Aus dem Projekt: "Crazy Love - Worlds Collide" (3/3)

Der erste Schultag lief bei weitem besser ab, als ich gedacht hätte. Mal von Killian und Mr. Kollabs abgesehen. Die Blicke hatten irgendwann aufgehört, jedenfalls diese Art von Blicken, die man neuen zuwarf. Dafür bekam ich von allen, und damit meine ich auch allen, neidische Blicke zugeworfen.

Aber diese Blicke war ich noch mehr gewohnt. Ich meine, Killian gehörte zu den Bad Boys, auch wenn er schwul war, aber das tat seinem Ruf keinen Abbruch. Und da mich viele schon öfter mit ihm und den anderen gesehen hatten, sprach sich schnell rum, wer ich war. Doch das war mir egal. Auch wenn ich mit denen abhing, galt ich schnell schon als Nerd.

In der ersten Stunde hatte ich Mathe, mein absolutes Lieblingsfach. Nicht. Ich hatte in der neunten noch eine eins gehabt. Aber auch nur, weil wir da noch keine komplizierten Formeln hatten. Ab der zehnten Klasse hatte sich das schlagartig geändert. Ich hatte in der ersten Arbeit eine vier geschrieben und unser ach so toller Weil-ich-euch-nicht-kenne-Lehrer gab uns allen die gleiche Note aufs Zeugnis, wie die, die wir in der Arbeit hatten. Seitdem war ich kaum besser geworden.

Ich machte zwar mit, aber meistens war alles, was ich im Unterricht dazu beitragen konnte, falsch. Zu allem Übel hatten sie jetzt hier auch noch das Thema "Quadratische Funktionen". Und damit konnte ich nun so gar nicht klar kommen.

Doch danach konnte ich meinen schon vollkommen aufgebauten Ruf als Nerd gleich stärken.

Wir hatten Doppelstunde Geschichte. Und das Thema "Französische Revolution".

"Wer kann mir sagen, wann diese Revolution anfing und wann sie endete?"

Natürlich schoss meine Hand in die Höhe. Ich wusste das, weil die Französische Revolution war mein absolutes Lieblingsthema. Ganz einfach, weil ich Frankreich liebte!

Doch statt mich dran zu nehmen, sollte ein Mädchen vor mir die Fakten aufsagen. Doch sie verschätzte sich gewaltig.

"1873-1879", lautete ihre Antwort. Am liebsten hätte ich mir einen Facepalm gegeben, so dumm war die, sie hatte sich doch um mehr als ein Jahrhundert verschätzt.

Dann nahm Mr. Hemmerich mich dran.

"Die Französische Revolution fing 1789 mit der ersten Phase, die im Zeichen des Kampfes für bürgerliche Freiheitsrechte und für die Schaffung einer konstitutionellen Monarchie stand, an und endete im Jahre 1799."

Der Lehrer sah mich erst verdutzt, dann ungläubig und dann lächelnd an.

"Danke dir, Berry." Dann sah er sich weiter um. "Und wer kann mir sagen, in welche Phasen diese Zeit unterteilt wurde? Und wie lang diese Phasen waren?" Ab da hatte ich bei ihm ein Stein im Brett. Nach dem Unterricht rief er mich nach vorne und ich befürchtete, dass er wollte, dass ich mich zurückhielt.

Doch tatsächlich wollte er, dass ich so weitermachte. Zuerst war ich ein bisschen erstaunt. Sonst meinten alle Lehrer, dass ich mich zurück halten solle. Dich ich kam seinem Wunsch mit Freude nach. Die nächste Stunde lief ereignislos ab Als es zur Pause gongte, stürmten alle aus dem Raum. Nur ich ließ mir Zeit.

Ich hasste es, wenn man alles in die Tasche stopfte nur um so schnell wie möglich aus dem Klassenraum zu verschwinden. Aber allem Anschein nach, sah ich das als einzige so, denn ich war allein. Ich trottete aus dem Raum und wäre beinahe in Sam reingelaufen, weil sie direkt um die Ecke stand. "Boah, Mädchen! Lern mal, dich nicht so zu verstecken!", zickte ich sie an. Ich hasste es, wenn lach Personen so erschreckten. "Tut mir leid. Das wollte ich nicht." Jaja, dachte ich. Hätte ich auch gesagt. Auch wenn sie wie ein Engel war, also eigentlich die Bravheit in Person, kam sie mir komisch vor. Irgendwie *zu* nett.

Aber ich dachte mir nichts dabei, ich sah sie lächelnd an. "Ach, nicht so schlimm!", sagte ich deswegen. Meine Tasche rutschte langsam meine Schulter runter und ich schob sie wieder hoch. Ungeduldig sah ich sie an. "Du, zeigst du mir die Cafeteria?" Jetzt war mein Lächeln echt, denn ich liebte Essen.

Der restliche Tag lief ereignislos ab. Wir hatten zwar in den letzten beiden Stunden Sport und wenn ich erst dachte, das Hockey nicht so meins war, so hatte ich mich doch getäuscht. Denn so doll wie heute hatte ich noch nie in Sport mitgemacht. Und das hieß was.

Ich packte meine Sachen gemütlich und ordentlich zusammen und schlenderte dann aus der Turnhalle. Als ich die Tür öffnete und nach draußen stolperte, weil sie sich im Gegensatz zu der Tür bei meiner alten Schule sehr leicht aufging, kniff ich im ersten Moment die Augen zusammen. Heilige Scheiße, war das vielleicht hell hier! Die Sonne brannte erbarmungslos und kein Wölkchen war am Himmel zu sehen. Eigentlich ein Traumwetter, wenn man nicht gerade Sport hatte.

Ich machte mich auf den Weg nach Hause, auch wenn ich nicht so genau wusste, wo ich hin sollte. Aber naja, dann erkunde ich halt dabei noch ein bisschen die Gegend. Ich zog mein Handy aus meiner Tasche, holte auch meine Kopfhörer hervor und stöpselte sie an. Mein Handydisplay leuchtete auf. Ich sah, dass ich eine WhatsApp Nachricht von Killian hatte.

My little Idiot ღ: Ich nehme dich mit. Wo bist du?

Ich: Ehm... Ich bin schon losgegangen... Bin jetzt bei der Kirche ;)

My little Idiot ღ: Okey, bleib da! :)

Ich wollte noch ein "Danke XD" hinterher schieben, aber das konnte ich ihm auch dann sagen, wenn er kam. Also blieb ich stehen, stellte meine Tasche auf dem Boden ab und ging in meine Playlist.

Ich suchte "Speeding Cars" von Walking on Cars und machte es schließlich an.

"So if I stand in front of a speeding car

Would you tell me who you are, what you like?

What's on your mind, if I'd get it right?

How I love that no one knows"

Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Familie, wie sie in dem kleinen Boot über das Meer ruderte.

"And these secrets all that we've got so far

The demons in the dark, lie again

Play pretends like it never ends

This way no one has to know"

Zwischendurch wurde noch ein Reiter eingeblendet. Auch wenn ich nicht verstand, was das Video mit dem Lied zu tun hatte, fand ich unglaublich traurig und berührend. Aber ich musste mich zusammen reißen, ich konnte hier nicht einfach in Tränen ausbrechen, nur weil das Lied so traurig war.

"Even the half smile would have slowed down the time

If I could call you half mine

Maybe this is the safest way to go"

Das dachte ich am Anfang auch, aber dann merkte ich, dass es nicht so war. Doch dann war es zu spät. Mike war schon mit einer anderen zusammen und ich musste akzeptieren, dass es vorbei war. Mittlerweile dachte ich kaum noch an ihn und auch sonst geht es mir gut. Manchmal frage ich mich sogar, was ich jemals an ihm finden konnte.

"We're singing

Heya heya heya heya

Heya, heya heya

This is the safest way to go nobody gets hurt

We're singing

Heya heya heya heya

Heya, heya heya

You go back to her and then I'll go back to him"

Ja, er ging zu ihr, doch ich konnte zu keinem "ihm" gehen. Denn da gab es keinen. Und auch heute gab es keinen. Wahrscheinlich würde das auch so bleiben.

Aber nicht nur das, er hatte mir danach komplett die kalte Schulter gezeigt. Jedes Mal, wenn ich ihn damals gesehen hatte, blieb ich immer ruckartig stehen, mein Herz pochte wild und meine Augen fingen wieder an zu tränen. Er sah mich immer nur kurz an, wenn er es denn überhaupt tat und widmete sich dann wieder seiner Freundin. Verdammt, dieses Lied weckte zu viele Erinnerungen! Ich zog mir die Kopfhörer aus den Ohren und wischte mir einmal über die Augen. Zum Glück schminkte ich mich nie. Dann stoppte ich das Lied und steckte Handy und das Kabel wieder in die Tasche. Das Kapitel Mike war abgehakt, ich war durch damit.

Kurz darauf kam auch schon Killian angebraust. Ich stieg wortlos ein und lächelte ihn halbherzig an.

"Das Lied?", fragte er sanft. Ich nickte nur.

"Man, ich hab dir doch gesagt, dass du dieses Lied nicht nochmal hören sollst. Es erinnert dich immer an ihn! Du sagst zwar, dass du fertig mit ihm bist, aber es zieht dich trotzdem immer wieder runter!" Er sah mich kurz an, ehe er sein Blick wieder auf die Straße richtete. Langsam breitete sich ein Grinsen in seinem Gesicht aus.

"Kill? Was hast du vor?", fragte ich misstrauisch. Wenn er so grinste, bedeutete das nie was Gutes.

"Ach nichts. Nur schmeißt Harry heute eine fette Party bei sich. So zum Schulanfang, wie immer. Ich werde hingehen. Und du kommst mit!" Bei dem Wort "Party" breitete sich auch bei mir ein Grinsen aus. Party klang immer gut. Doch dann runzelte ich verwirrt die Stirn. Wer war Harry? Auch so'n Bad Boy? Aber dann müsste ich ihn ja kennen. Schließlich kannte ich Killians Freunde auch. Und ein Harry war da nie bei gewesen.

"Wer ist Harry?" Ich sah ihn immer noch verwirrt an.

"Harry ist der Cousin von Tristan. Normalerweise will er seinen Cousin sind seine Freunde nicht dabei haben, aber Tristan konnte ihn überreden." Achso. Klang logisch. Aber warum hatte ich dann noch nie was von ihm gehört?

"Harry... Ich hab noch nie was von ihm gehört... Wie ist er so?" Wir waren mittlerweile bei mir angekommen und Killian hielt den Wagen an.

"Das wirst du heute Abend sehen", grinste er.

"Zieh' das weinrote Crop Top und die schwarze Hotpant an. Und deine Ballerinas mit den Nieten", gab er mir Anweisungen. Ich lachte.

"Aye Aye, Captain! Das lockere oder das engere?"

"Das lockere." Damit stieg ich aus und schlug die Tür hinter mir zu. Er wartete bis ich an der Haustür war und winkte dann. Ich winkte zurück und ging dann ins Haus.


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