich geschüttelt und wie oft ich „Mein herzliches Beileid“ gehört hatte. Zack und Vanessa hatten die ganze Zeit wie Kletten an mir gehangen und versucht mich auf andere Gedanken zu bringen. Ich wusste nicht mehr, was genau sie zu mir gesagt hatten, denn ich war zwar körperlich anwesend, doch seelisch war ich ganz woanders.
Alles lief wie ein Film vor meinen Augen ab.
Die Gäste unterhielten sich leise miteinander, während ich auf einem Stuhl saß und ihre unablässigen Blicke ertragen musste. Ich krallte meine Finger gewaltsam in das Plastik. Mein ganzer Körper bebte. Lange würde ich all das nicht mehr aushalten. Vor allem mit dem Wissen, dass im Nebenraum meine geliebten Eltern aufgebahrt waren. Hin und wieder gingen die Trauergäste hinein, aber ich selbst traute mich nicht. Vielleicht würde ich es eines Tages bereuen, doch ich würde mir heute sicherlich nicht die leblosen und bleichen Körper meiner Eltern ansehen. So wollte ich sie ganz bestimmt nicht in Erinnerung behalten.
Ich war erleichtert, als die schwarzen edlen Autos des Bestattungsinstituts vorfuhren und wir uns auf dem Weg zum Friedhof machten. Als ich jedoch vorneweg zwei lang gezogene Autos sah, wurde mir augenblicklich schlecht. Ich wusste genau, dass sie die Särge transportierten. Trotzdem konnte ich meinen Blick nicht von ihnen abwenden, egal, wie oft ich es auch versuchte.
„Komm, Holly.“
Ich hörte Jamies Stimme neben mir. Sanft, aber bestimmend, umfasste er mein linkes Handgelenk und zog mich zum Auto direkt hinter den ersten Beiden. Die übrigen Gäste verteilten sich auf die restlichen Wagen. Beinahe im Schritttempo fuhren wir zum Friedhof, der am Stadtrand lag. Schon von weitem konnte ich durch die abgedunkelten Scheiben den schwarzen Metallzaun sehen, der den Friedhof umzäunte. Die ersten Grabsteine traten in mein Blickfeld. Blitzschnell schaute ich auf meine Beine, denn es fiel mir schwer die Tränen noch zurückzuhalten. Er war da, der Moment den ich gefürchtet hatte.
Als das Auto stoppte, blieben wir regungslos sitzen. Die ersten Autos befanden sich ein ganzes Stück vor uns, vermutlich um Platz für die Särge zu machen. Und tatsächlich stiegen wenige Augenblicke später die Mitarbeiter des Instituts aus, holten die Särge aus den Autos und trugen sie zum Friedhof.
Ich hielt meine Augen die ganze Zeit geschlossen. Ich wollte es einfach nicht mit ansehen.
Doch dann musste ich aussteigen, weil bald die Predigt des Reverends anfing. Jamie, Olivia und ich waren die Ersten, die das prunkvolle Friedhofstor passierten. Die Anderen folgten uns wortlos. Hinter mir vernahm ich lautes Schluchzen und beruhigende Stimmen. Ich hatte ein schlechtes Gefühl, weil ich bis jetzt keine einzige Träne vergossen hatte.
Wir gingen den vorgefertigten Weg entlang. Die Wärme hatte in den letzten Stunden deutlich zugenommen. Kühle Schweißperlen hatten sich auf meiner Stirn gebildet und rannen mein Gesicht herunter. Hin und wieder wischte ich mir mit einem Taschentuch gedankenverloren über das Gesicht.
Das Gras auf dem Friedhof war satt und wunderschön. Ich roch die Düfte der verschiedensten Blumen, die auf den Gräbern lagen. Hohe Ulmen und Kiefern wuchsen in den Himmel und spendeten uns in regelmäßigen Abständen Schatten. Kleine Insekten schwirrten um mich herum und setzten sich auf meine feuchte Haut. Nachdem wir das zweite Mal rechts abgebogen waren, sah ich zwei dunkle Särge, die nebeneinander standen. Hinter ihnen ragte ein Marmorstein hervor, dessen Inschrift man von hier aus nicht lesen konnte. Wenige Meter vor dem Grab waren mehrere Reihen von weißen Klappstühlen aufgestellt worden. Für einen kurzen Moment blieb ich wie versteinert stehen.
Auf einen Blick sah ich all das, was ich ausgewählt hatte: die Särge, den Grabstein und auch die Kränze aus roten Rosen und weißen Lilien, die gegen die Särge gestellt und ebenfalls auf sie gelegt worden waren. Alles wirkte unwirklich und nicht von dieser Welt. Ein gleißendes reines Licht strahlte mir entgegen und ließ mich weitergehen. Es zog mich magisch an. Mechanisch eilte ich zu meinem Onkel und Olivia. Beide unterhielten sich gerade mit dem Reverend. Als dieser mich entdeckte, streckte er mir seine große Hand entgegen. Ich ergriff sie.
„Mein herzliches Beileid, Miss Dugan.“ Er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. Ich entgegnete nichts. Dann beendete er den Händedruck.
„Ich werde in wenigen Minuten meine Predigt beginnen. Wollen Sie vielleicht auch etwas sagen, Miss Dugan?“ Automatisch schüttelte ich den Kopf. Ich wollte nichts sagen. Ich hätte zwar gerne, doch ich wusste einfach nicht was. Nichts kam mir richtig vor.
Während der Predigt saß ich stocksteif auf dem unbequemen Klappstuhl und starrte auf die prächtigen Särge. Beide würden erst heruntergelassen werden, wenn die Trauergäste den Friedhof verlassen hatten. Beinahe Seite an Seite standen sie nebeneinander.
Da ich in der ersten Reihe saß, konnte ich sehr gut die Gravur des Steines sehen: Richard Dugan *19.02.1962  †06.08.2009   Eleanor Dugan  *24.11.1964  †06.08.2009. Ein Name stand auf der linken und der Andere auf der rechten Seite des Steins. Darunter hatte ich „Wir vermissen euch bis in alle Ewigkeit“ eingravieren lassen. Je länger ich hier saß, desto schlimmer ging es mir. Ein dicker schwerer Kloß befand sich in meinem Hals und ließ mich nicht schlucken.
Irgendwann hatte ich still angefangen zu weinen. Olivia hatte mir schon dreimal ein frisches Taschentuch reichen müssen. Von der Predigt bekam ich absolut nichts mit. Der Mund des Reverends bewegte sich zwar unablässig, aber kein Ton drang an meine Ohren.
Das Schluchzen unter den Gästen wurde immer lauter und markerschütternder. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Als der Reverend zu Ende gesprochen hatte, standen alle Gäste nacheinander auf und gingen zu den Särgen. Manche verabschiedeten sich mit wenigen Worten von meinen Eltern und Andere legten still eine rote Rose auf die Erde.
Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, als erstes nach vorne zu gehen, doch als der Augenblick gekommen war, hatte ich mich nicht bewegen können. Ich war noch nicht soweit mich von ihnen zu verabschieden. Ihre Beerdigung war falsch, denn sie kam etliche Jahre zu früh.
Die meisten Gäste hatten sich vom Grab entfernt und verließen den Friedhof. Sie würden vermutlich an den Autos warten, bis es zurück zum Institut ging, wo es noch einen Leichenschmaus gab. Bei diesem Wort zuckte ich heftig zusammen.
Wer war bloß auf diese widerliche Bezeichnung gekommen? Nur bei dem bloßen Gedanken an Essen wurde mir speiübel. Ich fand es makaber, dass man sich nach einer Beerdigung den Bauch vollschlug.
Nach weiteren zwei Minuten waren nur noch Jamie, Olivia und ich übrig. Olivia legte ebenfalls eine Blume nieder und sprach leise ein Gebet. Jamie wirkte, wie ich, stocksteif und mit der Situation vollkommen überfordert. Seine traurigen Augen ruhten auf der Inschrift des Grabsteins, genauer gesagt auf dem Namen seines Bruders. Ich konnte sehen, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Olivia nahm fest seine rechte Hand. Dann schloss sie ihn in ihre Arme, wo er laut anfing zu schluchzen.  
Als sich die Beiden verabschiedeten hatten, verließen sie ebenfalls den Friedhof. Olivia hatte mir vorher gesagt, dass sie mir ein bisschen Zeit allein mit meinen Eltern lassen wollten.
Die Atmosphäre war bedrückend und einschüchternd. Alleine saß ich nun hier, die Särgen ständig in meinem Blick. Sie wirkten sowohl finster, als auch majestätisch. Ich konnte kaum atmen. Mit wackeligen Beinen erhob ich mich und näherte mich dem Grab wie in Zeitlupe.
Das war also das neue Zuhause meiner Eltern. Meine Hände zitterten wie wahnsinnig, als ich auf jeden Sarg eine Rose platzierte. Über mir sangen die Vögel.
„Hi, Mom. Hi, Dad.“ Meine Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern.
„Es tut mir leid, was ich euch angetan habe“, sagte ich reumütig und ein weiterer Schwall von Tränen kam wie von selbst.
„Ihr fehlt mir unheimlich.“ Ich spürte, wie ich stetig hysterischer und verzweifelter wurde. Ich ließ mich auf die Knie fallen. Ich landete auf dem weichen Gras. Mit meiner linken Hand fuhr ich behutsam über den dunklen Sarg meiner Mom. Er fühlte sich glatt und hart an. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein Schädel dröhnte. Die Umgebung verschwamm vor meinen Augen und ich hatte das Gefühl bald den Verstand zu verlieren.
„Auf Wiedersehen“, flüsterte ich wehleidig und stand langsam auf, weil meine Beine noch immer zitterten.
Mein Schluchzen war ohrenbetäubend laut. Panisch schnappte ich nach Luft.
Ich falle gleich in Ohnmacht, dachte ich. Die umgreifende Hitze machte meinen Zustand nicht besser. Mit den Händen versuchte ich mir Luft zuzufächern, doch die Wärme war dermaßen erdrückend, dass dieser Versuch keine Wirkung zeigte.
„Hallo, Püppchen“, flüsterte mir plötzlich eine melodische Stimme ins Ohr. Überrascht zuckte ich zusammen. Wer war das? Wer störte mich bei meiner Trauer? Ich konnte regelmäßige Atemzüge auf meiner Haut spüren. Meine Nackenhaare stellten sich augenblicklich auf. Dann wirbelte ich herum und war geschockt.
Weniger als einen halben Meter von mir entfernt stand eine junge, hübsche Frau. Sie hatte ein edles schwarzes Kostüm mit Stehkragen an, das sich perfekt an ihre schlanke Figur schmiegte und ihr eine gewisse Strenge gab. Dazu trug sie noch hohe Pumps und schwarze Spitzenhandschuhe. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem lockeren Knoten gebunden. Auf dem Kopf trug sie einen flachen Hut, dessen dünnes Netz über ihrem Gesicht lag. Durch das Netz konnte ich ihre porzellanähnliche Haut und die knallrot geschminkten Lippen sehen.
Sie war in dem reinen gleißenden Licht eine engelsgleiche Erscheinung, die auf mich aber furchtbar beängstigend wirkte, denn ich wusste genau, wo ich sie schon einmal gesehen hatte: in meinem Haus.
Ich konnte mich nicht rühren. Das konnte doch nur ein Albtraum sein, ein ganz schrecklicher Albtraum. Wieso war einer von ihnen hier? Wie konnte es überhaupt einer der Killer wagen auf der Beerdigung aufzutauchen; auf der Beerdigung meiner Eltern, die sie kaltblütig ermordet hatten?
„Du müsstest dein Gesicht sehen. Einfach unbezahlbar.“ Sie ließ ein hohes amüsiertes Kichern hören. Ich bekam derweil kein einziges Wort heraus. Unverschämt grinste sie mich an. Gleichzeitig blitzten ihre Augen gefährlich.
„Es war eine sehr bewegende Beerdigung.“
Mit der rechten Hand fasste sie sich mit falscher Ergriffenheit ans Herz. Ich schäumte vor Wut. Meine Trauer war für einen Moment vergessen. Am Liebsten hätte ich sie auf der Stelle angegriffen, doch noch immer bewegte ich mich nicht. Vermutlich war es auch besser so. Nach James würde ich in einem Kampf wohl keine Chance gegen sie haben und das glaubte ich ihm auch.
„Hat es dir etwa die Sprache verschlagen?“ Sie legte den Kopf schräg. Dann trat sie auf mich zu und blieb vor mir stehen, so nahe, dass nur noch eine Hand zwischen uns gepasst hätte. Kirschduft gemischt mit Tabak stieg mir in die Nase. Sie legte ihre warme linke Wange gegen meine.
„Hast du etwa solche Angst vor mir?“, hauchte sie und spielte mit einer Hand mit meinen Haaren. Als ob mein Körper bloß auf diese Worte gewartet hätte, fing er an zu zittern. Ja, ich hatte gewaltige Angst, weil ich genau wusste, warum sie hier war. Sie war hier, um das zu Ende zu bringen, was sie und ihre Kollegen vor knapp einer Woche nicht fertig gebracht hatten. Sie würde mich töten und urplötzlich fand ich meine Stimme wieder, auch wenn sie brüchig war.
„Wa…was wi…willst du hier?“ Sie zog blitzschnell ihren Kopf zurück und grinste verwegen.
„Ich möchte mich von Richard und Eleanor verabschieden“, antwortete sie unschuldig und sah kurz auf die Särge. Zornig riss ich die Augen auf.
„Nimm ihre Namen nicht in den Mund. Verschwinde gefälligst von hier“, blaffte ich sie mutiger an, als ich mich fühlte.
„Warum sollte ich gehen?“, fragte sie scheinheilig und stemmte die Hände in die Hüften.
„Weil du eine hinterhältige Killerin bist, die an der Ermordung meiner Eltern beteiligt war“, kreischte ich ihr aufgebracht entgegen. Sie ließ sich von meiner Wut in keinster Weise beeindrucken.
„Sei nicht so unverschämt, Püppchen.“
„Halt die Klappe und nenn mich nicht Püppchen, sonst…“ Sie schnaubte verächtlich.
„Sonst was? Willst du mir dann weh tun?“, spottete sie. Ihr Gesicht wurde auf einmal todernst.
„Du bist nicht in der Position mir zu drohen, dass ist dir wohl noch nicht klar“, zischte sie.
Ich ballte die Hände zu Fäusten und starrte sie böse an. Ich wollte das Schicksal nicht zu sehr herausfordern, darum hielt ich lieber meinen Mund, denn ich war nicht gerade begeistert davon, dass sie mir demonstrierte, wozu sie fähig war. Sie stolzierte vor mir her. Mit meinen Augen verfolgte ich jede ihrer grazilen Bewegungen.
„Warum bist du hier?“, fragte ich erneut. Abrupt blieb sie stehen.
„Du willst also wissen, warum ich hier bin?“ Sie durchbohrte mich mit einem herablassenden Blick. Langsam nickte ich. Mit geschmeidigen Schritten kam sie auf mich zu.
„Ich bin hier, um ein paar Informationen vor dir zu bekommen.“ Ich war überrascht. Mein Gesichtsausdruck entging ihr nicht.
„Ganz recht. Ich bin nicht hier, um dich zu töten, leider. Du kannst Gott auf Knien dafür danken“, sagte sie bitter.
„Warum tötest du mich nicht?“ Die Frage war aus mir herausgesprudelt, noch ehe ich darüber nachgedacht hatte.
„Weil es nicht mein Auftrag ist“, knurrte sie und fletschte wild die Zähne. Instinktiv wich ich zurück. Meine Muskeln waren also wieder bewegungsfähig.
„Wenn es nach mir ginge, dann würde ich dich auf der Stelle kalt machen. Mir wäre es egal, wie viele Zeugen es gäbe. Ich würde dir im Handumdrehen deine dürren Arme und Beine brechen, Püppchen“, raunte sie leise. Bei diesem Gedanken lächelte sie breit und klatschte entzückt in die Hände. Verunsichert beobachtete ich sie bei ihrem Höhenflug. Ihre Augen funkelten geheimnisvoll, doch dann wurde sie wieder ernst.
„Spaß beiseite. Heute wirst du zwar nicht sterben, doch das heißt noch lange nicht, dass wir dich verschonen werden. Deine Zeit wird noch kommen, Püppchen. Deshalb rate ich dir sehr vorsichtig zu sein, denn wir finden dich. Überall.“ Beruhigend und gelassen hatte sie auf mich eingeredet. Mein Verlangen nach Flucht stieg ins Unermessliche. Diese Frau war nicht ganz bei Trost.
„Heute will ich bloß von dir wissen, wo Jimmy ist.“ Seinen Namen sprach sie mit tiefem Hass und Abscheu aus.
„Warum?“
„Du fragst allen Ernstes warum?“ Sie lachte schrill und schaute in den klaren Himmel.
Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, schnellte ihr Kopf erneut zu mir. Gewaltsam riss sie das Netz ihres Hutes nach oben, sodass ich ihr Gesicht ohne Einschränkungen sehen konnte. Ihre Schönheit war atemberaubend. Sie war einfach makellos, scheinbar, denn als ich ihre rechte Wange genauer betrachtete, fiel mir auf, dass die Haut bläulich durch ihr Make-up schimmerte.
„Siehst du das?“, fragte sie gereizt und zeigte auf ihre Wange. Vor lauter Entsetzen und Angst blieb ich wie erstarrt und bekam kein einziges Wort heraus.
„SIEHST DU DAS?“, wiederholte sie mit hysterischer und aufgebrachter Stimme. In ihren Augen flammte der Wahnsinn.
„Das hat Jimmy mir angetan. Außerdem hat er noch Andere von uns verletzt und dafür soll er bezahlen. Also sag mir sofort, wo er ist!“
Unzufrieden hatte sie den Mund verzogen. Verächtlich sah sie auf mich herab, da sie um einiges größer war, als ich. Sofort wich ich ihrem Blick aus. Sie war mir unheimlich.
„Antworte mir gefälligst!“, schrie sie aus vollem Hals. Unerwartet umfasste sie mit der rechten Hand mein Kinn und drehte brutal mein Gesicht zu ihrem. Ihre langen Fingernägel bohrten sich in meine Haut. Gezwungenermaßen sah ich in ihr wutverzerrtes und angespanntes Gesicht.
„Ich…ich weiß…es…ni…nicht“, entgegnete ich ehrlich. Vor Angst liefen Unmengen von heißen Tränen meine Wangen hinab. Was würde sie jetzt mit mir machen, nachdem ich ihr keine befriedigende Antwort gegeben hatte? Ein erstickendes Geräusch drang aus ihrer Kehle. Es klang, als hätte sie sich verschluckt.
„Es ist keine gute Idee mich anzulügen, dass kannst du mir glauben.“ Schnell leckte sie sich über die vollen Lippen. Sie drückte ihre Nägel noch tiefer in meine Haut. Leise schluchzte ich.
„Ich…ich lüge ni…nicht. Seit de…der Fl…Flucht habe ich i…ihn nicht mehr ge…gesehen.“ Hämisch feixte sie.
„Natürlich lügst du. Du weißt wo er ist, aber du willst ihn beschützen, weil du ihn liebst.“ Das letzte Wort hatte sie angewidert hervorgewürgt.
„Liebe“, sie schnaubte, „ein widerliches Gefühl, das nur Ärger bringt, wie du selbst siehst.“ Ihre Augen zeigten nichts als Kälte.
„Raus mit der Sprache: wo ist Jimmy?“ Bedrohlich knurrte sie. Was sollte ich nur tun? Sie anlügen? Warum kamen mein Onkel und Olivia nicht, um nach mir zu sehen? Ich wollte, dass jemand kam und mich aus den Fängen dieser Verrückten befreite. Irgendjemand musste doch hier sein.
Und als hätte ich tatsächlich laut um Hilfe geschrieen, legte sich auf einmal ein dunkler Schatten über mich und meine Angreiferin. Zwei Sekunden später ließ diese endlich mein Kinn los und wurde von mir gestoßen. Perplex blieb ich unverändert stehen und starrte auf die Killerin, die im Gras hockte. Ein unheimliches und amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ein Schauer fuhr mir durch die Glieder.
„Hi, Jimmy“, sagte sie mit ihrer außergewöhnlich klingenden Stimme. Mir blieb beinahe das Herz stehen. Dass konnte doch nicht wahr sein. Langsam wandte ich meinen Kopf nach rechts, denn ich musste ihn mit eigenen Augen sehen. Erst dann würde ich ihr glauben. Ungläubig musterte ich die Person, die wahrhaftig vor mir stand: James.
Er war völlig in Schwarz gekleidet. Was für eine Überraschung, dachte ich ironisch. Seine Haare lagen glatt auf seinem Kopf. Der linke Arm ruhte noch immer in einer Schlinge. Es gab keinen Zweifel.
James war nicht mehr im Krankenhaus. Er war hier, obwohl ich ihm mehrmals gesagt hatte, dass er für immer aus meinem Leben verschwinden soll. Er hatte es gewagt meinen Wunsch zu ignorieren und zu der Beerdigung meiner Eltern zu kommen.
„Ich wusste doch, dass du hier bist. Und deine kleine Freundin hat tatsächlich versucht mich zu belügen.“ Höhnisch grinste die Killerin, als sie sich erhob. Danach richtete sie ihren Hut und glättete ihr Kostüm.
„Du hast mich gesucht, Ophelia, und nun bin ich hier.“ Seine Stimme hatte einen aggressiven Unterton. Ich sah zwischen den beiden hin und her. Es lag eine elektrische Spannung in der Luft, die beinahe greifbar war. Meine Muskeln waren hart und angespannt.
Die Frau namens Ophelia wirkte auf den ersten Blick gelassen und ruhig, doch sie machte sich bereit James bald anzugreifen. Sie ähnelte einer Raubkatze, die zum Sprung bereit war. Er kam derweil auf mich zu und stellte sich ganz nah neben mich. Ich konnte trotz der umgreifenden Hitze seine Körperwärme spüren.
„Du gehst. Sofort“, flüsterte James mir zu. Seine grauen Augen durchbohrten mich. Ich konnte eine Mischung aus Angst und Wut in ihnen erkennen.
Ich hatte seine Worte zwar gehört, doch sie drangen nicht zu mir durch. Mir war bewusst, dass es am Besten wäre auf der Stelle zu verschwinden, aber ich wollte meine Eltern nicht verlassen, nur, weil zwei Killer meinten ihren Kampf auf einem Friedhof austragen zu müssen. Trotzig reckte ich das Kinn nach oben.
„Nein“, presste ich hervor und trat einen Schritt zurück. Panisch sah er zu mir.
„Du musst, Holly. Hier ist es zu gefährlich für dich.“ Ich schnaubte.
Wieder einmal musste er sich als mein Retter aufspielen und dabei drohte mir nicht einmal Gefahr, heute zumindest. Diese Frau wollte James und nicht mich.
„Kommt nicht in Frage. Du gehst und deine Kollegin kannst du gleich mitnehmen“, raunte ich und wollte zum Grab meiner Eltern zurück, doch er packte mich am Handgelenk.
„GEH!“, schrie er und schubste mich grob in die entgegengesetzte Richtung, weg von ihrem Grab.
„Hast du sie noch alle? Lass mich in Ruhe und hau endlich ab, wie ich es dir gesagt habe oder hast du das schon vergessen?“ Vorwurfsvoll sah ich ihn an. Dann hörte ich ein glockenartiges, hohes Lachen. Ophelia krümmte sich und hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Du…du…“, sie rang nach Atem, „…du hast mich gar nicht angelogen, Püppchen.“ Vom lauten Gelächter war jetzt nur noch ein mädchenhaftes Kichern übrig. Ihre blassen Wangen hatten sich rosa verfärbt.
„Du wusstest wirklich nicht wo er ist, weil du ihn weggeschickt hast. Tja, aber der liebe Jimmy will dich wohl nicht aufgeben. Das ist unglaublich süß.“ Ihr affektiertes Grinsen war nicht zu übersehen. Ich wollte gerade etwas sagen, doch James drängelte sich vor.
„Halt deine Klappe und sprich Holly nie wieder an.“ Schützend stellte er sich zwischen mich und seine Kollegin. Nun stand er wie eine hohe Wand vor mir. Ich fühlte mich gefangen. Mein Zorn nahm stetig zu, ich glaubte bald zu explodieren.
„Was soll das? Geh mir aus dem Weg.“ Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich lasse dich erst gehen, wenn du versprichst den Friedhof zu verlassen.“ Flehend sah er mich von oben herab an. Mein Widerstand verschwand langsam, denn ich hatte keine Lust mich noch weiter mit ihm zu streiten. Ich wollte bloß weg von ihm und alleine sein.
„Na schön, wie du willst.“ Mit verschränkten Armen ging ich an ihm vorbei, wobei ich ihn mit der Schulter anrempelte. Hinter mir konnte ich ihn grummeln hören.
Schnurstracks ging ich über das satte Gras dem Friedhofstor entgegen.
Mit allerletzter Kraft versuchte ich meine Tränen zu unterdrücken. Der Tag war schon schwer genug für mich, wieso mussten dazu zwei Killer auftauchen und alles nur noch schlimmer machen? Vor allem die Begegnung mit James hatte mich überrascht, aber auch schockiert.
Er konnte sich wohl nie an irgendein Versprechen halten. Immer musste er seinen Willen durchsetzen. Ohne es zu merken, hatte ich meine Hände zu Fäusten geballt, sodass ich meine weißen Fingerknöchel sehen konnte. Ich war unglaublich sauer und enttäuscht. Ich war sauer auf James und enttäuscht von mir, weil ich das getan hatte, was er wollte. Warum eigentlich? Nur weil ich ihm aus dem Weg gehen wollte? Warum war er nicht gegangen, wie ich es ihm gesagt hatte?
Vor Zorn konnte ich nicht mehr klar denken. Abrupt blieb ich stehen. Von Weitem konnte ich bereits die glänzenden schwarzen Autos des Bestattungsinstituts sehen. Die anderen Gäste standen in Gruppen zusammen und unterhielten sich. Sie alle warteten nur noch auf mich. Aber ich wollte im Moment nicht zu ihnen. Ich konnte getrost auf erneute Anstürme auf mich verzichten. Ich brauchte Zeit für mich. Kurzerhand setzte ich mich unter eine nahestehende Kiefer. Der von ihr gespendete Schatten kühlte mich ab. Mit einem Taschentuch wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Dann zog ich die Beine an meinen Körper und starrte in den Himmel.
Die Sonne stand hoch und es war immer noch keine einzige Wolke zu sehen. Die Hitze machte mir zu schaffen und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als kübelweise Regen. Ich legte mich mit dem Rücken aufs Gras und schloss die Augen. Um mich herum hörte ich absolut nichts. Es war traumhaft. Endlich war ich allein. Aber sogleich dachte ich wieder an meine Eltern.
Sie waren fort. Für immer. Jetzt wurden meine Zukunftsängste so stark, dass sie mich beinahe erdrückten. Ich wusste nicht, wohin ich sollte. In mein Haus würde ich nicht mehr zurückkehren. Die für mich wichtigste Frage war, bei wem ich leben sollte. Zu anderen Familienmitgliedern hatte ich nicht gerade eine feste Bindung, außer zu meinem Onkel und Olivia.
Würden sie mich vielleicht aufnehmen? Ich wusste es nicht. Das was ich aber wusste, war, dass ich nicht nach New York ziehen würde, weil ich hier meine Freunde hatte. Außerdem war ich hier aufgewachsen und hätte die Möglichkeit, wann immer ich wollte, das Grab meiner Eltern zu besuchen. Das war also meine Entscheidung. Egal, wen meine Eltern in ihrem Testament für meinen Vormund bestimmt hatten, ich würde in Saint Berkaine bleiben.
Ein Stein fiel mir vom Herzen, denn jetzt fühlte ich mich nicht mehr völlig perspektivlos. Tief atmete ich ein und aus. Ich genoss jeden einzelnen Atemzug, der meine Lunge mit frischer Luft füllte.
Doch meine Ruhe war schneller vorüber, als mir lieb war, denn ich vernahm laute und wütende Stimmen. Ich brauchte mich nicht aufzusetzen und die Augen zu öffnen, um zu wissen, dass die Stimmen James und dieser Frau gehörten. Mussten sie denn so laut sein? Mussten sie überhaupt ihre Streitereien auf einem Friedhof austragen? Kein normaler Mensch würde auf so eine Idee kommen. Na gut, die Beiden waren auch nicht normal.
Die Stimmen wurden derweil stetig lauter und ich konnte sogar hohe Schreie hören. Diese klangen schrecklich in meinen Ohren und quälten mich. Verärgert stand ich auf und schaute zurück. Ich versuchte etwas zu erkennen, doch die Sonne blendete mich viel zu stark.
Das Licht brannte mir in den Augen und ich musste mich sofort abwenden. Schwarze Flecken zeigten sich auf der Innenseite meiner Lider. Nach einer Minute öffnete ich wieder meine Augen und ging nicht zum Tor, sondern zum Grab meiner Eltern. Ich hatte keine Ahnung warum. Irgendetwas schien mich magisch dorthin zu ziehen.
Zwischen den Bäumen konnte ich zwei Gestalten erkennen. Eine von ihnen lag auf dem Boden, die Andere stand über ihr. Automatisch beschleunigten meine Beine ihren Schritt. Ein leichter Wind kam mit entgegen und fuhr mir durch die Haare.
Mein Kopf war völlig leer. Meine ganze Konzentration galt bloß den beiden Gestalten, denen ich immer näher kam. Ich wurde schneller und schneller. Und ehe ich mich versah, stand ich hinter der letzten Reihe aus Plastikstühlen und beobachtete das Schauspiel, das sich mir bot.
Die Person, die auf dem Boden lag, war James. Er hatte schmerzhaft das Gesicht verzogen und starrte seine Kollegin unentwegt an. Seine Haut war schneeweiß, wie damals, als ich mit ihm im Motelzimmer gewesen war. Sie schaute zornig auf ihn hinab und schrie ihn aus vollem Hals an. Ich konnte nur Bruchstücke verstehen.
„…du Mistkerl. Warte erst ab, bis ich dich zu Jericho gebracht habe…“
Mit einem ihrer hohen Schuhe trat sie ihm mit voller Wucht gegen die linke Seite. Sein Schrei war ohrenbetäubend. Kein Wunder, schließlich hatte sie genau gegen seine gebrochene Rippe getreten. Genüsslich leckte sie sich über die Lippen. Dann grinste sie ihn dreist an.
„Das hast du davon. Niemand schlägt mich und kommt ungestraft davon…“ Den Rest konnte ich nicht hören.
Ungläubig sah ich mit an, wie James ihr hilflos ausgeliefert war. Immer wieder versuchte er aufzustehen, doch durch seine verletzte Schulter hatte er erhebliche Probleme. Wie versteinert stand ich einige Meter entfernt. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, aber nicht nur das.
Mein Herz fühlte sich an, als ob es jeden Moment in tausend Stücke zersprang. Was war bloß los mit mir? Hatte ich etwa Mitleid mit ihm? Mit dem Mann, den ich eigentlich hassen sollte? Während ich versuchte meine Gedanken und Gefühle zu ordnen, machte diese verrückte Frau einige Schritte um James, bevor sie neben seinem Kopf stehen blieb.
„Mach dich darauf gefasst, dass du erst wieder in Jerichos Büro aufwachen wirst. Dort werden die nächsten Stunden ein wahrer Albtraum für dich werden.“ Ich konnte ein unheimliches Funkeln in ihren kalten Augen erkennen.
Meine Hände fingen an zu zittern, denn ich ahnte Böses. Fünf Sekunden später bestätigte sich meine Vorahnung. Ophelia trat immer wieder gegen James´ Kopf. Er jaulte und hob schützend seinen rechten Arm. Er bekam sogar das Fußgelenk seiner Kollegin zu fassen. Die fauchte wild wie eine Katze und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, doch sie schaffte es nicht. Aber das hielt sie nicht davon ab mit dem anderen Fuß seinen Kopf zu traktieren.
Bei diesem schrecklichen Anblick stieg Hass in mir hoch. Diese Grausamkeiten konnte ich nicht weiter ertragen; die Grausamkeiten, die sie und ihre übrigen Kollegen meinen Eltern und auch mir angetan hatten. Von einer Sekunde auf die Andere setzte ich mich in Bewegung und steuerte die Beiden direkt an.
Keine Ahnung, woher mein plötzlicher Mut kam, aber er floss durch meinen ganzen Körper und gab mir Kraft. Entschlossen stürmte ich auf Ophelia zu. Meine Augen waren einzig und allein auf sie gerichtet. Sie trat in regelmäßigen Abständen weiter auf James ein und stierte hypnotisch auf ihn herab. Ich konnte nicht erkennen, wie schwer verletzt er war, aber ich konnte rote Bluttropfen im grünen Gras sehen.
Das war kein gutes Zeichen. Ich war bereit dem brutalen Spiel ein Ende zu setzen. Mir kam gar nicht in den Sinn, dass ich vermutlich nichts gegen die routinierte Killerin ausrichten konnte.
Als ich bei den Beiden ankam, wollte ich sie augenblicklich von James wegstoßen, doch sie umfasste mit Leichtigkeit mit einer Hand meinen Hals und drückte zu. Sie hatte noch nicht einmal aufgesehen und ihren Blick von James abgewendet. Zumindest hatte sie aufgehört ihn zu treten. Der Sauerstoff, den ich hektisch einatmete, gelang nicht durch meine Luftröhre, so fest drückte sie zu. Panisch weiteten sich meine Augen. Ophelia wandte ihren Kopf zu mir und lächelte zuckersüß.
„Da bist du ja wieder, Püppchen. Ich habe dich schon vermisst.“ Sie klimperte mit ihren langen und schön geschwungenen Wimpern. Ich wollte etwas entgegnen, aber es kam kein einziges Wort aus meinem Mund.
„Du bist bestimmt hier, um Jimmy zu helfen. Dass muss wahre Liebe sein, wenn du dein Leben für ihn riskierst.“ In ihren Augen lag eine Mischung aus Missbilligung und Verachtung.
Ich fragte mich, ob sie mich jetzt doch umbrachte, obwohl es nicht ihr Auftrag war. Ich bezweifelte stark, dass dies sie an einem Mord an mir hindern würde. Sie krallte sich mit ihren Fingernägeln schmerzhaft in meine Haut.
Ich umfasste mit beiden Händen ihren rechten Arm und zerrte an ihm.
Lass mich los, dachte ich. Immer verzweifelter schlug ich um mich. Ich wollte schreien und nach Hilfe rufen, aber ich konnte nur röcheln.
„Ich hasse es, wenn mich jemand bei der Arbeit stört“, zischte sie und fletschte die Zähne. Sie hatte nicht vor mich in nächster Zeit loszulassen, ganz im Gegenteil. Ohne den Griff um meinen Hals zu lockern, beförderte Ophelia mich gegen den harten Stamm eines Baumes. Mir entfleuchte ein erstickendes Krächzen.
„Jetzt zeige ich dir mal, wozu ich fähig bin.“ Ihr Ton und ihr Blick gefielen mir nicht. Sie schob mich mit dem Arm, der mich festhielt, nach oben, bis ich keinen festen Boden mehr unter meinen Füßen spürte. Mein Rücken schrammte über die Rinde.
Meine Kehle brannte wie Feuer. Ich spürte, wie meine Kräfte von Minute zu Minute schwanden und meine Muskeln schlaff wurden. Während ich um mein Leben kämpfte, schaute mich Ophelia ununterbrochen an. Ihre Miene war emotionslos und kalt.
Ich hatte das Gefühl, dass sie mir die Luftröhre zerquetschte. Ich werde sterben. Ich werde sterben. Ich werde sterben. Ich wollte, dass meine Schmerzen sofort aufhörten. Sie sollte mich endlich loslassen. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, als wie aus dem Nichts James hinter seiner Kollegin auftauchte.
An seiner Stirn klaffte eine, durch die Tritte verursachte, Platzwunde, die unaufhörlich blutete. Dazu hatte er ein Haufen blauer Flecken im Gesicht. Er sah verunstaltet aus. James umfasste Ophelias Taille mit seinem rechten Arm und zog sie gewaltsam von mir. Zuerst ließ sie mich noch immer nicht los, doch dann trat James ihr die Beine weg. Der Druck auf meine Luftröhre verschwand und ich sackte zu Boden.
Hart schlug ich mit den Knien auf. Die Schmerzen spürte ich jedoch nicht. Als ich endlich wieder frei war, bekam ich einen schrecklichen Hustenanfall. Ich versuchte so viel Sauerstoff, wie möglich, aufzunehmen; rettender Sauerstoff, der Leben bedeutete. Durch den unablässigen Husten schmerzte mein Brustkorb. Mir war schwindlig und alles drehte sich. Ich nahm alles nur verschwommen und schemenhaft wahr.
Ein dunkler Schatten legte sich urplötzlich auf mein Gesicht, der nahe an mich herankam. Der Schatten entpuppte sich als James. Seine grauen Augen sahen mich ängstlich an.
„Keine Sorge, Holly. Jetzt bist du in Sicherheit.“ Er nahm meine Hand und zog mich mit einen Ruck zu sich nach oben. Automatisch umklammerte ich ihn, wobei ich unentwegt wie verrückt hustete. Sichtlich überrascht erwiderte er meine Umarmung. In seinen starken Armen fühlte ich mich sogleich sicher. Er war mein Beschützer.
Ungehemmt liefen mir die Tränen in Strömen die Wangen hinab und benetzten sein Hemd. Ich war unendlich froh, dass er mich aus den Fängen dieser wahnsinnigen Killerin befreit hatte und ich nun keine Angst mehr um mein Leben haben musste. Aber lange hielt meine Dankbarkeit nicht an, denn fünf Minuten später fiel mir ein, dass er schuld daran war, dass eine handvoll Killer hinter mir her war und versuchte mich zu töten. Dennoch ließ ich ihn nicht los. Ich wollte einfach stehen bleiben und mich ausruhen. Mein Hals schmerzte unheimlich. Er fühlte sich kratzig und trocken an. Das Schlucken war die reinste Qual für mich.
Tief atmete ich ein und aus. Ich konnte James´ einzigartigen Duft riechen. Er roch herb und gleichzeitig fruchtig. Auf einmal schlug mein Herz rasend schnell, da ich an die vergangene Zeit mit ihm dachte. An die Zeit, in der ich noch überglücklich und sorglos gewesen war. Doch er hatte alles mit seinen Kollegen gnadenlos zerstört und dafür hasste ich ihn. Nichtsdestotrotz konnte ich nicht länger leugnen, dass ein Teil von mir ihn alledem noch liebte und ihn nicht für immer gehen lassen wollte. Ich verstand meine Gefühle nicht. Genauer gesagt wollte ich sie nicht verstehen.
Na gut, damals als er mir sein Geheimnis preisgegeben hatte, hatte ich ihn auch nie wieder sehen wollen. Ich hatte ebenfalls ein Gefühlschaos wie jetzt erlebt. Hass stand gegen Liebe. Aber es gab einen erheblichen Unterschied zwischen damals und heute. Ich hatte mich zwar damit abgefunden, dass er ein Killer war, weil ich nicht mit seinem Beruf direkt konfrontiert worden war, aber dass hatte sich geändert.
Hautnah hatte ich miterleben müssen, wie seine Kollegen in unser Haus gekommen waren und meine Eltern ohne Grund ermordet hatten. Und warum? Weil James seinen Mund nicht hatte halten können. Meine Abneigung gegen seine Nähe erhöhte sich blitzschnell und von seinem Geruch, der mir eben noch als der Schönste der Welt vorgekommen war, wurde mir speiübel. Ich zog mein Gesicht zurück und schaute ihn wütend an. Das Blut in seinem Gesicht war durch die Hitze bereits getrocknet. Schweiß bedeckte seine Stirn. Mein Blick verwirrte ihn.
„Was ist los?“ Laut schnaubte ich und löste mich aus der Umarmung.
„Was fällt dir ein einfach hier aufzutauchen. Ich habe dir doch mehrere Male klar gemacht, dass du dich von mir fernhalten sollst.“ Zornig starrte ich ihn an.
„Ich weiß, aber ich habe dir genauso oft gesagt, dass ich dich nicht alleine lassen werde. Niemals.“ Hart presste er die Lippen aufeinander. Ich konnte über seine Verbissenheit nur den Kopf schütteln.
„Du hast sie nicht mehr alle, James. Ganz ehrlich.“ Meine Worte zauberten ihm ein erfreutes Lächeln aufs Gesicht. Durch seine Wunden sah er jedoch merkwürdig aus.
„Danke.“ Ich hatte keine Ahnung, warum er sich jetzt bei mir bedankte, aber ich vermutete, dass er einfach froh war, dass ich ihn ausnahmsweise mal nicht anschrie.
„Ich kann deiner Freundin nur zustimmen.“
Neben James tauchte plötzlich Ophelia auf. Sie lächelte zwar, doch in ihren Augen konnte ich unbändigen Zorn erkennen.
Während mir vor Angst und Panik die Luft wegblieb, blieb James einfach gelassen und bewegungslos stehen. Ich an seiner Stelle hätte sie wieder angegriffen, schließlich hatte sie ihm gnadenlos gegen den Kopf getreten und versucht ihn bewusstlos zu schlagen. Aber er machte keinerlei Anstalten seine Kollegin in irgendeiner Weise zu verletzen. Wie angewurzelt stand ich drei Meter von ihnen entfernt und beobachtete jede kleinste Bewegung, vor allem von Ophelia. Diese musterte mich von oben bis unten mit einem herablassenden Blick.
Ich konnte es nicht erklären, aber in diesem Moment kam ich mir hässlicher und unbedeutender vor, als je zuvor, besonders neben dieser engelsgleichen und überwältigend schönen Frau.
Leider musste ich feststellen, dass sie äußerlich gut zu James passte. Viel besser, als er und ich. Ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend, aber warum eigentlich? Mir konnte es doch egal sein. Ich wollte ihn nicht mehr.
Okay, der größte Teil zumindest. Der andere Teil schrie diese Frau innerlich an, dass sie sich von James fernhalten soll. Ich war zwischen meinen Gefühlen hin und her gerissen und wusste nicht, was ich als Nächstes tun sollte.
Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ich sah, wie Ophelia sich vor James stellte und ihn küsste. Ich war schockiert und ein unbeschreiblicher Schmerz durchbohrte mein Herz, aber ich fühlte auch Eifersucht. Ich war eifersüchtig und sauer, weil sie ihn vor meinen Augen küsste und ich war mir absolut sicher, dass sie es mit voller Absicht tat, um mir wehzutun. Herzlichen Glückwunsch, sie hatte ihr Ziel erreicht.

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