Ausgelöscht


Kapitel 18

Ausgelöscht

 

„Soll ich dir einen Kaffee machen?“, fragte ich grinsend an Marc gewandt, der die Gänge des Studios unsicher machte, indem er sie auf und ab rannte, da er immer wieder etwas in der Umkleidekabine oder bei den Stylisten vergaß. Gerade war er auf der Suche nach seinem Handy.

Ich hatte es mir für heute zur Aufgabe gemacht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, weil ich sonst das Gefühl gehabt hätte, durchdrehen zu müssen. Aber obwohl nur Damien und ich wirklich einen handfesten Grund dazu hatten, waren heute alle irgendwie ängstlich, aggressiv und völlig neben der Spur.

So auch Marc, der mich nun anfuhr: „Sehe ich so aus, als bräuchte ich noch mehr Adrenalin?“

Das ging jetzt schon den ganzen Tag so. Als ob es nicht schon schlimm genug gewesen wäre, dass sich unsere Gesangstrainerin heute in einer Tour über mich beschwert und mir unverblümt gesagt hatte, was sie von meiner Songauswahl hielt. „Fay, das Lied ist ein paar Nummern zu groß für dich. Ich hätte von dir mehr Gewissenhaftigkeit erwartet. Was willst du dir damit beweisen?“

Ich wusste es doch selbst nicht. Ja, es gab genügend andere wunderschöne Liebeslieder, aber jetzt war es ohnehin zu spät, oder? Und mich für eine Entscheidung zu rüffeln, die nicht mehr zu ändern war, sorgte nicht gerade dafür, mein ohnehin überhitztes Gemüt zu beruhigen.

Noch dazu schien sich niemand mehr um den Anderen zu kümmern, denn die Nerven lagen blank. Wo war Alinas gute Laune geblieben? Oder Nicis Feingefühl? Nicolás Witze, Damiens Lachen… Bekamen wir jetzt alle Starallüren? Warum überhaupt?

Es machte mich so wütend. Meiner Ansicht nach hatte keiner außer Damien und mir das Recht dazu, solche Ängste zu durchleiden. Die Anderen hatte man nicht die Woche über in sämtlichen Zeitungen durch den Kakao gezogen und als unglaubhaft abgestempelt. Was wollten sie denn noch? Ihnen standen alle Türen offen. Alles, was sie tun mussten war, einen guten Auftritt hinzulegen. Alles lag in ihren Händen, während ich mich seltsam taub und machtlos fühlte.

Ich spürte, wie die Wut wieder die Oberhand gewann und mich lähmte. Ich hatte keine Kraft mehr, sie zurückzudrängen. Mir war absolut nicht dazu zu mute, ein Liebeslied zum Besten zu geben. Ich fühlte mich seltsam zittrig und machte mich zu dem einzigen Ort auf den Weg, der mir jetzt noch Kraft geben konnte – der Bühne.

Es war sechs Stunden vor der zweiten Liveshow. Bald würden die letzten Proben beginnen, doch zurzeit summte es nur backstage wie in einem Bienenstock. Die Halle war dunkel und wirkte leer sehr trostlos. Ich bereute schon, hergekommen zu sein, bis mein Blick auf das Mikro fiel, welches einsam auf der Bühne stand, als warte es auf mich. Wie hypnotisiert ging ich zu ihm, in meinem Kopf hörte ich die Bühne leise aber deutlich nach mir rufen.

Ich wurde erst wieder komplett, als meine Hände es fest umschlossen. Es war ein neues, freieres Gefühl, ohne Publikum, ohne Jury und ohne den Druck, gefallen zu wollen, singen zu können – und das auf einer solchen Bühne. Nur die verlassenen Instrumente im Hintergrund waren meine stillen Zuschauer. Obwohl das Studio völlig leer schien, prickelte die Luft um mich herum.

Für einen Moment vergaß ich die brennende Wut auf Nicolás und die Presse. Die Enttäuschung und seltsame Angst, die ich Damien gegenüber empfand. Und die Unsicherheit in Bezug auf Sascha. Ich war einfach nur ich. Ich existierte nur und sang, ohne groß darüber nachzudenken, eine Rocknummer von Avril Lavigne. Zuerst explodierte – wie immer, wenn ich sang – der altbekannte Schmerz in meiner Brust, ehe es mir eine Linderung verschaffte, wie es nichts anderes vermochte. Wut und Hilflosigkeit mischten sich in meine Stimme. Warum konnte ich vor ganz Deutschland auf die Bühne gehen und singen, aber nicht mit dem Mann sprechen, der mir gefiel? Wie verkorkst war ich eigentlich?

Einsames Applaudieren riss mich aus diesen trüben Gedanken und meinem Gesang. Das Geräusch war traurig und tröstend zugleich und ich suchte die Ränge nach dem Verursacher ab. Ich war nicht einmal überrascht, dass es sich dabei um Sascha handelte.

„Das war ja klasse. Ich kann nur wiederholen, dass ich denke, dass Rocknummern super zu dir passen würden. Auch wenn du sicher langsam das Gefühl hast, das ich dich bekehren will oder so.“ Sein warmes Lachen drang über die Stuhlreihen zu mir auf die Bühne hoch. Ich konnte nicht anders, als ihn anzustrahlen. „Sascha!“

„Na, das ist ja mal eine nette Begrüßung.“ Damit stand er auf und kam in meine Richtung. Ich hatte das Gefühl, dass – mit jedem Schritt, den er tat – etwas mehr zwischen uns passierte. Und gleichzeitig ängstigte ich mich davor, dass nur ich so fühlen könnte.

„Hast du auch vor den anderen die Flucht ergriffen?“, fragte er lächelnd, als er neben mir stand. Wieder fiel mir auf, wie groß er war. Ich musste meinen Kopf in den Nacken werfen, um ihn ansehen zu können. Immer, wenn ich das tat, fühlte ich mich danach so geblendet von seinem Lächeln, als hätte ich direkt in die Sonne gesehen.

„Die Stimmung ist etwas gereizt.“, erwiderte ich vorsichtig und war froh, dass er das Ganze genauso bemerkt hatte wie ich. Dann war für wenige Sekunden alles ganz einfach. „Ich dachte schon, das läge an mir oder so. Ich dachte, ich wäre ihnen irgendwie lästig…“

„Das bist du nicht. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber mir bist du niemals lästig, Fay.“

Es war das erste Mal, dass er meinen Namen aussprach und wie er das tat, bekam er plötzlich eine ganz neue Bedeutung für mich. Nie zuvor war mir klar gewesen, wie schön sich mein Name anhören konnte. Ich lächelte vorsichtig zu ihm auf.

„Etwas enttäuscht bin ich aber schon. Wir haben es diese Woche gar nicht geschafft, einen Kaffee zusammen zu trinken.“

„Tja, dann kannst du dir leider auch nicht sicher sein, dass ich dich heute Abend unseren kleinen Wettstreit gewinnen lasse.“, sagte ich und er setzte eine bestürzte Miene auf. „He! Wettschulden sind Ehrenschulden!“

„Dann hättest du deine auch einhalten müssen!“

„Wo steht geschrieben, dass ich meine zuerst einhalten muss?“, fragte er gespielt entrüstet.

„Wenn du dir sicher sein willst, dass ich dich heute Abend gewinnen lasse… Aber jetzt ist es ohnehin zu spät.“, erwiderte ich lachend, wurde aber schnell wieder ernst, als ich an den Auftritt dachte. „Du wirst es gar nicht so schwer haben, ich habe mir das schwierigste Lied überhaupt ausgesucht. Ich weiß manchmal nicht, was mit mir los ist.“

Total Eclipse Of The Heart. Ich hab schon gehört.“

„Das war dumm von mir.“

„Es war mutig.“, widersprach er. „Ich freue mich darauf.“

Als er sich zum Gehen wandte, rief er mir noch über die Schulter zu: „Und lass dir nichts einreden, Fay. Gib einfach dein Bestes, das wird schon genügen.“

Ich sah ihm mit einem Lächeln auf den Lippen nach. Mein Herz pochte schmerzhaft in meiner Brust.

 

„Oh Gott!“, sagte Marc, der mit Victoria rechts von mir saß. Seine Stimme klang hoch und kratzig. „Warum komme ich eigentlich immer als erster dran?“

„Weil du jedes Mal der gelungene Auftakt bist?“, fragte ich ironisch, mit den Gedanken noch bei der Szene, in der er mich vorhin so angefahren hatte.

Er sah mich entschuldigend an. Als er aufstand, wünschte ich ihm wie alle anderen Glück. Wir hatten keine Zeit dazu, böse auf einander zu sein. Es gab so viel für uns zu wagen, so viel zu überstehen. Wir konnten nichts anderes tun, als zusammenzuhalten. Instinktiv wussten wir, dass dies der einzige Weg für uns war, um diese ganze verrückte Sache halbwegs heil überstehen zu können.

Nun war es wieder soweit - wir warteten backstage auf den Beginn der Show. Links neben mir saß Damien – eine stumme Statue seiner selbst. Der Platz hätte ebenso gut frei sein können. Ich spürte ihn nicht mehr bei uns. Dieses Gefühl löste eine abgrundtiefe Angst in mir aus, sodass ich ihn so gut es ging ignorierte – wie er mich auch. Was die Zuschauer in diesen Minuten wohl in uns sahen? Zwei leicht von einander abgewandte Körper, die nichts als Disharmonien ausdrückten, während überall auf den Titelblättern unsere Gesichter neben einander um die Wette strahlten. Dachten sie, wir machten es mit Absicht, um die Gerüchte um uns zu zerschlagen? Leider waren wir nicht so gut durchdacht. Wir waren nur irgendwie auseinander gebrochen. Alles zwischen uns fühlte sich kaputt, schwer und unrettbar an. Ich zwang meine Gedanken zur Bühne zurück, um nicht in Tränen auszubrechen.

Marc zu beobachten, wie er seine Rolle als Super-Favorit mit Bravour und Konsequenz verteidigte, war auch nicht gerade tröstend. Nichts war fehlerhaft, jeder Ton saß. Er füllte die ganze Bühne aus. Selbst für mich hatte es den Eindruck eines fertigen Produkts, das sich super würde verkaufen lassen. Manchmal hatte ich bei diesen Beobachtungen Angst, dass sich all das Kämpfen überhaupt nicht lohnte und er sowieso schon alles in der Tasche hatte. Aber dafür war ich ja auch nicht hergekommen. Das sagte ich mir jedes Mal. Der Weg ist das Ziel, doch im Moment fühlte sich der Weg schrecklich holprig und endlos an.

Ich musste mich darauf konzentrieren, warum ich hier war. Aber warum war ich hier, wenn nicht, um zu gewinnen? Hatte ich nicht nach der ganz großen Liebe gesucht? War Sascha diese ganz große Liebe? Und wenn dem so war, müsste ich dann noch fragen?

Durch meine Gedanken drang mein eigener Name aus Tatjanas Mund und ich kämpfte mich aus meiner lethargischen Stimmung zurück in die Realität wie durch eine zähe Masse. Damien stieß mich auffordernd mit dem Arm an. Automatisch stand ich auf und ging zur Bühne, während im Hintergrund riesengroß mein eigenes Gesicht Worte sprach, die mir zu diesem Zeitpunkt schon fadenscheinig und falsch erschienen.

Ich saß in einem großen Ohrensessel und hatte die Beine in engen Lederhosen, die nicht mir gehörten, übereinander geschlagen. Mir wurde hier auf der Bühne erst bewusst, wie überzogen und protzig das alles wirkte. Die Person auf dem Bildschirm war ich nicht, aber sie nahm mehr und mehr von mir in Besitz, ohne dass ich es hätte verhindern können.

„Ich kann gar nicht genug von der Bühne bekommen. Es ist so schön, aufzuwachen und zu wissen: Hey, du hast ja heute noch einige Interviews und Fototermine. Ich fühle mich gut damit, dass Leute zu mir aufschauen und dass ich für manche sogar ein Vorbild bin.“

Der Vortrag kam mir wie die peinliche, beeinflussende Rede eines Politikers vor. Ich wünschte, ich hätte einfach meinen Gefühlen freien Lauf gelassen, anstatt so eine Show abzuziehen.

„Gerade deswegen finde ich es auch so schade (schade?? Hab ich wirklich gesagt schade?? Es war gottverdammt noch mal beschissen!!), dass man mich gesanglich so in den Hintergrund stellt. Es wird immer nur von der Sache zwischen Damien und mir berichtet. Eine Sache, die nicht existiert. Ich bin keine Kandidatin mehr, sondern nur noch seine Freundin (warum wurde mir erst jetzt bewusst, wie verletzend sich das für ihn anhören musste?) Und es macht mich wütend und hilflos, wenn die Leute sagen: Ja, gib es doch endlich zu. Was soll ich zugeben, wenn nichts zuzugeben ist?“ Selbst ich hörte, dass ich – dafür, dass nichts zuzugeben war –erstaunlich viel dazu zu sagen hatte.

„Ich will nicht rausfliegen wegen dieser Geschichte, sondern weiterkommen wegen dem, was ich kann! Ich will heute mein Liebeslied singen, ohne dass es morgen gleich wieder heißt, ich hätte es für Damien gesungen! Ich will so rüberkommen wie ich bin und dass man mich auf der Bühne irgendwie wiedererkennt!“

Ich atmete zittrig ein. Was hatte ich mir dabei gedacht, so eine Rede zu schwingen? Ich konnte mich kaum daran erinnern, die Worte ausgesprochen zu haben. Es war totenstill im Saal. Für Sekunden war nur mein flacher Atem zu hören, ehe die ersten Melodien begannen. Ich wollte glauben, dass ich nicht hilflos war und alles noch in meiner Hand lag, doch ich sang die Worte gefühllos herunter und dachte dabei nicht einmal an Sascha, sondern nur an das falsche Licht, in dem ich mich badete.

 „Es bricht mir das Herz!“, begann Holger als ich geendet hatte. „Fay, das war dein Motto! Du bist neben Victoria die inoffizielle Balladenqueen. Aber ich habe heut zum ersten Mal nichts gespürt. Ich glaube, du warst mit deinem Kopf ganz woanders - auf jeden Fall nicht bei dem Song. Ich habe mich so auf deinen Auftritt gefreut. Du hast es auch ganz gut gemacht, aber alles an dir wirkte irgendwie so leblos.“

Ich biss mir auf die Lippen. Diese Worte – gerade aus Holgers Mund - taten so weh! Und noch mehr weh tat es, zu wissen, wie Recht er damit hatte. Leblos. Das war genau das Wort, mit dem ich meine momentane Stimmung beschrieben hätte. Mein eigenes Interview hatte mich mehr fertig gemacht, als es jegliche Lügen über Damien und mich es vermocht hätten.

„Leider muss ich Holger Recht geben. Du warst gar nicht richtig da.“, sagte Stefanie. „Letzte Woche war Bombe und ich war richtig aufgeregt, dich bei diesem Thema so richtig aufblühen zu sehen, aber du wirkst seltsam traurig. Das passt zwar zu dem Song, aber man hat gemerkt, dass es nicht an dem Song lag, sondern dass du dich irgendwie überfordert zu fühlen scheinst.“

Daniela redete erst gar nicht von meinem Gesang. „Ihr müsst das ausblenden, dieses ganze Drumherum. Heute Abend hast du der Presse einen schönen Erfolg geliefert und einen Grund, noch mehr auf euch herumzuhacken, weil du so schön darauf eingehst. Fay, lass sie einfach reden. Das musst du unbedingt lernen. Wenn du versuchst, dagegen anzukommen, ist es wie gegen den Strom zu schwimmen. Konzentriere dich auf dich und belasse es dabei, ja?“

Ich nickte und verkniff mir mühevoll die Tränen, die einfach überliefen, als Tatjana einen Arm um mich legte und mir sanft über den Rücken strich. „Ich fand dich ganz bezaubernd. Du wirst es ihnen noch allen zeigen. ODER?“ Mit dem letzten Wort wandte sie sich lautstark ans Publikum, das in tröstende Zustimmung ausbrach, sodass ich wieder etwas lächeln konnte.

 

Damien:

 

In der Pause war sie immer noch schrecklich blass und ich konnte mich des betäubenden Gefühls nicht erwehren, dass es mitunter daran lag, wie ich sie die ganze Woche über behandelt hatte. Ich wusste, dass ich nicht nett gewesen war, aber ich musste mich selbst schützen, bevor ich an ihr zugrunde ging. Aber sie jetzt so fahrig und neben der Spur zu erleben, brach mir fast das Herz.

Ich klopfte nur leise an die offenstehende Tür der Frauenumkleidekabine und sie fuhr schon heftig zusammen. Als sie sich zu mir umdrehte, sah ich, dass ihre Pupillen so groß waren wie die eines Rehs, das jeden Moment von einem Auto erfasst würde. „Alles in Ordnung?“

„Natürlich!“ Ihre Stimme war unnatürlich hoch. „Hast du meinen Schokopudding gesehen?“

Die Frage barg etwas der echten Fay, sodass ich lächeln musste. „Du hast heute bereits sechs von den Dingern gegessen. Wo lässt du die Kalorien?“

„Es beruhigt mich einfach.“ Sie lächelte ebenfalls, wenn auch schwach und hielt endlich mit ihrer sinnlosen Suche inne. „Du warst großartig heute.“

Sollte ich ihr sagen, dass man mit ehrlichen Gefühlen auf der Bühne nur großartig sein konnte? Ich hatte dem Publikum quasi meine Liebe zu ihr präsentiert. Wahrscheinlich war das ganz Deutschland klar, nur ihr nicht. „Du warst auch gut, Fay.“

„Aber gut reicht nicht!“, erwiderte sie und versuchte, die Starke zu spielen.

„Du warst nicht halb so schlecht wie Sandro.“, unternahm ich einen weiteren verzweifelten Versuch, sie aufzuheitern. „Er wird gehen, Fay.“

„Das wird er nicht.“, erwiderte sie mit einer Klarheit, die mir Angst bereitete. „Er hat seine kleinen Teenie-Fans. Ich hab nur eine Horde Reporter, die mir im Nacken sitzt.“

„Da bist du nicht die Einzige.“, entfuhr es mir. Als ich ihren erschrockenen Gesichtsausdruck sah, tat es mir sofort wieder leid.

„Entschuldige!“ Das Wort stolperte gleichzeitig aus unseren Mündern. Dann fasste sie sich ein Herz und sprach das aus, was schon die ganze Woche über wie eine schwarze Wolke zwischen uns gehangen hatte. „Damien, bitte sag nicht wieder, es sei alles in Ordnung. Was ist los mit dir; mit uns? Alles ist so anders, so schwer. Es saugt mir die Kraft aus. Ist es wegen der Lügen, die sie über uns verbreiten? Oder habe ich ganz einfach Mist gebaut und weiß es nicht mehr?“

„Wieso musst du immer denken, dass du an allem Schuld bist?“, erwiderte ich wütend und überlegte fieberhaft, wie ich den Rest ihrer Frage beantworten konnte, ohne sie allzu sehr zu belügen. Ich fand keine Antwort. So sah sie mich weiter nur mit großen Augen an, bis die Show weiterging.

Es war nichts zwischen uns geklärt. Ich wusste, das war meine Schuld. Ich hatte absolut keine Ahnung, wie wir weiterhin miteinander in einem Haus wohnen sollten, ohne dass die Situation früher oder späte eskalierte. Sie machte sich immer mehr fertig, weil sie nicht wusste, was los war. Und ich konnte es einfach nicht mehr mit ansehen, wie sie Sascha anhimmelte, der diese Gefühle langsam aber sicher zu erwidern schien.

Also standen wir wieder so angespannt nebeneinander auf der Bühne und achteten peinlichst darauf, uns nicht zu berühren. Ich spürte, dass sie mir immer wieder verstohlene Seitenblicke zuwarf und sich jedes Mal enttäuscht und verwirrt wieder abwandte, wenn ich weiter stur geradeaus sah. Doch wenn ich jetzt eingeknickt wäre, hätte ich es nie geschafft, sie zu vergessen. Ich dachte wirklich, auf einem guten Weg zu sein. Ich Idiot.

Als der laute Gong ertönte, zuckten wir beide heftig zusammen und beobachteten schmallippig, wie Marcel mit den Umschlägen die Bühne betrat, damit er uns sagen konnte, wessen Traum zerbrach. Wessen Freundschaft. Victoria und Nicolás waren sofort weiter. Auch Sascha, Marc, Alina und Nici durften jubeln. Als auch noch Sandro weiter war, wurde mir mit Schrecken bewusst, welcher Entscheidung wir uns nun ausgesetzt sahen.

„Fay, die Jury fürchtet einstimmig um dich, obwohl sie auch einstimmig möchte, dass du weiter bist.“ Die Zeit stand still. Ich merkte, wie sie den Atem anhielt. Sie gab ein leises Geräusch von sich, das mich an eine verwundete Katze erinnerte. Ich glaube nicht, dass es jemand außer mir gehört hatte, denn eine Sekunde später war sie wieder stark und beherrscht, wirkte unbesiegbar neben mir. Dennoch fasste ich sie an der Hand und versuchte mir einzureden, dass ich es tat, um sie zu stützen. In Wirklichkeit war es all die Zeit sie, die mich stützte.

Die Luft im Studio wurde immer dünner. Hatte Fay wirklich zu schlecht gesungen? Oder waren es eher die Gerüchte, die wie ein dunkler Schatten über ihr hingen? Flog sie meinetwegen raus?

Ich erwachte erst aus diesem grauenhaften Gedanken, als ich meinen Namen hörte. Danach nahm ich nichts anderes mehr wahr als Fay, die sich mit panischem, tränenerfülltem Blick mir zuwandte. In ihren Augen stand eine grauenvolle Erkenntnis: Egal, was nun passierte – wir würden nie wieder zusammen die Villa betreten. Ihre Haltung drückte pure Verzweiflung aus. Am liebsten hätte ich sie an den Armen gepackt, geschüttelt und geschrien, ob sie wusste, dass das hier nur eine Fernsehshow war. Und ich hätte sie gern gefragt, warum sie weinte? Aus Angst, dass sie gehen würde? Aus Angst, dass ich gehen würde? Aus Angst, Sascha zu verlieren? Aus Angst, uns zu verlieren? War sie sich überhaupt klar, oder war es eine Mischung aus all diesen Dingen?

Sie zitterte wie Espenlaub. Ich war unerklärlich wütend auf ihre Schwäche, während ich einen Arm um sie legte, um sie zu beschützen. Ich sehnte mich danach, selbst endlich einmal schwach sein zu dürfen. Sehnte mich danach, auch einmal meinen Gefühlen nachzugeben. Ob sie schockiert darüber wäre, was ich dann alles tun und sagen würde?

 „Weiter träumen darf…“ Marcels Worte schwebten im Raum, die Zeit stand still. Das ganze Studio schien die Luft anzuhalten. Die Augen unserer Mitstreiter waren wie gebannt auf uns gerichtet.

Bittere Trauer stieg in mir auf, doch auch eine schwindelige Erleichterung, als Tatjana endlich verkündete, dass Fay weiter war - und sie mir hemmungslos schluchzend in die Arme fiel. Jetzt durfte ich schwach sein. Ich konnte sie an mich drücken und mein Gesicht ein letztes Mal in ihrem Haar vergraben und den restlichen Schmerz verdrängen, den das Wissen mit sich brachte, dass ich sie wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Am Anfang würde sie mir noch schreiben, doch dann würde sich unsere eh schon zerbrochene Freundschaft zwischen Fototerminen und Sascha verlieren. Ich konnte nicht einmal darum trauern. Ich musste jetzt allein sein, musste gesunden von dieser sinnlosen Einbahnstraßen-Liebe, die ich mir selbst zuzuschreiben hatte.

 „Ich freu mich für dich.“, sagte ich ehrlich und hielt sie in einigem Abstand von mir weg, um mir ihren Anblick für immer einzuprägen. Aus ihren Augen stürzte eine wahre Tränenflut. Irritiert nahm ich wahr, dass sie sich kein bisschen für sich selbst freute.

„Hey!“, flüsterte ich und schüttelte sie sanft. „Du bist weiter, Prinzessin.“

Doch sie lächelte erst, als Sascha ihr einen Arm um die Schulter legte und ihr fast dasselbe sagte. Dann wurde sie von Nicolás und Nici von mir weggerissen, während sich andere tröstende Arme um mich legten. Ich fühlte mich wie betäubt, als meine Familie mich zurück in einem Leben willkommen hieß, zu dem ich nicht den geringsten Bezug mehr hatte.

Ich wusste, die Kandidaten würden wieder eine Party geben, wie bei Lena letzte Woche. Die musste ich ihnen allen zuliebe noch überstehen. Und dann konnte ich gehen und versuchen, diesen Schmerz zu überleben, den es mir brachte.

Comments

  • Author Portrait

    Du meine Güte! Es ist nicht auszuhalten, zuschauen bzw zu-lesen zu müssen, wieviel Leid es allen Beteiligten bringt, nicht zu kommunizieren...! Gut beschreibst du auch , wie fehl am Platz und falsch in der engen, gemieteten Lederhose Fay sich fühlt... Jo, ich lerne mit diesem Roman unendlich viel und ich danke dir dafür!

beta
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