Aufruhr der Vögel

Die hereingebrochene Dunkelheit vereinte sich mit der Nacht und verdrängte das Licht des Tages. Die Zeit der Nachtaktiven begann und vereinzelt buhlten Zikaden zirpend um ihr künftiges Weibchen. Versetzen mit dem Rascheln der Blätter umstehender Bäume, wirkte die Melodie der Natur beruhigend und entspannend.
Seichter Wind trug salzige Luft landeinwärts und ließ die monotonen Klänge auf- und abschwellen.
Ein mattes Licht abseits der üblichen Wege verriet einer Anwesenheit.

»Aber ... wie kamt ihr zwei hier her? Ich war überrascht, als mich die Nachricht erreichte. Ihr hattet unverschämtes Glück, wisst ihr das?«
Schützend hielt sie ihr übermüdetes Mädchen fest umschlungen. Liraki saß breitbeinig auf einer mitgeführten verschlissenen Decke und ihre Augen trübten sich in träumerischer Vergangenheit. Diese schimmerten wässern und das fahle Licht des Mondes ließ ihre vom kalten Schweiß bedeckter Stirn glänzen.
Mit dem Rücken lehnte sie an einem verfallenen Mauervorsprung eines abbruchreifen Hauses einer abgelegenen wie verlassenen Ansiedlung. Die Natur begann zu zurückzuerobern, was dieser vor vielen Jahren die Bewohner des Landes zum Leben abtrotzten. Nicht sonderlich geräumig aber um so idyllischer musste diese kleine Ortschaft einst gewesen sein. Anhand der Anzahl mittlerweile verfaulender Gerippe, die vormals nebst Fenstern und Türen auch schützende Dächer trugen, vermutete die sorgende Mutter, dass diese Gemeinde bis zu zweihundert Seelen beherbergt haben mochte.
Rückwärtig schützte ein hoch aufragender Hang allumfänglich vor peitschenden Winden und Stürmen. Ein lichter Hain spendete zu heißen Tagen ausreichend kühlende Schatten und vermochte zu Friedenszeiten vielen spielenden Kindern hinreichende Verstecke bieten. Ein derweilen überwachsender Weg führte nord- wie südostwärts.
»Liraki.« Mit besorgter Stimme rüttelte der Sprecher ihr sanft die Schulter, bedacht darauf die Schlafende in ihren Armen nicht zu wecken. Jemand legte ihr eine zusätzliche Decke über und sorgte fürsorglich dafür, dass jedwede freie Stelle ihres Kindes bedeckt schien. »Wie kamt ihr her?«
Wieder im Hier und Jetzt versuchte sie die bleierne Benommenheit abzuschütteln. Ihr Körper benötigte dringend Ruhe, um zu genesen. »Ich ... bin so Müde«, hauchte sie. Ihre Augen schlossen sich mehrfach, um nahezu ruckartig wiederholt aufzufahren.
»Liraki bitte. Wie kamt ihr hierher. Wurdet ihr verfolgt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich. Togrel schickte uns bei Nacht fort und ließ uns zu den Grenzen und darüber hinaus führen.«
»Weiter«, drängte ihr Gegenüber.
Eine Hand legte sich auf dessen Schulter. »Lass sie. Siehst du nicht, dass sie am Ende ihrer Kräfte sind?«
Er sah nicht auf, nickte indes. »Dennoch. Wir können uns keine Fehlentscheidung erlauben. Nicht in diesem Falle.« Seine Linke ruhte auf ihrem rechten Bein und drückte es sanft.
Sie schnaubte. »Wir überschritten kaum die ›Sieben Königsgrenze‹, als uns die Scrawt verließen. Als wir das Heim der Körperlosen betraten, konnten wir das erste Mal in Sicherheit rasten.«
»Was meinst du? Was ist geschehen?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, sie haben uns ...« liebevoll streichelte sie das rötlich schimmernde Haar ihres Kindes. »... sie ... Beschützt.«
Trotz ihrer deutlichen Entkräftung hob sie den Kopf und ihr Blick klärte sich. Ihre Hand griff die Seine und er spürte ungeahnte Kraft. Ihre Stimme sank zu einem Wispern. »Wir wissen, derer andere vergaßen und verleugnen. Findet das Blut, derer ihr einst teiltet und beendet die Fehden längst vergangener. Erkennen beginnt im Herzen, erst dann im Geiste. Erst wenn ihrer Pflicht bewusst, bindet die Bande erneut. In unserem Schatten sollt ihr Ruhen, in unseren Armen findet ihr Schutz.« Sie nickte und sah ihm tief in die Augen. »Sie sprachen zu mir - im Schlaf. Du musst ihr helfen, Serfem. Allein wird sie es niemals schaffen.«

***

Die fünfte Nacht neigte sich dem Ende und der thulenisch abstammende Wächter hegte Hoffnungen. Zumeist dauerte es keine drei aufeinanderfolgende Tage, dass die ersten Kopfjäger gesichtet und so mancher ihre unliebsamen Fragen am eigenen Leibe verspürte. Man verglich diese Gruppen unbotmäßig mit den ehrbaren Ständen eines Jägers ... egal ob Mensch oder Tier. Ähnlich einer hungrigen Meute verfolgten diese einer aufgenommenen Witterung.
Ehrlos, respektlos und abgrundtief Böse würden die einfachen Leute des Landes diese Männer wie Frauen in Worte kleiden. Sie fühlten sich niemandem untergeben und dienten jenen, die bereit waren ihren Preis zu entrichten. Auch Selbige, die sich die Obristen nannten oder sich für ebendiese hielten, erkannten derer Vorteile und ließen sie gewähren. Gleichwohl sich die Übergriffe unangemessen häuften oder sich vereinzelte Gruppen in innerpolitische Belange begannen einzumischen, gebot man ihnen Einhalt.
Die Kopfjäger glaubten nur an Dinge, die sie sehen oder anfassen konnten und so galt das Land der Körperlosen gemeinhin als ihr Rückzugsort. Sollte Liraki es wahrhaftig mit ihrem Kind vollbracht haben, einen für Thulenen nahezu unpassierbaren Weg durch diese Region gefunden zu haben, würden unweigerlich Spuren aufzufinden sein.

Es knarzte. Obwohl alles andere als altersschwach und verwittert, war das Geräusch der hölzernen Tür vom Schankwirt gewollt. Es bedeutete ihm, dass ein Gast eintrat, oder davonzog; in der frühen wie zu späten Stunde.
Seit dem Wiederaufbau der Landarbeitersiedlung kehrte das Leben in seinen alten Weiler zurück. Durchaus, Bestlin hatte den Verlust seiner Söhne nicht offiziell zu verschulden, dennoch trug er zweifelsfrei eine bestätigte Mitschuld an jenem Unglück. Als Abbitte gewährte er Klarichs Gesuch, welches dieser seit vielen aufeinanderfolgenden Jahren wiederkehrend, stets zur beginnenden Erntezeit erneut, vortrug.
Die einstmals belebte und gewinnbringende Ansiedlung wurde vollends und zum zweiten Mal aufgebaut. Zudem wurden weitere Häuser für Wohn- und Arbeitsräume geschaffen, wie auch eine schützende hölzerne Palisade errichtet. Der Lord wie der Obrist Memnachs wussten um die Wichtigkeit der Ländereien, die Bauer Klarich bewirtschaftete. Nicht nur die Ernteerträge waren für das stete Überleben unabdingbar, auch der Einfluss der Familie auf die Produktivität der Landarbeiter blieb nicht von der Hand zu weisen. Wo anderenorts nebst Hand auch Peitsche züchtigte, genügte auf den Feldern seine bloße Anwesenheit. Seine Gegenwärtigkeit motivierte zu Höchstleistungen, blieb er stets ein Mensch, der eigenhändig zum Werkzeug griff und von niemandem erwartete, was er selber nicht bereit war zu leisten.

Gerüche von Gerstensaft und billigem Tabak schwängerten die hinlänglich verbrauchte Luft. Die Bewohner dieser Ansiedlung einigten sich darauf, bei fortgeschrittener Zeit, den verursachbaren Lärm so gering wie möglich zu halten. Aus jenem Grunde hielt man Fenster und Türen in der Schenke bein Anbruch der Nacht verschlossen.
Vor der Invasion galt als beliebtestes Getränk der Wein in verschiedensten Variationen. Auf dem Lande eher der Bittere mit Gewürzen angereicherte, in den Städten und Burgen der Teurere. Dieser kam mit einer Süße und einem runden Geschmack daher, dass viele die gefahrvollen Reize des kommenden Tages gänzlich vergaßen. Thule verbat die beliebten Trauben als auch derer Verzehr vollends. Gerüchten nach blieb der Anbau den südlichen Ländern vorbehalten.
»Ah. Seht an. Ein Humpen für Klarich.«
Eingetretener trat an den Tresen und klopfte auf diesem zum allgemeinen Gruße. Quittiert wurde dieses mit einem polternden Konzert aller umstehenden wie sitzenden an ihren Tischen. Der Bauer war hinlänglich bekannt wie beliebt unter seinesgleichen. Ebenso einige wenige der anwesenden Wächter konnten diesem etwas abgewinnen.
Er war ein gestandener Mann mit Respekt einflößendem Auftreten, dennoch oblag er gewisser Prinzipien und Vorurteile, so wie viele die ihren hatten. Vor nicht allzu ferner Zeit durchlief er einen Lernprozess, den andere von sich wiesen. Sie konnten oder wollten nicht über ihre primitiven Kompetenzen hinaus blicken und verurteilten, wohingegen nicht einmal eine nüchterne Beurteilung hätte ausgereicht. Der vorarbeitende Bauer wusste nunmehr, dass für Charakterstärke weder Benehmen, Herkunft noch Abstammung relevant seien.
Er nahm sich Zeit, einem jeden mit einem freundlich erwidernden Lächeln zu begrüßen, andere hingegen empfingen seinen Handschlag oder ein einfaches Schulterklopfen.
Vor einem beinahe ovalen Stehtisch blieb er stehen und sah in die Gesichter dreier im Sold des Lords stehender Wächter. Gedämpft unterhielten sich diese, der Rechte ließ einen Dolch mit Zeigefinger und Daumen haltend hin und her pendeln und hielt sein Umfeld aufmerksam im Blick. Ebendieser winkte seine Kameraden mit einem Wink des Kopfes davon. Respektvoll nickten sie ihm und Klarich und verließen alsdann die Schenke.
»Was ist so drängend, dass Kopfjäger nach ihnen suchen«, erkundigte sich der Bauer gedämpft.
Serfems Messer viel ihm aus den Fingern und steckte im Holz, wo es noch dreimal hin und her schwankte. Er sah auf und sein Blick trübte sich sorgenvoll. Bevor er Einwände erheben konnte, lehnte sich Klarich mit ineinander gefalteten Händen vor und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Es war keine gute Idee, die beiden in einer verfallenen Siedlung zu verbergen.«
Der thulenische Wächter schluckte und knabberte ertappt auf der Innenseite seiner Wangen. »Wohl nicht. Wo sind sie?« Er war im Begriff zu gehen und wollte sich nicht länger aufhalten. Es schien ihm wichtig, doch der kräftige Bauer hielt ihm am Handgelenk an Ort und Stelle.
»Alna kümmert sich um die Zwei. Der Kleinen geht es gut, ihrer Mutter hingegen ...«
Der Thulene sah musternd auf seine umklammerte Hand und begann zu knurren. Klarichs Griff lockerte sich, ließ jedoch nicht los. »Wer auch immer die beiden sind. Sie müssen fort. Je eher, desto besser.« Bestätigend seiner Worte suchte er den Blick seines Gegenübers und nickte.
Serfem schenkte dem Bauern mittlerweile sein uneingeschränktes Vertrauen und schätzten den Mann für seine Ehrlichkeit wie Aufrichtigkeit. Er ließ ihn an seinem Wissen über Liraki und Kiraa teilhaben, so auch seiner Verwandtschaftsverhältnisse.

Der Prot-Chon, der Wächter des Nordens, war sein Vetter und Liraki in direkter Erbfolge der ›göttlichen Herrscherin‹ seine Base. Es schien ihm sichtlich schwerzufallen, dem einfachen Leben des Landarbeiters begreiflich zu machen, dass ein Thulene nicht von Geburtswegen ein Thulene sei. Arikima, ihres Namens, unterschied ihr Volk des Blutes wegen und so galten ihre eigenen Nachkommen als nicht gebührlich genug. Das königliche Geblüt begann sich mit der Enkelin des thulenischen Reiches stetig im Wandel zu befinden und ihre Haut glich sich dem ihrer Väter mehr und mehr.
»Aber, nachdem was ich in der kurzen Zeit sah ...«
Serfem nickte und drückte seines Gegenübers linke Schulter. »Eben aus jenem Grunde. Niemand vermag ihre Abstammung zu beurteilen. Ihre Haut gleicht der deinen und ihr Blut ist so Rot wie das deine. Togrel hoffte sie weit im Osten ... in Sicherheit.«
»Sobald sie reisefähig ist.« Er reichte ihm seine geballte linke Faust und Serfem presste seine Rechte bestätigend dagegen. Sie waren sich einig.

***

Serfem schien nicht er selbst. Veyed schaffte es bisweilen nicht diesen Mann so einfach zu entwaffnen wie am heutigen Tag.
Schweiß rann dem jungen Burschen der muskulösen Brust herab und seine Schultern bebten vor Anstrengung. Er trainierte gern mit dem Thulenen, da dieser nicht davor scheute, ihm auch die anrüchigen Seiten ihres Handwerks beizubringen.
Ein gutes Schwert im Duell zu führen ist gleichzusetzen mit dem verführerischen Tanz einer schönen Frau - scharf und zwieschneidig. Lerne mit beiden umzugehen, so wirst Du den harten Kampf des Alltags zu überleben wissen.
Doch an jenem Tag wusste es der Blaubluter dem Anschein nach selbst nicht.
Veyed wischte sich mit der linken Hand über die Brust und verschmierte den Schweiß der Anstrengung wie der Hitze des Tages mit dem Staub, den er kürzlich hielt.
»Man Serfem, was ist los mir dir?«
Angesprochener sah auf, drehte seine Klinge spielerisch in der Hand und stieß diese in eine bereitgehaltene Scheide. »Ich bin aufgewühlt, nichts weiter.«
Veyed griff nach einem öligen Lappen und wischte der Schneide seines Schwertes entlang, bevor er diese wie vorgemacht in eine ebenso parat gehaltene Hülse schob. »Aufgewühlt? Serfem, seid dem du endlich mal normal redest, glaube ich nur noch halb so viel zu verstehen. Was meinst du, was ist los?«
Ein Lächeln stahl sich auf die Züge des sonst ernst dreinschauenden Mannes. »Ja, nichts.« Seine Brauen hoben sich amüsiert. »Ich bin aufgewühlt oder aufgeregt. Liraki wird endlich mit ihrer Tochter hier herkommen.«
»Liraki? Wer zum Kuckuck ist denn das nun wieder? Etwa ...«
Sein Trainingspartner lachte schallend auf, wobei der kräftige junge Mann verwundert die Stirn krauszog. Er hatte seinen gegenüber bisweilen nie lachen gehört. So zumindest nie ehrlich und vor allem nicht herzhaft. Seine Belustigung klang nicht aufgesetzt.
»Nein.« Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Sie ist meine Base. Die Tochter meines Vaters Schwester.«
Veyed stutzte und schülpte die Lippen. »Ah. Mhm. Die Tochter deiner ...«
»Die Tochter meines Vaters Schwester.«
»Ja genau. Sag ich ja.« Er drehte sich herum und griff zu seinem Schwert. Seine Augen rollten blasiert und sein rechter Nasenflügel zuckte. Seine Lippen formten unverständliche Worte.

Sechs gleichartig gekleidete Gestalten verbargen sie sich in den Schatten und Sträuchern des ›flüsternden Waldes‹. Der grenzbezeichnende Bach führte nur knöcheltiefes Wasser, würde jedoch zur Jahreswende, wenn die Schmelze begann, gefährlich zu durchschreiten sein.
Nur wenige Schritte abseits hielten sie ihre Pferde gebunden, bewacht von einem der ihren.
Kayden empfand die Idee einheitliche Kleidung zu tragen als gebührlich und bezeichnend. Soldaten verschiedenster Heere, sogar Wachen und Wächter trugen gleichartige Uniformen, wenn auch mit unterschiedlichen Wappen. Man fühle sich unter seinesgleichen gleichwertig und solle seine Zugehörigkeit zeigen. Die Schattenjäger waren keine dahergelaufenen Kopfjäger, Barbaren oder marodierende Banden.
Aus einer anfänglich kindlichen Idee erwuchs rasch Akzeptanz und Wohlwollen. Findige, wie geschickte Hände entwarfen in mühevoller Kleinstarbeit eine leicht und bequem zu tragende lederne Uniform. Jener zählten unzählige metallene Plättchen; nicht aufgenäht, sondern aufwendig eingearbeitet.
Die Schattenjäger bewegten sich in ihren geschmeidigem Rüstzeugs behänden und leichtfüßig, so als kleideten sie sich in leichtfertigem Leinenzeug. Als Überwurf trugen sie einen festgewebten Umhang in braungrün gehaltenen Farbtönen mit Kapuze, der ihnen bei Erfordernissen bis tief über die Nase reichte. Sie wussten, es waren zumeist die Augen, die einen vorzeitig verrieten. Nach Bedarf dienten diese ihnen zugleich als Windschutz und Decke, allenthalben jedoch, ihre an den Hüften getragenen Waffen zu verbergen.
Niemand konnte mit Gewissheit benennen, woher und von wem sie ihre Bedarfsgüter bezogen, gemeinhin irgendjemand sie schlussendlich mit solchen versorgen musste. Sie trugen zwei einseitig geschliffene Scimitar, das eine jedoch kürzer als das Zweite und jene die es gewohnt waren beidhändig ihre Klingen zu führen, wollte niemand seinen Gegner nennen. Kayden war fasziniert von der Art zu kämpfen und versuchte sich immer wieder unbeobachtet in derlei Technik. Seine Gefährten behaupteten wiederkehrend ein vorbildlicher Schattenjäger zu sein und eines Tages zweifelsfrei einer der führenden Köpfe. Dennoch, er beherrschte weder den Umgang mit den beiden Wahlwaffen noch den des Reiterbogens.
»Kayden?«
Angesprochener sah auf und in seinen Augen stand deutlich geschrieben, mit welchen Gedanken er sich plagte.
»Junge, du bist noch nicht einmal im Mannesalter. Hör auf damit, dich stets uns ständig mit deinem Bruder zu vergleichen.«
»Er hat recht Kayden. Veyed war bereits als junger Bursche ungewöhnlich muskelbepackt und strotzte vor Kraft, wo du mit Geschick daherkamst.« Der Sprecher bestätigte jedwedes seiner Worte mit bedeutender Geste seiner rechten Hand. »Überlege, wie Alt du bist und mit wem du Dienst in diesem Wald tust.«
Rondal sah zu ihm hinüber und nickte. »Und ... du traust dich allein bis zur hiesigen Baumgrenze ...« Gewichtiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »... und darüber hinaus.«
Kayden schien verblüfft, der Mund stand ihm offen und erntete verhaltenes Gelächter. »Ja meinst du, wir wissen nicht, wohin unsere eigenen Leute unterwegs sind? Niemand ist je allein, vergiss das niemals.«
»Woher ...«
»Vollkommen gleich. Du warst und wirst keinesfalls allein sein.«
Seine Stimme brach. Er fühlte sich ertappt, beobachtet und belogen. Seine Schulter wurde ihm gedrückt und ein warmer Hauch nährte sich seinem Ohr. »Gemeinsam stehen wir füreinander ein, auch wenn jemand der unseren auf Abwegen wandelt. Immer dann, wenn du für dich sein wolltest, haben wir dies respektiert und blieben auf Abstand. Niemand von uns trägt dir etwas nach, ein jeder hätte gehandelt, wie du es tatest.«
Kayden presste die Lippen aufeinander, nickte jedoch, als ihm die Worte gewahr wurden.
»Was tun wir hier Ron?«
»Wir werden jemanden begleiten, der längst erwartet wird.«

***

Weit hinter sich vernahm sie Tumult. Befehle und Ermahnungen drangen ihr zugleich ans Ohr. Es war einer jener seltenen Momente, während die befohlenen Soldaten des Lords und die gedungenen Wächter ihres Mannes einer Meinung waren. Die einen schlossen die Tore, die anderen bemannten die Palisadengänge.
Bestlins Reitfähigen bestiegen ihre Pferde und harrten aus - sie warteten auf ihren Einsatz.
Schützend hielt Alna das junge Ding mit ihrem linken Arm vor sich und lenkte ihres Mannes alten Karren mit der Rechten. Jenem, der ihnen schon so lange treue Dienste leistete, sollte nun auch einem Kind aus fernem Gefilde einen eben solchen leisten. Einen von derlei Art, der Hoffnung verspricht. Einem der die Wende hervorbringen könnte.
Kiraa umarmte und schmiegte sich ganz fest an sie. Das arme Ding verlor in der vergangenen Nacht ihre in diesen Ländern einzig wahre Bezugsperson. Es war ihr weder bestimmt zu genesen noch ein Leben in vermeidlicher Sicherheit zu verbringen. Sie sollte allein, ohne mütterlichen Beistand erfahren sollen, was die körperliche Reife und Erwachsenwerden an Hürden bereithielt.
Die verworrenen Fäden des Schicksals erlaubten ihr bloß den anstrengenden Weg aus ihrer angestammten Heimat, bis in den fernen unbekannten Osten zu begleiten.
Das Mädchen war Jünger als ihr Kayden, schien ihm jedoch in vielerlei zu ähneln. Tapfer ließ sie allerlei Strapazen über sich ergehen, erholte sich von diesen in kürzester Zeit und überwand gar fiebrige wie traurige Momente. Der Verlust ihrer Lieben muss diesem unreifen Ding im Herzen unermesslich schmerzen, vergrub sie sich seit dem in den tröstenden Armen einer ihr unbekannten Person.
Auch wenn dem alten Zossen, der den klapprigen Wagen zog, zwei getreue Serfems schützend begleiteten, beurteilte die Zeit ihre Verfolger als die besseren verbündeten. In innerer Zwiesprache betete sie zu allen erdenklichen Boten des Himmels, die starren Baumreihen des ›flüsternden Waldes‹ noch rechtzeitig zu erreichen.
Ein ihr bisweilen Unbekannter überbrachte ihrem Geliebten vor wenigen Momenten die missliche Kunde, dass Kopfjäger die Spur der bei ihnen untergekommenen Frauen aufgenommen haben. Klarich hegte keinerlei Zweifel an dessen Worten, wusste er unlängst, dass ein ungebetener Suchtrupp in Agrea sein Unwesen trieb und unliebsame Fragen stellte. Dennoch blieb es ungeklärt, wie es diesen in solch kurzer Zeit gelang herauszubekommen, wo sie zu suchen hatten.
Ein Mosaik aus vielerlei Bildern entstand in ihren Gedanken.
Zwei Jungen, die ebenso wie sie jetzt, auf dieser unebenen grasbewachsenen Ebene vor ihren Häschern davonrannten. Ob es ihren Kindern einst ähnlich erging? Ungewissheit, Angst und das stete Gefühl als wende sich die Zeit gegen sie?

Ein schrilles Kreischen buhlte um Kaydens Aufmerksamkeit und ließ diesen irritiert dreinschauen. Sein Kopf wendete sich von dem nahenden Karren wie seinen berittenen Begleitern hinüber zu jener Stelle, von wo er glaubte, dass dieses wilde Geschrei seinen Ursprung habe.
Abseits des Rabengehölzes nährten sie sich rasch auf schäbig aussehenden Pferden. Er zählte nicht derer Anzahl, meinte jedoch Frauen wie Männer erkennen zu können, die sich absichtlich barbarisch verhielten. Ohne Zweifel kamen sie über die östliche Anhöhe.
»Kopfjäger«, knurrte Rondal. Er vollführte mit seinen Händen stumme Anweisungen und drei der Begleiter spannten Sehnen in die Bogen und rückten ihre Köcher zurecht. Die Übrigen eilten zu den Pferden.
Jene beiden, die den Karren flankierten, zogen ihre Waffen. Der Linke beugte sich herab und schien sich mit dem Lenker auszutauschen, der zustimmend nickte. Es war ersichtlich, dass die anrückende Horde das Gespann noch vor Erreichen ihrer Pfeilgrenze bedrängen würde.
Kayden schluckte und schätzte sorgfältig die Entfernungen beider. Mit Entspannung und Bedacht, erreichst du dein Ziel, hallten die ermahnenden Worte seines Onkels in den Ohren. Er war aufgeregt und seine Hände begannen zu zittern. Seine Gedanken an Alric zwangen ihn, seinen inneren Ruhepol aufzusuchen. Durch die erzwungene Ruhe und Muße besann er sich und sortierte sein Befinden.
Jene, die man Köpfjäger schimpfte, rückten beständig näher und die beiden Bewaffneten stoben ihnen mit blank gezogener Klinge mutig entgegen. Zwei Personen befanden sich auf dem Wagen. Ein junges Mädchen, welches sich in den Armen einer älteren Frau schmiegte.
Seine Augen weiteten sich schockiert und sein Mund öffnete sich ohne Zutuns. Tief und stockend japste er nach Atem, seine Nasenflügel bebten. Die Knöchel seiner rechten Hand knackten ungewöhnlich Laut, als sich diese krampfhaft zur Faust ballte.
»Sie schaffen es nicht. Beeilt euch verdammt«, rief Rondal. Ihre Begleiter ließen ihre Bögen an Ort und Stelle fallen, zogen ihre Scimitar und eilten auf lautlosen Sohlen hervor. Rücklings brachen drei Reiter aus dem Buschwerk und jagten den vorherigen zügig voraus. Auch sie würden dem Wagen vermutlich nicht schnell genug zur Hilfe eilen können.
Die Kopfjäger verstanden ihr Geschäft. Sie wussten ihre Aufträge erfolgreich zum Abschluss zu bringen.
Sie verfolgten eine Spur wie reißender Tiere gleich einer Witterung und schlugen rücksichtslos zu. Blutzoll unter den ihren nahmen sie zur Kenntnis, zählten für einen jeden jedoch nur insoweit, dass den Übrigen erhöhte Gewinne bevorstünden. Sie behielten stets das Ziel ihrer Belange vor Augen.

»Bleib hier«, beschwor er den jungen Mann, der ungestüm den Schattenjägern folgen wollte. »Was auch immer geschehen wird, du kannst nichts ändern.«
Sirrende Geräusche erklangen in Kaydens Ohren. Er erinnerte sich, dass verschiedene marodierende Banden, bearbeitete Pfeile nutzten, die seltsam pfeifende Laute von sich gaben.
Ihre Schützen verfügten über scharfe Augen, denn folgend dieses Sirrens tönten Schmerzenslaute.
Sein Blick schien in einer zeitlichen Verschiebung zu ruhen. Er glaubte den Pfeil, der in einen der berittenen Schattenjäger einschlug, verfolgen zu können. Er steckte dem Reiter oberhalb der linken Schulter und vibrierte mit jedweden seiner Bewegungen auf und ab. Der Getroffene war entweder schmerzbefreit oder von der Wunde nicht sonderlich beeindruckt. Er Ritt weiter und schwang seine Waffe.
Jene Zwei, die den Karren begleiteten, stritten mit jeweils zweien zugleich. Dass die Schattenjäger ungeahnt auftraten, brachte den Angriffswillen dieser wüsten Truppe leider nur kurzweilig zum Stocken. Momente, in denen das Gespann dem schützenden Wald näherkam und die zu überwindende Strecke zu den Verfolgern für sich ausweitete.
Rufe und Schreie mischten sich einander. Dennoch, der Ausgang schien unausweichlich.

»Kayden.« Er hörte seinen Namen, wollte sich jedoch nicht ablenken lassen, hoffte er bevorstehende Situation, allein durch kraft seiner Gedanken beeinflussen zu können.
Rondal wurde energischer und begann dem Jungen ungehalten die Schulter zu schütteln. »Verdammt Kayden, reiß dich zusammen!«
Angesprochener vermochte nicht zu begreifen, was direkt vor seinen Augen geschah; stattdessen erschauderte sein gesamter Körper. Ein ihm bisher ungeahnter Druck machte sich in seinem Innren breit, so als wolle etwas aus ihm herausbrechen.
Druckartiger Schmerz umhüllte seine Brust und sein Atem geriet zum Erliegen. Gerade in jenem Augenblick, als er dachte, das Ende sei nah, sah er zähe Bilder vor seinem Auge dahingleiten.
Ein schmaler spitzer Schaft erhob sich in die Höhe und begann seinen unausweichlichen Sinkflug. Die ältere Frau auf dem Fuhrwerk sah das Unheil nahen und schob das Mädchen brüsk von sich. Sie stand auf und empfing den Boten des Todes.
Das Geschoss grub sich oberhalb des Bauches bis beinahe zur Hälfte in ihren Leib und die Gewissheit traf Kayden wie ein Hammerschlag. All sein Schmerz, der aufgestaute Druck, der in seinem Inneren wogte, suchte sich Bahn.
Rondal, der zu seiner Rechten stand, wurde sichtlich ungehalten. Er verfolgte die Atemaussetzer und wollte dem Jungen durch eine Ohrfeige zurück in die Gegenwart befördern. Mit erhobener Hand verharrte er mitten in der Bewegung.
Der junge Schattenjäger richtete sich vollends auf und hob verkrampft den Kopf. Seine Arme hingen kraftlos herab und seine Augäpfel begannen zu rollen.
Sein Mund öffnete sich und ein nie gehörter Laut entwich seinem Halse. Ein Schrei, den ein menschliches Ohr nicht als ein solches Wahrnehmen würde, gar konnte - es wahr schlicht absurd.
Rondal sah in dessen Augen nicht mehr den Jungen, der er war. Es war sein Verstand, der durch seine Sicht dem Herzen berichtete, wie es sich zu entscheiden hatte. Sein Gegenüber nickte und ohne dass es eines weiteren Wortes bedurfte, rannten sie los.

Dem Geheul der im Wald streunenden Hunde und Füchse folgte ein geräuschloser Schall, der sich vom Waldesrand rasant ausbreitete. Überall dort, wo dieser in empfindsames Gehör drang, hoben sich derer Köpfe, die diesen in ihrer ureigenen Sprache bestätigten und weitertrugen.
Veyeds und Serfems Blick begegneten sich, als sie das wilde Geschrei der Tiere wahrnahmen. Kylion ruderte mit den Armen und seine Stimme hallte über den Tumult hinweg. »Was ist los? So 'was habe ich noch nie erlebt!«
In scheinbar blindem Durcheinander erhoben sich allerorts Vögel. Gleichwohl, ob klein oder groß, sie schrien, und begannen ihren lang ersehnten Flug. Falken, Bussarde, Adler einfach alles, was Flügel besaß, stieg in die Lüfte. Sie kreisten über Falkenhorst und stoben in einer schwarzen Front gleich in Richtung des Waldes davon.
Serfem und Kremir blickten gleichermaßen zu Veyed, der abwehrend die Hände hob. »Ich habe nichts getan.«
An jedem Ort des verborgenen Landes erhoben sich Unruhen. Sondergleichen ward seit Bestehen Falkenaus weder gesehen noch erlebt. Ob Bauer, Handwerker, Soldat oder Schattenjäger; bei allen überwog Neugierde der Sorge.
Der Thulene wendete seinen Blick und glaubte in den Augen Kylions Verwunderung zu erkennen. Sorgenvoll blickte er drein und wand sein Augenmerk dorthin, wo die Baumgrenze begann.
»Die Vögel kamen vor dem Sturm, so wie sein Wappentier den Verlauf der Reiche prägte«, flüsterte der Falkner und hielt unbeabsichtigt die Schulter Veyeds.
Dieser sah auf. »Was sagst du?«
Er bekam keine Antwort, stattdessen rief Serfem aufgebracht nach einem Pferd und einer Schar Soldaten.
Auch wenn diese den Wald weitestgehend mieden, mit ihm als Führer würden sie reiten, wohin er sie führte.
Kremir beobachtete den halb nackten jungen Mann, der sichtlich verwirrt von Kylion, zu den sich entfernenden Serfem und zurückblickte.
Der Falkner schnaufte und nickte fortwährend. Er legte Veyed seine Rechte auf die Schulter. »Es hat begonnen.«

Zwei in dunklem Braun gehüllte Gestalten eilten zielstrebend über den Bach. Der Größere der beiden strauchelte oftmals an hervorstehenden Oden oder von Nagetieren gegrabenen Löchern. Die grasbewachsene Ebene zwischen dem Rabengehölz und dem ›flüsternden Wald‹ war und würde stets unbebaut bleiben und blieb gänzlich der Natur überlassen.
Der scheinbar Jüngere schwebte offenbar über jedwede Unebenheit. Seine Füße schienen den Boden kaum zu berühren. Er sprang und hüpfte jeglicher Hindernisse spottend, wohingegen andere längst gefallen oder sich verfangen hätten. Seine in beiden Händen gehaltenen gekrümmten Schwerter schimmerten silbern im Lichte der Sonne. Er hielt die Klingen rückwärtig, sodass es einem Betrachter erschien, als würden die Waffen seiner Geschwindigkeit nicht standhalten. Sie folgten seinem Weg und würden in seinem Namen Gericht halten.
Ungeachtet der ihm folgenden sirrenden Geräusche hetzte er dem Karren entgegen.
Abermals erscholl dieses vermaledeite Geschrei. Dieses Mal jedoch nicht der Vorfreude, dieses glich einem Gurgeln oder erstickendem Laut, als die scharfen Schneiden zweier kreuzgeführter Klingen durch den Leib einer der Kopfjägerinnen schnitt.
Sensen gleich wirbelte Kayden seine Waffen. Sein Oberkörper schwenkte elegant wie ein schmiegsames Weidenholz und bog sich von der einen zur anderen Seite. Seine Schritte glichen einem Tanz, nur das auf jedwedem, der seinen unausweichlich der unbarmherzige tot folgte.
Die Schattenjäger, seine Begleiter hielten sich in seiner Nähe, bedacht darauf, ihm keinen Anlass zu bieten seine Klingen zu kreuzen.
Aus Richtung des Waldes schwoll der Krakeel unzähliger Vögel. Einer undurchdringlich schwarzen Front gleich drangen unzählbare Punkte, die rasch an Größe und Substanz zunahmen.
Es waren die unlängst ausgestorben geglaubten Greifvögel in allerlei Wuchs und sie hielten Jagd. An ihrer vordersten Frontlinie flogen die Größten. Aars - die Majestäten der Lüfte.
Über dem jungen Kämpfer vollführten sie eine Schleife und stoben abwärts. Das Heulen der Kopfjäger klang seltsam entrückt in den Ohren Kaydens, aber er erkannte ihre heillose Flucht.
Er zeigte mit dem linken ausgestreckten Arm in ihre Richtung. »Ich will ihre Köpfe!«
Kaum ausgesprochen wendeten die berittenen Jäger ihre Pferde und stürmten hinter den Flüchtenden hinterher. Rondal und ein Weiterer hielten das Umland im Auge. Ihm war die lederne Rüstung des rechten Armes aufgeschlitzt und Blut sickerte hervor.
»Kümmere dich um ihn«, befahl Kayden in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Der Junge war die längste Zeit der kleine Junge gewesen. Sein Geist gestatte ihm nicht die Jahre der Jugend, die einem anheim stehen sollten. Ihm blieben lediglich Momente, eine Reife zu erreichen, die übrigen mit der Mannesreife und so mancher darüber hinaus erst erreichen würde.

***

Sie hörten das Unheil nahen, konnten jedoch aufgrund der umstehenden Bäume die Richtung nur erschwert ausmachen. Einer der Palisadenwächter vernahm Schreie, als kämen sie von zankenden Katzen.
Es bedurfte weder Anweisungen gar Befehle. Das südliche Tor wurde geöffnet und die Reiter ließen ihre Tiere voranpreschen.
»Hast du dich entschieden?«
Verwirrt schüttelte der Schütze zu seiner Rechten den Kopf. »Was?«
Er reduzierte seine Stimme auf ein Mindestmaß. Er wollte vermeiden, dass andere ihr Gespräch unbedarft belauschten. »Auf wessen Seite du stehen wirst?« Seine linke Hand glitt von einem der hölzernen Stämme und ruhte auf dem Griff eines Dolches. Seine Finger nestelten vorsichtig und vergewisserten sich des lockeren Sitzes.
Aus dem Augenwinkel beobachtete er seinen Gefährten. Dessen Stimme klang gequält jedoch klar und selbstsicher. Dennoch, ihm verlangte es nicht nach Täuschungen, egal welcher Art. »Ich verlor meine Geliebte ... und meinen ungeborenen Sohn.« Er drehte sich und hielt ihm den eigenen Dolch, mit der Spitze voran an jene Stelle, wo keine zwei Fingerbreit das Herz schlug.
»Auch wenn es in deinen Ohren nach Verrat klingt. Ich will diesen Bastard am Boden sehen.«
Die Nasenflügel seines Gegenübers bebten und sein Atem ging Tief aber entspannt. »Wenn es der Tag ist, an welchem sich ein jeder zu entscheiden hat, so werde ich auf jener Seite stehen, welche unseres Landes Banner trägt.«
Bestätigend der Worte erschollen tosende Laute. Unzählige Flügelpaare erhoben sich hoch in die Lüfte und fächerten in alle erdenkliche Himmelsrichtungen auseinander. Es waren Hunderte, wenn nicht gar Tausende.

»Vier sind entkommen.«
Rondals Mundwinkel zuckten resignierend, nickte indes. »Es wird nicht lange dauern, bis die Männer des Weilers nahen. Lasst uns verschwinden.«
»Was ist mit ihm und was war mit den Vögeln?«
Der Grenzländer sah hinüber zu Kayden und ein bitterer Geschmack sammelte sich unter seiner Zunge.
Ein Junge mit gerade einmal sechzehn Jahren hockte dort, gekleidet in der Montur eines Schattenjägers und wiegte eine leblose Frau in den Armen. Ausgerechnet diesem hatten die seinen zu verdanken einheitlich aufzutreten.
Notwendige Materialien wurden in mühsamen Unterfangen zusammengeklaubt und zu etwas verarbeitet, welches in vielen Herzen einen Funken der Hoffnung schürte. Auch die Soldaten Falkenaus tauschten kurz darauf das ihre. Rondal wusste woher all dieses wertvolle und dringend benötigte Material stammte, konnte und durfte jedoch kein Wort darüber verlieren. Einige Wenige ahnten es, wurde all dieses Zeugs doch durch ihre Hände und Mühen herbeigeschafft und in Verstecken abgelegt wie weitertransportiert.
Er wusste nicht mit Bestimmtheit durch wie viele mitwissende Hände jede einzelne Metallplatte oder streifen Leder ging, ihm war nur eines wichtig. Er hoffte, eines Tages bedingt seiner Bestrebungen seine geliebte Frau und Knaben wieder umarmen zu dürfen.

Ungehemmt kniete ein Junge vor ihr und hielt Alna weinend in den Armen. Wissend runzelte sie die Stirn, als sie Kayden betrachtete und versuchte, die auferzwungene Situation zu begreifen. Die Art sich zu kleiden schien ihr seltsam bekannt. Eines Abends, als sie sich in einem verlassenen Dorf in Obhut wiegten, kamen Männer.
Sie unterhielten sich, leise zwar, weil sie vermuteten, sie schliefe. Die unentwegt unbekannten Geräusche der Natur jedoch ließen ihre Sinne nicht den dringend benötigten Frieden finden.
Sie verstand nur Zusammenhangloses, aber an eines konnte sie sich erinnern, etwas, das noch immer einen Schauder hervorrief. Ihre Mutter sprach von einem seltsamen Traum, in welchem die Verstorbenen des toten Landes Zwiesprache mit ihr hielten. Eben jene Worte waren es, die sie ihr ins Ohr flüsterte, als sie auf der Schwelle des Todes stand.
Wir wissen, derer andere vergaßen und verleugnen. Findet das Blut, derer ihr einst teiltet und beendet die Fehden längst vergangener. Erkennen beginnt im Herzen, erst dann im Geiste. Erst wenn ihrer Pflicht bewusst, bindet die Bande erneut.
Egal was diese Worte bedeuten mochten, sie schienen ihr wichtig.

Dem Jungen liefen Tränen über die Wangen und verschmierten sein unlängst beschmutztes Antlitz. Seine braunen Haare glichen jener Alnas und sie erkannte gewisse Ähnlichkeiten.
Er begann zu flüstern. »Ma'. Nein Ma'. Bleib bei mir, du darfst nicht sterben, hörst du?« Liebevoll streichelte er ihr Gesicht und legte seine Wange immer wieder an die ihre.
Das musste Kayden sein, Alna hatte ihr eines Abends von ihm und seinem älteren Bruder erzählt. Sie hatte sich so unendlich gefreut, als Klarich ihr zugestand, sie und ihre Mutter hinter den Wald bringen zu dürfen. Am Rand der Baumgrenze würde jemand auf sie warten und hindurchgeleiten - so seine Worte.
Ihre Mutter hatte unlängst befürchtet, dass Kopfjäger ihrer Spur andächtig wurden, um beide zurück nach Thule zu eskortieren. Die ›göttliche Herrscherin‹ selbst wollte sich ihrer entledigen, aus welchem Grund, verschwieg man ihr.
Sie saß nur da und konnte nichts weiter tun, als den weinenden jungen Mann mitfühlend zu beobachten.
Ein unglückseliger Pfeil traf Alna zwischen Brust und Bauch und steckte ihr bis zur Hälfte im Leib. Mit der linken Hand hielt sie den Schaft des Geschosses. Mit jedem Atemzug quoll roter Lebenssaft durch ihre Finger und sie glaubte winzige Bläschen darauf erkennen zu könne. Zweifelsfrei, der Pfeil musste ihre Lunge verletzt, wenn nicht sogar durchbohrt haben.
Die rechte, auch mit ihrem Blut verschmiert, hob sie mit letzter Kraft an die Wange ihres Sohnes. Ihre Stimme klang heiser und kraftlos, dennoch schwang die Liebe einer führsorglichen Mutter darin. »Kayden, mein Junge. Ic... li...e di...«
Ihre Lieder begannen zu flattern und ihre Hand rutschte ihm haltlos vom Gesicht.
Kiraas Augen wurden wässern, als sie den Schmerz in den Kaydens las.
Er presste seine Lieder fest zusammen, dennoch sickerten Tränen hervor. Sein Mund stand mit verzogenen Lippen offen und sein Unterkiefer bebte vor bitterer Qual. »Maaa«, schluchzte er schmerzerfüllt.

***

Als sie den Vorort Falkenhorsts betraten, führten die Schattenjäger den Karren durch einen Spalier neugieriger. Viele waren gekommen, um die sich in Windeseile verbreitende Kunde eigenst andächtig zu werden.
Ihre Erwartungshaltung jedoch wurde nicht erfüllt, denn was sie zu sehen bekamen, war leid und Trauer.
Kayden, den allesamt als den jüngsten Schattenjäger kannten, hielt mit gesengtem Blick eine mit einem Pfeil durchbohrte Frau in den Armen. In seinem Gesicht war nebst Fassungslosigkeit und Pein auch etwas zu erkennen, welches sich mit Entschlossenheit am ehesten beschreiben ließe.
Über ihnen flog zum Geleit der weiße Falke Agbar.
Aus den hinteren Reihen vorangetragen bis in die Vordersten drangen flüsternde Worte. Sie sprachen von dem Tumult der Vögel und dass der ›Falke‹ erwacht sei. Bestätigend erscholl der mahnende Ruf unzähliger Schnäbel.
Sie stürzten hinterrücks des Karrens aus hohen Lüften und schossen keine Armlänge darüber hinweg in Richtung der Burg. Einer der Umstehenden benutzte die Worte Kremirs. »Die Vögel kamen vor dem Sturm, so wie sein Wappentier den Verlauf der Reiche prägte.«
Ein Ruck ging durch die Menge. Nach und nach beugte ein jeder sein rechtes Knie und neigte unterwürfig das Haupt. Aus vielen Mündern erscholl ein einziges aufwallendes Wort - ›Falke‹.

Kayden öffnete die von Tränen und Schmutz verklebten Augen und wurde sich gewahr, dass sich etwas verändert hatte.
Eine Hand legte sich auf seinen Unterarm und diese schien keinerlei Berührungsängste zu hegen. Hände wie Unterarme waren verschmiert mit bereits angetrocknetem Blut. Jenem seiner ermordeten Mutter.
Er hob den Kopf und blickte in stechend grüne Pupillen, die in leicht schräg abgesetzten Augen ruhten. Auf ihm unbekannterweise schienen diese ihn nicht nur zu faszinieren, sie beruhigten sein aufgewühltes Inneres. Noch nie hatte er solch Augen erblickt.
Das zierlich wirkende Gesicht zog ihn in den Bann und heraus aus seiner Lethargie. Eng anliegende Ohren, eine schlanke Stupsnase und an dieser wie auf den Wangen dezent Sommersprossen. Eingerahmt wurde ihr Antlitz durch rötlich schimmerndes schulterlanges Haar.
Die Laute, die ihre Lippen formten, klangen heiser, so als habe sie viel geweint und ihre Worte waren nur für ihn bestimmt. »Ich weiß, wie du dich fühlst, Kayden. Gestern Abend verließ auch meine Mutter mich.«
Ihr Gegenüber atmete tief und schluchzend. »War sie krank?«
Sie nickte, anstatt zu antworten, schenkte ihm jedoch ein herzerweichendes Lächeln.
»Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, wer auch immer dies ...« Sein Blick heftete sich traurig auf den Pfeil. »... zu verantworten hat, wird sich wünschen, mir niemals zu begegnen.«
»Weißt du, meine Mama hat mir von einem Traum berichtet und ich muss herausfinden, was er bedeutet.« Sie legte ihren Kopf seitlich und schien ihm tief in die Augen zu sehen. »Glaubst du an Geister? An Seelen längst verstorbener?«
Kayden verzog die Brauen und presste die Zähne aufeinander. Seine Wangenmuskulatur tanzte. Allein der Ausdruck, den der junge Mann im Gesicht trug, war Antwort genug.
»Mein Volk glaubt daran, weißt du? Durch den lebendigen Geist meiner Mama sprachen die Seelen Vergangener. Ich glaube, dass es meine Bestimmung sein soll, irgendein vergangenes Blut mit dem eines Künftigen zu binden. Wirst du mir helfen?«
In seinen Zügen trat abermals dieses für sein Alter überheblich wirkende. Er dünkte sich selbstbewusst, eines Führers gleich.
»Solange deine Aufgabe mit der meinen zu vereinen sein wird, werden wir einander beistehen. Ich vermag nicht darüber zu urteilen, was deine Mama gesehen haben mag, aber die Wege des Schicksals sind verschlungen und zumeist unwegsam. Es ist an uns, nunmehr den ersten Schritt zu tun.«

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