Aufbruch ins Ungewisse

"Bitte wach auf, so wach doch auf, ich kann nicht lange bleiben...!"

Eine sanfte, helle Stimme riss mich aus dem unruhigen Schlaf, in den ich schließlich gesunken war...

"Hilf mir, ich brauche deine Hilfe Flash!"

Diese Stimme,...ihre Stimme, die klang wie das Frühlingserwachen der Vögel, ließ mein Herz augenblicklich höher schlagen. War das ein Traum? Mit Sicherheit, es konnte nur ein Traum sein.

"Cenishenta? Wo seid ihr? Wie kann ich euch helfen?"

Meine sehnenden Blicke schweiften nach ihrer verschwommenen Silhouette suchend durch den großen kahlen Raum, denn im Dunkeln erwartete ich nicht mehr zu sehen. Ich hoffte schon, der letzte Tag wäre nur ein alberner Alptraum gewesen. Und im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass das hier der Traum sein musste, aber...

Da tauchte plötzlich ihr Geist vor mir auf, hell, klar und doch auch entsetzlich blass. Und selbst jetzt, wo sie so elend vor mir schwebte, fand ich sie noch immer wunderschön...

"Mei... Meine Augen spielen mir Streiche, genau wie meine Ohren, nicht wahr? Träume ich? Ihr seid doch tot?!"

Ich flüsterte, weil ich Angst hatte, man könne uns belauschen und mich, falls dies hier bloße Einbildung wäre, des Wahnsinns beschuldigen... denn wirklich daran geglaubt, dass sie noch lebt, hatte ich ehrlich gesagt auch nicht mehr...

"Ich weiß es nicht, aber ich scheine nur bewusstlos zu sein.

Flash, ich… ich habe Angst und weiß auch nicht wo ich bin und wie ich hier her gelangen konnte, aber..."

Sie machte eine Pause und sah ein wenig verlegen aus. Ich achtete nicht weiter darauf. "Bitte… rette mich. Gib mich nicht auf!"

Sie sprach so klar und deutlich, als stünde sie direkt vor mir und für einen wunderbaren Moment war ich so von Glückseligkeit erfüllt sie lebend zu wissen, dass ich gar nicht richtig hinhörte, aber nun schrak ich auf:

"Wie? Wie soll ich die Dämonen besiegen? Und wie komme ich zu Euch?"

Ich war sofort entmutigt, denn mehr als mein Schwert und meinen Mut hatte ich nicht... und selbst mein Schwert, Émalon, war zerstört. Und wie sollte ich sie finden? Geknickt ließ ich mich auf mein Bett zurückfallen und zermarterte mir meinen Kopf darüber, was ich tun konnte.

"... Ich weiß es nicht. Aber bitte verzweifle nicht. Ich bin mir sicher, du wirst einen Weg finden."

Ich fuhr zusammen, denn ich erkannte, dass ich meine Gefühle zu offen zeigte, alle Gefühle...

Sie stöhnte plötzlich auf.

"Was ist mit dir?!" In meinem Eifer vergaß ich, wer sie war... wer ich war...

"...ich muss zurück... "

...Sie wurde blasser und blasser...

"Nein! ... Wartet!" ...und schließlich war sie weg.

 

Es war, als fiele ich in ein noch tieferes schwarzes Loch. Ich dachte nur noch an sie. Wie, wie, wie!??? Wie sollte ich sie retten und wie sollte ich sie finden? Tausende solcher Gedanken schossen mir durch den Kopf und es dauerte einen Moment, bis ich wieder klar denken konnte. Da sah ich plötzlich eine Bewegung, nahe der Tür. Ich dachte schon: 'Jetzt ist alles aus und vorbei', als Chase aus dem Schatten ins Mondlicht trat.

"Wa... was machst du denn hier?!" brachte ich wütend stotternd hervor, doch dann bemerkte ich wie er zitterte und bat ihn sich zu mir auf das Bett zu setzen. Er war gehorsam, wenngleich es mir so vorkam, als würde er einen Befehl und nicht eine Bitte ausführen. Er gab zu, uns belauscht, jedoch nicht alles verstanden zu haben. Ich ergänzte bereitwillig, was er noch nicht wusste, glücklich jemanden zu haben, der mich nicht für verrückt halten würde.

"Was wirst du jetzt tun?", wollte er neugierig wissen.

"Ich weiß nicht... ich muss nachdenken...“

Wir saßen eine Weile still da, als er plötzlich den Kopf hob und mich fragte:

„Kennst du Usongu?“

„Den Söldner?!“ spuckte ich aus. „Ja, er soll sich irgendwo im Westen des Landes herumtreiben. Er jagt dort Monster und Dämonen und tötet sie gegen Belohnung.“ Abscheu wuchs in mir. Ich würde es als entwürdigend empfinden mich für meine ritterliche Pflicht, dass gemeine Volk zu beschützen, bezahlen zu lassen.

„Eben. Dämonen…“ Mir ging ein Kronleuchter auf. Er musste also wissen, wie…

„Geh, bitte. Ich danke dir für deinen Rat."

"In Ordnung. Du musst wissen, was du tust. Aber zieh nicht ohne mich los. Gute Nacht, hoffentlich ab jetzt ohne Zwischenfälle" Mit besorgtem Gesicht wandte er sich zum Gehen.

"Ja, hoffentlich," murmelte ich und schlief mit dem Gedanken, dass ich sie vielleicht doch noch retten konnte ein.

 

*

 

Am nächsten Morgen wachte ich mit den Vögeln auf. Eine Reise vorzubereiten ist nicht leicht, deshalb machte ich mich sofort nach dem Frühstück an die Arbeit. Ich packte Proviant für mehrere Wochen ein: Trockenobst, Schwarzbrot, etwas Pökelfleisch und zwei Wasserschläuche und nahm mir, mit Erlaubnis des Königs, Falum, das beste und schnellste Pferd - und außerdem ein guter Freund von mir - aus dem Stall. Falum war ein schwarzes Rassepferd, ein Kornhoffner, diese Rasse war sehr beliebt. Der gute Falum war mein erstes Reitpferd und schon immer ein richtiger Wildfang gewesen. Seit ich ihn mit zwölf Jahren kennen lernte, damals war er gerade mal ein Jährling, bin ich nie mit einem besseren Pferd geritten. Die Freundschaft zwischen uns greift fast so tief, wie die von mir und Chase und das will schon was heißen. Vom königlichen Hofschmied ließ ich mir noch ein neues Schwert anfertigen. Die Begründung war einfach und wurde sofort akzeptiert: Abwehr gegen die Monster, die mir unterwegs begegnen würden. Ich nannte das Schwert nach seinem ruhmreichen Vorgänger: Émalon, nach dessen Vorbild es auch angefertigt worden war. Lediglich die Initialen hatten sich geändert: FR

Zwei Tage später konnte ich abreisen.

Vor meiner Abreise musste ich allerdings angeben, wohin ich gehen würde. Ich behauptete, eine Pilgerreise nach Plarun tätigen zu müssen, um Adalbert vom Tod seiner zukünftigen Braut zu berichten. Sollte es überraschen, dass Cenishenta bereits versprochen ist, so sei hier angemerkt, dass dies aus Gründen der Friedensstärkung und der Machterweiterung geschah und...

Ich hatte keine Ahnung, ob die Rettung erfolgreich sein würde und wollte niemandem falsche Hoffungen machen.

Nach langen Verabschiedungsformeln und Hoffnungswünschen auf baldiges und vor allem gesundes Heimkehren ritt ich langsam in Richtung Westen, dem Haupttor entgegen.

Ich dachte an all das, was ich hinter mir ließ, mein zu Hause, meine Familie, wenn man es so nennen darf und meine Freunde. Bei letzterem dachte ich an Chase, der in der Nacht der "Erscheinung" bei mir gewesen war. Ich hatte damals erwartet, dass er in lautstarkes Gelächter verfallen würde, mir davon abraten würde zu gehen oder Ähnliches. Aber er tat nichts dergleichen. Im Gegenteil, er hatte mir noch mehr Mut gemacht und mir auch bei den Vorbereitungen geholfen.

Da tauchte Chase auf einmal hinter einem Baum zu meiner Linken auf und ritt schweigsam wie die Nacht neben mir her. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte darüber zu streiten, ob er nun mit dürfe, solle oder wolle oder nicht, er würde sich jetzt ohnehin nicht mehr abschütteln lassen und ich war auch nicht unbedingt geneigt dazu, das zu tun.

Ich musterte ihn und sein Reittier von oben bis unten: Sein braunes Pferd, das den Namen Askrim trug, - ein Kriegername, behauptete Chase...- war ein schon mehr oder weniger betagtes Pferd mit seinen fast 11 Jahren und von seinem früheren Glanz war nicht mehr viel übrig, aber Chase schwor auf diesen alten Gaul - wie ich ihn manchmal nannte - seit er ihm einmal das Leben gerettet hatte.

"Eines Tages wirst du feststellen, wie nützlich er ist. Schließlich sind wir nicht umsonst am gleichen Tag geboren.", sagte Chase immer und klopfte dem Tier dabei sanft den Hals. Er selbst trug einen braungrün gefleckten Umhang, der ihn, würde er sich im Wald verstecken wollen, beinahe unsichtbar machte.

Nach einer Weile brach er schließlich das Schweigen:

"Wo soll's denn zuerst hingehen, Hauptmann?"

"Immer langsam mit den alten Pferden“, grinste ich. „...seit wann nennt man Fußsoldaten Hauptmann? Außerdem weißt du schon, dass ich diesen Usongu suchen will. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, wo ich mit Suchen anfangen soll... irgendwo im Westen, genauer weiß ich’s nicht."

Ein breites Grinsen zog sich über Chase' Gesicht.

"Ja, ja, grins du nur", meinte ich. "Ich weiß selbst, dass sich das alles nicht sonderlich toll anhört, aber..." eine Geste von ihm gebot mir zu verstummen. Er nickte nach rechts, auf meine Seite,

ich verstand und ritt weiter, beobachtete dabei aber genau, was zu meiner Rechten vorging. Ein Rascheln in den Zweigen verfolgte uns unentwegt.

Nach einigen Minuten verschwand es dann so plötzlich wie es aufgetaucht war und wir kümmerten uns nicht weiter darum.

"Also, was meintest du vorhin mit Hauptmann?" fing ich an wo wir aufgehört hatten.

"Nichts." meinte er feixend. "Nur dass das Zeichen eines Hauptmanns auf deinem Rücken steht." "Was?!" Ich brachte Falum zum Stehen, der widerwillig schnaubte und zog meinen Umhang nach vorn. "Tatsächlich...der König gab ihn mir kurz bevor ich los ritt. Anscheinend will er mir auf diesem Weg viel Glück wünschen..." Von dieser Ehrung gerührt und ermutigt und mit der leisen Ahnung, dass Cámalon von meiner kleinen Lüge wusste, ritt ich weiter um Chase einzuholen, der auf mich wartete. Wir redeten nicht mehr, sondern genossen das Rauschen der Bäume und den Gesang der Vögel, der uns begleitete, blieben aber gleichzeitig wachsam.

Comments

  • Author Portrait

    Ah, jetzt geht es los! :-)

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