Aus einer anderen Welt

Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass ich bei Ophelia zu Hause war. Dieses Zimmer musste folglich ihr Schlafzimmer sein und jetzt stand ich in ihrem begehbaren Kleiderschrank. Ich hätte mich für meine Dummheit ohrfeigen können.
Derweil stieß sich Ophelia vom Rahmen ab und kam zu mir herübergeschlendert. Mir fiel auf, dass sie sich umgezogen hatte.
Nun trug sie einen schwarzen Bleistiftrock und eine farblose, transparente Langarmbluse, durch welche ich ihren weißen Spitzen-BH erkennen konnte. Am Kragen befand sich eine schliche, schwarze Schleife. Die lockeren Ärmel waren seitlich geschlitzt und die Knopfleiste bestand aus Rüschen.
Dazu steckten ihre Füße in High Heels mit Leopardenmuster und ihre langen Haare hatte sie zu einem Fischgrätenzopf zusammengebunden.
Ihr Anblick machte mich sprachlos. Ich konnte mir nicht erklären, wie eine Frau so übernatürlich schön sein konnte.
Verkrampft hielt ich immer noch das Kleid in meinen Händen und versuchte nicht allzu ängstlich auszusehen. Mittlerweile stand Ophelia mir gegenüber.
„Das nehme ich dir besser ab“, hauchte sie und nahm ihr Kleid aus meinen Händen. Dann hängte sie es ordentlich zurück, bevor sie sich wieder an mich wandte.
„Ich will ja nicht, dass du noch weitere Kleidungsstücke von mir zerstörst“, meinte sie freundlich, doch in ihren Augen flammte unbändiger Zorn. Augenblicklich hielt ich den Atem an.
Ich erwartete eine erneute Ohrfeige, aber zu meiner großen Überraschung drehte sie mir den Rücken zu.
„Komm mit“, befahl sie und verließ den Raum. Zuerst blieb ich unverändert stehen, doch dann hatte ich Angst, dass Ophelia mir etwas antun würde, falls ich ihr nicht folgte. Also setzte ich mich in Bewegung und ging ins Schlafzimmer zurück.
Ophelia saß an einem Frisiertisch und beobachtete mich durch den Spiegel. Ein amüsiertes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Setz dich“, sagte sie. Ich tat lieber, was sie sagte und steuerte das Bett an. Ich blieb jedoch einen halben Meter davor stehen und schaute zu ihr herüber.
„Setz dich ruhig aufs Bett“, gluckste sie. Sie fand es lustig, dass ich auf ihre Erlaubnis wartete. Dabei war ihr sicherlich klar, dass ich ihr bloß Folge leistete, weil ich panische Angst vor möglichen Konsequenzen hatte.
Ich ließ mich auf die weiche Matratze nieder und betete inständig, dass sie mich weiterhin in Ruhe lassen und nicht anrühren würde.
Ophelias Blick war nicht mehr auf mich gerichtet, sondern auf ihr eigenes Spiegelbild. Mit einer Hand öffnete sie eine weiße, verzierte Schatulle und holte etwas hervor, das ich nicht erkennen konnte. Ich fragte mich, warum mich dieser Typ hierher gebracht hatte. Versuchte Ophelia mich in Sicherheit zu wiegen, bevor sie meinem Leben ein Ende setzte?
Ich grübelte weiter, als sie anfing sich die Wimpern zu tuschen. Hin und wieder warf sie mir einen flüchtigen Seitenblick zu.
Ich fand es grotesk im Schlafzimmer einer Killerin zu sitzen und ihr beim Schminken zuzusehen, während mein Freund in einem kleinen Raum hockte und allein um sein Leben kämpfte. Ich hätte nichts lieber getan, als zu James zu rennen und ihm zu helfen. Das Problem war jedoch, dass ich nicht allzu weit kommen würde. Mindestens zwei Killer waren anwesend und würden alles daran setzen mich aufzuhalten.
Nach dieser Erkenntnis seufzte ich kaum hörbar.
„Du machst dir bestimmt Sorgen um Jimmy, oder Püppchen?“, fragte sie mich süffisant, ehe sie einen Lippenstift zur Hand nahm. Ich hütete mich davor ihr zu antworten, denn egal, was ich auch sagte, Ophelia würde mich verspotten.
Sie schien es nicht zu interessieren, dass ich nichts erwiderte. Unbeirrt schminkte sie sich weiter und hatte zum Glück nur Augen für sich. Ich dachte darüber nach einen Fluchtversuch zu starten. Doch schnell verwarf ich diese Idee, denn die Tür war immer noch verschlossen.
Aber vielleicht könnte ich Ophelia angreifen und außer Gefecht setzen. Konzentriert beäugte ich sie. Wie verletzte man eine routinierte Auftragskillerin? Ich legte die Stirn in Falten und dachte angestrengt nach.
Plötzlich schob sie ihren Stuhl nach hinten, erhob sich mit fließenden Bewegungen und kam zu mir. Meine Gedanken an einen Angriff wurden weggewischt und machten der lähmenden Furcht Platz. Ophelia setzte sich neben mich und überschlug elegant ihre langen Beine. Schlagartig wurde ich nervös und mein gesamter Körper bebte.
„Wir beide wissen ganz genau, dass du hier nicht mehr lebend herauskommen wirst“, flüsterte sie mir ernst zu. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich ihre emotionslose, starre Miene. Sie hatte genau das ausgesprochen, was ich nicht zu denken wagte.
„Ist es da nicht schrecklich zu wissen, dass Jimmy all dies verursacht hat?“ Beinahe entsetzt musterte sie mich.
„Er hat dein Leben zerstört, denn deine Eltern sind tot und du…na ja…du wirst ihnen bald folgen.“ Ophelia konnte sich ein gehässiges Grinsen nicht verkneifen.
Ich öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, aber es kam kein Ton heraus.
„Als du dich in Jimmy verliebt hast“, fuhr sie abfällig fort, „hättest du sicherlich niemals gedacht, dass er ein Killer ist. Du hattest keine Ahnung, in was für eine Welt du hineingerätst.“
Anschließend nahm sie eine Haarsträhne von mir und zwirbelte sie um einen ihrer dünnen Finger.
„In eine Welt, in der Qualen, Schmerz und Tod regieren und in der sich nur starke, mächtige und grausame Menschen zurechtfinden“, brachte sie stolz hervor. Ihre blau-grünen Augen sprühten vor Energie. Es war nicht zu übersehen, dass sie es liebte eine Killerin zu sein.
„Und dein lieber Jimmy war und ist genauso, wie wir. Für ihn gibt es nichts besseres, als das Adrenalin, das einem durch die Adern rauscht, wenn man einen Menschen tötet und den Geruch des frischen Blutes in der Nase“, schwärmte sie leidenschaftlich. Dann leckte sie sich genüsslich die vollen Lippen.
„James ist nicht wie ihr. Nicht mehr“, knurrte ich wütend. Endlich hatte ich meine Stimme wiedergefunden.
Ich konnte und wollte es nicht weiter hinnehmen, dass sie schlecht über meine Beziehung mit James sprach.
Meine Worte verleiteten sie zu einem schrillen, übertriebenen Lachen. Dabei hielt sie sich eine Hand vor den Mund und versuchte sich zusammenzureißen. Auf mich wirkte sie wie ein kleines Mädchen. Jedoch ein Mädchen, mit dem nicht zu spaßen war.    
„Tz.Tz.Tz. Armes, kleines Püppchen.“ Verständnislos schüttelte sie ihren Kopf.
„Es ist wirklich traurig, dass du so naiv bist.“ Empört schnappte ich nach Luft. Was fiel ihr ein, soetwas zu sagen?
„Vielleicht glaubst du, dass er sich geändert hat, weil er dich küsst und charmant zu dir ist, aber das alles ist bloß Fassade“, belehrte sie mich und grinste.
„In seinem Innern ist Jimmy immer noch der Alte, der zu gerne seine Opfer jagt und zuschlägt, bis das Blut spritzt.“
Ich spürte, wie die Wut stetig in mir wuchs. Sie lag falsch. Vollkommen falsch. Mit ihren Worten versuchte sie bloß, mich zu verunsichern und einen Keil zwischen James und mir zu treiben.
„Und James ist schon immer charmant gewesen“, meinte sie geheimnisvoll und lächelte verwegen. Mir fiel auf, dass sie James ausnahmsweise bei seinem richtig Namen genannt hatte.
Ich wurde misstrauisch, obwohl ich das überhaupt nicht wollte. Ich bekam ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, als ich diese atemberaubende Frau neben mir sah. Ihre Lippen zierten ein selbstsicheres, überlegendes Grinsen. Ich hatte den Eindruck, dass sie mir mit Absicht etwas verschwieg. Etwas, was sie und meinen Freund betraf.
James hatte mir nicht sehr viel über die Verhältnisse zu seinen Ex-Kollegen erzählt. Er hatte nur gemeint, dass er sie hasste. Die Einzige, zu der er ein gutes Verhältnis gehabt hatte, war Emilia gewesen. Über Ophelia hatte er nie viele Worte verloren. Vielleicht hatte das auch einen Grund.
Plötzlich brach ich diesen Gedankengang ab. Diese Verunsicherung hatte Ophelia doch nur gewollt. Ich fühlte mich schlecht, weil ich darauf hereingefallen war. Zwischen James und Ophelia war niemals etwas gewesen und wenn, dann hätte er mir das gesagt.
„Warum redest du mit mir?“, fragte ich sie direkt heraus. Ich wollte zu James und nicht hier sitzen und mir ihr Gerede anhören.
„Weil ich Lust dazu habe, Püppchen. Wenn du lieber getötet werden willst, dann kann ich dir deinen Wunsch umgehend erfüllen“, erwiderte sie bissig und das Grinsen verschwand aus ihrem Gesicht. Sogleich bereute ich meine Frage. Mir hätte klar sein müssen, dass ich solch eine Antwort von ihr bekommen würde.
„Ich…will nicht ge…getötet werden“, stammelte ich und schaute zu Boden. Lange würde ich ihre Anwesenheit nicht mehr aushalten, denn ihre Worte vergifteten mein Herz und meinen Verstand. Ophelia schnaubte.
„Das denke ich mir, aber aussuchen kannst du dir das nicht“, raunte sie aufgebracht und stand auf.
Unsicher schaute ich zu ihr nach oben. Ihr Mund war nur noch ein schmaler Strich. Ich fragte mich, wann meine Galgenfrist vorüber und mein Ende gekommen war.
Vielleicht sollte ich mich weiter mit Ophelia unterhalten und dadurch Zeit gewinnen. Kostbare Lebenszeit.
„Wie bist du in diese Welt geraten?“ Meine Stimme zitterte vor Angst, denn ich wusste nicht, wie sie auf eine persönliche Frage reagieren würde.
Im ersten Moment machte sie den Eindruck, als hätte sie mich nicht verstanden, doch dann wurde ihre Miene fröhlich.
„Eigentlich würde ich dir das nie erzählen, Püppchen, aber da du sowieso bald sterben wirst, werde ich eine Ausnahme machen“, entgegnete sie schelmisch. Sie setzte sich wieder neben mich.
Meine Augen ruhten auf meinen bleichen Händen, während ich darauf wartete, dass sie mit ihrer Erzählung anfing.
„Ich bin in diesem Haus aufgewachsen und…“, begann sie, aber dann stoppte sie.
„Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede, Püppchen“, kreischte sie und umfasste mein Kinn. Brutal drehte Ophelia meinen Kopf in ihre Richtung. Ihr Gesicht war zu einer zornigen Grimasse verzerrt.
„Du hast mich etwas gefragt und ich will dir antworten, dann kannst du zumindest Anstand zeigen“, blaffte sie mich an, bevor sie mich losließ.
„Also fange ich noch mal an.“ Übertrieben räusperte sie sich. „Wie gesagt, ich bin in diesem Haus aufgewachsen und zwar ohne Geldsorgen, weil meine Eltern ziemlich wohlhabend sind. Man könnte meinen, dass ich deshalb eine schöne Kindheit hatte. Dem ist aber nicht so.“
Ich meinte einen Funken Traurigkeit in ihrer Stimme zu hören, aber als ich sie anschaute, entdeckte ich nichts als Hass. Ophelia atmete tief ein, bevor sie fortfuhr. Ihr schien es schwer zu fallen von ihrer Vergangenheit zu sprechen.
„Mein Vater war ein schrecklicher Mann“, sagte sie voller Verachtung. „Er hatte unzählige Affären und das wusste meine Mutter. Er hat noch nicht einmal einen Hehl daraus gemacht. Mindestens zweimal am Tag hat er meiner Mutter gesagt, dass er sie nicht lieben würde und sie bloß wegen ihrer Schönheit geheiratet hat.“
Kurz zuckten ihre Mundwinkel nach oben, als sei die Tatsache, dass sie ebenfalls wunderschön war, ein unglücklicher Zufall.
„Mich hat er keinen Deut besser behandelt. Meistens hat er mich ignoriert. Er hat mich weder in den Arm genommen, noch sich um mich gekümmert. Ganz im Gegenteil. Die einzige Aufmerksamkeit und Nähe, die ich von ihm bekam, waren Schläge und Erniedrigungen“, äußerte sie bitter. Dabei war es diesmal ihr Körper, der bebte.
„Einmal fragte ich ihn, warum er mir wehtat. Er sagte mir, dass er mich schlägt, weil ich ihn an seine Frau erinnere und das könne er nicht ertragen.“ Sie schnaubte. Ich war die ganze Zeit still und hörte ihr zu.
„Irgendwann verließ meine Mutter meinen Vater und verschwand einfach. Bis heute habe ich sie weder gesehen, noch etwas von ihr gehört“, erklärte sie gleichgültig, während sie gedankenverloren an die Decke schaute.
„Mich hat sie bei ihm gelassen“, stieß sie verächtlich hervor. „Nachdem sie weg war, wurde es noch schlimmer. Mein Vater trank sehr viel und die Misshandlungen häuften sich. Er beleidigte mich ununterbrochen und die Schläge wurden unerträglich. Mein Vater hat mir öfters die Rippen und andere Knochen gebrochen.“ Ihr Kopf schnellte wieder zu mir zurück. Ihre Augen waren leer.
„In dieser Zeit war ich depressiv, traurig, aber auch unglaublich wütend. Ich war wütend auf meine Mutter, weil sie mich im Stich ließ und ich war wütend auf meinen Vater, weil er mich quälte. Anfangs habe ich mir die Schuld für all das gegeben, doch ich wurde älter und mir wurde klar, dass mein Vater das Problem war.“ Ihre Haut schien noch blasser zu sein, als sonst. Selbst ihre Lippen waren farblos.
„Mit 16 entschloss ich mich endlich etwas zu unternehmen. Eines Abends ging ich in die Küche, schnappte mir das längste Messer, das ich finden konnte und schlich in das Schlafzimmer meines Vaters. Er schlief tief und fest, als ich immer und immer wieder mit voller Wucht auf ihn einstach. Dies tat ich so lange, bis das Bett und sein gesamter Körper von seinem Blut bedeckt waren“, meinte sie glücklich und grinste.
„Nur eine halbe Stunde später suchte ich die Adresse eines gewissen William Cunningham heraus und fuhr zu seinem Büro. Ich wusste, dass er der Boss von mehreren Auftragskillern war, die zu allem bereit waren, denn mein Vater hatte William mehrmals angerufen, um sich Leute vom Hals zu schaffen.“
Kurz kam mir in den Sinn, dass William James´ Adoptivvater gewesen sein musste, da er vor Jericho der Boss der Auftragskiller gewesen war. Ich schüttelte den Kopf, um diesen Gedanken zu verscheuchen.
„Nach dem Mord an meinem Vater wusste ich genau, dass ich nichts anderes mehr tun wollte, als zu töten.“ Plötzlich legte sich ein dunkler Schatten über ihr zartes, ebenmäßiges Gesicht. In diesem Moment kehrte die erbarmungslose, wahnsinnige Killerin zurück, welche die letzten Minuten verschwunden war.
Nach ihrer Erzählung musste ich hart schlucken. Ich konnte es nicht verhindern, dass ich ein wenig Mitleid für sie empfand. Obwohl sie grausam mir gegenüber gewesen war und auch James unsagbare Schmerzen zugefügt hatte, machte mich ihre Lebensgeschichte traurig.
Jetzt konnte ich verstehen, warum Ophelia zu einer gefühllosen Frau geworden war. Ihre Geschichte erinnerte mich an James. Er hatte zwar keine Gewalt erlebt, doch auch seine Kindheit war nicht leicht gewesen. Mir wurde klar, dass nur Menschen mit einer schlimmen Vergangenheit einen solchen Beruf ausüben konnten.
„Nun weißt du, wie ich in diese Welt hineingeraten bin“, sagte sie gefasst und spielte gelangweilt an ihrem Zopf herum.
„Willst du mich noch etwas fragen oder meinst du, dass du mich genug hingehalten und meine Zeit verschwendet hast?“, fragte Ophelia plötzlich erbost.
Ihre feinen, schön geschwungenen Augenbrauen hatte sie zusammengeschoben. Es überraschte mich nicht, dass sie meine Taktik durchschaut hatte. Wieso hätte ich sie sonst nach ihrer Lebensgeschichte fragen sollen?
„Ich…ich möchte nichts mehr fra…fragen“, stotterte ich verängstigt. Ich befürchtete, dass sie mich nun tötete.
„Gut“, presste sie angespannt hervor. Danach erhob sie sich und stolzierte im Zimmer herum. Ab und zu traf mich ein undefinierbarer Blick. Verkrampft und stocksteif hockte ich auf ihrem Bett und konzentrierte mich auf jede ihrer Bewegungen.
Von Minute zu Minute wurde sie ungeduldiger, dass konnte ich in ihren Augen erkennen. Nach geraumer Zeit ging sie an mir vorbei und steuerte einen aufwendig verzierten Nachttisch aus Holz an. Unauffällig wandte ich meinen Kopf nach hinten und beobachtete sie.
Hektisch zog sie eine Schublade auf und kramte darin herum, bis sie eine silberne Zigarettenschachtel hervorzog. Als sie sich umdrehte, schnellte mein Kopf wieder zurück nach vorne. Hinter mir hörte ich, wie sie sich eine Zigarette anzündete. Kurz darauf roch ich Nikotin. Ich hatte keine Ahnung, worauf sie wartete.
Ophelia schritt derweil zum Fenster und sah entnervt nach draußen. Die Zigarette rauchte sie in wenigen Minuten auf und zündete sich gleich die Nächste an. Der übelriechende Rauch zog nach oben und breitete sich im gesamten Zimmer aus. Meine Nase fing an unangenehm zu brennen und meine Augen tränten.
„Wo bleibt dieser Mistkerl?“, knurrte sie zornig und nahm einen kräftigen Zug. Diese Aussage gab mir die Bestätigung, dass sie auf jemanden wartete. Aber auf wen?
Ophelia wurde stetig wütender. Immer und immer wieder schnaubte sie laut und flüsterte unverständliche Worte vor sich hin. Auf einmal wandte sie sich vom großen Fenster ab und kam zu mir. Zu meinem Pech setzte sie sich erneut neben mich und fummelte an meinen Haaren herum. Ich ließ es geschehen. Was hatte ich denn auch für eine Wahl?
„Ich hasse es zu warten“, sagte sie aufgebracht. Sie musste ja sehr gelangweilt und genervt sein, wenn sie ein Gespräch mit mir begann.
„Ich bereue es, dass ich Mickeys Vorschlag zugestimmt habe. Wenn ich gewusst hätte, dass sie mich so lange mit dir hier sitzen lassen, dann hätte ich gleich nein gesagt“, beschwerte sie sich weiter. Ihre Wangen waren mit rosanen Flecken bedeckt.
Ich konnte ihre Aufregung nicht nachvollziehen, weil ich nicht wusste, um welchen Vorschlag es sich handelte, doch meine Intuition sagte mir, dass dieser Vorschlag mit James und mir zu tun und nichts Gutes zu bedeuten hatte. Ich konnte es nicht mehr ertragen hier herumzusitzen und Angst um meinen Freund zu haben.
„Kannst du mich nicht zurückbringen?“, fragte ich Ophelia. Ich wunderte mich, dass ich den Mut aufgebracht und diese Frage über meine Lippen gebracht hatte. Im selben Moment wurde mit jedoch bewusst, wie unüberlegt und dumm es gewesen war, sie anzusprechen.
„Du fragst mich allen Ernstes, ob ich dich zu Jimmy zurückbringe, Püppchen?“ Ihre Stimme war so hoch, dass sie quietschte.
„Ich hoffe für dich, dass das bloß ein Scherz war“, meinte sie mit einem bedrohlichen Unterton.
„Nein, war es nicht“, entgegnete ich entschlossen. Mir war es egal, dass dies für sie die falsche Antwort war. Ich wollte zu James. Ich wollte bei ihm sein und ihn nicht länger alleine lassen.
Dann, schneller als ich gucken konnte, krallte sie sich mit einer Hand in meinen Haaren fest, riss meinen Oberkörper mit Gewalt nach hinten und beugte sich über mich.
Mit der anderen Hand umfasste sie meinen Hals. Ihr Zopf berührte meine rechte Wange und kitzelte mich. Ich spürte ihre Fingernägel, die sich immer tiefer in meine Haut bohrten.
Mit ihrem Gesicht kam sie mir so nahe, dass ich jeden einzelnen Wirbel ihrer seelenlosen Augen sehen konnte.
„Du wagst es, so unverschämt mit mir zu reden, Püppchen?“, schrie sie wutentbrannt, ehe sie die Zähne fletschte. Starr vor Angst bewegte ich mich keinen Zentimeter und wagte es nicht zu atmen. Jetzt würde ich für meinen Fehler bezahlen müssen.
„Du wagst es, obwohl du genau weißt, wozu ich fähig bin?“ Mit ihrem Handballen drückte sie gegen meinen Kehlkopf. Mir wurde speiübel und ein jämmerliches Krächzen kam aus meinem Mund.
„Wenn du noch einmal frech zu mir bist, dann wirst du es bereuen“, flüsterte sie mir gefährlich leise zu und vergrößerte den Druck auf meine Kehle. Ich bekam keine Luft mehr und röchelte. Panisch riss ich meine Augen auf. Meine Todesangst entlockte Ophelia ein diabolisches Grinsen.
Urplötzlich hörte ich, wie die Tür geöffnet wurde, doch von meiner Position aus konnte ich niemanden sehen. Minuten vergingen, ohne, dass etwas geschah.
Ophelia stierte mich unentwegt an und drückte mir die Luft ab.
„Hör auf mit ihr zu spielen, Ophelia, und lass sie los.“
Eine dunkle, vergnügte Stimme drang an meine Ohren. Innerlich flehte ich, dass sie mich endlich losließ. Und tatsächlich zog sie ihre Hand zurück und erhob sich.
Während ich fieberhaft den Sauerstoff einsog und mich krümmte, weil meine Luftröhre höllisch brannte, glättete Ophelia in aller Seelenruhe ihren Rock und die Bluse.
„Spielverderber“, dröhnte sie schlecht gelaunt. Ein blechernes, tief aus dem Brustkorb kommendes Lachen erfüllte den Raum und hallte an den Wänden wieder.
„Du bekommst doch gleich deinen Spaß, also beruhige dich“, meinte die Stimme gelassen. Derweil hustete ich schrecklich, bis mein Rücken schmerzte. Ich setzte mich auf, in der Hoffnung, dass dadurch das Husten aufhörte. Mein Gesicht fühlte sich heiß an, weil mir das Blut in den Kopf gestiegen war. Ich sah Ophelia vor dem Bett stehen und den blonden, großen Mann, der James schwerverletzt zu mir gebracht hatte. Mit verschränkten Armen und blutbespritzter Kleidung stand er mitten im Zimmer und grinste breit. Für zwei Sekunden lag sein Blick auf mir. Seine Augen blitzten schelmisch.
„Du siehst grauenhaft aus, Patton“, brummte Ophelia, als sie ihn von oben bis unten musterte.
„Und du siehst wie immer umwerfend aus, meine Liebe“, erwiderte er und strahlte von einem Ohr zum Anderen. Ophelia verdrehte die Augen und stöhnte.
„Tu mir den Gefallen und hör mit der Schleimerei auf.“ Der Mann namens Patton zuckte bloß mit den Achseln.
„Wieso kommst du überhaupt so spät? Mickey meinte, dass du in fünf Minuten hier wärst.“ Sie ging auf ihren Kollegen zu und schaute ihn böse an. Ich bekam das Gespräch nur am Rande mit, denn meine Aufmerksamkeit lag auf der Tür. Diese war einen spaltbreit geöffnet. Das war wahrscheinlich die einzige Chance zu entkommen. Aufgeregt rutschte ich auf dem Bett nach rechts. Die Tür ließ ich dabei nicht aus den Augen. Ich wurde nervös und mein Herz begann zu rasen.
„Tut mir leid, okay?“, sagte er gereizt und fuhr sich mit der linken, klobigen Hand über die raspelkurzen Haare.
Ich wartete Ophelias Antwort nicht mehr ab. Stattdessen sprang ich auf und hastete los. Die Umgebung zog wie ein verwaschener, grauer Schleier an mir vorbei. Ein Rauschen legte sich auf meine Ohren und machte mich beinahe verrückt.
Mein Puls war ungewöhnlich hoch und ich brach in Schweiß aus. Meine Wahrnehmung hatte sich verändert, denn ich sah nur unscharfe Umrisse vor mir. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich gelaufen war und wo ich mich befand, als ich mich plötzlich nicht mehr bewegen konnte. Hinter mir spürte ich eine unglaubliche Wärme, die meine Kleidung durchdrang und etwas Hartes, das meinen Oberkörper umschlang. Ich hatte das Gefühl in einem Käfig gefangen zu sein. Ich war verwirrt. Was war los?
Unkontrolliert bewegte ich meinen Kopf. Langsam, aber sicher, sank das Adrenalin in meinem Körper und mein Verstand wurde wieder klar. Als ich an mir heruntersah, entdeckte ich muskulöse Arme, die mich umklammerten.
„Wo willst du denn so schnell hin, meine Schöne?“, fragte mich eine einschüchternde Stimme, die mein Inneres zum Vibrieren brachte. Ich brauchte nicht nach hinten zu sehen, um zu wissen, dass der blonde Killer mich gepackt hatte und fest an sich presste. Eine ungeheure Welle des Ekels überwältigte mich, denn die Berührungen des Killers widerten mich an. Mir wurde schlecht.
„FASS MICH NICHT AN!“, schrie ich schrill und hysterisch. Ich wand mich in seinem Griff, aber ich kam nicht gegen ihn an. Über meine Befreiungsversuche lachte er hämisch.
„Du willst bestimmt zu deinem Freund“, spottete er und ich spürte seinen heißen Atem in meinem Nacken. Mir lief ein Schauer über den Rücken.
„Vielleicht bin ich ja so nett und bringe dich zu ihm“, flüsterte er mir ins Ohr und schnüffelte an meinen Haaren. Augenblicklich verkrampfte ich mich und schloss die Augen.
„Du riechst unbeschreiblich gut, Süße. Kein Wunder, dass der Kleine auf dich abfährt.“
„Jetzt spielst du, Patton“, warf ihm eine Frauenstimme vor.
Das war Ophelia. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich ihren langen Schatten.
„Bring sie endlich ins Wohnzimmer“, blaffte sie ihn an. „Du und Mickey habt mir bereits genug Zeit gestohlen.“ Ein langgezogener Seufzer drang aus seiner Kehle.
„Musst du immer so übertreiben, Ophelia?“, fragte er lachend. Er wandte den Kopf zu seiner Kollegin.
„Rede nicht, sondern tu, was ich dir sage“, entgegnete sie barsch und schritt an ihm vorbei. Sie ging voraus und Patton folgte ihr ohne weitere Widerworte. Mich schleppte er mit. Ich wehrte mich nicht mehr. Es nützte ja sowieso nichts.
Meinen Blick hatte ich die ganze Zeit auf Ophelias Rückseite geheftet. Hüfteschwingend und den Kopf starr nach vorne gerichtet ging sie den Flur entlang. Die Schritte ihres Kollegen waren gegen ihre eher schwerfällig und plump. An meiner Haut spürte ich seine angespannten und harten Muskelstränge.
Irgendwann bogen wir nach rechts und betraten ein Zimmer, das einem Saal glich. Die Decke war mindestens sechs Meter hoch. Auch hier gab es riesige Fenster und kostbares Parkett. Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte ich eine massive Treppe mit einem extravaganten Geländer und einen steinernen Kamin, in dem fröhlich ein Feuer loderte. Viel Wärme spendete es jedoch nicht, da der Raum einfach zu groß war.
Ophelia durchquerte den Raum und ließ sich auf einer Chaiselongue aus bordeauxrotem Polster nieder und betrachtete interessiert ihre schwarz lackierten Fingernägel.
Patton steuerte seine Kollegin an. Unterwegs ließ er mich auf einmal los und ich knallte unsanft auf dem Boden. Ich biss mir auf die Zunge, damit mir kein Schmerzensschrei entfleuchte.
Ich hob meinen Kopf und sah, dass Patton sich neben Ophelia setzen wollte, doch diese hob ihre flache Hand in die Höhe.
„Du wirst dich nicht hinsetzen“, zischte sie. „Du suchst jetzt Mickey und dann bringt ihr Jimmy hierher“, befahl sie streng. Ihre Miene war dabei eiskalt. Obwohl Patton ein großer, starker Mann war, schien er einen Heidenrespekt vor Ophelia zu haben, denn ohne zu Murren machte er auf dem Absatz kehrt und verließ das Wohnzimmer.
Unterdessen blieb ich mit laut pochendem Herzen auf dem Boden sitzen. Gleich wäre ich wieder mit James vereint. Ich hoffte, dass es ihm gut ging und sich sein Gesundheitszustand nicht weiter verschlechtert hatte. Ich konnte es nicht vermeiden, dass sich ein flüchtiges Lächeln auf meine Lippen stahl.
„Gleich wird dir das Lachen gehörig vergehen, Püppchen. Du wirst sehen, was das Wiedersehen mit deinem Freund für einen Preis hat“, meinte sie gehässig und grinste überlegen.
Bei ihren Worten drehte sich mir der Magen um. Die Freude hatte mich so schnell ergriffen, dass ich die kommende Gefahr völlig verdrängt hatte. Wahrscheinlich brachten sie uns beide hierher, um uns umzubringen.
Die Farbe wich mir aus dem Gesicht und die ersten Tränen befeuchteten meine Augen. Nun war der Moment gekommen, den ich ersehnt, gleichzeitig aber auch gefürchtet hatte. Zwar würde ich meinen geliebten Freund wiedersehen, doch dies würde mit unserem Tod verbunden sein.

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beta
Fairy Dust

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