Ausgeknockt

Jedes Zeitalter hatte seine Rōnin, herrenlose Krieger ohne Moral, ohne Besitz und ohne Skrupel, die umherzogen und ihre Dienste an den Meistbietenden verschacherten. Auf sie griff man zurück, wenn der Job für die eigenen Truppen zu dreckig, das Risiko zu hoch und die Erfolgsaussichten mies waren.

Die Schlachten im einundzwanzigsten Jahrhundert werden zwar nicht mehr mit Schwertern, sondern mit Informationen geführt, doch an dreckigen Jobs, hohen Risiken und miesen Erfolgsaussichten herrscht auch hier kein Mangel. Irgendwo ist immer die Kacke am Dampfen, muss ein Tarifvertrag umgangen werden oder braucht man jemanden, dem man, wenn ein Projekt droht, gegen die Wand gefahren zu werden, zwischen die Beine treten kann. Dann kommen wir ins Spiel, auch wenn wir keine Schwerter mehr tragen, sondern Laptops, und wir uns nicht mehr „Rōnin“ nennen, sondern „Freelancer“.

Wenn die Kohle stimmte, hatte ich keine Probleme damit, achtzig Stunden in der Woche zu knüppeln, nur vierzig davon aufzuschreiben und meinen Nachtschlaf auf einem Bürostuhl zu verbringen, um jeden Programmabbruch checken zu können. Wenn sich nach dem Aufwachen nach vier Stunden Schlaf der erste Schmerz gelegt hatte, blieben noch neunzehn Stunden des Tages für Adrenalinschübe vor Hochleistungsrechnern und in Projektrettungsmeetings, dreißig Minuten für einen Whisky abends in der Hotelbar und, manchmal, wenn es gut lief, auch noch einmal „rauf, rein, raus, runter“ mit irgendeinem weiblichen Körper, dessen Besitzerin gerade willig war. Ich führte ein Leben wie auf Droge mit verhängten Spiegeln, die jeden tieferen Blick in das eigene Ich verhinderten und ich fand es geil.

Allerdings hatte ich ein paar schlechte Monate hinter mir, war ein paar Mal zu oft der Sündenbock gewesen und nicht nur mein Ruf, sondern auch mein Konto hatte ziemlich gelitten. Deswegen hatte ich einen Job im Osten angenommen, was ich sonst tunlichst vermeide, weil die Bezahlung hier, verglichen mit Frankfurt oder München, einfach nur lausig war. Doch ich brauchte den Auftrag dringend, was die morgige Preisverhandlung mit dem Chef der IT, einem Dr. Weinhold, nicht gerade einfacher machen würde.

Ich hatte in Schwerin im InterCityHotel eingecheckt. Es lag direkt am malerischen Hauptbahnhof, war modern und der Service war, wie bei den meisten Hotels in meiner ehemaligen Heimatstadt, hervorragend.

Vom Fenster meines Hotelzimmers blickte ich auf den Bahnhofsvorplatz. Der Herbst hatte Einzug gehalten, färbte die Blätter bunt und der Abendregen ließ die Pflastersteine im Licht der Straßenlaternen glänzen. Menschen strömten aus der Bahnhofshalle, spannten Schirme auf, schlugen die Kapuzen ihrer Jacken hoch und riefen nach Taxis. Sie kamen von der Arbeit, waren auf dem Weg nach Hause und freuten sich, weil die Familie auf sie wartete.

Seit fünf Jahren reiste ich durch Deutschland und half Computern, mit den Menschen zurechtzukommen, mein Zuhause sah mich nur an den Wochenenden und niemand wartete dort auf mich. Die Menschen verbrachten die Abende bei ihren Lieben, ich in den Hotels Europas und mein Leben schwamm davon wie ein Korken in den Wellen des Ozeans.

Ich drehte den Kopf und mein Blick fiel auf den Zierbrunnen im Zentrum des Grunthalplatzes. „Rettung aus Seenot“ heißt die Skulptur darauf und Hugo Berwald hatte sie neunzehnhundertzehn geschaffen.

„Wer wird dich retten, Hartwig Renner?“ Aus dem Nichts tauchte der Gedanke auf und mein Spiegelbild in der Fensterscheibe war so voll Wehmut, dass nicht einmal ich es mehr übersah. Regentropfen rannen darüber und ich drehte mich zurück ins Zimmer.

Mit Schwermut überlebte man in meinem Beruf so lange wie ein Fisch in der Wüste und ich wusste ein Mittel gegen Gefühlsduselei. Wo andere Menschen Tabletten benötigten, bevorzugte ich einen Laptop. Der ließ sich zwar nicht so einfach schlucken wie eine Pille, dafür gab es ihn aber ohne Rezept. Eine Angel mit meinem Foto als Köder nebst einem auf die Bedürfnisse einsamer Frauen zugeschnittenen Profil schwamm immer in diversen Kontaktbösen herum und ich schaute nach, ob etwas Hübsches angebissen hatte, das ich vielleicht noch heute Abend in mein Hotelbett zerren konnte.

Die Hoffnung zerschlug sich nach einem Blick in meine Postfächer, doch zumindest hatte sich eine unbekannte Sie mein Profil angesehen. Bei meinem Gegenbesuch erblickte ich das Foto einer Frau mit blauen Augen, einem herzförmigen, gebräunten Gesicht und blonden, halblangen Haaren über einer hohen, faltenlosen Stirn. Die Designerbrille sah nach intellektueller Spinnerin aus und die Klunker an den Ohrringen nach einem Bankkonto, das die Farbe Rot nicht kannte. Schade, dass ihre Augen so verkniffen wirkten und sie die Lippen aufeinander presste. Eine Frau, die sich in einer Kontaktbörse mit einem Porträtbild präsentierte, sollte ein Lächeln darauf zeigen.

Ich las, wonach sie suchte und wusste, was die zusammengepressten Lippen verbargen - die Haare auf den Zähnen. Sie wollte keinen Mann, sondern einen Sklaven, auf Lebenszeit und mit Ring. Ich war sicher, dass sie ihm den durch die Nase ziehen würde, ohne Betäubung und jeden Tag aufs Neue.

Wo andere Damen die Anforderungen an ihren temporären Sexualpartner auf fünf Zeilen oder weniger - manche beschränkten sich auf die simple Forderung „männlich“ - zusammenquetschten, beanspruchte sie zweiunddreißig Zeilen. Sie schrieb neunundzwanzig Bedingungen vor, die ich erfüllen musste, um mit ihr Verbindung aufnehmen zu dürfen und dreimal ließ sie durchblicken, dass ich offen für Ungewöhnliches zu sein hätte. Im Vergleich mit ihrem Profil lud der Prüfungsparcours der Navy Seals zu einem Sonntagsspaziergang mit Blümchenpflücken ein.

Bei dieser Eisprinzessin gab es nichts weiter zu pflücken als lebenslange Sklaverei. Frauen wie sie sind auch nackt noch vollkommen zugeknöpft, treiben es nur in der Finsternis eines Schwarzen Lochs, Lichtjahre von jeder bewohnbaren Gegend der Milchstraße entfernt und mit einhundertprozentigem Schallschutz.

Nach ihrem Männerbild war ich ein bierbäuchiger, im Stehen pinkelnder Macho, der alles vögelte, was irgendwo ein Loch hat und nicht bei drei auf dem Kaktus sitzt.

Ich fühlte mich verletzt. Einen Bierbauch hatte ich nicht. Was für eine blöde, wahrscheinlich verdammt intelligente Kuh!

Es gibt Tage, da habe ich auch vom Leben die Schnauze voll, aber ich muss das nicht in Worte gießen und jedem vom anderen Geschlecht, der mir über den Weg läuft, an die Rübe knallen. Mein Kopf meinte zwar, es ginge mich nichts an, wie sie über Männer dachte, aber mein Bauch setzte sich durch. Wenn ich schon zu einer entrechteten Minderheit gehörte, sollte meine Stimme nicht ungehört verhallen.

Ich wickelte eine rote Schleife um meine Wut, steckte sie in einen elektronischen Umschlag und schickte sie ihr. „Deine Spielgefährten tun mir leid. Eine Nacht mit dir ist bestimmt ein unvergessliches Erlebnis. Trägst du dann Lack und Leder oder eine Rüstung?“

Was auch immer mich an ihrem Profil so wütend gemacht haben mochte, ich war es los und es ging mir besser. Ich grinste. Sie würde nicht antworten.

Eine Stunde später klopfte eine Clubmail von ihr. „Ich trage lieber Seide auf meiner nackten Haut. Warum schaust du es dir nicht mal an?“

Fünfzehn Worte, ein Fragezeichen, keine Anrede, kein Nachsatz und eine Telefonnummer. Erwartet hatte ich Schweigen. Bekommen hatte ich eine Provokation und mir verging das Grinsen.

Noch einmal las ich mir das Profil der Eisprinzessin durch, Wort für Wort, Satz für Satz. Diese Frau wirkte so entspannt wie Juri Gagarin zehn Sekunden vor seinem Start zur ersten Erdumkreisung - Ruhepuls bei einhundertachtzig.

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und nach dieser Antwort durfte ich ihr nicht das letzte Wort lassen. In der Mail war eine Handynummer und das hieß, sie wollte eine kurze Antwort. Die sollte sie bekommen. „InterCityHotel Schwerin, 21:00. Ruf zehn Minuten vorher an. Ich erkenne dich an Businessoutfit mit engem Rock und Bluse. Schwarze Nylons mit Naht und High Heels sind ein Muss.“

Der Boss in diesem Spiel war ich. Von Wismar bis Schwerin benötigte die Eisprinzessin mit dem Auto dreißig Minuten. Anziehen und zurechtmachen für ein Date schafft eine Frau nicht in einer halben Stunde, schon gar nicht, wenn sie meine ziemlich überzogenen Vorgaben ernst nahm, was ich ohnehin nicht glaubte. Sie würden mir den Grund liefern, sie sitzen zu lassen, wenn sie wider Erwarten doch auftauchen sollte. Aber wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, dass es so etwas wie Nylonstrümpfe mit Naht gab, geschweige denn, dass sie sie im Kleiderschrank irgendwo unter ihren Wollsocken liegen hatte.

Sie hatte mir eine Entschuldigung erspart und ich machte es mir auf dem Hotelbett zusammen mit einem Sixpack gemütlich. In vierzig Minuten wurde die Championsleague angestoßen. Für die Eisprinzessin hatte der Schiedsrichter soeben das Spiel abgepfiffen. Das Ergebnis hieß eins zu null für mich und eine Verlängerung stand überhaupt nicht zur Debatte.

Pünktlich Viertel vor neun gab Signore Colina die Begegnung in Barcelona frei, Schweinsteiger führte den Ball auf dem Fuß und ich ein Bier zum Mund. Mein Handy auf dem Schreibtisch schüttelte sich und ich zog die Stirn kraus. Um diese Zeit schicken sich nur Frauen Nachrichten, echte Kerle sitzen vor dem Fernseher.

„Du hast zehn Minuten. Geputzte Schuhe und Zähne, Anzug und Schlips sind ein Muss. Auf Nylons bei dir kann ich verzichten. Und nein, du musst nicht vorher anrufen. Schieb deinen hoffentlich knackigen Arsch einfach in die Bar!“

Zehn Minuten. Eine davon verbrauchte ich mit Atmen durch den offenen Mund und dem Versuch, meinen Blutdruck unter Kontrolle zu bringen. Was bildete sich diese blaustrümpfige, männerfressende und einen Sklaven suchende Xanthippe ein? Neun Minuten verblieben. Neun Minuten, das herauszufinden und mir zu überlegen, wie ich aus der Geschichte heraus kam, ohne mein Gesicht zu verlieren.

Zähneputzen, kalte Dusche, Anzug an, Kontrollblick auf die Schuhe - makelloses Schwarz.

Noch eine Minute. Im Tiefflug eine Etage nach unten, Vollbremsung auf der letzten Stufe. Jetzt die Hand in die Hosentasche und mit einem entspannten Lächeln im Gesicht lässig um die Ecke. Niemand musste sehen, dass mein Puls im roten Bereich hämmerte. In meinem Kopf schaltete ein Rührlöffel in den Turbomodus und ich grübelte, ob ich ein Messer oder besser gleich eine Pistole hätte mitnehmen sollen.

 

*

 

Eine gut besuchte Hotelbar sieht anders aus. Im Dämmerlicht lümmelten vier Anzugträger auf dreibeinigen Edelstahlhockern am Tresen, zwischen ihnen spreizten sich zwei Angehörige der Busenfraktion und keine von ihnen trug einen Rock. Ein Pärchen turtelte im Hintergrund auf einer Sitzecke aus schwarzem Leder und mehr Weiblichkeit ließ sich nicht blicken.

Natürlich glotzten sie alle zu mir und ich hatte Mühe, bei diesem Albtraumszenario meinen entspannten Gesichtsausdruck zu behalten, denn offenbar hatte die Eisprinzessin mich verarscht. Wahrscheinlich saß sie zu Hause in ihrem kratzigen Pyjama aus garantiert fair gehandelter Baumwolle und schnitzte eine neue Kerbe mit meinem Nicknamen aus dem Forum in ihren Baseballschläger. Oder sie las ein Buch über Schachstrategien für Fortgeschrittene. Mich hatte sie „matt in vier Zügen“ geschlagen. Das war der „Schäferzug“ und so legte man Anfänger aufs Kreuz. Eigentlich war das meine Absicht mit ihr gewesen, nur hatte ich mir das „aufs Kreuz legen“ etwas anders vorgestellt.

Ich nahm mir den Hocker in der hintersten Ecke, schnauzte den Barkeeper vorbeugend an, damit er meinen Single Malt nicht wieder wie gestern Abend mit Eis versaute und versuchte mich in den Griff zu bekommen.

Wie ging es weiter? Sie musste überprüfen, ob ich mich zu ihrem Affen gemacht hatte und auf ihre SMS hereingefallen war. Dazu musste sie entweder selbst eine schicken oder sie gab die ganz Coole und rief hier an.

„Der Whisky für den Herrn. Kann ich noch etwas für Sie tun?“

Der Barkeeper störte mich bei meinem wütenden Brüten über eine mögliche Antwort und ich verpasste ihm gleich noch eine Ladung: „Klar können Sie das. Besorgen Sie sich eine Flasche von dem Stoff, bevor mein Glas leer ist, dann müssen sie nicht wieder wie eben zu Fuß nach Loch Ness und zurück.“

Er zog beleidigt ab und ich grinste hämisch. Geteiltes Leid ist halbes Leid und ich war nicht mehr alleine sauer.

Auf dem Bildschirm über mir senste Schweinsteiger mit einer Blutgrätsche, die ihr Erfinder Schwarzenbeck nicht besser gekonnt hätte, einem spanischen Spieler übel die Beine weg und ich überlegte, ob wenigstens die Bayern heute einlochen würden. Mein Whisky schmeckte wie Abwaschwasser und ich winkte dem Barkeeper, um ihm noch eine zu verpassen, da verstummte auf einen Schlag das leise Summen der Gespräche neben mir. Die Männer hörten auf, den Damen neben sich die Ohren voll zu labern und sogar Junior auf der Ledercouch nahm die Finger aus seiner kichernden Freundin.

Erstaunt wendete ich mich zur Tür, aber da drehte kein rosa Elefant mit grünen Punkten seinen Rüssel, sondern eine schlanke Frau mit einer im Licht der Deckenspots weiß schimmernden Bluse und einem wadenlangen, braunen Seidenrock, ihren Kopf. Sie schaute sich um, als erwartete sie, dass ihr jemand einen roten Teppich ausrollte oder sie war es nur nicht gewohnt, dass Männer in ihrer Gegenwart zu Salzsäulen erstarrten. Bei mir erstarrte auch etwas, aber das war nur sinnlose Blutverschwendung im Unterleib. Frauen wie sie waren der Siegespokal in einer Liga, für deren Spiele ich mir keine Eintrittskarte leisten konnte.

Ein Lächeln, für das ein Bischof ein Loch ins Kirchenfenster getreten hätte, brachte zwei reizende Grübchen auf ihren Wangen zum Vorschein. Dann schritt sie wie ein General seine Truppenparade das Spalier der sprachlosen Männer und giftig blickenden Weiber ab, eine lodernde Fackel auf zwei endlos langen Beinen mit Locken in der Farbe eines Reisigfeuers, die im Takt ihrer Füßchen auf den schmalen Schultern wippten.

Die Spitzen ihrer roten Lackpumps zeigten in meine Richtung, und jedes Mal, wenn die Stiftabsätze auf dem Parkettboden „klack“ machten, hätte ich ihn an genau der Stelle küssen mögen. Nach zehn dieser Schritte und den darüber schwingenden Hüften war ich verliebt in Rotlöckchen, für immer und ewig. Ich würde ihr Sklave sein und mir freiwillig einen Ring durch die Nase ziehen.

Vor mir blieb sie stehen, streckte mir eine schmale Hand mit auffallend langen Fingern entgegen, legte den Kopf ein wenig schräg, schaute mir in die Augen und zusammen mit dem Duft von pfefferminzgeputzten Zähnen verwandelte eine Stimme, irgendwo zwischen Zarah Leander und Joe Cocker nach seinem zehnten Whisky, meine Kniekehlen in Gelee.

„Na, überrascht?“

Nein, natürlich nicht. Mir hüpfen in jeder Hotelbar die überirdischen Schönheiten auf den Schoß. Reine Routine. Ich war nur ein bisschen steif, so ungefähr wie ein hypnotisierter Tanzbär mit Arthrose im Endstadium und Wortfindungsstörungen.

Sie fuhr fort, als wäre sie es gewohnt, dass ihre Anwesenheit Männern die Stimmbänder blockierte: „Bitte entschuldige, aber Nervosität schlägt mir immer so auf die Blase und ich will ja nicht, wenn es am Schönsten ist, auf die Toilette müssen. Nett, dass du den Platz neben dir für mich frei gehalten hast.“

Die Bedeutung dieses Satzes war zwar Doping für meine Phantasie, aber Gift für meine Kommunikationsfähigkeit und so rutschte ich nur, meinen Arm ausfahrend, vom Barhocker. Ihre beiden grünen Hochleistungsstrahler unter den langen schwarzen Wimpern brutzelten mich dabei und nach fünf Sekunden war ich gut durch, mindestens medium. Bitte wenden.

Hatte ich mich über die Hitze beschwert? Sie verzog ihre kirschrot geschminkten Lippen zu einem schnippischen Lächeln, das nach vierzig Jahre intensivem Training aussah und es war gut, dass ich mich an der Bar abstützen konnte. Ich nahm ihr den Mantel ab, sie drapierte sich auf ihrem Hocker und griff wie selbstverständlich nach der Cocktailkarte.

Mein gesunder Menschenverstand schien kurzzeitig wieder etwas durchblutet worden zu sein und meldete sich. Sie gehörte doch nicht etwa zu den Frauen, die sich in solche Kontaktbörsen einschlichen, um Geld zu kassieren? Dann würde sie eine böse Überraschung erleben, denn für solche Frauen war mir meine Kohle einfach zu schade. Ich war mir dafür zu schade. Wenn es wirklich mal brannte, hatte ich immer noch zwei gesunde Hände, mit denen ich für die Kohle auch schuftete und sie deswegen nicht leichtfertig zur Beseitigung von Hormonstaus aus dem Fenster schmiss. Doch wenn sie zu der Fraktion „Hausfrau möchte Taschengeld“ gehört hätte, dann hätte sie nicht so ein krankes Profil ins Netz gestellt, sondern eines, das auf Männerfang ausgelegt war.

Es war schon eine verkehrte Welt an diesem Abend. Wenn ich mir die Frauenprofile in den Kontaktbörsen angesehen hatte, waren es die Fotos und die Einsamkeit meiner Hotelnächte gewesen, die die Frauen schön und begehrenswert gemacht hatten. Ein Treffen hatte dann meistens die Erkenntnis gebracht, dass die Fotos zehn Jahre alt oder wie meins mit Photoshop retuschiert worden waren und „begehrenswert“ nur eine Frage des verfügbaren Alkohols war. Hielt dieser Abend etwa noch mehr Überraschungen für mich parat, als eine geänderte Haarfarbe und eine vergessene Brille?

Meine Nachbarin hatte die richtige Sitzposition gefunden, den Oberkörper halb zu mir gedreht und die schmalen Knie nur Zentimeter von mir entfernt. Als müsste sie sich überwinden, holte sie tief Luft und schaute mir von der Seite ins Gesicht. „Also ich bin Ela. Meine Schwester hat sich so wahnsinnig über deine Clubmail geärgert, dass sie mich gleich anrufen und mir erzählen musste, was es doch für testosterongesteuerte, notgeile Männer gibt, die nicht mal lesen, was für einen Typ Mann sie sucht. Naja, und da habe ich mir mal dein Profil angesehen und mir gedacht, dass es sich vielleicht lohnen könnte, dich näher kennenzulernen. Ich habe ihr gesagt, was sie dir antworten soll. Was machen wir jetzt daraus?“

Und der Mond ist aus grünem Käse. Der Satz hatte geklungen, als hätte sie ihn aufgeschrieben und dann auswendig gelernt. Oder sie hatte ihn schon ein Dutzend Mal anderen Männern aufgesagt. Die ersten Worte aus diesem Mund mit den schwellenden Lippen, die Angelina Jolie hätten vor Neid erblassen lassen, waren eine Lüge. Unglaublich.

„Wie wäre es mit übers Knie legen?“ Mein Sprachzentrum litt immer noch unter Blutmangel.

Sie neigte kokett den Kopf zur Schulter und leckte sich über die Lippen. „Wirklich? Vielleicht mag ich das ja ...“

Es hatte schüchtern klingen sollen und sie log schon wieder. „Die Schüchternheit spielst du nur“, dachte ich. „Vielleicht magst du das ja wirklich, aber dann wird der Abend eine Enttäuschung für dich werden. Ich schlage keine Frauen, weder im Ernst noch im Spaß und schon gar nicht, um mich oder dich auf Touren zu bringen.“

Hatte sich etwas in meinem Gesicht oder in meiner Haltung verändert?

Sie rückte ein Stück ab von mir. „Habe ich da ein Tabu getroffen?“

„Nein, ich frage mich gerade, was für eine Frau hier neben mir sitzt.“

„Ach, das ich eine Frau bin, ist dir also schon aufgefallen?“

Ich lehnte mich etwas zurück und schmiss den Blick an, mit dem Männer Frauen ausziehen. „Aber hallo! Alles dran, vermutlich auch alles drin und wirklich sexy verpackt.“ Ich nickte anerkennend. „Ich habe aber auch schon Männer gesehen, die so aufreizend angezogen waren.“

„Und hat es Spaß gemacht?“

„Was?“

„Na, mit den Männern?“

Hätte sie die Frage mit einem Lächeln gestellt, wäre alles gut gewesen, aber sie blickte ernst.

Was sollte das jetzt? Es gab ungeschriebene Regeln für solche Dates und eine davon besagte, dass weder die Vergangenheit noch eine mögliche Zukunft erwähnt wurden. Ärger stieg in mir auf, und dass mir bei der Erinnerung an dieses Abenteuer die Röte ins Gesicht schoss, verstärkte ihn noch. „Bist du hier, um mich über vergangene Liebesabenteuer auszufragen oder brauchst du das, um auf Touren zu kommen?“

Die Schärfe in meiner Stimme quittierte sie mit einem Kopfschütteln und der Ausdruck in ihrem Gesicht wechselte zu Nachdenklichkeit. „Was mich auf Touren bringt, erfährst du noch rechtzeitig genug, wenn du zuhören kannst. Aber vielleicht möchte ich vorher wissen, mit welcher Art Mann ich mein nächstes Liebesabenteuer haben werde?“

„Und weißt du es jetzt?“

Sie lächelte, übergangslos, als hätte sie dafür nur einen Schalter umlegen müssen. „Natürlich. Du lädst deinen Frust darüber, dass du jeden Morgen alleine aufwachst, auf Frauen ab, die dir nichts getan haben, lässt es dir von Männern besorgen und kannst keine Frauen schlagen. Ich glaube, du bist ein Weichei. Vor allem dir selbst gegenüber.“

Ich krampfte die Hand um das Whiskyglas, meine Augen suchten den Barkeeper, aber der polierte grinsend und außer Wurfweite einen Sektkelch auf der anderen Seite des Tresens.

Hart setzte ich das Glas auf der Tischplatte ab, Köpfe ruckten herum zu mir und Ela fasste mit einer ringlosen Hand nach meinem Arm. „Ich bin ein neugieriges kleines Mädchen, dass gerne Männer ärgert. Ist dir das noch nicht aufgefallen?“

Nein, es war mir noch nicht aufgefallen. Ich hatte sie für ein großes Mädchen gehalten, das wusste, was es wollte und so, wie sie auf meine Mail geantwortet, sich angezogen und die Bar betreten hatte, war das Sex gewesen. Und zwar mit mir. Hatte ich das falsche Aftershave aufgelegt oder einen Fleck auf meinen Schuhen übersehen? Ich hatte Besseres mit meiner Zeit anzufangen, als an einem hübschen Stück Holz herumzuraspeln, das sich noch nicht entschieden hatte, ob es Süßholz oder deutsche Eiche sein wollte.

Ich knurrte: „Ich bin nicht hier, um mich ärgern zu lassen. Und sei dieser Jemand noch so sexy. Vielleicht gerade dann nicht!“

Statt sauer zu sein, lachte sie so laut auf, dass alle Köpfe sich wieder ruckartig zu uns drehten, und ich fragte mich, ob ich Eintrittsgeld für unsere Show verlangen sollte, da drückte sie meinen Arm. „Gut gebrüllt, Löwe. Komm, der Platz auf der Couch ist gerade frei geworden. Da ist es nicht so hell und wir können in Ruhe noch ein bisschen reden, bevor wir auf dein Zimmer gehen. Oder hast du etwa keine Lust mehr?“

„Ich habe immer Lust“, lag mir auf der Zunge, doch den Stammtischspruch hatte sie nicht verdient. Die beiden straffen Rundungen unter der glänzenden Seide ihres Rocks versprachen den Himmel und so folgte ich ihr brav zur Couch. Zwei Minuten und nur wenige Sätze hatte sie gebraucht, um mich dreimal auf den Rücken zu legen und damit war klar, dass ich mit ihr das Gleiche tun würde.

Ich mochte es, wenn Frauen nicht nur ihren Körper benutzten, sondern, sofern vorhanden, auch ihr Gehirn. Sex ohne Intelligenz war nichts weiter als Rammeln und ich war kein Karnickel. Ich mochte es nur nicht, wenn sie ihren Grips benutzten, um mich aufzuspießen. Das war meine Sache und dafür hatte die Natur mir auch das passende Körperteil gegeben.

Kaum saßen wir, verwandelte sich die Schönheit mit der spitzen Zunge in eine samtig schnurrende Katze mit eingezogenen Krallen. Sie plauderte mit einer Leichtigkeit und Weltgewandtheit, die mir gerade einmal Platz ließen für ein gelegentliches Nicken oder Kopfneigen und nach einer halben Stunde kam ich mir vor wie der Wackeldackel in meinem ersten Trabbi. Doch ich bin ein Gentleman und so ließ ich ihr genügend Freiraum, mir ihre Wichtigkeit zu demonstrieren.

Sie arbeitete in einer Bank und kannte sich recht gut in der Informatik aus. So, wie sie auftrat und redete, tippte ich auf Vertrieb, ohne sie jedoch danach zu fragen, denn das verboten die Regeln. Aber es war mein Stichwort, und ich erzählte ihr, dass ich in den letzten vier Jahren keinen Urlaub mehr gemacht hatte, weil ich ständig durch die Welt jetten musste, um sie zu retten. Jedes dieser Jahre hatte mehr als dreihundert Projektarbeitstage gehabt, so gefragt waren meine Fähigkeiten gewesen und ich genoss ihre Bewunderung dafür. Dass ich morgen einen Vertrag in der IT-Abteilung einer hiesigen Bank abschließen würde, der mir pro Monat mehr als fünfzehntausend Euro einbringen würde, schien sie ziemlich zu beeindrucken. Sie riss die eben noch halbgeschlossenen Augen weit auf und starrte mich an, als sei ich ein Fabeltier.

Dann hauchte sie: „Sag das noch einmal. Welche Bank?“

Ich wiederholte es, sie schüttelte mit gerunzelter Stirn den Kopf, als könnte sie es nicht glauben und mir wurde warm im Bauch. Es würde ein schöner Abend werden.

Nach einem ziemlich langen Moment des Nachdenkens, worüber auch immer, erhob sie sich. „Ich verschwinde mal kurz für kleine Mädchen. Fang nicht ohne mich an, ja?“

Diese Frau war einfach unglaublich! Nicht nur ich schaute ihr Brandlöcher in die Seide über ihrem Hintern, während sie durch die Bar Richtung Toiletten tippelte.

Wenn sie tatsächlich im Verkauf arbeitete, verdiente sie sich ihr Brot auf die harte Tour und vielleicht war ja die Art und Weise, wie sie mit mir umsprang, nur Selbstschutz in einer Männerwelt, in der die Schwachen untergingen und die, die schwach schienen, von jedem als Prügelknaben benutzt wurden. Frauen, die nach oben wollten, demonstrierten Stärke, indem sie sich wie Männer kleideten, redeten wie ihre Konkurrenten und meistens noch härter und brutaler waren als diese. Die Kunst, einen Mann mit Witz und Weiblichkeit zu dominieren und ihn mit einem simplen, aber wohl überlegten Übereinanderschlagen der Beine zu einem sabbernden Tölpel zu machen, war mit Marlene Dietrich gestorben.

Dass eine Frau, die wie eine Prinzessin behandelt werden wollte, sich auch als solche benehmen, kleiden und reden sollte, rafften sie nicht. Weiblichkeit betrachteten die meisten einflussreichen Frauen heute eher als Makel denn als Waffe. Erotik bedeutete für sie, im passenden oder auch unpassenden Moment mit Arsch und Titten zu wackeln - sofern der Schönheitschirurg gute Arbeit geleistet hatte und, wenn es so weit war, an der richtigen Stelle zu stöhnen. Oder auch nicht. Von der Kunst subtiler Verführung verstand die moderne Frau von heute so viel wie ein Schwein vom Stabhochsprung. Es war eine Scheißwelt, auch für Männer, die nichts weiter als genau das sein wollten.

Ela kehrte mit einem Lächeln im Gesicht zurück, setzte sich neben mich und schlug dabei ihre Beine so geschickt ungeschickt übereinander, dass ihr Rock den Blick auf leicht gebräunte Oberschenkel über dem spitzenlosen Rand von Strümpfen mit Haltern freigab. Die Welt färbte sich endgültig Rosa und mein gesunder Menschenverstand nahm ein Vollbad in Testosteron. Ich begann Sätze, sprach sie aber nur selten zu Ende und wusste doch, dass sie verstand. Es lag kein Gewitter in der Luft und trotzdem knisterte etwas. Vielleicht war es die elektrostatische Reibung, die entstand, wenn sich ihre bestrumpften Beine streiften. Oder mich berührten. Rein zufällig.

Irgendwann rückte sie mir so nah, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte, ohne meine Finger in ihrer Wäsche zu haben und kitzelte mit ihrer Zungenspitze mein Ohrläppchen: „Bist du ein Fetischist?“

Ich schnurrte mit halbgeschlossenen Augen. „Ja sicher und du bist mein Fetisch.“

„Ich meine die Frage ernst. Macht dich etwas anderes als eine Frau scharf?“

Was sollte das denn jetzt? Mit einem Ruck hatte sie den Stöpsel aus meiner Testosteronbadewanne gezogen. Ich versteifte mich in ihrem Arm. „Wieso fragst du mich das?“

„In deiner Mail wolltest du unbedingt, dass ich schwarze Nylons mit Naht anziehe.“

„Und du hast gleich auch noch rote Lackpumps und einen Rock angezogen, der zumindest um den Po so eng wie eine zweite Haut sitzt, was übrigens eine gute Idee war. Aber wenn du im Bett so auftrittst, wie du mit mir redest, würde es mich nicht wundern, wenn in deiner Handtasche auch noch eine Peitsche und ein paar Handschellen stecken.“

Sie lächelte, doch ihre Augen blieben kalt dabei. „Nein. Einen Dildo und Kondome, aber das wirst du ja bald sehen. Also, warum?“

„Ich habe dir die SMS geschickt, weil ich es für eine gute Idee hielt für jemanden, von dem ich annahm, dass er mich sowieso nur verarschen wollte.“ Ich fand, es war eine gute Antwort.

Sie nicht, das Lächeln um ihre Lippen verschwand wie weggewischt. . „Meiner Schwester, nicht mir! Warum wirst du rot und sprichst, als würdest du einen Vortrag halten?“

Eben noch war die Welt rosarot gewesen und einen Moment später stellte sie mich mit dem Rücken an die Wand. Außerdem log sie schon wieder, denn ich war mir mittlerweile sicher, dass es ihr Foto gewesen war, das ich gesehen hatte und nicht das ihrer Schwester. Meine erste Mail war vielleicht an ihre Schwester gegangen - vielleicht - aber die SMS an Elas Handy.

„Was soll das jetzt? Verlässt dich gerade der Mut vor der eigenen Courage? Dann sage es direkt und wir sparen Zeit. Ich habe morgen einen harten Tag vor mir. Oder habe ich etwas Verkehrtes getan oder gesagt?“

„Du schaust immer wieder auf meine Beine, berührst meine Knie mit der Hand und ich frage mich, ob es meine Haut oder das schwarze Nylon darüber ist, was dich das machen lässt.“

Ich starrte sie einen Moment verblüfft an, dann knurrte ich lauter, als gut war: „Mit was für Typen hast du denn rumgemacht, dass eine simple Berührung deiner Knie dich so aufregt? Wie krumm denkst du denn? Wenn es das wäre, dann könnte ich ja gleich einer Gummipuppe schwarze Strümpfe anziehen und die ficken. Dann muss ich nicht so einen Aufwand treiben!“

Die Augen des Barkeepers mutierten zur Größe von Autoscheinwerfern und für einen Moment schien es, als wollte sie aufbrausen, aber dann legte sie den Kopf schräg, schaute mich von unten an, ließ ihre Zunge zwischen den Lippen spielen, lächelte und schnurrte: „Ich mag es, wenn du schmutzige Worte sagst.“

Erst Höllenfeuer, dann die Kälte von Heliumschnee und jetzt schaufelte sie wieder Kohlen in den Ofen. So härtete man Stahl oder machte einen Mann zum Affen. Wahrscheinlich hatte sie ja eine Banane in der Tasche für mich mitgebracht. „Ich hatte mir unser Gespräch anders vorgestellt.“

„Oh, ich weiß, wie du es dir vorgestellt hast.“

Sie kuschelte sich in meinen Arm und schaute mir mit einem schmachtenden Blick in die Augen. „So etwa?“

Sie verarschte mich. Sie hielt mich am ausgestreckten Arm über einen tobenden Vulkanschlund und sah lächelnd zu, wie ich gar gekocht wurde. Ich grummelte. „Ja, schon besser, aber noch ausbaufähig.“

Sie schmiegte sich noch enger an mich und ihre Haare streichelten mein Kinn. Frühlingswiese, dachte ich nur. So muss eine Frühlingswiese duften, wenn morgens die Sonne aufging, und war schon wieder unterwegs in Richtung Wolke Sieben.

„Ich möchte es trotzdem wissen“, flüsterte sie.

Wenn sie es denn unbedingt wollte? So in meinen Arm gekuschelt, mit leiser Stimme würde auch eine Diskussion über Fetisch aufregend sein. Manchmal bin ich auch mit wenig zufrieden. „Nein, ich habe keinen Fetisch. Ich mag es aber, wenn eine Frau sich schön macht. Ihr Frauen habt so viele Waffen, warum benutzt ihr sie nicht? Manche kommen zu einem Date in Jeans und Turnschuhen und wundern sich, wenn der Mann dann ein Gesicht zieht. Es gab Zeiten und es gibt Länder, da würden Frauen so nicht einmal den Müll rausbringen. Seid ihr es euch heutzutage selbst nicht mehr wert, euch schön zu machen?“

„Du bist ein sexistischer Dinosaurier, weißt du das?“

Klar war ich das. Na und? Wozu waren Frauen denn sonst da, wenn nicht, um schön zu sein? Sie waren das Licht in der Welt eines Mannes. Frauen waren weich, sanft und vor allem schön, Männer waren hart und stur. Frauen waren nicht dümmer oder schwächer als Männer, sie waren nur anders. Intelligenz und innere Stärke hängen nicht davon ab, ob man Eierstöcke oder Klöten hat. Außerdem machen Frauen erst Männer zu dem, was sie sind.

Sie knabberte wieder an meinem Ohr: „Erde an Hartwig ...“

„Entschuldige, ich war in Gedanken. Ich mache mich doch auch schön, pflege mich, ziehe mich gut an. Das bin ich mir und der, der ich begegne, einfach schuldig. Ich zeige dir, dass du mir wichtig bist.“

„Nein, deswegen tust du es nicht, sondern weil du selbst dir dann besser gefällst und den meisten Frauen auch. Und weil wir dir in einem aufreizenden Outfit viel lieber sind, versuchst du das auch noch als Lebensphilosophie zu verkaufen. Du kannst dich ja gerne anlügen, aber versuch das nicht bei mir.“

Sie fuhr mir mit der Hand durchs Haar. „Du bist hundert Jahre zu spät geboren, mein Lieber. Ich sagte doch, du bist ein Dinosaurier. Naja, wenn du auch einen so langen Schwanz hast, soll mir das recht sein. Fetisch?“

Ich schnappte nach Luft. Was hatte sie da gerade gesagt?

Sie kicherte und kuschelte sich wieder an meine Schulter. „Hallo, was ist mit Fetisch?“

„Äh, ja, also ... Ich mag Nylon an Frauenbeinen, es macht sie noch schöner, als sie ohnehin schon sind. Aber ich kann auch ganz gut ohne und das ist der Punkt. Ein Fetischist braucht genau das Objekt, das ihn scharfmacht, also seinen Fetisch. Damit wird der Partner nur noch zur Nebensache. Ohne seinen Fetisch kann er nicht zur Erfüllung kommen und der Partner wird austauschbar. Ich komme ja jetzt fast schon, nur weil du in meinem Arm liegst.“

Sie schlug wieder die Beine übereinander. „Oder, weil du ständig auf meine schwarzbestrumpften Beine schaust.“

Ich wurde steif und holte Luft, aber sie lachte laut los. „Es war ein Scherz. Heb dir das mit dem Kommen noch ein bisschen auf, ich möchte auch etwas davon haben. Aber im Ernst, wie denkst du über solche Leute?“

Ich zuckte die Schultern. „Das ist nicht meine Baustelle. Wer will schon gerne eine Ersatzbefriedigung für einen sexkranken Menschen sein?“

Die Falte erschien wieder auf ihrer Stirn. „Siehst du das so? Als krank und schmutzig?“

„Schmutzig habe ich nicht gesagt. Das ist weit von meinem Denken entfernt und ich weiß nichts darüber. Ich vermute, jemand, der einen Fetisch hat, sucht ihn sich nicht selbst. Das ist eine Fehlprogrammierung von der Natur und er muss jetzt sehen, wie er damit zurechtkommt. Außerdem ist es ausschließlich seine Sache, niemand hat das Recht, da moralisierend den Zeigefinger zu heben, auch wenn es genug Dummköpfe und Moralapostel gibt, die es tun. Es gibt Schlimmeres auf dieser Welt als Menschen, die einen Fetisch haben.“

Es war nicht meine Welt und würde es auch nie werden.

Sie strich mir mit dem rotlackierten Nagel eines Zeigefingers über meinen Handrücken auf ihrem Knie. „Könntest du mit so einem Menschen leben?“

Ich dachte einen Moment nach. Könnte ich? Mit jemandem leben, der sich an Dingen, an toten Objekten aufgeilt? Ich versuchte mir eine Frau vorzustellen, die nur mit mir schlief, wenn ich etwas Bestimmtes anzog. Lack? Leder? Oder irgendetwas, was ich mir nicht einmal vorstellen konnte, Windeln vielleicht?

So ein Quatsch. Wenn ich mit einer Frau zusammen war, hatte sie zu kommen, weil ich es war, der es ihr besorgte. Wenn nicht, würde sie spätestens nach der ersten Nacht in der Mülltonne meiner Erinnerung landen. Das Leben war hinreichend kompliziert und ich musste mir nicht eine Frau anlachen, mit der es im Bett nicht funktionierte. Also definitiv nein, doch so brutal musste ich es ihr nicht in ihr hübsches Gesicht sagen und lachte sie an: „Lass uns von dem Thema wegkommen. Ich habe jedenfalls keinen Fetisch außer dir.“

Für einen Moment zog ein Schatten über ihr Gesicht und sie schaute mir in die Augen, als suchte sie etwas in mir. Wollte sie etwa weiter diskutieren? Machte sie das an?

Doch das dauerte nur einen Augenblick, dann kehrte ihr Lächeln zurück. Wie eine aufzüngelnde Flamme erhob sie sich, strich ihren Rock glatt, griff nach meiner Hand und sagte: „Lass uns auf dein Zimmer gehen. Ich hoffe, es gibt etwas, das du besser kannst als reden.“

Ich stand auf, sie ließ meine Hand wieder los und ich fand es in Ordnung so. Wir waren schließlich kein verliebtes Pärchen mit Flausen im Kopf, sondern auf dem Weg zur schönsten Nebensache der Welt. Und nur dazu.

Schweigend gingen wir die wenigen Schritte bis zum Fahrstuhl. Links daneben war der Treppenaufgang. Ich sagte: „Es ist nur eine Etage.“

Vielleicht konnte sie in meinen Kopf schauen, vielleicht spielte sie gerne und nicht nur mit Worten - sie wendete sich zur Treppe und nahm jede Stufe davon wie ein Mannequin auf dem Laufsteg. Jeder ihrer Schritte spannte den Seidenrock über ihrem Po, straffte die Muskeln in ihren Waden über den schlanken Fußgelenken und die Nähte ihrer Strümpfe darüber befeuerten eine Landepiste, die auch ein Jumbojet nicht würde verfehlen können.

Vierzehn Stufen und zwanzig Schritte später schnappte ich nach Luft. Jeder, der schon einmal hinter einer schönen Frau im Rock oder in engen Jeans und mit High Heels eine Treppe hinaufgestiegen ist, kennt das und nur Eunuchen können dabei cool bleiben. Das elektronische Schloss in der Zimmertür akzeptierte die Karte in meiner zitternden Hand erst im zweiten Versuch, denn ich hatte nur noch eines im Kopf - wie ein Tier über Ela herzufallen, sie zu packen, auf das Bett zu werfen, ihr den Rock hoch zu zerren und das mit ihr zu tun, was auch sie wollte.

Aber weil es so einfach war, taten es auch nur Tiere. Ein Orgasmus dauert nur Sekunden und einmal an der Endstation, führt kein Weg mehr zurück. Jeder Genuss, jedes Glück sind nur noch Erinnerung und so bleibt nur, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen und jede Sekunde zu dehnen bis in die Unendlichkeit.

Ela lehnte im Flur mit dem Rücken an der Wand und hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt. Gekonnt ließ sie das Licht eines Neonspots auf dem seidigen Schwarz ihres lasziv angewinkelten und an der Wand abgestützten Beins spielen und lächelte mich unter halbgesenkten Wimpern an, wie es nur Frauen in solchen Momenten können.

Ich griff nach ihren Handgelenken, drückte Zentimeter für Zentimeter ihre Arme auseinander, bis es nicht mehr weiter ging und sie wie an der Wand gekreuzigt vor mir stand. Nur Zentimeter trennten mich noch von ihrem halbgeöffneten Mund mit den verführerisch feucht glänzenden Lippen - aber das wäre zu einfach gewesen.

Sie wehrte sich nicht und atmete heftig, ich schob mein Knie zwischen ihre Beine, mein Oberschenkel tastete nach ihrer Lust, aus Sanftheit wurde Druck und ihre Arme zuckten. Zischend atmete sie ein - war ich zu ungestüm? Egal!

Das Testosteron ließ mich kochen und ich packte fester zu, fesselte ihre zarten Gelenke mit meinen Händen und die Härte, die sie jetzt zwischen ihren Beinen spüren musste, war nicht mehr nur mein Oberschenkel. Ich bewegte ihn, erst langsam, fast zärtlich, dann fester, heftiger und jetzt musste es ihr weh tun.

Sie kam mir entgegen, presste mein Bein zwischen ihren Schenkeln fest und da war endlich ihr Stöhnen. Mein Mund fand ihren. Fest, hart, besitzergreifend. Gierig suchte meine Zunge, fand, und es war wie ein elektrischer Schlag. Speichel lief aus ihrem Mundwinkel, sie presste ihre Brüste gegen mich und ich hätte gemordet für die Berührung dieses Fleischs, für den Moment, in dem ihre Brustwarzen unter meinen Fingern hart wurden - und es war der Moment, es nicht zu tun.

Ich ließ sie los und trat zurück. Enttäuschung schoss ihr ins Gesicht und sie öffnete den Mund, doch ich packte sie wie eine Katze im Genick und drehte sie zur Wand. Sie würde erst das Bett erreichen, wenn ihr die Knie so zitterten, dass sie unter ihr nachgaben.

Eng schmiegte sich die glänzende Seide um ihre Hüften und die beiden Wölbungen darunter schrien mir zu: „Fass mich an!“

Noch immer zu früh. Ich tastete nach ihren Ohrläppchen, ihrem Hals, ließ meine Hände tiefer wandern und Schauer rieselten über ihre Haut. Ich spürte die Wirbel ihres Rückgrats - oder die Verschnürungen eines Korsetts? Wenn ich ihr den Stoff vom Leib fetzte, würde ich es wissen.

„Mach weiter“, flüsterte sie mit rauer Stimme.

Keine Zärtlichkeit mehr, ich packte mit einer Hand ihre Brust, die andere griff ihr zwischen die Schenkel, drückte sie mit Gewalt gegen meinen Unterleib und mein Glied. Ein Gedanke schoss mir ein - mochte sie es vielleicht auch da, wo die Sonne nie hinscheint?

Ich packte ihr Haar, beugte ihren Kopf nach hinten und knurrte: „Wehe du bewegst dich!“

Meine andere Hand wusste, was sie finden wollte und glitt über die Innenseite ihrer Beine nach oben bis unter den Rock. Die Muskeln ihrer Schenkel zuckten. Viel Zucken und viel Schenkel. Ich mochte dieses Fleisch und ich mochte, wie sie es verpackt hatte.

Meine Hand nahe dem Zentrum ihrer Lust. Sie zitterte. Stöhnende Enttäuschung von ihr, als meine Hände wieder abwärts wanderten, wieder aufwärts, wieder abwärts ...

Dann knickte sie in den Knien ein, um meiner wieder nach oben wandernden Hand mit ihrer Lust zu begegnen. Regelverstoß!

Ich ließ sie los, sie spannte die Muskeln, als wollte sie sich umdrehen und sofort presste ich mich wieder an sie, meine Hand hart in ihrem Nacken: „Ich hatte gesagt, du sollst dich nicht bewegen!“

Sie öffnete den Mund, meine Hand verschloss ihn. „Du bewegst dich, wenn ich es sage und du redest, wenn ich es sage!“

Schock? Empörung? Angst? Gut so. Ich wollte ihre Lust. Ich wollte sie, bis ihr die Luft wegblieb. Kein Streicheln mehr, Zupacken, Kneten - ihr Stöhnen mit jedem Atemzug, dann zuckte sie wieder.

Strafe! Wie eine Peitsche meine Frage: „Was willst du jetzt?“

Sie fuhr wie eine Tigerin herum, packte mit einer Hand meinen Nacken und presste ihren Mund auf Meinen. Mit der anderen griff sie mir zwischen die Beine, fand mein Glied und sie wusste genau, was sie da zu tun hatte.

Das war nicht mehr Wolke sieben, das war der siebente Himmel. Ich war spitz wie ein Apachenpfeil, hatte sie auch auf Touren gebracht und in meinen Gedanken lag ich schon zwischen ihren gespreizten Schenkeln.

Da wurde sie plötzlich steif, ihre Hand kam wieder zwischen meinen Beinen hervor und stemmte sich gegen meine Brust, in ihrem Blick veränderte sich etwas und sie rief: „Halt!“

Bevor ich etwas sagen konnte, legte sie mir einen duftenden Finger auf die Lippen und flüsterte: „Ich will es nicht so. Ich will es genießen, jede Sekunde mit dir ausleben.“

Ohne mich anzusehen, nahm sie meine Hand, zog mich zum Bett und ich folgte ihr wie ein Roboter, dessen Programmierung jemand gelöscht hatte.

Ich saß auf der Bettkante und wusste nicht, was ich tun sollte. Das durfte doch nicht wahr sein! Aus dem Nichts schüttete sie mir einen Kübel Eiswasser ins Gesicht. Welche der vielen Seiten, die sie mir bis jetzt gezeigt hatte, war die wirkliche Ela? Oder kannte ich die eigentliche Frau dahinter noch gar nicht?

Königlich war sie durch das Spalier der Gäste geschritten, um sich mir danach kokett und forsch auf dem Barhocker zu präsentieren. Auf der Ledercouch hatte sie sich verspielt und kuschelig präsentiert, aber auch ernsthaft und nachdenklich. Da war aber noch etwas und das konnte ich nicht einordnen. „Verbohrt“ traf es nicht direkt, aber irgendwie war der Moment, in dem sie mich mit ihren Fragen in die Ecke getrieben hatte, immer noch präsent in meinem Hinterkopf. Danach dieses Spiel im Flur, voller Lust und Erregung - und dann die eiskalte Notbremse eben, die ich an dieser Stelle niemals erwartet hätte. Wer war diese Frau, die mit jedem Wort log und was wollte sie von mir?

Sie war um das Bett herumgegangen, hatte das Licht im Flur gelöscht und knipste jetzt die Nachttischlampe an. Dann blieb sie vor mir stehen, schaute mir in die Augen, als wollte sie eine Frage stellen, nahm, als ich nichts sagte, mein Gesicht in beide Hände und küsste mich zart und lange auf den Mund.

Dann richtete sie sich auf und begann, sich auszuziehen. Knopf für Knopf öffnete sie mit einem tiefen Ernst dabei in ihrem Gesicht. Mit einem leisen Rascheln glitt die Seidenbluse an ihren Armen nach unten, dann war der Rock an der Reihe und das Geräusch, mit dem sie den Reißverschluss hinter ihrem Rücken öffnete, klang unnatürlich laut in der Stille.

Sie half mir nicht beim Ausziehen. Erst, als ich meinen Slip nach unten zog, legte sie den Kopf ein wenig schräg, befeuchtete mit der Zunge ihre Lippen und sagte: „Also doch kein Dinosaurier.“

Sie drückte mich mit ihrem Körper aufs Bett, Strumpfhalter und Strümpfe, sogar ihre roten Lackpumps hatte sie noch an. Der BH und die Miederhose glänzten im Licht der Nachttischlampe, als wären sie aus Silber. Sie setzte sich auf mich und flüsterte mir ins Ohr: „Aber für einen Hengst würde es reichen.“

„Willst du dich nicht ganz ausziehen?“

„Muss ich?“

„Du musst gar nichts. Ich dachte nur, es wäre angenehmer für dich.“

Statt einer Antwort zeigte sie mir mit ihren Händen, ihrem Mund und ihrer Zunge, was sie unter „angenehm“ verstand und wieder erinnerte ich mich an den Vulkanschlund, über dem ich gar gekocht wurde. Ich begann mir gerade ein wenig Sorgen zu machen, wie lange ich das noch aushalten konnte, ohne zu explodieren, da rutschte sie wieder nach oben, gab mir einen Kuss auf den Mund und legte sich neben mich.

Zeit für die Revanche. Die Haken ihrer Miederhose hatte sie schon selbst geöffnet und um ihre Beine zu spreizen, musste ich mich nicht anstrengen. Der Moschusduft zwischen ihren Schenkeln benebelte meine Sinne, sie begann zu stöhnen, presste ihren Unterleib gegen mein Gesicht, ihre Beine umschlangen meinen Nacken und ihre Hände verkrallten sich in meinen Haaren. Doch ich wollte es mit ihr gemeinsam, wollte es mit dem tun, was aus einem Mann einen Mann macht.

Ich befreite mich aus ihrer Umklammerung, legte mich seitlich neben sie mit einem Knie zwischen ihren Schenkeln und fragte: „Na, warm geworden?“

Sie schaute mich an und hatte wieder die Falte auf der Stirn. „Stört es dich, dass ich mich nicht ganz ausziehe?“

„Ich finde es nur ungewöhnlich.“

Die Falte wurde tiefer. “Wie meinst du das?“

Ich küsste sie in die Halsbeuge. „Hey, es ist nicht böse gemeint. Wenn wir vorhin weitergemacht hätten, wärst du nicht einmal dazu gekommen, dir den Rock auszuziehen. Ich hätte dir nur die Miederhose heruntergerissen und dich in deinen Klamotten gefickt. Jetzt, hier im Bett ist es ungewohnt. Aber es sieht irre aus.“

„Irre wie krank?“ Immer noch dieser seltsame Gesichtsausdruck.

„Nein, sehr sexy.“

Sie nahm meine Hände und drückte sie auf ihre unter dem BH verborgenen Brüste. Ich packte zu und sie nahm meine Hände wieder weg. „Tss, der Dinosaurier darf später brüllen. Ganz sacht. Fühlen, tasten!“

Wenn sie es so wollte, konnte ich mich auch zusammenreißen und sanft strich ich mit der Hand über ihren BH.

„Na, wie fühlt sich das an?“

„Wieso fragst du mich? Ich dachte, es wären deine Brüste und du musst mir sagen, wie sich das anfühlt.“

Etwas wie Enttäuschung in ihrem Gesicht. Ich würde diese Frau wohl nie verstehen. Na gut, ihr BH und wahrscheinlich auch die Miederhose waren aus reiner Seide, nichts weiter, keine Verstärkungen, keine Polsterung und es war fast schon erregend, nur den Stoff zu berühren. Aber wer interessierte sich für Stoff, wenn er nackte Frauenhaut haben konnte?

Sie griff nach ihrer Handtasche und ich sagte. „Ich weiß, ich habe noch etwas vergessen.“

„Nein, ich glaube nicht, dass du das vergessen hast. Wenn du so ein Mann wärst, würde ich jetzt nicht hier sein und mit dir schlafen wollen. Ich denke eher, du hättest gleich angefangen, unter dem Kopfkissen zu suchen oder nach deinem Sakko zu angeln. Und wenn du das Kondom dann gefunden hast, bekommst du die Verpackung nicht auf, weil deine Finger nass sind und deine Nägel kurz. Du scheinst nicht viel Erfahrung mit solchen Situationen zu haben, oder?“

„Also hör mal ...“

Ihre Hand auf meinem Mund stoppte meine Antwort. Dann brauchte sie beide Hände, um sich im Innern des Universums aller Frauen zu orientieren. Sie wurde fündig und es kamen Kondome, ein glänzendes Tuch und ein Dildo zum Vorschein.

„Hey, ich habe zwar keinen Dinosaurierschwanz, aber mein Selbstbewusstsein sagt mir, dass du den Dildo nicht brauchen wirst.“

„Vielleicht ist der Dildo ja für Dich?“ Sie prustete laut und kam wieder zu mir.

„Wie bitte?“ Sprachlos und knallrot war ich froh, dass die Leuchte auf dem Tischchen nur wenig Helligkeit spendete. „Was willst du eigentlich mit dem Tuch? Wenn du eine Unterlage brauchst - wir haben Hotelhandtücher.“

Urplötzlich wurde sie wieder ernst, schaute erst auf das Seidentuch und dann mich wieder an. Es war der gleiche Blick, mit dem sie mich angesehen hatte, als wir uns kennenlernten. Als suchte sie etwas, als wollte sie etwas finden in mir. Nur einen winzigen Augenblick, dann drückte sich mich nieder und schwang sich auf mich.

Was sollte das jetzt? Ich war hier der Mann! Ich wollte sie vor mir hertreiben, ihr Stöhnen hören, ihre Muskelkontraktionen spüren und mich als Sieger fühlen, wenn es ihr endlich kam - und mir natürlich auch. Es ist eine Kunst, so etwas gleichzeitig hinzubekommen und ich war ein Meister darin.

Doch was ich wollte, interessierte sie nicht. Sie bewegte sich auf mir, ich wollte mich ihr angleichen, aber sie schüttelte nur den Kopf, klammerte mich mit ihren Schenkeln fest und bewegte weiter ihren Unterleib. Sie blickte mir ins Gesicht dabei und wieder bekam ich das Gefühl, das sie mich prüfte, dass sie etwas wissen wollte und sich nicht traute, mich zu fragen.

Es wäre sowieso zu spät gewesen für Antworten. Ich wollte jetzt keine fragenden Blicke und kein Suchen nach Antworten auf ungestellte Fragen. Sie passte sich mit ihren Bewegungen dem Stöhnen an, das sie aus mir heraus presste. Dann wurde sie schneller, heftiger, wilder und mein Blick wurde zu schwach, sie zu halten. Mit geschlossenen Augen lag ich unter ihr, von ihren Schenkeln und Händen gefesselt, fühlte jeden Zentimeter ihrer Haut und musste zulassen, dass sie sich selbst als Instrument für meine Lust benutzte. Wie eine Furie ritt sie auf mir und der Schmerz, als sie die Nägel ihrer Hände in meinen Rücken grub, wurde zu Lust, genau wie die Bisse ihrer Zähne in meine Brust.

Dann bog sich mein Körper unter ihr in einem unmöglichen Winkel, etwas in mir wollte sie abwerfen, doch sie presste mich mit ihren Schenkeln wie in einem Schraubstock zusammen - und hielt still!

Ich schnappte nach Luft, trauerte etwas hinterher, das hätte eine Explosion sein können, da begann sie das Spiel von vorn. Wieder verhielt sie, kurz bevor ich explodierte und streckte auch noch einen Arm aus über meinen Kopf, als suchte sie da nach etwas und mir reichte es!

Mit einem gewaltigen Ruck warf ich sie ab, zwang sie gegen ihr Gestrampel auf den Rücken und spreizte ihr die Beine. Ihr geflüstertes: „Ich will es nicht so!“ ignorierte ich genauso wie ihre kleinen Hände, die sie gegen meine Brust stemmte, um mich an dem zu hindern, was ich jetzt wollte. Ich nahm mir, was mir gehörte, hätte sie es anders gewollt, hätte sie mich nicht so anheizen dürfen.

Jetzt schlug sie sogar nach mir und mit meinen Händen fesselte ich ihr die Handgelenke über dem Kopf, drang in sie ein, und obwohl sie vorhin noch so wild auf mir getobt hatte, lag sie auf einmal regungslos wie eine Gummipuppe.

Pech für sie, irgendwann ist es vorbei mit Spielen und jetzt war ich dran! Es dauerte nur Sekunden, dann brachte ich zu Ende, was sie angefangen hatte, brüllte erstickend und blind mit der letzten Luft die Explosion in die Welt, ließ mich auf sie fallen, und alles um mich herum versank im Dunkeln.

Sie wühlte sich unter mir hervor, ich rollte mich auf den Rücken, blieb mit geschlossenen Augen liegen und schnappte nach Luft. Statt Entspannung machte sich Enttäuschung, ja sogar Zorn in mir breit. Doch ich wollte nicht unfair sein. Es kann immer einmal passieren, dass beide unterschiedliche Vorstellungen haben. Wenn sich die Hormone in ein paar Minuten wieder beruhigt hatten, würde ich mich an sie kuscheln, ein wenig mit ihr flüstern und dann würden wir es eben noch einmal machen. Diesmal so richtig mit Gefühl. Es würde ihr bestimmt gefallen.

Sie keuchte leise neben mir. Ich öffnete meine Augen, doch sie hatte das Licht gelöscht und so tastete ich nach ihr. Ihr ganzer Körper zuckte, ich wollte sie an mich ziehen und sie beruhigen, doch sie fauchte: „Lass mich“, schüttelte meine Hand ab und keuchte weiter.

Ich tastete nach der Nachttischlampe und sie stöhnte: „Nicht!“

Was passierte hier gerade? Sie keuchte, als würde sie noch auf mir sitzen. Ich musste es wissen! Leise streckte ich wieder die Hand nach dem Lichtschalter aus, drehte meinen Kopf in Richtung des Stöhnens neben mir, drückte den Knopf, das Licht ging an und sie stieß einen spitzen Schrei aus.

Sie lag auf dem Rücken und ihre langen, schwarzen Haare bildeten ein wirres Knäuel auf dem weißen Kopfkissen. Sie hatte die Beine angestellt, die Halter ihrer Strümpfe waren bis zum Zerreißen gespannt, die Absätze ihrer roten Schuhe gruben sich in das Laken, eine Hand hatte sie sich auf den Mund gepresst und mit der anderen tat sie etwas zwischen ihren weit gespreizten, vor Schweiß glänzenden Schenkeln.

Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, aber dann kochte rasende Wut in mir hoch. Sie hatte mich nicht nur mit Worten verarscht! Mit ihrem „Halt“ vorhin hatte sie sich die Kontrolle zurückgeholt und dann mit mir gespielt. War ich für sie nur ein Versuchsrammler gewesen? Sie hatte mir ihren Orgasmus verweigert, mich aussehen lassen wie einen Versager und verpasste mir nun die Höchststrafe - sie besorgte es sich vor meinen Augen selbst! Ich musste zweimal ansetzen, bevor ich etwas sagen konnte und dann brachte ich nur ein Wort hervor: „Raus!“

Röte schoss ihr ins Gesicht, sie sprang auf, wankte einen Moment und hielt die Decke wie einen Schutz vor ihren Körper. Eine Sekunde schaute sie mich noch an und alles, was ich in ihren Augen las, war Hass. Sie griff nach dem Dildo, warf ihn in ihre Handtasche und schlüpfte in Rock und Bluse. Nur Sekunden später stand sie im Flur und starrte mich wortlos an. Es gibt eine Stille, die ist wie ein Schrei und ihr dunkler Rauch drang mit Elas Blick bis in die letzte Ecke meines Hotelzimmers. Mit immer noch halb erigiertem, feuchtem Glied und hämmerndem Herzen saß ich auf der Bettkante und starrte sie an.

Da stand die Frau, die mich die letzten Stunden mit ihren Widersprüchen zwischen Himmel und Hölle hin und her gejagt hatte, bis ich nichts anderes mehr gewollt hatte als sie. Sie war ein Rätsel auf zwei Beinen, verführerisch, widersprüchlich, charmant, kratzbürstig, sexy - und krank?

Ja, es konnte nichts anderes sein. Sie musste krank sein. So benahm sich keine normale Frau. Ich stand auf, aber sie streckte mir einen Arm entgegen, mit der Handfläche zu mir, und obwohl wir drei Meter auseinanderstanden, war es, als wäre ich gegen eine Mauer gerannt.

„Komm mir nicht näher und fass mich nicht an. Fass mich nie wieder an! Du kannst nicht weiter denken als bis zu dem Moment, wo du eine Frau flachgelegt hast. Du verstehst keine Andeutungen und dich interessiert nur, was eine Frau zwischen den Beinen und nicht was sie im Kopf hat.“ Sie straffte sich, drehte sich um und verließ mich mit dem gleichen Gang, mit dem sie vor ein paar Stunden durch die Bar zu mir gekommen war.

Es dauerte Minuten, bis ich aufstand und zum Fenster ging. Ein Kleinwagen auf dem Hotelparkplatz setzte den Blinker, parkte aus und bog in die Wismarsche Straße ein. War sie es?

Irgendetwas heute Abend war tatsächlich schief gelaufen. Ich ging zum Schreibtisch, klappte meinen Laptop auf und schaute mir das Profil der Eisprinzessin an. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie es erst vor zwei Tagen hochgeladen hatte und das erklärte Einiges. Jetzt, wo ich sie kannte, sah ich, dass es tatsächlich ihr Bild war. Vielleicht hatte sie eine Perücke getragen, als das Foto gemacht worden war und ich wusste nun, dass die verkniffenen Lippen tatsächlich die Haare auf ihren Zähnen verbargen. Alle ihre Wünsche liefen auf einen Mann hinaus, dessen Toleranzgrenzen weiter als gewöhnlich waren und der damit umgehen konnte, wenn eine Frau „anders“ war. Bis eben hatte ich mir nicht vorstellen können, was sie damit gemeint haben könnte. Jetzt wusste ich es - sie hätte nicht „anders“, sondern „krank“ schreiben sollen.

Sie hatte mir einen Haufen Puzzlesteine vor die Füße gekippt, und wenn sie gehofft hatte, dass ich sie zusammensetzen würde, hatte sie falsch gelegen. Mit ein bisschen Grips hätte sie es schon vorhin kapieren müssen, als ich ihr durch die Blume gesagt hatte, dass so etwas nicht meine Baustelle ist.

Ich dachte an das Gespräch in der Bar, wie oft sie von eloquent nach kratzbürstig gewechselt hatte und mir ständig das Gefühl gegeben hatte, dass nichts davon die richtige Ela war, genau wie hier in meinem Hotelzimmer. War das Schizophrenie?

Erfahren würde ich es wohl nie und eigentlich interessierte es mich auch nicht. Nicht mehr. Wir leben alle in unserer ganz privaten Hölle und für die Probleme, die sie hatte, gab es mit Sicherheit Ärzte. Und wenn nicht, fand sie ja vielleicht irgendwann einen Idioten, der mit ihr zurechtkam, schließlich gab es für jeden Topf den passenden Deckel.

Ich klappte den Laptop zu und ging ins Bett. Ende der Geschichte. Ich hatte eine wirklich aufregende Frau erlebt, einen Superorgasmus gehabt und das Danach vertrieb ich aus meiner Erinnerung.

Ich war ein Mann.

 

*

 

Regen, der an die Fensterscheiben trommelte, riss mich aus dem Schlaf. Der neue Tag begrüßte mich mit trostlosem Grau und ich erwachte mit verklebten Augenlidern und Kopfschmerzen. Ela war mir im Traum in einer Rüstung erschienen, die mein Schwert nicht hatte durchdringen können und kopfschüttelnd stieg ich auf ihrer Seite aus dem Doppelbett. Fast wäre ich über ihre Decke, die sie achtlos hatte zu Boden gleiten lassen, gestolpert. Ich hob sie auf, legte sie aufs Bett und das Tuch, das sie am Abend zuvor auf dem Nachtschrank neben meinem Kopf platziert hatte, fiel heraus. Ich konnte nicht anders, ich nahm es und strich mir damit über die Wange.

Zweimal in meinem Leben hatte ich so etwas gefühlt, das erste Mal an meinem sechzehnten Geburtstag. Ich hatte mich als Jugendlicher ein wenig an der Malerei versucht und meine Eltern hatten mir eine Ausrüstung für Seidenmalerei geschenkt. Dafür wird Habotai-Seide verwendet, sie ist unglaublich glatt und allein die Berührung dieses Materials ist wie ein gehauchter Kuss.

Das zweite Mal hatte ich es in dieser Nacht gefühlt, als Ela meine Hände auf ihren BH gedrückt hatte. Das Tuch trug noch immer ihren Duft, den gleichen, der auch zwischen ihren Beinen meine Nase betört und mich fast dazu gebracht hatte, meine Beherrschung zu verlieren. Was machte er an diesem Tuch?

Und dann, wie auf einem Foto, sah ich wieder den Moment, als ich das Licht angeknipst hatte. Ela hatte auf dem Rücken gelegen, mit gespreizten Beinen, und erst jetzt sah ich das Tuch in ihrer Hand dazwischen. Ein Satz stieg aus meiner Erinnerung auf, ein Satz, den ich nicht wichtig genommen hatte: „Könntest du mit so einem Menschen leben?“

Ich warf das Tuch aufs Bett und ging Duschen, doch auch hier ließ mich die Frage nicht los. Ela trug Unterwäsche aus reiner Seide, sogar beim Sex, und hatte wohl gewollt, dass mich das anmachte. Sie hatte mit mir gespielt, und als ich fertig gewesen war, hatte sie es sich selbst besorgt, wahrscheinlich mit diesem Seidentuch, aber sich nicht getraut, es mir zu sagen oder es mir zu zeigen.

Ich stellte das Wasser ab, und erinnerte mich beim Abtrocknen an meine Antwort. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte.“ Das konnte ich mir immer noch nicht, schon gar nicht mit einer Frau, die so oft gehofft und deren Hoffnungen wahrscheinlich so oft enttäuscht worden waren, dass sie nur noch Angst hatte und um sich biss wie ein in die Enge getriebenes Raubtier. Doch ihre Gier war so stark, dass sie es immer wieder versucht hatte. Zuletzt mit mir und ich hatte mich nun auch in die Liste ihrer Enttäuschungen eingetragen.

Das waren die nüchternen Fakten, die ich gestern nicht zusammenbekommen hatte, weil viel zu viele Hormone im Spiel gewesen waren. Sie hätte Besseres verdient gehabt, als ein solches Ende und meinen Rauswurf, doch wenn die Hormone wilde Sau spielen, ist es mit dem Denken vorbei. Wenn sie so klug war, hätte sie das wissen müssen. Doch niemand ist perfekt und ich würde ihr eine zweite Chance gebe, zumindest die hatte sie sich verdient.

Ich klappte den Laptop auf, loggte mich in die Kontaktbörse ein und suchte wieder nach ihrem Profil, doch es war nicht mehr da. Offenbar hatte sie es gelöscht, nachdem sie nach Hause gekommen war. Das sprach für ihren Charakter und ihre Cleverness, denn sie wusste, dass ich ihre Handynummer hatte. Also würde ich ein paar Tage ins Land ziehen lassen und mich bei ihr entschuldigen. Zwar wusste ich nicht wofür, aber es tat mir nicht weh und Frauen wie sie haben gerne das Gefühl, dass sie die Siegerinnen sind.

 

Eine Stunde später spazierte ich die Wismarsche Straße hinab in Richtung Marienplatz. Hier hatte ich um zwölf einen Termin bei Dr. Weinhold, bei dem es um meinen Stundensatz gehen würde und danach war dann das übliche Brimborium fällig mit Teamvorstellung, Projekteinweisung und Sicherheitsprozeduren.

Ich hatte gut gefrühstückt, genoss trotz des schlechten Wetters den Spaziergang durch eine der ältesten und für mich schönsten Straßen Schwerins und war froh, endlich wieder arbeiten zu können. So war es immer, das Leben war kompliziert und nur, wenn ich in irgendeinem Projekt schuftete, fühlte ich mich wirklich ganz.

Der vergangene Abend war nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung. Ich hatte gelernt, mit so etwas zu leben. Menschen waren schwierig, unberechenbar und meistens nachtragend. Darum liebte ich Computer, wenn sie zickig wurden, verpasste ich ihnen ein neues Programm und alles war wieder gut.

Am Eingang zum Rechenzentrum der Bank erwartete mich ein Mann mit der Statur eines Sumoringers in einem dreiteiligen dunklen Anzug und einem vermutlich nichtssagenden Lächeln hinter einem pechschwarzen Vollbart. Er stellte sich mir als der Projektleiter für das neue Obligo-Verfahren vor, an dessen Entwicklung ich mitarbeiten sollte. Sein Name hatte unter der Mail gestanden, mit der ich eingeladen worden war. Vor einem Jahr war ich in Kiel an einem ähnlichen Projekt beteiligt gewesen und wahrscheinlich hatte er von da meine Referenzen bekommen.

Er kümmerte sich darum, dass ich ohne Probleme die zwei Personalschleusen überwinden konnte, die nacheinander den Eingang zum Rechenzentrum, der in jeder Bank ein Hochsicherheitstrakt war, passieren konnte. Außer einem „Moin!“ und seinem Namen hatte er nichts weiter gesagt und das wunderte mich nicht. Freelancer wie ich waren nirgendwo beliebt. Wir drangen in die Struktur bestehender Teams ein und waren überall Fremdkörper. Dazu kassierten wir das Doppelte oder Dreifache eines Angestelltengehalts und das weckte immer Neid. Dass wir dafür bis zum Umfallen schufteten, mehr als zwei Drittel des Geldes Kosten und Risikoabdeckung waren und wir nicht irgendjemanden bei einem Problem um Hilfe bitten konnten, registrierten sie dann eher weniger.

Es sah so aus, als würde ich auch hier in den nächsten Monaten mein Mittagessen alleine einnehmen.

Wir erreichten ein kleines, gemütliches Konferenzzimmer mit Ausblick auf das Treiben auf dem Marienplatz, einem länglichen Tisch mit acht bequemen Bürostühlen darum herum und einer mannshohen, dringend pflegebedürftigen Yuccapalme in einer Ecke. Ein junger Mann mit Glatze und schwarzer Nerd-Brille erhob sich am Kopfende des Tisches von seinem Stuhl, stellte sich vor und reichte mir die Hand.

Der Projektleiter setzte sich an die Längsseite des Tisches neben den Nerd, wies mir den Platz gegenüber, mit der Tür im Rücken zu, und damit war schon einmal klar, wie die Rollenverteilung in den nächsten Minuten sein würde - ich gegen die Bank, denn es ging ums Geld.

Der Ausdruck in ihren Gesichtern war weder freundlich noch abweisend, lud aber auch nicht gerade zu einem Smalltalk ein und in solchen Situationen war es immer gut, selbst die Initiative zu ergreifen. „Ich war mit Dr. Weinhold verabredet. Wir wollten meinen Stundensatz klären,“ eröffnete ich.

Hinter mir antwortete eine Frau: „Das werden wir auch tun. Ich hatte nur noch ein kurzes Gespräch mit der Geschäftsleitung betreffs meiner Entscheidung.“

Die beiden Männer sprangen von ihren Stühlen auf, als hätte ein Admiral die Brücke seines Schiffs betreten, nur bei mir dauerte es einen Moment, bis die Erkenntnis einschlug. Mit zitternden Kniekehlen drückte ich mich aus dem Bürostuhl und drehte mich langsam um.

„Hallo Herr Renner, ich bin Elaine Weinhold“, sagte Ela, streckte mir die Hand entgegen und wie in Trance griff ich danach. Meine Gedanken rasten, ohne etwas anderes hervorzubringen als ein fast gestottertes „Guten Tag.“

„Nehmen Sie bitte Platz. Wir haben wenig Zeit und ich will gleich zur Sache kommen.“

Wenn ihr Gesichtsausdruck bei diesen Worten ein Lächeln sein sollte, so war es das kälteste, das ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ich ließ mich auf den Stuhl zurückfallen und versuchte, mich in den Griff zu bekommen, während sie in einem perfekt sitzenden, taubenblauen Kostüm durch den Raum schritt. Der knielange Rock schwang so um ihre Hüften wie gestern, als mich ihr Gang so verrückt gemacht hatte und selbst nach dieser verkorksten Nacht schrie mir ihr Po darunter noch immer zu „Fass mich an!“

Ich Idiot hatte ihr in der Bar erzählt, in welcher Bank ich einen Kontrakt unterzeichnen würde. Ab da hatte sie es gewusst und wahrscheinlich war sie auf die Toilette gegangen, um nachzudenken. Doch warum hatte sie dann weiter gemacht und den Abend nicht nur einfach in der Bar ausklingen lassen? Wieder schoss die Wut in mir empor. Sie hatte mich schon viel früher manipuliert, als ich bisher gedacht hatte.

Sie ließ sich von dem Projektleiter ihren Stuhl zurechtrücken, setzte sich mit einer anmutigen Bewegung, legte eine Aktenmappe aus schwarzem Nappaleder vor sich auf den Konferenztisch und schlug sie auf.

Die Sekunden, die sie darin blätterte, nutzte ich, um sie mir genau anzusehen. Ihre langen Haare hatte sie zu einem straffen Dutt hochgesteckt und ein dezentes, frühlingshaftes Make-up aufgetragen. Zusammen mit der bis zum letzten goldenen Knopf geschlossenen Kostümjacke und dem geraden Rücken wirkte sie, als gehöre sie nirgendwo anders hin als auf den Chefsessel in diesem Konferenzraum.

Doch was immer sie auch gestern bezweckt hatte, sie hatte sich verkalkuliert. Ich wusste jetzt etwas über sie, von dem in dieser Bank garantiert niemand eine Ahnung hatte und damit war soeben mein Stundensatz von sechzig Euro, den ich hatte fordern wollen, auf fünfundsiebzig gestiegen. Natürlich würde ich gestern Nacht niemals gegen sie verwenden, so´etwas tut ein Gentleman einfach nicht. Doch das konnte sie nicht genau wissen und damit hatte ich sie in der Hand.

Ich lehnte mich zurück an die Polsterung meines Stuhls und entspannte mich. Das Projekt lief einige Monate, und wenn ich vernünftig mit ihr reden konnte, würden vielleicht einige Nächte herausspringen, in denen es wirklich Spaß machte.

Ela hörte auf mit Blättern, hob den Kopf und blickte mich an. „Herr Renner, unsere Bank hat einen sehr exklusiven Kundenkreis und als Entwickler des neuen Obligoverfahrens würden sie vollständigen Zugriff auf deren Datensätze erhalten. Aus Zeit und Kostengründen sind wir nicht in der Lage, alle Daten, die wir für diverse Tests benötigen, zu anonymisieren.“

Den Text kannte ich, so war das schließlich in jeder Bank. Dafür gab es Verschwiegenheitserklärungen und jede Menge Sicherheitsüberprüfungen.

Sie fuhr fort: „Ich habe mich in den letzten Stunden noch einmal etwas intensiver mit ihren Referenzen beschäftigt und auch einige Telefonate geführt. Ich muss sagen, dass ich Sie, im Gegensatz zu meinem Projektleiter, nicht für ausreichend qualifiziert halte, die vor uns liegende Aufgabe unter dem gegebenen Termindruck rechtzeitig fertigzustellen.“

Der Nerd und der Vollbart neben ihr machten kullerrunde Augen und mein Mund wurde wüstenstaubtrocken. Was machte Ela da? Sie konnte mich doch nicht vor ihren Angestellten herunterputzen. So etwas tat man nicht in unserem Geschäft und schon gar nicht direkt von vorn im Beisein von irgendwelchen Angestellten. Es war einfach undenkbar. Ich blickte ihr in die Augen und sah da nichts weiter als mitleidloses Grün. Und es war noch nicht zu Ende.

Ela fuhr fort: „Nach ihrer Schufa zu urteilen, scheint es um ihre persönlichen Finanzen ebenfalls nicht zum Besten zu stehen. Das würde unsere Bank, solange Sie sie nicht für einen Kredit in Anspruch nehmen wollen, zwar nichts angehen, doch es macht Sie angreifbar, Herr Renner. Wir legen hier exorbitanten Wert auf die Sicherheit unserer Kundendaten und mit Ihrer nicht vorhandenen Bonität würden Sie ein Sicherheitsrisiko darstellen. Sie wären erpressbar.“

Sie klappte ihre Ledermappe zu und sagte: „Ich hätte dieses Risiko zu verantworten und dazu bin ich nicht mehr bereit. Nicht, nachdem ich so viel von Ihnen weiß. Selbstverständlich übernimmt die Bank Ihre Unkosten und auch eventuelle Verdienstausfälle, die Sie durch Ihre vergebliche Anreise hierher hatten.“

Die beiden Männer neben ihr starrten mich an, als sei ich ein außerirdisches Monster und ich fand keine Erwiderung. Es würde sich herumsprechen, dass ich hier quasi gefeuert worden war und damit hatte sie mit wenigen Worten soeben meine ganze Existenz zerstört. Ich war erledigt!

Ela erhob sich und sagte zu den beiden: „Sie können schon zum Essen gehen. Ich komme gleich nach.“

Als seien sie Soldaten, die einen Befehl bekommen hatten, trabten sie ab, Ela ging um den Tisch herum, schloss die Tür hinter ihnen und blieb auf Armlänge vor mir stehen. Nah genug, dass ich ihr Parfüm riechen konnte. Frühlingswiese, fiel mir blödsinnigerweise wieder ein. So muss eine Wiese im Frühling duften.

Sie setzte sich auf den Tisch, ließ ein Bein baumeln, als säße sie auf einem Stein irgendwo an einem sonnenbeschienen Strand und sagte ruhig: „Ja, ich bin nur fähig, einen Orgasmus zu bekommen, wenn ich mich mit Seide stimuliere. Oder, wenn es ein anderer tut, bei dem ich mich fallen lassen kann.“

Ich schluckte, wollte etwas sagen und konnte es doch nicht.

Sie fuhr fort: „Als du mir gesagt hast, in welcher Bank du arbeiten wirst, musste ich eine Entscheidung treffen. Du bist ein attraktiver Mann und ich bin eine Frau, die zu lange keinen Sex mehr hatte. Ich hatte tatsächlich gehofft, dass unter deiner zynischen Schale ein weicher, fühlender Kern steckt. Jetzt ist mir klar, dass er nicht weich, sondern verfault ist. Dein Frauenbild stammt aus dem Mittelalter und deine Vorstellung davon, was ein Mann zu sein, zu tun und zu lassen hat, würde ich in der Steinzeit ansiedeln. Du bist so unsicher, dass du dich ständig beweisen musst und schuftest wie ein Tier, um dir zu zeigen, dass du ach so erfolgreich bist. Doch in Wahrheit rennst du nur vor dir selbst weg.“

Sie ließ mit nach unten gezogenen Mundwinkeln ihren Blick von den Füßen bis zum Kopf langsam über mich streichen und sagte, deutlich jedes Wort betonend: „Davor würde ich auch davon laufen wollen.“

„Späte Erkenntnis. Warum hast du es dann nicht gleich getan?“

„Weil ich eine Frau bin und geglaubt hatte, dass du ein Mann wärst.“

Sie stand auf. „Ich denke, du findest den Weg nach draußen alleine. Ich würde ja sagen, komm wieder, wenn du ein Mann geworden bist, aber dann bin ich alt und grau. Wenn überhaupt. Damit dir die Zeit bis dahin nicht lang wird, habe ich noch ein Abschiedsgeschenk für dich.“

Mit spitzen Fingern, als ekele sie sich, ließ sie einen Umschlag auf den Tisch vor mir fallen, stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf das Konferenzzimmer.

Ich erhob mich nicht einmal, als sie den Raum verließ und griff nach dem Umschlag. Der Scheck würde darin sein. So, wie sie mich eben behandelt hatte, war klar, dass es sie ankotzte, mir auch noch Geld zahlen zu müssen. Ich riss ihn auf.

Es war ein am Computer ausgedruckter Gutschein von einem Erotikkaufhaus im Internet. Für eine aufblasbare Gummipuppe.


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    hervorragend :) an-/erregend und ernüchternd, im brutalen Wechsel. Wirklich gut gelungener Text!

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