Aufruhr der Vögel 1/6

Die hereingebrochene Dunkelheit vereinte sich mit der Nacht und verdrängte das Licht des Tages. Die Zeit der Nachtaktiven begann und vereinzelt buhlten Zikaden zirpend um ihr künftiges Weibchen. Versetzen mit dem Rascheln der Blätter umstehender Bäume, wirkte die Melodie der Natur beruhigend und entspannend.
Seichter Wind trug salzige Luft landeinwärts und ließ die monotonen Klänge auf- und abschwellen.
Ein mattes Licht abseits der üblichen Wege verriet einer Anwesenheit.

»Aber ... wie kamt ihr zwei hier her? Ich war überrascht, als mich die Nachricht erreichte. Ihr hattet unverschämtes Glück, wisst ihr das?«
Schützend hielt sie ihr übermüdetes Mädchen fest umschlungen. Liraki saß breitbeinig auf einer mitgeführten verschlissenen Decke und ihre Augen trübten sich in träumerischer Vergangenheit. Diese schimmerten wässern und das fahle Licht des Mondes ließ ihre vom kalten Schweiß bedeckter Stirn glänzen.
Mit dem Rücken lehnte sie an einem verfallenen Mauervorsprung eines abbruchreifen Hauses einer abgelegenen wie verlassenen Ansiedlung. Die Natur begann zu zurückzuerobern, was dieser vor vielen Jahren die Bewohner des Landes zum Leben abtrotzten. Nicht sonderlich geräumig aber um so idyllischer musste diese kleine Ortschaft einst gewesen sein. Anhand der Anzahl mittlerweile verfaulender Gerippe, die vormals nebst Fenstern und Türen auch schützende Dächer trugen, vermutete die sorgende Mutter, dass diese Gemeinde bis zu zweihundert Seelen beherbergt haben mochte.
Rückwärtig schützte ein hoch aufragender Hang allumfänglich vor peitschenden Winden und Stürmen. Ein lichter Hain spendete zu heißen Tagen ausreichend kühlende Schatten und vermochte zu Friedenszeiten vielen spielenden Kindern hinreichende Verstecke bieten. Ein derweilen überwachsender Weg führte nord- wie südostwärts.
»Liraki.« Mit besorgter Stimme rüttelte der Sprecher ihr sanft die Schulter, bedacht darauf die Schlafende in ihren Armen nicht zu wecken. Jemand legte ihr eine zusätzliche Decke über und sorgte fürsorglich dafür, dass jedwede freie Stelle ihres Kindes bedeckt schien. »Wie kamt ihr her?«
Wieder im Hier und jetzt versuchte sie die bleierne Benommenheit abzuschütteln. Ihr Körper benötigte dringend Ruhe, um zu genesen. »Ich ... bin so Müde«, hauchte sie. Ihre Augen schlossen sich mehrfach, um nahezu ruckartig wiederholt aufzufahren.
»Liraki bitte. Wie kamt ihr hierher. Wurdet ihr verfolgt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich. Togrel schickte uns bei Nacht fort und ließ uns zu den Grenzen und darüber hinaus führen.«
»Weiter«, drängte ihr Gegenüber.
Eine Hand legte sich auf dessen Schulter. »Lass sie. Siehst du nicht, dass sie am Ende ihrer Kräfte sind?«
Er sah nicht auf, nickte indes. »Dennoch. Wir können uns keine Fehlentscheidung erlauben. Nicht in diesem Falle.« Seine Linke ruhte auf ihrem rechten Bein und drückte es sanft.
Sie schnaubte. »Wir überschritten kaum die ›Sieben Königsgrenze‹, als uns die Scrawt verließen. Als wir das Heim der Körperlosen betraten, konnten wir das erste Mal in Sicherheit rasten.«
»Was meinst du? Was ist geschehen?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, sie haben uns ...« Liebevoll streichelte sie das rötlich schimmernde Haar ihres Kindes. »... sie ... Beschützt.«
Trotz ihrer deutlichen Entkräftung hob sie den Kopf und ihr Blick klärte sich. Ihre Hand griff die Seine und er spürte ungeahnte Kraft. Ihre Stimme sank zu einem Wispern. »Wir wissen, derer andere vergaßen und verleugnen. Findet das Blut, derer ihr einst teiltet und beendet die Fehden längst vergangener. Erkennen beginnt im Herzen, erst dann im Geiste. Erst wenn ihrer Pflicht bewusst, bindet die Bande erneut. In unserem Schatten sollt ihr Ruhen, in unseren Armen findet ihr Schutz.« Sie nickte und sah ihm tief in die Augen. »Sie sprachen zu mir - im Schlaf. Du musst ihr helfen, Serfem. Allein wird sie es niemals schaffen.«

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