Aufbruch

"Was wollt ihr?", Auroras Stimme klang bissiger als beabsichtigt. Die Hochelfe in ihrem weißen Gewand setzte sich nun auf den Stuhl auf dem Eritos zuvor gesessen war. "Ich wollte noch einmal mit euch sprechen Aurora", ihre Stimme klang fast unwirklich, wie auch ihre Erscheinung. Die Kunstvolle geflochtene Frisur aus silberweißem Haar, dazu die leuchtenden grünen Augen. Ihr Gesicht wirkte jugendlich, sie schien nicht zu altern. "Alleine diese Förmlichkeit, ich bin eure Tochter, nicht irgendjemand!", fauchte Aurora die Hochelfe an. Ihr Gesicht verzog keine Miene, sie lächelte sogar: "Das Temperament habt ihr von eurem Vater! Es tut mir Leid, ich erfülle wohl eure Erwartungen als Mutter nicht. Darüber wollte ich auch nicht sprechen!" Aurora kannte den Namen der Frau, die sie auf die Welt gebracht hatte. Lumen, die Lichtbringerin, Königin der Hochelfen, aber sie konnte so garnichts mit der emotionslos wirkenden Dame anfangen. Sie legte den Kopf schief, entschied einfach zu zu hören was sie ihr zu sagen hatte. "Dein Vater war früher ein wirklich stattlicher und guter Mann, ich traf ihn einst am Hof des verstorbenen Königs der Menschen, dem Vater von König Muriel", begann sie zu erzählen "damals war ich noch jünger, wir beide wussten das unsere Beziehung nicht geduldet werden würde, darum hielten wir sie geheim. Wir konnten einfach nicht aufeinander verzichten, selbst als ich schon heiraten hätte sollen. Ich habe versucht ihn zu retten als er dem Wahnsinn verfiel, aber ich konnte es nicht. Als er gefallen war bemerkte ich, dass ich schwanger war, niemand außer dem König und Magister Isac wurde darüber informiert. Du kamst zur Welt und noch am selben Tag hat der Magister dich nach Weststurz gebracht. Zum Schutz!" Aurora rollte mit den Augen, was sollte ihr diese Geschichte weiter helfen. Ihr Vater war einer der schrecklichsten Menschen im ganzen Land gewesen und hatte seine unnatürlich erworbenen Fähigkeiten auf die übertragen. "Zum Schutz für mich oder VOR MIR?", fragte sie harsch. Lumen lächelte wieder, Aurora hätte ihr das Grinsen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen: "Beides meine Liebe! Den Namen, Aurora, gab euch übrigends ich, falls euch das interessiert."
"Und wie kommt ihr und König Muriel, Magister Kabutos und der Nordkönig auf die Idee mich mit dem armen Eritos nach Kenas zu schicken? Wenn ich eine Gefahr für Alles und Jeden darstelle?", Aurora grinste nun betont um die Hochelfe zu provozieren. Lumen aber tat das mit einem weiteren Lächeln ab: "Wir brauchen erneut Hilfe von Adrian, dem Wesen, dass einst deinen Vater tötete. Adrian verlangte das ein Elf und ein Hochelf kommen sollten um die genauen Bedingungen der Hilfe zu verhandeln. Du musst wissen, es regt sich etwas im Norden, nichts gutes, die Festung der Nordmenschen wird der Seuche nicht ewig stand halten, ohne die Macht von Adrian werden wir alle untergehen!" Aurora lies sich nach hinten auf das Sofa zurück fallen. Im Grunde war ihr egal ob das ganze Land in irgendeinem Chaos versinken würde. Ihre eigene Welt war bereits zerstört, innerhalb von Wochen. Komplett aus den Fugen geraten und aus dem beschiedenen einfachen Leben war ständiges Training geworden. Aus dem kleinen Bauernhof ein Schloss. Aus dem Ziel zu lesen und zu lernen kämpfen und sich auf die eine Mission verbereiten.
"Es ist eure Pflicht euch für unser Volk einzusetzen und uns zu repräsentieren, alleine schon weil nun bekannt ist, dass ihr meine Tochter seid", Lumens klare, aber weiterhin emotionslose Stimme schien nicht wirklich zu Aurora durchzudringen. Sie dachte an die einfachen Zeiten in Weststurz, an den widerlichen Eintopf den Magister Isac, von dem sie immer geglaubt hatte er wäre ihr Vater, gekocht hatte. An ihren Hund, Brutus, der nun bei einer anderen Familie den Hof hütete. An all die schönen Erlebnisse auf den kargen Äckern.
"Wer hat meinen Vater ermordet?", fragte sie gerade heraus und versuchte ihre Tränen zu unterdrücken. Lumen schien sehr verwirrt über diese Frage: "Ich habe euch doch gerade berichtet..." "Nicht diesen Taljan, ich spreche von dem Mann der mich, dank euch alleine, aufgezogen hat! Von Magister Isac, der für mich gesorgt habt während ihr euch aller Mutterpflichten entzogen habt!", brüllte Aurora sie an. Lumen konnte mit so viel Emotion nicht umgehen, wenigstens Lächelte sie diesmal nicht. "Wenn ich es wüsste, hätte ich den Mörder persönlich gerichtet!", versicherte sie ihr "es war dunkle Magie im Spiel, aber solange nichts fest steht kann ich euch nicht mehr dazu sagen! Aber ihr habt mein Wort das ich die Sache weiter verfolgen werde!"
Die Rettung aus diesem Gespräch stand in Form von Eritos plötzlich im Raum. Er verneigte sich höfflich vor Lumen: "Ich muss euch ersuchen zu gehen, wir haben noch einige Vorbereitungen zu treffen vor unserem Aufbruch morgen!" Lumen erhob sich und verließ den Raum. Androlien nickte Eritos dankbar zu: "Schätze ich muss dir nichts erzählen, du hast an der Türe gelauscht?" Eritos grinste und lies sich zu ihr auf das Sofa fallen: "Natürlich! Den Kampf, Mutter gegen Tochter, wollte ich mir nicht entgehen lassen!" Beide starrten noch lange aus dem Fenster, gewiss würde sie kein Schiff nach Kenas bringen, ein altes Portal befand sich unter der Kathedrale des Mondgottes in der Hauptstadt der Hochelfen. Aurora konnte der Umgebung nichts abgewinnen, überall grüne Wälder und diese seltsamen Schnörkel an all den prächtigen Häusern, nichts davon fühlte sich für die nach Heimat an. Man hörte ständig Vögel zwitschern und selbst am Meer schien es noch mehr Vegetation zu geben als in Weststurz. "Was habe ich mir da bloß eingebrockt", Eritos erhob sich "eine Reise ins ungewisse mit dir, das kann ja heiter werden!" Aurora lachte: "Du gehst mir ja nach den 2 Wochen unseres Trainings schon ziemlich auf die Nerven!" Er zwinkerte ihr zu und verabschiedete sich mit der Empfehlung auch langsam an Schlaf zu denken. Aurora dachte nicht daran, die begann zuerst in ihrem Zimmer auf und ab zu laufen, dann auf dem Gang, schließlich schlich sie sich aus dem kleinen Schloss, in dem man sie unter gebracht hatte, auf die Straßen von Mondfall. Der Name verwirrte sie nach wie vor, aber sie wurde aus den Hochelfen so oder so nicht schlau. Die Elfen aus dem Süden, wie Eritos, hatten ein ganz anderes Temperament, sie waren warmherzig und lachten viel, vielleicht ein bisschen zu neugierig, aber auf jeden Fall wirkten sie nicht wie Gespenster. Die dünne Sichel des Mondes verriet einen nahenden Neumond, auf den Straßen, die aus einem seltsam schimmernden weißen Kopfsteinpflaster bestanden, war nichts mehr los. Aurora entdeckte Lumen, die vor einem großen Baum umgeben von anderen Hochelfen mit dem Menschenkönig stand. Sie schlich sich näher heran, nur zu gerne wollte sie wissen was heimlich außerhalb der Kathedrale besprochen wurde.
"Lumen, ich verstehe eure Sorge, aber wir haben einen kleinen Stützpunkt auf Kenas errichtet, direkt nach dem Portal, dort wird man unsere Boten in Empfang nehmen!", sprach Muriel mit eindringlicher Stimme. "Muriel, ich habe vollstes vertrauen zu euch, aber der Feind schläft nicht! Außerdem weiß ich nicht wie Adrian auf das Kind seines einstigen Erzfeindes reagiert, ihr wisst warum er Taljan getötet hat!", Lumens Stimme klang nicht mehr so beherrscht und emotionslos wie zuvor, eher aufgewühlt und besorgt. "Natürlich, aber sorgt euch nicht, er wird gespannt darauf sein wieder einen Fuß nach Mondfall setzen zu dürfen!", beschwichtigte Muriel sie. Aurora war nun vollends verwirrt. Kenas war laut Eritos Erzählungen die Welt der Dämonen, warum sollte man von dort hier her wollen.
"Es ist unhöfflich zu lauschen Aurora", die scheppernde Männerstimme hinter ihr lies sie hoch schrecken, fast hätte sie laut aufgeschrien.
"Magister Hephaistos", sie starrte den König der Elfen verlegen an. Sein blondes Haar schien eben so perfekt wie das von Eritos, aber in seinen blauen Augen lag viel mehr Härte "es tut mir Leid, ich kam zufällig hier vorbei, ich wollte niemanden aushorchen!"
"Dann wird das wohl unser kleines Geheimnis bleiben!", der Elf deutete auf das kleine Schloss aus dem sie gekommen war "aber ihr werdet nun auf der Stelle eure Gemächer aufsuchen, habt ihr mich verstanden?" Aurora nickte eifrig und machte sich leise auf den Weg zurück in ihr Zimmer.

"Und erneut werden die vereinten Völker einen Weg finden der Bedrohung Herr zu werden!", das laute Jubeln der Berater und Angehörigen der verschiedenen Könige beendete Muriels Ansprache. Aurora hatte nicht wirklich zugehört, sie starrte unentwegt auf die Türe ins Nichts, die sich vor ihr befand. Ein Schleiser aus grünem Wasser schien darüber zu liegen, in Büchern hatte sie oft über Portale gelesen, aber noch nie eines gesehen. Eritos neben ihr versuchte sich seine Nervosität nicht anmerken zu lasen, aber es gelang ihm nicht ganz. Beide trugen sie eine leicht gepanzerte Lederrüstung, Eritos in einem warmen braun, Aurora in tiefem schwarz. Das Kettenhemd machte ihr jetzt schon zu schaffen, es schien ihr die Schultern ab zu trennen. Auch die leichte Panzerung der Hose war einschränkend, sie fragte sich wie sie so auch nur eine Stunde lang gehen sollte. Lumen trat nur vor die beiden: "Das Portal lässt sich von der anderen Seite aus nicht durchqueren, wir öffnen es in sieben Tagen, bis dahin müsst ihr zurück sein! Viel Glück, möge das Licht des Mondgottes über euch wachen!"
Eritos deutete ihr ihm zu folgen, unsicher berührte sie die Oberfläche des Portals. Es fühlte sich kühl an, eigenartig. Wie Wasser, aber man wurde nicht nass. Aurora wäre am liebsten davon gelaufen, aber Eritos schnappte nach ihrer Hand und hielt sie beschwichtigend fest. "Okay, ich fühle mich absolut nicht bereit dafür", zischte sie ihm verzweifelt zu. Er versuchte aufmunternd zu lächeln, es gelang ihm aber nicht ganz: "Komm, zusammen schaffen wir das, denk an unser Training!"
Aurora wusste, dass sie keine Wahl hatte, sie spürte die stechenden Blicke in ihrem Rücken, wollte nicht einmal zurück schauen. Also drückte sie Eritos Hand fester, er schien das Zeichen los zu gehen zu verstehen und setzte sich in Bewegung. Es fühlte sich auch an wie in Wasser zu tauchen, man durchbrach die Oberfläche und wurde von ihr eingehüllt. Aurora war sich nicht sicher ob sie fiel oder einfach in diesem sonderbaren Nichts schwebte. Es war dunkel um sie, sie hoffte bald irgendwo nach draußen zu gelangen und nicht auf ewig hier verweilen zu müssen.
Das plötzliche grelle Licht und die Hitze auf der anderen Seite des Portals raubte ihr erst einmal die Sicht, sie konnte spüren wie Eritos sie zur Seite riss. Er rief ihr zu sie solle laufen.

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